Der Moloch Krieg zeigte immer deutlicher sein wahres Gesicht.
Freuten wir uns anfangs über die Erfolge der deutschen Wehrmacht,
steckten Fähnchen oder bunte Nadeln auf Landkarten, verehrten
die Helden wie den U-Boot--Kommandanten Kapitän Günter
Prien oder die Fluggeschwader Kommandanten Mölders und Gallant,
die sich durch spektakuläre Einsätze hohe Auszeichnungen
verdienten. Wie waren wir stolz, wenn wir in den Wochenschauen
diese gut aussehenden deutschen Offiziere in ihren schicken Uniformen
bewundern konnten, die so viel für unser Vaterland taten.
Selbstverständlich hatte auch in der Heimat jeder sein Bestes
zu geben, um sich unserer Soldaten würdig zu erweisen.
Es war die hohe Zeit der Pilotinnen Elly Beinhom und Hanna Reitsch;
letztere war Testpilotin. - Ich las alles was mir darüber
in die Finger kam und konnte nicht genug Bilder von Flugzeugkanzeln
betrachten. Ich kannte die gängigen "Messerschmits",
"Heinkels" oder "Jus". Mein Hang zum Außergewöhnlichen
ließ den Wunsch in mir reifen, auch Testpilotin zu werden!
- Leider teilten meine Eltern meine Begeisterung überhaupt
nicht. Gelinde gesagt waren sie entsetzt. Sie machten mir mit
Nachdruck klar, dass sie eine Ausbildung für mich finanziert
hatten und damit wären ihre Möglichkeiten erschöpft.
Ich hätte ja noch kleinere Geschwister und außerdem
wäre das eine Verrücktheit!!! So blieb ich eine brave
Buchhalterin und der Firma Pertrix erhalten. - Es war also nichts
mit meinem vaterländischen Einsatz. Aber meine Bewunderung
für Hanna Reitsch blieb.
So langsam merkte es jeder, dass sich der Krieg nicht in weiter
Ferne abspielte, sondern allgegenwärtig war. Die Versorgung
mit Dingen des täglichen Bedarfs wurde schlechter. Die Zeitungen,
das Schreibpapier etc. war von dünner und miserabler Qualität.
Stoffe und Garne ebenso und ganz besonders schlimm stand es um
Schuhe. Im letzten Kriegsjahr gab es welche mit ganz dicken Holzsohlen,
die zwar fußgerecht geformt waren, mit denen man sich aber
leicht die Knöchel aufschrammte. Fröhliche Feste und
Lustbarkeiten waren nicht mehr angebracht, Tanzveranstaltungen
wurden verboten. Anfangs durften noch die Tanzschulen unterrichten,
aber das war dann auch bald vorbei. - Vati hat mal versucht, mir
einen Wiener Walzer beizubringen. Aber das war auch von mäßigem
Erfolg gekrönt. Tanzen war ja auch gar nicht so wichtig.
Das konnte man nach der siegreichen Beendigung des Krieges immer
noch tun. Für Leute meines Alters standen Pflichten im Vordergrund.
Unbeschwerte Fröhlichkeit stellte sich immer seltener ein.
Im November 1941 fielen die ersten Bomben auf Berlin. In anderen
Städten hatte es schon so etwas gegeben, aber das war ja
weit weg. Jetzt also auch hier! Es waren nur wenige Häuser
zerstört und wir fuhren hin um das staunend anzusehen, was
die bösen Engländer mit der friedlichen deutschen Zivilbevölkerung
machten. Dass schon Bomben über England abgeworfen wurden,
fanden wir in Ordnung. Denn es wurden ja nur "militärische
Ziele" getroffen.
In Deutschland wurde jetzt ein großer Plan realisiert: Kinder
und Mütter (soweit letztere nicht im Kriegseinsatz waren)
aus den großen Städten zu evakuieren, um sie in Sicherheit
zu bringen. Anfang 1943 hörte in Berlin der Schulunterricht
auf und die Lehrer wurden mit den Schülern in "bombenfreie
Gebiete" verlagert. - Da Mutti nicht berufs-tätig war,
konnte sie den Transport begleiten und bei meinen Geschwistern
Isolde und Ekkehard bleiben. Die Schule Driesener Str. kam nach
Ostpreußen in die Gegend von Labiau/Tapiau.
Die Unterbringung war denkbar primitiv in Häuslerwohnungen
o.ä., denn man wartete hier nicht auf die Großstädter
und außerdem lebte man hier auch noch ganz anders. Mutti
bekam so eine winzige Wohnung ohne Strom und fließendem
Wasser, mit Plumpsklo außerhalb des Hauses. Das Trinkwasser
holte man mittels Eimerchen aus einem kleinen Erdloch, das mit
einem Gitterrost abgedeckt war. Als ich anlässlich eines
Besuches damit konfrontiert wurde, drehte sich mir der Magen um.
Denn in dem von mir geförderten Wasser waren Blätter,
Spinnen und Käfer!! Aber das hat die anderen schon nicht
mehr sonderlich erschüttert. Das Motto war: Hauptsache ohne
Fliegeralarm leben und vor allem: Überleben! Da unsere Eltern
schon immer guten Kontakt zu unseren jeweiligen Lehrkräften
hatten, führte Mutti dies in Ostpreußen weiter und
kochte für zwei Lehrerinnen mit. Das erfreute die beiden
Damen sehr. Außerdem war es rentabler und Mutti hatte ein
bisschen mehr Anschluss.
Zurück in Berlin blieben Vati und ich, denn wir hatten ja
in unseren Berufen unsere Pflicht zu tun. Die Familie war getrennt.
Aus Ostpreußen kamen Wunschzettel. Wir nahmen jeden Brief
von Mutti mit gemischten Gefühlen entgegen, weil das Verpacken
der gewünschten Sachen immer schwieriger wurde. Die bessere
Wäsche hatte Mutti gleich mitgenommen. Wir behielten die
"fadenscheinige", denn wir mussten ja immer mit Ausbombung
rechnen. Ebenso verhielt es sich mit dem Hausrat. Trotzdem brachte
jeder Brief neue Wünsche. Ich weiß noch, dass wir einmal
lange überlegten, wie wir Schrubber und Besen auf den Weg
bringen sollten. Ich glaube, dass der Transport so lange zurückgestellt
wurde, bis einer von uns hinfuhr und das sperrige Gut mitnahm.
Die Fliegeralarme in Berlin nahmen zu und raubten uns den so nötigen
Nachtschlaf. Der Luftschutzkeller war noch weiter ausgebaut worden
mit einer "Luftschleuse" zur Sicherung bei evtl. Einsatz
von Giftgas. Zum Nachbarhaus wurde ein Durchlass eingerichtet
und lose durch Steine wieder verschlossen. Damit konnte bei Verschüttungen
zum Nachbarhaus ausgewichen werden. - Früher gehörten
zu jeder Wohnung ein Keller- und ein Bodenraum. Die Keller wurden
verkleinert damit der Luftschutzraum entstehen konnte. Die Böden
wurden ganz geräumt und die Holzverschläge völlig
abgebaut, um evtl. Feuer keine Nahrung zugeben. Das war eine gute
Aktion, wie sich später herausstellen sollte.
Alle diese Arbeiten wurden von den Männern der Hausgemeinschaft
erledigt und förderten die Gemeinschaft. Auf dem Boden blieb
die Waschküche (die über unserer Wohnung lag) und es
gab einen Trockenboden, der aber nicht mehr abschließbar
war. Gestohlen wurde aber auch nicht! - Überall auf dem Boden
wurden Eimer mit Sand und Schaufel aufgestellt, um sich gegen
Brände wehren zu können. Außerdem gab es Eimer
mit Wasser, kleine Handpumpen und Feuerpatsche', das waren
längere Stiele mit angenagelten Feudeln, um Flammen ausschlagen
zu können. - Auch dies bewährte sich in unserem Haus.
Frau Schumm war unsere Luftschutzwartin die dafür zu sorgen
hatte, dass alle Gerätschaften vorhanden und intakt waren,
und dass bei Alarm alle in den Keller kamen. Sie organisierte
evtl. Einsätze, kurz, sie war für alles zuständig,
was mit dem Luftschutz zu tun hatte.
In jedem Haushalt stand nahe der Tür das Notgepäck".
Das war ein Köfferchen oder eine Tasche mit Papieren, Geld
und ein paar Wertsachen, das mit in den Keller genommen wurde.
Später schleppte man auch einiges immer mit sich herum. Da
unser Haus ein Eckhaus mit drei Aufgängen war, gehörten
so etwa 30--32 Haushaltungen mit jeweils 2-5 Personen dazu. Wir
waren anfangs also ein ziemlich großer Personenkreis, der
sich allmählich durch Einberufungen, Evakuierungen oder Betriebsverlagerungen
reduzierte. Im Aufgang um die Ecke wohnte Herr Rohdenburg mit
seiner Frau. Er war pensionierter Feuerwehrmann und hatte sich
schon beim Bau der Luftschutzmaßnahmen besonders eingesetzt.
Ihm verdanken wir es, dass wir ein Dach über dem Kopf behielten.
Während wir alle bei Alarm in den Keller gingen (gehen mussten,
das war Pflicht), stieg er sogar aufs Dach, um den Luftraum zu
beobachten, Und erst, wenn es zu mulmig wurde, stieg er etwas
weiter abwärts. Wir anderen verharrten im Keller, hörten
das Bellen der Flak (Flugabwehrgeschütze), das anschwellende
Pfeifen der fallenden Bomben und spürten die Detonationen.
Bei einem dieser Angriffe kam der laute und energische Ruf von
Herrn Rohdenburg: "Alle Männer raus! Es brennt!"
Vati und ich sausten nach oben. Das Getöse um uns herum nahmen
wir gar nicht mehr wahr und griffen nach Sand und Wasser. - In
jede Wohnung im 4. Stock war eine Brandbombe gefallen, die wir
durch den schnellen Einsatz löschen konnten. Im Treppenhaus
bei Herrn Rohdenburg war eine Phosphorbombe eingeschlagen, die
ihren Inhalt zischend über die Stufen ergoss. Sie durfte
nur mit Sand abgedeckt werden und die so schön glitzernde
Masse musste später mühsam abgekratzt werden. Im Seitenflügel
war eine Brandbombe in die Federbetten gefallen und die Leute
haben kurzerhand das ganze Bettzeug durchs Fenster auf den Hof
geworfen. Dadurch haben sie ihre Wohnung gerettet. Aber auf dem
Hof sah es lange Zeit wie bei Frau Holle aus. Vati und ich hatten
unsere Wohnung abgesucht, nichts gefunden und dann bei den anderen
mitgelöscht. Als dann alles unter Kontrolle war, haben wir
noch einmal den Boden und die Waschküche durchgesehen. Und
da fanden wir dann die uns zugedachte Brandbombe! Sie war als
Blindgänger im Betonfußboden der Waschküche stecken
geblieben!!!
Ein fragwürdiges Vergnügen (!) war immer das "Verpappen"
der Fenster. Das Glas war bald entzwei gegangen und neues gab
es nicht. Es wäre auch unsinnig gewesen neue Scheiben einzusetzen.
Aber es gab "Igelit", einen licht-durchlässigen
Kunststoff, hart und spröde, der zugeschnitten und auf die
Holzrahmen genagelt wurde. Da das Material unelastisch war, riss
es beim nächsten Luftdruck wieder aus. Dadurch waren die
Holzrahmen der Fenster bald von Nagellöchern durchsiebt.
Die einzige Zerstreuung bot damals das Kino. Die Eintrittspreise
waren niedrig, sodass man sich öfter einen Besuch gönnen
konnte. Und was heute die Tagesschau im Fernsehen ist, das war
damals die Wochenschau im Kino, in der man alle Neuigkeiten erfuhr.
Natürlich braun eingefärbt! Auch der deutsche Film (ausländische
gab es ohnehin nicht) hatte eine eindeutige Tendenz: Hetze gegen
die Juden (Jud Süß), Stärkung des Durchhaltewillens
(Kolberg, Friedrich der Große etc.) oder es waren Unterhaltungsfilme
mit großer Ausstattung und Marika Rökk, Zarah Leander
usw. Ärgerlich war es nur, wenn vor dem Ende des Films schon
wieder Alarm gegeben wurde. Dann rannten wir aus der Zauberwelt
des Films in die harte Realität: In den Luftschutzraum! -
Um zu wissen, wie der Film endete, konnten wir es am nächsten
Abend wieder versuchen in der Hoffnung, dass der Alarm erst später
oder gar nicht kam. Mitunter sah man einen Filmanfang ein paar
Mal, bis dann endlich das Ende erreicht war.
Doch dann endete nach einem Jahr unsere schöne Zeit und sollte
nie wiederkommen: Vati wurde eingezogen! Bis dahin war er kvH
gemustert das bedeutete: "kriegsverwendungsfähig Heimat".
Er war also bis dahin nicht für den Kriegseinsatz geeignet.
Ob er darüber froh war, kann ich nicht sagen. Seine Konstitution
und sein Gesundheitszustand ließen einen Einsatz bisher
nicht zu. Aber jetzt, wo jeder, der noch auf zwei Beinen stehen
konnte, einrücken musste, wurde er auch zum Soldaten gemacht.
Und dazu noch zum "Flieger" (das war sein Dienstgrad).
Diese Bezeichnung war blödsinnig, denn er hat nie ein Flugzeug
von innen gesehen. Ich war sehr traurig, denn nun machte ich mir
auch Sorgen um ihn. In seinen Feldpostbriefen schrieb er mir verschlüsselt,
dass er Gefangenentransporte im Reichsgebiet begleitete. Das beruhigte
mich etwas. Viel Zeit zum Nachdenken blieb auch nicht. Die militärische
Situation hatte sich weiter zugespitzt. Die deutschen Truppen
waren nur noch auf dem Rückzug, der uns aber als "Taktik"
verkauft wurde. Da stellte der Reichspropagandaminister Goebbels
im Berliner Sportpalast vor ausgesuchten Parteigenossen die schicksalsträchtige
Frage: "Wollt ihr den totalen Krieg?" Die Antwort ist
hinlänglich bekannt. Keiner hatte eine Vorstellung, was das
wirklich bedeutete. Nur soviel, dass wir dem drohenden Untergang
entrinnen wollten und alle Anstrengungen nötig waren, um
den "Endsieg" zu erreichen. Und das wollten wir natürlich.
Denn was im anderen Fall sein würde, konnte sich keiner vorstellen
und wollte es auch nicht. Die Schreckensmeldungen aus dem Osten
waren hart genug.
Schon in den ersten Kriegsjahren wurde viel von Deutschlands Wunderwaffen
gesprochen. Wir wussten ja, dass sie in der Versuchsanstalt Peenemünde
entwickelt und erprobt wurden. Es waren die V-Waffen 1 und 2 (V
= Vergeltung). Jetzt, 1944/45, wo sich die Lage so dramatisch
verschlechterte, warteten wir sehnsüchtig auf den angekündigten
Einsatz als Entlastung für das bedrohte Reichsgebiet. Aber
er kam nicht! Ganz wenige V-2 Bomben wurden über England
abgeworfen, den Krieg haben sie für uns nicht beeinflusst.
Dafür nahmen die Luftangriffe auf Deutschland, und besonders
auf Berlin, immer mehr zu. Es gab ja kaum noch Luftabwehr, dafür
Alarme nicht nur in der Nacht, sondern auch am Tage. Es war eine
richtige Zermürbungstaktik. Ich habe die Fliegeralarme im
Keller immer schwerer ertragen können. Die Nerven waren sehr
angespannt. Vati war nicht mehr da und ich musste mit meiner Angst
allein fertig werden. Man saß ja im Keller wie in einer
Mausefalle, dem Bellen der Flakgeschütze und dem anschwellenden
Pfeifen der fallenden Bomben hilflos ausgeliefert. Und wenn dann
die Detonation kam, wenn das Haus bis in den Keller hinein erzitterte,
stellte sich über das Ausgeliefertsein Beklommenheit ein.
Trotzdem hatte ich immer das Gefühl, mich vorbildlich verhalten
zu müssen, keine Angst oder Schwäche zu zeigen, sondern
immer meine Pflicht zu erfüllen.
Im Radio wurde auf einer bestimmten Frequenz der "Drahtfunk"
gesendet. D.h., waren feindliche Flugzeuge unterwegs, gab es ein
Pausenzeichen das sich anhörte, als wenn man Möhren
schrappt. Dann folgte die Meldung etwa so: "Feindlicher Bomberverband
im Anflug auf das Reichsgebiet!" Nach einer Pause etwa: "Feindlicher
Bomberverband im Planquadrat Gustav/Heinrich (G/H) im Anflug auf
Emil/Nordpol usw." Für Berlin war immer G/H gefährlich.
Wurden die Buchstaben genannt wussten wir, dass wir dran waren.
Das Warnsystem wurde später noch "verfeinert".
Gab es anfangs nur Alarm und Entwarnung, wurden die Signale jetzt
auf "Voralarm" und "Vorentwarnung" ausgedehnt.
Das bedeutete: Zweimal unterbrochener Heulton = Voralarm. Dann
hatten wir immer noch die Chance, dass sich die Flugzeuge ein
anderes Ziel suchten. In den Keller mussten wir aber schon jetzt.
Folgte nach einer Weile der andauernde Heulton, dann gab es kein
Entrinnen mehr. Ebenso verhielt es sich bei der Entwarnung: Wurde
der gleichbleibende Signalton zweimal unterbrochen, dann hieß
das: Vorentwarnung. Dann gab es wieder zwei Möglichkeiten:
Entweder es kam nach einiger Zeit die endgültige Entwarnung
oder, es konnte durchaus noch einmal Vollalarm geben. - Dann kam
entweder eine neue Angriffswelle, oder es waren noch einzelne
Maschinen auf dem Rückflug, die noch ein paar übrig
gebliebene Bomben abwerfen konnten.
Der Bombenkrieg war äußerst zermürbend, und das
war wohl beabsichtigt. Für mich war der wenige und dann noch
unterbrochene Schlaf eine Katastrophe. Mein sehnlichster Wunsch
war es: Einmal unbeschwert hinlegen und die ganze Nacht durchschlafen
können! - Nie hätte ich gedacht, dass Schlafen etwas
so Köstliches sein könnte und wie der ganze Organismus
leidet, wenn er nicht ausreichend zur Verfügung steht. Im
Luftschutzkeller waren jetzt "Betten" angebracht. Das
waren 1 x 2 m große Drahtgitter, die zu dritt übereinander
mit Ketten an der Wand befestigt waren. Nicht jeder durfte so
ein Bett nutzen, sie waren Berufstätigen vorbehalten. So
bekam ich ein bestimmtes Bett zugeteilt und konnte bei Alarm schnell
in den Trainingsanzug, besagtes Köfferchen in die Hand und
Decke mit Kissen unter den Arm in Windeseile die vier Treppen
plus einer Kellertreppe runter und mich auf meinem Bett wieder
zusammenrollen. Nur wenn das Spielchen mit der Entwarnung begann,
mussten wir wieder raus aus dem Keller. Untenbleiben durfte keiner.
Unsere Luftschutzwartin, Frau Schumm, hatte so einige Probleme
mit mir. In der Wohnung stand neben meinem Bett das Radio und
war auf Drahtfunk eingestellt. Dann wurde ich schon mal durch
die Luftlagemeldungen geweckt, schlief aber meist wieder ein.
Dann kam der Alarm, den hörte ich, oder auch nicht, und konnte
einfach nicht aus dem Bett kommen. Erst wenn die Flak anfing zu
bellen, jagte ich angstvoll nach unten und wurde von Frau Schumm
mit tadelndem Blick in Empfang genommen, denn sie hatte mich vom
Hof aus schon ein paar Mal gerufen. Als sich mein Schlafentzug
noch mehr auswirkte kam die nächste Phase. Dann stiefelte
Frau Schumm die vier Treppen herauf und klingelte an der Tür.
Ich meldete mich, gelobte zu kommen und . . . schlief wieder ein.
- Im letzten Akt hatte Frau Schumm einen Schlüssel und kam
bis an mein Bett, rüttelte mich wach und blieb so lange stehen,
bis ich aus dem Bett war. Heute würde ich mich gern bei ihr
entschuldigen für die Mühe, die sie mit mir hatte. Damals
waren meine Nerven äußerst strapaziert und manchmal
war es mir so egal was werden würde, nur schlafen wollte
ich!!!
Als dann in späteren Jahren die Alarmsirenen in den Städten
überprüft wurden, waren die Heultöne der wahre
Horror für mich. Ich musste mich immer wieder sachlich mit
ihnen auseinandersetzen. Diese schreckliche Zeit hat sicher nicht
nur bei mir nachhaltige Spuren hinterlassen. Noch heute bin ich
sehr ungern unter einer Brücke wenn ein Zug darüber
fährt. Gewitter sind mir unheimlich und Feuerwerke aller
Art brauche ich für mein Leben nicht mehr!!!
Wie gesagt, im Luftschutzkeller erlebte man die Angriffe hauptsächlich
akustisch. Aber einmal war ich Zeuge eines schaurig-schönen
Schauspiels. Es war der letzte Sonntag, den ich mit meinen Sportfreunden
auf unserem Sportgelände in Oberschöneweide verlebte.
Es war strahlend blauer Himmel mit Sonnenschein. Ein Bild des
Friedens! Dann gab es Alarm, Wir waren ja in einem Außenbezirk
und weitab von einem Bunker. Auf unserem schönen Platz hatte
man inzwischen Splittergräben gezogen, die wenigstens etwas
Schutz bieten sollten. Wir packten erst mal unsere Sachen zusammen
und warteten ab. Doch dann kamen sie! Eine große Formation
silbriger Fliegen so wirkten die Flugzeuge im Sonnenschein. Eben
war noch sonntäglicher Frieden um uns und da oben flogen
sie Tod und Verderben nach Berlin. Wir konnten die Maschinen noch
längere Zeit verfolgen, sahen noch, wie die berüchtigten
"Tannenbäume" gesetzt wurden und hörten das
Bombardement. - Tannenbäume waren an kleinen Fallschirmen
schwebende Leuchtbomben, die von vorausfliegenden Maschinen abgeworfen
wurden, um den nachfolgenden Bombern das Zielgebiet abzustecken.
Nicht nur unser Sportsonntag war damit zu Ende, sondern auch unsere
wunderbare Sportgemeinschaft.
Eine - trotz aller Belastungen durch den Krieg - so fröhliche
Zeit war unwiederbringlich dahin. Es war eingroßer Angriff
auf Berlin und wir machten uns beklommen auf den Heimweg mit den
bangen Fragen: Welche Verkehrsverbindungen würden intakt
sein und was wird jeder zu Haus vorfinden? "Die schönste
Nebensache der Welt" wurde für uns nun auch vom Krieg
verschlungen!
Die Bombardements nahmen immer mehr an Aggressivität zu und
fanden bei Tag und Nacht statt. Die Alliierten wollten den Krieg
beenden und mit ihren Luftangriffen die vom Osten anrückenden
Russen unterstützen. Die Arbeit in den Betrieben wurde immer
komplizierter. Für sie gab es einen Warndienst der es uns
ermöglichte, schon vor dem eigentlichen Fliegeralarm wertvolle
Maschinen und wichtige Unterlagen rechtzeitig in die Sicherheitsräume
zu bringen. Die eigentliche Arbeitszeit wurde immer kürzer,
die Wege zum und vom Arbeitsplatz immer beschwerlicher. Als ich
einmal nach einem Tagesangriff auf dem Heimweg war, gab es in
meiner Richtung keine Verkehrsverbindung. Also hieß es laufen!
- Ich hatte einen weiten Weg, wusste zwar die große Linie,
musste aber immer wieder die Richtung ändern, weil ganze
Straßenzüge brannten. Es war unheimlich! Der heulende
Feuersturm schleuderte brennendes Holz, Papier, Pappe und Stoffe
auf die Straße. Mauern stürzten ein und nirgends war
Sicherheit. Als ich dann - nach endlos erscheinender Zeit - müde
zu Haus ankam war hier, bis auf die rausgerissene Fensterabdeckung,
alles in Ordnung. Aber ich hatte eine Rauchvergiftung und fühlte
mich elend. Alles an mir roch nach Qualm und noch tagelang schmerzten
mir die Luftwege.
Ich hätte mich gern trösten lassen, aber es war niemand
da. In der Firma durften jetzt diejenigen, die so weite Wege hatten,
später kommen und früher gehen, um noch einkaufen zu
können. So war an effektives Arbeiten gar nicht mehr zu denken.
Die russische Armee bereitete jetzt ihre letzte große Offensive
vor. Sie sammelte sich östlich von Berlin bei den Seelower
Höhen. Und dann kam der Tag, an dem wir vormittags in der
Ferne dumpfes Grollen hörten, das wir erst nicht zu deuten
wussten. Das Pertrix-Werk lag ja im Südosten Berlins, und
das war die Richtung, aus der die Russen kamen. -Am nächsten
Tag war das Grollen lauter geworden und wir konnten Gefechtslärm
ausmachen. Uns allen war sehr beklommen zumute als uns Herr Matthes
sagte, dass wir morgen erst mal zuhause bleiben sollten und abwarten,
wie sich die Lage entwickelt. Und jetzt musste doch endlich etwas
geschehen! Wo war der Führer? Warum sagte er uns nicht, wie
es weitergehen würde? Und wo blieben die gepriesenen V-Waffen?
Ich wusste nur eins: Die Russen kommen!!! Ihnen wollte ich nicht
in die Hände fallen! Aber wohin sollte ich gehen? Wer kann
mich beschützen??? Es war eine entsetzliche Situation. Am
nächsten Tag war das Grollen auch in der Driesener Str. als
Geschütz-donner zu hören. Ich kaufte alles, was ich
auf meine Lebensmittelmarken bekommen konnte. - Papiere, Wertsachen
und mein Bettzeug schaffte ich in unseren privaten Keller. Denn
vielleicht konnten wir uns bald nur noch hier aufhalten. Die anderen
Hausbewohner taten ähnliches und dann fanden wir uns im Luftschutzraum
zusammen, weil der Gefechtslärm immer lauter wurde und auch
schon Einschläge zu hören waren. Und hier packte mich
das Grauen! Es waren ja nur noch alte Leute, hauptsächlich
alte Frauen, da die anfingen laut zu jammern, auf die Knie fielen,
um zu beten. Hier die lamentierenden Leute, da die anrückende
russische Soldateska und ich allein dazwischen. N e i n , das
hielt ich nicht aus! - Da kam mir ein Aufruf zu Ohren, dass Freiwillige
für den Volkssturm gesucht wurden, Frauen wie Männer,
um sich für das Vaterland einzusetzen. Da stand mein Entschluss
fest: Nicht in Angst verharren, bis der erste Russe im Keller
erscheint mit der eindeutigen Aufforderung: Frau komm!',
sondern mich lieber noch irgendwo nützlich zu machen.