Zusammen mit vielen Hundert Fluganwärtern war ich fast ein
Jahr im besetzten Frankreich stationiert und die Aussicht, einen
Platz auf einer Flugzeugführerschule zu bekommen, schien
sehr gering. Zu meinem ersten Heimaturlaub traf ich am Morgen
des 23. Juli 1943 in Hamburg ein. Natürlich war die Wiedersehensfreude
groß.
Am ersten Abend zu Hause sprachen wir u.a. auch über das
Risiko eines alliierten Bombenangriffs auf Hamburg. Mein Vater
plante, für meine Mutter und sich selbst in Bad Oldesloe
ein Zimmer zu mieten und von dort zur Arbeit nach Hamburg zu fahren.
Das klang sehr vernünftig. Mein kleiner Bruder Harro - drei
Jahre jünger als ich - war damals mit seiner Klasse des Wandsbeker
Gymnasiums nach Ungarn in ein KLV-Lager evakuiert, wie die meisten
Kinder aus Hamburg. Ich habe damals nur eine einzige Nacht zu
Hause geschlafen. Bereits in der nächsten Nacht, vom 24.
zum 25. Juli 1943, fand der erste der befürchteten Großangriffe
auf Hamburg statt.
Meine Eltern gingen immer in den als Schutzraum vorgesehenen Keller
des zweigeschossigen Nachbarhauses. Die Decke des Raumes, der
zum größten Teil unter der Erde lag, war mit Balken
zusätzlich abgestützt, die Fenster waren mit Sandsäcken
verbarrikadiert. Unser Haus hingegen, in dem sechs Partien wohnten,
war nicht unterkellert. Es gab jedoch einen kleinen etwas tiefer
gelegenen Raum in jeder der Parterrewohnungen, der ursprünglich
als Speisekammer vorgesehen war, dafür aber nicht benutzt
wurde. Die anderen Bewohner unseres Hauses gingen bei Fliegeralarm
in einen dieser Räume, der nicht besonders gesichert war
und auch nicht als Schutzraum ausgewiesen wurde.
Diese eingespielte Routine lief auch in der Nacht zum 25. Juli
ab. Nachdem wir uns schnell angekleidet hatten, lief ich mit meinen
Eltern ins Nachbarhaus. Natürlich erwarteten wir, dass die
feindlichen Flugzeuge Hamburg, wie so oft in der Vergangenheit,
überfliegen würden. Mit meinem Vater und unserem Nachbarn
hielt ich mich die ersten fünf Minuten noch im Garten auf.
Als das Feuer der schweren Flak aber immer intensiver wurde und
wir zwischendurch auch das Dröhnen der Motoren von vielen
Flugzeugen hörten, begaben auch wir uns in den Keller.
Da saßen wir - acht Personen - und warteten. Es waren bange
Minuten. Plötzlich schreckte uns ein Geräusch auf, das
wir noch nicht kannten: das Heulen von fallenden Bomben. Es schien
so, als wenn Reihenwürfe auf uns zukamen. Eine Bombe schlug
in einiger Entfernung ein, dann eine zweite aus der gleichen Richtung,
schon ganz nahe bei uns. Als wir die dritte Bombe heranheulen
hörten, blieb uns allen das Herz stehen. Keiner bewegte sich,
keiner sagte etwas. Das Unausweichliche musste jetzt kommen.
Und es kam: Ein vielstimmiger Aufschrei vermischte sich mit der
Detonation der Bombe und dem Herabstürzen der Decke. Obgleich
die Decke abgestützt war, brach sie doch unter der Wucht
des zertrümmerten Hauses zusammen. Gleichzeitig mit der Detonation
wurde es vollkommen dunkel. Ich fühlte einen starken Schlag
auf den Kopf. So laut es Sekunden vorher hier noch war, so still
wurde es jetzt. Ich hörte zwar weiterhin Bomben und Flakfeuer,
aber nicht mehr in unmittelbarer Nähe. Ich saß direkt
neben einer Tür in einer Zimmerecke, das rettete mir wohl
das Leben. In panischer Angst lauschte ich ins Dunkle, dann schrie
ich nach meiner Mutter und meinem Vater, die eben noch wenige
Meter entfernt gesessen hatten. Ich hörte jedoch nur das
leise Rieseln von Schutt.
Als ich wieder denken konnte, merkte ich, dass mir etwas Schweres,
wohl ein Balken, auf dem Kopf lag. Es ließ sich nicht viel
bewegen, da das eine Ende oder auch der größte Teil
anscheinend unter dem Schutt lag. Meine Beine waren auch bis zu
den Oberschenkeln von Schutt umgeben. Unter Aufwendung meiner
ganzen Kräfte kam ich dann doch heraus. Ob ich durch eine
offene Tür oder durch ein Loch in der Wand ins Freie gelangte,
weiß ich nicht mehr. Plötzlich stand ich im Garten
des Hauses, dessen ganzer oberer Teil nicht mehr vorhanden war.
Ich musste Hilfe holen. Das Haus nebenan, in dem wir wohnten,
brannte im zweiten Stock. Ich sah aber keine Menschen. Die mir
so vertraute Löwenstraße war nicht wiederzuerkennen.
Ich lief zum 50 Meter entfernten Polizeirevier. Dort war kein
Mensch. Ich erinnerte mich jetzt, dass ja sämtliche Aktivitäten
von einer Zentrale in der Horst-Wessel-Straße (jetzt Schädlerstraße)
geleitet wurden. Was sollte ich nun tun, ich wollte mich ja auch
nicht zu weit entfernen. Dann lief ich aber doch. Zwischen Claudius-
und Schillerstraße, fiel ich in einen riesigen Bombentrichter,
stolperte jedoch weiter, erreichte die Horst-Wessel-Straße,
meldete, dass das Haus, in dem wir waren, eingestürzt sei
und dass sich noch sieben Personen in den Trümmern befanden.
Von einem Polizisten wurde ich zu der im Keller befindlichen Notarzt-Station
gebracht. Ich sah wohl schlimm aus. Das Blut rann mir übers
Gesicht, meine Kleidung war zerrissen, ich war am Ende meiner
Kräfte. Als ich mit genähter Wunde und verbundenem Kopf
zu mir kam, hörte ich, wie jemand "Gerhard" rief.
Es war unsere Nachbarin, die auch neben oder in einer Tür
stehend überlebt und hierher gefunden hatte. Unter Schluchzen
rief sie immer wieder: "Alle andern sind tot, alle andern
sind tot!"
Sobald ich in der Lage war wieder aufzustehen, machte ich mich
auf den Weg zurück in die Löwenstraße. Der Angriff
war vorüber. Hamburg lag wie von einem gewaltigen Schlag
gefällt da. Bevor die Stadt sich wieder aufrichten konnte,
erhielt sie in den kommenden Tagen und Nächten weitere Schläge,
die sie in eine Trümmerlandschaft von bis dahin nicht vorstellbaren
Ausmaßen verwandelten.
Als ich wieder in unseren Teil der Löwenstraße kam,
sah ich einen Trupp der technischen Nothilfe Wasser auf einen
noch rauchenden Trümmerberg spritzen. Das Haus, in dem wir
wohnten, war zur Hälfte abgebrannt, stand in seinen Grundmauern
aber noch. Von einer Frau hörte ich, dass alle Personen das
Haus unverletzt verlassen konnten. Vollkommen benommen irrte ich
umher und fragte alle möglichen Leute immer wieder, ob denn
keine Menschen aus dem Nachbarhaus geborgen worden seien. Jeder
sagte mir, dass dort alle im Keller verschüttet und verbrannt
wären. Später stellte sich dann heraus, dass das den
Tatsachen entsprach. Auch meine Eltern waren tot.
Zwei Nachbarn bestätigten später, dass sie bei der Bergung
der Leichen meine Eltern identifiziert hätten. Anfang August
war ich wieder nach Frankreich unterwegs. Vorher hatte ich noch
einen Brief an den Lehrer meines Bruders in Ungarn geschrieben
und ihn gebeten, meinem jüngeren Bruder Harro den Tod unserer
Eltern möglichst schonend beizubringen.