Feldpostbrief, 2. Mai 1916
Willemeau bei Tournai
Am Dienstag, 2. Mai 1916, abds. 6 Uhr
Mein liebes Lieschen!
Nun steht schon eure schöne Photographie vor mir, die Du
am Sonnabend mit den Handschuhen abgeschickt hast. Ich habe mich
herzlich gefreut, auch wenn mein Frauchen ein Kopftuch um hat.
Du siehst doch sonst ganz frisch aus.
Aber was ist mit Bub? Der macht ein Gesicht wie Krankenstube und
als obs ihm schwer werde, das Köpfchen hoch zu halten. Wie
ganz anders der kleine Dicke! Dem scheint zwar auch was nicht
zu passen, aber er strotzt doch vor Gesundheit. Und du hast recht,
Liesi, wenn du neulich schriebst, daß er immer niedlicher
werde. Hübsch wie ein kleines, niedliches Mädel! So
hatte ich ihn mir gar nicht vorgestellt! Ich bin stolz auf unsern
Jüngsten. Aber am meisten sehne ich mich nach unserm Buben.
Wie kann ich mir den flinken kleinen Burschen jedes Mal denken,
wenn Du mir Worte von ihm mitteilst! Die Sonne wird ihm ja auch
längst wieder rote Backen gemacht haben.
Gestern kam Dein l. Brief vom Freitag. Da kann ja nun plötzlich
Helmut auch reden, wenn auch wohl nicht viel. Aber das soll schon
noch werden. Und Bubi scheint ja recht weise Reden zu führen,
wenn er noch nicht weiß, "wann" er wieder
Dein Junge werden will. So etwas muß ja zu interessant sein.
Schade, daß ich die Entwicklung bei beiden nicht
mit erlebe.
Während ich nach Rudolfs letzter Karte bestimmt annehmen
mußte, daß sein Rgt. Herausgezogen sei, schreibt er
heute vom 28.4. wieder von Verdun. Der arme Kerl! Er scheint wieder
ziemlich fertig zu sein. - Hier ist's heute den ganzen Tag drückend
schwül gewesen. Nun donnerts. Ob's aber zum Regnen kommt?
Nötig genug wäre schon mal ein Schauer wieder. Daß
Ihr im Garten reichlich Arbeit habt, kann ich mir lebhaft denken,
zumal wenn auch auf dem Felde die Kartoffeln noch gepflanzt werden
müssen. Das alles darf Dich aber nicht verleiten, Liesi,
selbst mit zuzugreifen! - Wir hatten heute ziemlich viel Dienst.
Für die Kaiserparade gibt's ja noch allerlei zu tun. Um 6
morgens steht man auf. Eigentlich also um 5 Uhr.
Gott befohlen, mein Lieb! Grüß u. küß mir
beide Jungen, sei aber vor allem Du heiß geküßt
von
Deinem treuen Paul.
Feldpostbrief, 20. Mai 1916
Bapaume, Rue d'Arras 18, den 20. Mai 1916.
am Sonnabendnachmittag 3 Uhr.
Mein liebes, gutes Lieschen!
Was sind das für herrliche Maientage. Du lebst doch nun auch
sicher wieder auf! Ich lebe ganz der Erinnerung an die gleichen
Tage im Vorjahre. Genau dasselbe Wetter. Gestern abend war's ein
Jahr, daß wir zum erstenmale in die elenden Gräben
bei La Bassée kamen. Und heute vor einem Jahre begann das
englische Trommelfeuer. Der Hauptmann war gleich nachts weggeholt.
Er mußte das Batl. führen. Und ich die Kompagnie. Essen
gab's nicht. Trinken auch nicht. Da sammelten wir am 21. das Regenwasser
auf Zeltbahnen u. gruben Löcher, aus denen wir schöpften.
Einerlei, wie das Wasser beschaffen war. Ich hatte zum Glück
Bansitropfen u. eine Zitrone u. einige Stück Zucker. So hab'
ich's ausgehalten.
Am 22. morgens 2 Uhr kamen dann die Gurkhas. Wir siegten. Und
wurden abends abgelöst. In mildem, erlösenden Gewitterregen.
Am Sonnabend vor Pfingsten. Und dann kam Pfingsten selbst mit
strahlender Festessonne, aber mit dem Treuebruch Italiens u. Deiner
Nachricht von Theos Tode. Und erneutem wahnsinnigen Artilleriefeuer
der Engländer. Da war mir alles gleich. - Und nun empfängt
gerade jetzt Italien den Lohn für seinen Verrat! Beinah',
als ob der rächende Gott der Weltgeschichte das so gewollt
hat. 10000 gefangene Italiener werden heute gemeldet. Und die
deutsche Mauer, die vorm Jahre so ernstlich bedroht schien, sie
steht fester denn je zuvor. Gott wird auch weiter helfen.
Gestern wurden hier 3 Soldaten beerdigt. Ein Artillerist vom Nordseestrande,
ein Infanterist vom Fuße des Schwarzwaldes u. ein Engländer.
Freund u. Feind in einem Grabe. So feierlich sollt's eigentlich
bei jeder Beerdigung sein! Die Rgtskapelle des Res.Inf.Rgts. 110
spielte herrliche Trauermärsche. Zwei Hilfsgeistliche, ein
evangel. Leutnant, ein kathol. Gefreiter, sprachen am Grabe. Und
gar der Friedhof selbst! Das ist nun doch der schönste, den
ich bisher gesehen. Das 14. Res. Korps hat ein ergreifend schönes
Denkmal gesetzt. Inschrift: "Wir neigen das Haupt vor unsern
Toten - die furchtlos u. treu ihr Leben boten. - Was sterblich
war, brachten wir hier zur Ruh' - ihr Geist zog befreit der Heimat
zu. - Den in der Umgebung von Bapaume gefallenen Kameraden zollt
seinen Dank durch dieses Denkmal das 14. Res. Korps. 1914 - 1915."
Dicht davor steht das Denkmal für die 1870/71 gefallenen
Franzosen. Auf dem Friedhof selbst liegt ein am 3. Jan. 1871 gefallener
Artillerie Seconde Ltn. Rechts von ihm u. links ruhen nun die
deutschen Offiziere von 1914-1916. Unterschiede gibts nicht. Unsere
Soldaten haben die Gräber der Franzosen u. Engländer
genau so geschmückt wie die deutschen Gräber. [...]
Gott sei mit Euch u. mit uns! Ich bin u. bleibe in herzlich treuer
Liebe stets Dein
dankbarer Paul
Feldpostbrief, 30. Juni 1916
Schützengraben in Gommécourt
Freitag, d. 30. Juni 1916, abds. 1/2 9°
Mein heißgeliebtes Lieschen!
Heute vor 8 Tagen war ich um diese Stunde in Lage. Freude u. Erwartung
waren aufs Höchste gestiegen. Eine Stunde späte hatte
ich schon mein Lieschen und meinen Ältesten. Seligstes Glück!
Gut nur, daß man nicht in die Zukunft schaut! So gab's doch
1 1/2 wirklich ungetrübte Tage. Und ich freue mich, daß
ich sie habe verleben dürfen. Ich habe viel von Glück
u. Sonne mitnehmen dürfen in das Dunkel der gräßlichen
Gegenwart. Heute war's wieder ärger als gestern u. vorgestern.
Und noch immer erkennt man nicht, was der Engländer eigentlich
will. Jedenfalls sollen wir völlig mürbe u. seelisch
gebrochen gemacht werden. Acht Tage währt nun morgen früh
das Trommelfeuer. Vorige Nacht ist's nur unsern braven Patrouillen
zu verdanken gewesen, daß die Engländer unsere Kompagnie
nicht überrascht u. aufgerieben haben. Leider ist wieder
der beste u. unerschrockenste unserer Leute dabei gefallen; 5
andere sind verwundet worden. Aber die Wackern haben gesiegt.
Gott wird weiter helfen. Zu ihm wollen wir immerdar rufen! Er
schütze uns alle! Ich küsse Dich u. die heißgeliebten
Kinder!
Mit herzl. Gruß an alle bin und bleibe ich Dein Dich innig
liebender, getreuer und dankbarer Paul.
Feldpostbrief, 9. September 1916
Im Schützengraben vor Beaucourt sur Ancre, d. 9.9.1916
am Sonnabendnachmittag um 2 Uhr.
Mein heißgeliebtes, gutes Lieschen!
Dein versprochener ausführlicher Brief ist noch nicht gekommen.
Aber auch andere Post kam nicht. Wahrscheinlich klappt's mit der
Verbindung nach hier noch nicht. Das Rgt. liegt von unserer Division
zu weit ab. Wir gehören augenblicklich zur 26. Res. Inf.
Brigade (Generalltn. Frhr. v. Soden). Unsere Postadresse wird
aber wohl kaum geändert werden. Jedenfalls schreibe ich's
sonst sofort. Im allgemeinen kann man eigentlich sagen, daß
es bei uns etwas ruhiger geworden ist. Heute ist z.B. noch wenig
geschossen. In den letzten Nächten ist bei dem hellen Mondenschein
auch ziemlich gearbeitet worden. Das würden die Engländer
kaum dulden, wenn sie die Absicht hätten, bald wieder anzugreifen.
Wenn wir aber nur einige Wochen Ruhe bekommen, werden wir die
Stellung schon wieder verteidigungsfähig haben. Arbeit gibt's
ja mächtig. Besonders wenn am Tage so manches wieder eingeschossen
wird, was nachts mit Mühe aufgebaut ist.
Gestern abend war wieder ein schwerer Angriff. Scheinbar dicht
links von Thiepval. Ob die Engländer Erfolg gehabt haben,
konnten wir von hier aus nicht feststellen. Hoffentlich nicht!
Ich war gestern um Mitternacht in Stellung. Eine stimmungsvolle
Mondscheinnacht! Besonders, als es um Thiepval ruhiger wurde.
Da bin ich zum erstenmale auch durch den Abschnitt der links von
uns liegenden 12. Komp. gewesen. Die stößt links an
die Ancre. Die Ancre bildet dort aber einen derartigen Sumpf mit
kleinen Seen, daß selbst im Hochsommer nicht durchzukommen
ist. Deshalb hören dort die Stellungen einfach auf. 300 m
jenseits der Bahn, die am Ancretalrande von Achiet le Grand nach
St. Albert führt, beginnen am jenseitigen Talrande die Stellungen
wieder. Am 3. Septb. haben die Engländer nun auch am Bahndamm
entlang durchzukommen gesucht. Es war ihnen auch gelungen. Bis
sie dann weiter hinten das Schicksal ereilte.
Dann ging ich ganz zum rechten Flügel meiner Kompagnie. Dort
hatte man gestern nachm. im Drahtverhau noch einen englischen
Verwundeten bemerkt. Der sollte geholt werden. Ich wollt's eigentlich
verbieten. Er lag so dicht am engl. Graben wie an unsern. "Aber
wer war da der Nächste dem, der unter die Mörder gefallen
war?" Wir sinds gewesen. Unsere Leute haben gesucht, gerufen.
Sie waren in höchster Lebensgefahr. Der Verwundete hat sich
aber totgestellt u. sich mit seiner Zeltbahn zugedeckt. Heute
morgen erst hat man ihn wiedergesehen, als er seinen Kameraden
im engl. Graben winkte. Da haben ihn 3 meiner wackern Leute geholt.
Behutsam, wie man ein krankes Kind trägt. Beinahe 7 Tage
hat der arme Kerl gelegen. Aber gemeldet hatte er sich in seiner
Höllenangst vor den Barbaren nicht. Jetzt werden unsere Ärzte
alles dransetzen, die schon angefaulten schweren Wunden zu heilen.
Na, die Engländer haben unsere "barmherzigen Samariter"
wenigstens nicht beschossen. So hat meine Kompagnie nun schon
8 Leute gerettet. Deutsche Barbaren! Ob eine Gerechtigkeit der
Weltgeschichte es zulassen kann, dass unser deutsches Volk zugrunde
geht?
Vorgestern schickte mir Schneidermann eine Karte aus Oerlinghausen.
Er hatte mit Junker u. Lütchemeier eine Wanderung durch die
blühende Heide der Senne gemacht. Wie mich da das Heimweh
mächtig packte! Du weißt ja, Liesi, wie ich gerade
um diese Zeit die braune Senne liebe. Und mit der gleichen treuen
Liebe bin ich ewig Dein. Wie heißts in der Löweschen
Ballade doch?
"Der ist in tiefster Seele treu, der die Heimat so
liebt wie Du!"
In diesem Sinne grüße und küsse ich Dich und die
lieben Jungen als Euer treuer Vater.
Gott mit uns allen!
Feldpostbrief, 11. September 1916
Im Schützengraben vor Beaucourt sur Ancre, d. 11.9.16
B 6, U. 29, am Montagnachmittag um 4 Uhr.
Mein heißgeliebtes, gutes Lieschen!
Zweierlei kam gestern aus Nienhagen. Dein l. Kartenbrief u. die
Photographie von Helmut. Da haben wir zwei mal wieder den gleichen
Gedanken gehabt. Gestern schrieb ich vom Photographen Hey, u.
gestern abend erzählst Du mir vom vergeblichen Versuche,
unsere beiden Jungen bei ihm photographieren zu lassen. Gewiß
hat das meine Geburtstagsüberraschung werden sollen. Schade!
Auf Friedels Karte scheint mir Paulchen nicht geraten zu sein,
weil die Platte nur teilweise benutzt worden ist. Und Helmut macht
ein so finsteres Gesicht, als ob ihm das Photographieren durchaus
nicht passe. Sonst sieht er aber prächtig aus. Fleischnot
merkt man ihm nicht an. Auch der kleine Anzug steht ihm gut. Ob
Du den kleinen Dicksack überhaupt noch tragen kannst? Wie
ist's mit Bubi jetzt? Du schriebst von Appetit und Befinden längere
Zeit nicht. Da ist beides hoffentlich gut! Und wenn Du jedesmal
schreibst "uns geht's gut", dann bist Du selbst doch
hoffentlich auch mit eingeschlossen!
Friedel schreibt nichts von Forbach. Möglich, daß er
da doch noch einmal in der Senne bleibt. Hoffen wir für ihn
das beste! Rudolf scheint's im Lazarett schon lange nicht mehr
zu passen. Er sehnt sich zum Regiment zurück. Ich kann so
etwas wohl verstehen. Wenn Du Wegeners Karten u. Briefe mal gelesen
hast, findest Du da stets dieselbe Erscheinung. Man möcht's
beinahe Heimweh nennen. Und zu verstehen ist's ja. Zwei Jahre
bin ich nun beim Regiment. Man ist mit ihm verwachsen. Und durchs
ganze Leben hindurch würden später meine Gedanken noch
oft zurückfliegen, würden all das Unangenehme und Grausige
überhasten und haften bleiben an dem vielen Schönen
und Guten u. Edlen, das man gesehen und erlebt, an Heldentum und
Freundschaft und Treue. Der Schatz solcher Erinnerungen ist gottlob
ein reicher. Was steckt ja schließlich auch in all den Briefen,
die ins Feld kamen, u. die ich aus dem Felde schrieb. Ich glaube
beinahe, ich könnte mich später bei jedem einzelnen
Briefe wieder in die Situation hineinversetzen, aus der heraus
er geschrieben worden ist. Und wieviele erinnungsreiche Tage jähren
sich nun bald zum zweitenmale mitten im Kriege! Jetzt vor einem
Jahre war ich in der Heimat. In einigen Tagen ist schon unserer
lieben Mutter Todestag. In den Tagen, die dann folgen, ist mir
beinahe jede Stunde in frischer Erinnerung. Irgend etwas werdet
Ihr ja dem lieben Großmütterlein zu Liebe tun am 15.
Septb., ohne daß ich besonders darum bat.
Hier wirds eigentlich täglich ein wenig ruhiger. Wenigstens
scheint mir's so. Weiter links tobt die Schlacht allerdings weiter.
Kleine Erfolge haben dabei wohl die Gegner stets. Bei dem gewaltigen
Munitionseinsatz ist das natürlich kaum ein Wunder. Ob die
Erfolge den Opfern entsprechen? Eigentlich wohl kaum. Aber auch
unsere Verluste sind stets groß. Wie lange wäre wohl
schon der Krieg vorbei, wenn Amerika nicht die Munition lieferte!
Nun sollen wieder Dänemark u. Holland zwischen Krieg u. Frieden
schwanken? Genau wie Griechenland. Na ja, wenn's sein soll, dann
nur bald! Daß doch die Entscheidung kommt! So oder so! -
Natürlich haben auch wir uns über den Fortschritt in
Rumänien gefreut. Hoffentlich gehts so weiter! - Ich bin
jetzt oft erkältet. Das kannte ich bisher im Schützengraben
nie. Gestern ging's auch mal wieder besser. Dafür spüre
ich ja nun meinen Rheumatismus weniger.
Wie gehts eigentlich dem lieben Vater? Arbeitet er nicht zuviel?
Grüß ihn doch bitte ganz besonders u. sage ihm, daß
ich schriebe, sobald ich ein bischen Zeit mehr hätte. Ich
denke so oft an ihn. - Grüß auch alle andern u. küß
unsere beiden Jungen! Auch Dir heiße Küsse u. "Gott
befohlen!"
Dein tr. Paul.
Feldpostbrief, 15. September 1916
Im Schützengraben vor Beaucourt, den 15. Septb.
B 6, U. 29., Freitag, mittags 1/2 1 Uhr.
Mein heißgeliebtes bestes Lieschen!
Heute ist Mutters Todestag. Ich will nicht traurig sein und nicht
weich werden. Und davor bewahrt mich am besten das prächtige
Bild von Dir und unserem Buben in blühender Heide.
Er bedeutet mir in seiner blühenden Gesundheit und seinem
lachenden Gesicht die bessere Zukunft, wie mir das liebe Mütterchen
die schöne Vergangenheit, das eigene Jugendland bedeutet.
Du u. ich, Liesi, wir sind die Gegenwart, die schwere, kampfdurchzitterte.
Wir müssen beide kämpfen für unsere Kinder, für
Deutschlands Zukunft. Und so wie Paulchen vor mir steht, ein Kind
der schönen Heimat, frisch u. froh u. kerngesund, ist er
schon hineingewachsen in ein Alter, das für uns beide selbst
die ersten Erinnerungen unseres eignen Lebens bedeutet. Wie würde
sich das tote Mütterlein des Enkels gefreut haben, der heute
sicher mit Blumen an ihrem Grabe steht! Gewiß blickt's heute
segnend nieder auch auf unsere beiden Jungen. Und wir beide handeln
ganz im Sinne der teuren Toten, wenn wir unsere Kinder erziehen
zur Schlichtheit und Einfachheit, aber an ihre geistige Ausbildung
alles wenden u. in ihnen den Sinn wecken nicht bloß fürs
Gute und Edle, sondern auch fürs Schöne, für alle
echte, wahre Kunst. Da ist alles Geld gut angelegt. So hat unsere
Mutter auch stets gedacht, und wir verdanken ihr gerade da
so viel. Gut, daß gerade in diesem Stücke auch wir
zwei so ganz eines Sinnes sind, Liesi!
Mutters Todestag hat mich mit Trommelfeuer geweckt. Um 1/2 7 wars.
Vom Unterstande aus sah ich den klarblauen Himmel, sah auch den
Mond im Westen verblassen. Die Sonne sah ich nicht. Ich konnte
beim besten Willen den Unterstand nicht verlassen. So lag das
Feuer vor dem Eingange. Wohl waren's nur Schrapnels u. kleine
Granaten. Aber die hagelten so dicht, daß jeder Versuch
herauszuspringen, den sichern Tod bedeutet hätte. Meine Telefonverbindungen
waren sofort zerstört, u. ich wußte noch nichts von
meiner Kompagnie. Natürlich hörte ich, daß noch
nicht angegriffen wurde. Es war noch kein Gewehrfeuer. Nur ganz
rechts arbeiteten schon Maschinengewehre. Dann wurd's ruhig. Am
Morgenhimmel stand blutigrot die Sonne. Morgenrot, Morgenrot!
Zum Ancretal hinunter wälzte sich langsam der Pulverdampf.
"Ihr Blutrauch hüllte die Sonne in Nacht." Aber
lange Zeit zum Beobachten blieb nicht. Meine Ordonannzen waren
kaum vom ersten Graben zurück, als das 2. Trommelfeuer einsetzte.
Wieder 1/2 Stunde. Noch toller als vorher. Der Unterstand bebte
in allen Fugen. Dann wurd's wieder still. Es war 8 Uhr. Ich ging
durch meine Kompagnie. Alles auf dem Posten. Warum kamen nun die
Engländer nicht? Alles wartete sehnlichst. Der so schön
aufgebaute Graben war entsetzlich verwüstet. Man kannte ihn
nicht wieder. Aber - Wunder Gottes! - kein Mann verwundet! Mutter
Erde schirmt u. schützt! Dicht rechts von uns hatten's die
Engländer bei der 2. Komp. versucht, vorzukommen. Wohl 40
Mann haben den Graben verlassen, sind planlos hin- u. hergelaufen,
nur nicht auf unsere Gräben zu, u. nun liegen wohl 20 von
ihnen bleich, blutig u. tot auf dem grünen Rasen. Unsere
Artillerie u. die Maschinengewehre haben gründliche Arbeit
geleistet. Ich sah nur Tote, keine Verwundete. Wir alle stehen
vor Rätseln. Was soll solch' schwächlicher Versuch?
Der wird stets mißlingen!
Ich erhielt gestern abend Deinen I. Kartenbrief vom Montagnachm.
Daß Du ein Mädchen nehmen willst, freut mich sehr.
Hoffentlich triffst Du es gut! Über Friedel erfahre ich gewiß
bald neues. Ich kann ihm dann endlich schreiben.
Mit herzlichem Gruß an alle und mit heißem Kuß
für Dich u. unsere Jungen bin u. bleibe ich in treuer Liebe
stets Dein
dankbarer Paul.
Feldpostbrief, 16. September 1916
Im Schützengraben vor Beaucourt sur Ancre
B 6, U. 29., Sonnabend, 16. Septb. 1916, 7 Uhr abds.
Mein heißgeliebtes, gutes Lieschen!
Zwar kam von Dir gestern abend keine Post, aber Dein und Bubis
liebes Bild reichen vorläufig hin, so etwas nicht zu schwer
zu empfinden. Die schöne Photographie habe ich immer vor
mir auf dem Tische, und abends fällt mein letzter Blick auf
sie. Ich kann mich an meinem Jungen nicht satt sehen und meine
so oft, Bub könnt's garnicht sein, der da so groß und
verständig vor mir steht. Alle freuen sich über das
Bild. Wie dem Jungen der Anzug sitzt, sein Höschen, sein
Kittel! Und wie selbstverständlich und frei ist seine Haltung!
Freust Du Dich nicht auch immer wieder über Deinen lieben
Jungen?
Jedesmal, wenn draußen Trommelfeuer einsetzt, dann werfe
ich noch einen Blick auf Euch beide. Dann weiß ich, für
wen ich dem Tode ins Auge schaue, und dann stecke ich das Bild
in meine Brieftasche. Ich möcht's im letzten Augenblicke
bei mir haben u. auch, wenn man in Feindes Hand geraten sollte.
Das Bild würde über vieles weghelfen.
Vom Angriff gestern morgen erzählte ich Dir schon. Gestern
abend wiederholte sich dieselbe Sache. Diesmal ging's gegen die
12. Komp. links von mir. Eine starke englische Patrouille wollte
sich dort heranmachen, wurde aber früh genug bemerkt u. war
bald erledigt. Ein engl. Leutnant mit seinem Burschen wurde gefangen
genommen. Ersterer schwer verwundet. Er ist auch wohl bald danach
gestorben. Gleichzeitig kam auf meinen Abschnitt ein wahnsinniges
Minen- und Artilleriefeuer. Ich hatte mich gerade todmüde
zur Ruhe gelegt. Euer Bild neben mir. Im nächsten Augenblick
steckte ich wieder in Waffen und unterm Stahlhelm. Im gleichen
Augenblick erzitterte der ganze Unterstand, u. die Treppe herunter
kamen Mengen von Steinen und von Geröll. Eine schwere Granate
hatte den Eingang getroffen. Gut, daß 20 m weiter rechts
noch ein zweiter Ausgang war! Als nach 1/2 Stunde das Feuer schwieg,
haben sofort 10 meiner Leute mit den Aufräumungsarbeiten
beginnen müssen. Und heute morgen war die Treppe wieder frei.
Wie hätte man früher gezittert u. gebebt bei so etwas!
Heute denkt man nichts mehr dabei. Man lebt ja ständig in
Todesgefahr.
Aber wie sehen meine schönen Gräben wieder aus! Die
ganze Nacht mußte gearbeitet werden, damit sie wieder gangbar
wurden.
Die Strafe folgt jetzt schon. Gerade wurde ich gerufen, weil wir
einen Gasangriff auf Thiepval machen. So etwas habe ich so deutlich
noch nie gesehen. Der giftige grüne Gasdampf kriecht langsam
über die englischen Linien weg, Tod bringend und Verderben.
Und unsere Leute stehen und reiben vor Vergnügen die Hände
und machen faule Witze. So macht der Krieg. Der Engländer
würd's ja auch gewiß nicht anders machen. Jetzt zittert
und bebt man dort vor unserm Angriff. Und die englische Artillerie
legt ein Sperrfeuer auf unsere Gräben an der Höhe links
von Thiepval, wie ich es auch noch nicht gesehen. Es ist schaurig
schön. Und dabei geht im Westen friedlich u. still wie immer
an schönen Septemberabenden die Sonne unter, als sähe
sie nichts von all dem Blut und Jammer u. Tod.
Gestern hat man mir nun auch meinen braven fleißigen Feldwebel
Leutnant Reineke genommen. Er ist Verpflegungsoffizier des Bataillons
geworden. Ich gönne ihm den schönen Posten, aber er
wird mir noch lange fehlen.
Ich muß nun noch schnell vorn zur Kompagnie. Leb wohl, Liesi,
u. "Gott befohlen!" Ich bin und bleibe mit herzlichem
Gruß u. Kuß für Dich und unsere Buben in treuester
Liebe stets
Dein dankbarer Paul.
Feldpostbrief, 18. September 1916
Im Schützengraben vor Beaucourt, den 18. Septb. 1916
B 6, U. 29., Montagabend 1/2 7 Uhr.
Mein heißgeliebtes, gutes Lieschen!
Mein Tagebuch vom vorigen Jahre habe ich nicht hier. Aber ich
glaube, daß es genau um diese Stunde war, als ich erfuhr,
daß ich keine Mutter mehr hatte. In meiner schönen
Kompagnieführerdeckung am Jägerhof bei La Bassée
hatte ich auch damals gerade meinen Brief an Dich zu schreiben
angefangen, als mir der Telefonist den Fernspruch mitteilte. Du
erinnerst Dich wohl noch. Damals war prachtvolles Herbstwetter.
Und als ich am andern Morgen vom Rgts.-Motorfahrer bis Lille mit
seinem Motorrade gebracht wurde, hatte es stark gereift. Jetzt
regnets draußen in Strömen.
Unsere kaum wieder aufgeschütteten Gräben zerfließen,
und all die viele Arbeit der schweren 14 Tage scheint vergeblich.
Wenn der von all der Artilleriemunition völlig zu Mehl gewordene
Kalkboden mit Wasser sich mengt, dann gibts Kalkschlamm. Und der
fließt dickflüssig. Das Zeug klebt an den Füßen,
daß man kaum weiterkann.
Die Gefechtstätigkeit leidet natürlich unter solchem
Wetter. Gestern abend habe ich wieder ein schauerliches Schlachtenbild
gesehen. Eins übertrifft jetzt immer das andere. Und dabei
glaubte ich immer schon, furchtbares mitgemacht zu haben. Es ging
mal wieder um Thiepval. Und die Dunkelheit schickte ihre ersten
Schatten. Aber die Höhe rechts von Thiepval war in Feuer
gehüllt. Und Rauch zog über dem Ganzen hin, der all
die Schrecken verhüllen wollte. Aber blutrot leuchteten 4
Schweinwerfer durch den dichten Rauch. Das werde ich nie vergessen.
Sie sollten wohl den stürmenden Engländern Signale sein.
Aber etwas so Grausiges, wie diese buchstäblich blutroten
Lichter in ihrem ruhigen Schein in all dem wehenden Rauch u. zwischen
dem zuckenden Feuer krepierender Granaten u. Schrapnels sich dem
Auge darboten, Liesi, das läßt sich nicht beschreiben,
dafür hat auch kein Maler Farben. Uns möge man Schlachtenbilder
zeigen später, soviel man will -solch grausige Wirklichkeit
kann nie und nimmer dargestellt werden.
Ob etwas erreicht ist durch den Sturm, das weiß ich nicht.
Wahrnehmen konnte ich's nicht. Der heutige Heeresbericht konnte
davon noch nichts bringen. Im übrigen lautete er ja nicht
gerade ungünstig. Vor allem in Rumänien ist unsere Lage
scheinbar günstig. Und es gibt ja heute viele Leute,
die glauben, dort, fern im Osten, falle die Entscheidung.
Ein Brief kam gestern von Dir nicht. Da gibt's gewiß doch
heute einen. Vielleicht sogar ein Paket. Morgen hat ja Dein Paul
Geburtstag, u. den vergißt mein Frauchen nicht. 35 Jahre.
Dein Mann wird alt, Liesi! Aber mein Herz ist jung geblieben und
wird's auch bleiben, wenn ich Leben u. Gesundheit behalte.
Wenn alles gut geht, werde ich morgen durch die 10. Komp. abgelöst,
u. ich kann morgen abend meinen Geburtstag in 2. Stellung feiern.
Da ich mit dem Kompagnieführer der 10. Komp., Ltn. Neise,
sehr gut fertig werde, ist das Zusammenarbeiten der beiden Kompagnien
ein Vergnügen. Vielleicht ist um 9 Uhr die Ablösung
schon beendet. Dann gibts für 14 Tage ein vielleicht etwas
ruhigeres u. regelmäßigeres Leben. Hier gings an die
Nerven.
Leider ist mein gestriger Brief nicht mitgekommen u. liegt noch
auf der Schreibstube. Nun wird er wohl mit diesem Br. zusammenkommen.
Ich bin mit herzlichstem Gruß u. heißem Kuß
in treuer Liebe
"Gott befohlen!"
Euer Vater
Feldpostbrief, 30. September 1916
Im Bismarckstollen, den 30. September 1916
Sonnabend, abends 12 1/4 Uhr.
Mein heißgeliebtes, gutes Lieschen!
Eigentlich ist 's ja schon Sonntag. Aber soeben kam telefonischer
Befehl, daß um 1 Uhr die Uhren auf 12 Uhr zurückgestellt
werden. Da beginnt also der 1. Oktb. erst um 1 Uhr. Und im Grunde
genommen ist eine Stunde gewonnen. Die will ich dann noch schnell
für mein Lieschen benutzen. Wir haben bis eben gemütlich
bei einem Glase Bier zusammengesessen. Das hat uns gut geschmeckt.
Denn keiner von uns hatte gehofft, daß heute abend der schöne
Bismarckstollen noch in unserm Besitz gewesen wäre. Heute
morgen griffen die Engländer an. Heute nachm. gegen 1/2 6
Uhr wieder. Überraschend. Ohne große Artillerievorbereitung.
Das sollte wohl endgültig die wichtige Höhe links von
uns den armen Regimentern dort nehmen. In hellen Haufen sahen
wir die Engländer bereits am diesseitigen Hange laufen. Unsere
Artillerie sah das zu spät. Aber trotzdem glauben wir, daß
die Engländer nichts haben halten können. Ich sage Dir,
Lieschen, das erleichtert! Verzweifeln hätte man mögen,
als die Kerle wie die Sündflut kamen. Und wir konnten doch
nicht helfen. Schießen durften wir nicht. Es konnten ja
flüchtende Deutsche sein. Aber gejubelt haben wir, als einzelne
Leute zurückliefen. Das mußten ja fliehende
Feinde sein. - Nun sind's 5 Tage, daß die Engländer
anrennen. Ob sie's bald aufgeben? Erreicht haben sie doch nicht
besonders viel. - Ich habe aber an jedem dieser 5 Tage einmal
meinen Tornister mit dem Nötigsten gepackt für den Rückzug
oder für die Gefangenschaft. Eins von beidem kommt nur in
Frage, wenn links die Höhen nicht zu halten sind u. man am
Leben bleibt. Jetzt kehren aber Hoffnung und Vertrauen wieder.
Da kam mir eben telefonische Nachricht vom Major, daß unser
Falkenheyn eine rumänische Armee vernichtend geschlagen habe.
Und in Amerika scheint unsere "Bremen" glücklich
gelandet zu sein. Gottlob! Nach trüben Tagen endlich Sonne!
Wenn die Not am größten, ist Gottes Hilfe am nächsten!
Du glaubst kaum, Liesi, welch schwerer Druck von mir genommen
ist!
Dazu kam schon heute Dein lieber, lieber Brief vom 28.9. Herzlichsten
Dank dafür. Auch für die Heideblümchen! Von Lina
kam ein Brief vom 16.9. Der hatte erst den Umweg über sämtliche
Kompagnien des R.l.R 15 gemacht, weil er dorthin adressiert war.
- So, Liesi, gleich ist 's 1 Uhr. Da stelle ich die Uhr auf 12,
u. dann gehe ich zu Bett.
Morgen mehr! Gott befohlen und gute Nacht!
Dein treuer Paul.