Das Tagebuch ist Schenkung an das Deutsche Historische Museum.
Die Aufzeichnungen meines Vaters geben einen Einblick in seine Gedanken- und Gefühlswelt
während des Stellungskrieges an der Westfront 1915 sowie in seine Kriegsgefangenschaft
in Frankreich von 1915 bis 1918.
Curt Kowalski wurde 1883 in Rastenburg (Ostpreußen) geboren.
1903 erfolgte der Eintritt in ein Pionierbataillon als Fahnenjunker, 1904 die Beförderung
zum Leutnant. Nach dem Ersten Weltkrieg gab es im neuen 100.000-Mann-Heer
keine Verwendung für ihn und er trat als Major in die Polizei
ein. Einsatz als Kommandeur in verschiedenen Städten in Ostpreußen
und in Potsdam. 1936 Beförderung zum Oberst und Ernennung
zum Inspekteur der Ordnungspolizei in Ostpreußen. Seine
reguläre Dienstzeit war am 1. Oktober 1939 beendet, wegen
des Krieges kam er jedoch nicht in den Ruhestand, sondern wurde Inspekteur
der Ordnungspolizei in Brandenburg. Im Mai 1942 erfolgte die Beförderung zum General
und im Oktober 1942 die Versetzung in den Ruhestand. Als
ehemaliger Polizeigeneral wurde er 1945 von der Sowjetarmee verhaftet
und in Sachsenhausen interniert. Dort ist er - laut russischem Totenschein
- 1948 an Tuberkulose verstorben.
Originalaufzeichnungen meines Vaters:
Stellungskrieg
Am 1. Juni 1915 war mein Geburtstag. Ich wurde durch ein Ständchen
von meiner 2. Kompanie geweckt, ein Unteroffizier überreicht
mir einen Strauß. Die Burschen des Regimentsstabes hatten
Stubentüren, Stühle und den Tisch in rührender
Weise mit Blumen geschmückt. Mittags kamen die Herren und
wünschten mir Glück, darunter auch Leutnant Winkler,
6. Kompanie. Nachmittags um 4 Uhr lag er mit zerrissenem Körper
vor mir. Ich hatte ja auch schon viel gesehen in den langen Kriegsmonaten,
aber der Tod dieses Jungen, der durch alle Gefahren bei St. Michel
unverwundet hervorgegangen war, der Tod auf diese elende Weise,
fern ab vom Feind, hat mich mächtig ergriffen. [...]
Die erste Zeit, Anfang August, war verhältnismäßig
ruhig; Mitte August setzte dann ein heftiges Minenfeuer, aus großen
und kleineren Minen bestehend, ein. Das war nicht gerade schön,
denn oft wurden in einer Stunde 60 - 80 schwere Minen auf die
Stellung verschossen. Einmal wäre ich beinahe zerrissen worden,
als ich im Hessengraben zur Stellung wanderte. Die Mine kam genau
auf mich zu, so daß ich die mutmaßliche Aufschlagstelle
nicht schätzen konnte. Sie detonierte keine 5m von mir auf
der rückwärtigen Brustwehr und warf mich im Graben um
und um, Sand, Steine und Qualm mir ins Gesicht schleudernd. Ich
habe noch lange davon genug gehabt.
Für das Ausweichen und Decken bei Minenschießen hatte
ich eine neue Art erfunden. In den "Heldenkeller" kam
man doch nicht so schnell, außerdem war auch nicht immer
einer in der Nähe. Jessen hatte allerdings eine merkwürdige
Gewandtheit darin Heldenkeller zu finden, sich mit einem Kopfsprung
herab zu stürzen und dann ein Hohngelächter anzustimmen.
Ich hatte leider bis zum letzten Augenblick das Bücken nicht
gelernt. Die Granaten ließen mich herzlich kalt. Also meine
Methode war sich an einer Ecke aufzustellen und dann je nachdem
wie die Minen einfielen auf die eine oder andere Seite zu springen.
Das taten nachher alle meine Herren so.
Ein anderes Bild. Naturgemäß nahm mich das Minieren
am Meisten in Anspruch. Stundenlang habe ich bei meinen Leuten
vor Ort gesessen und das Klopfen und Arbeiten der Franzosen gehört.
Ein eigenartiges Gefühl. Kein Laut ringsum als das Klopfen
der Herzen und das Geräusch des arbeitenden Gegners. Ich
hätte täglich sprengen können wie es ja Oberleutnant
R. tat - ob zum Nutzen der eigenen Stellung bezweifele ich -
aber ich wollte die Franzosen bis auf 12 - 15m herankommen lassen
und sie dann mit tötlicher Sicherheit vernichten. 20 m waren
sie etwa noch entfernt. Da hieß es Nerven behalten. Aber
lieber ließ ich die Franzosen sprengen, als daß ich
mir mein System zerstörte. Die Franzosen sprengten jedes
Mal zu früh und erreichten damit wenig oder nichts. Die Stellung
konnten sie nicht zerstören, meine Leute auch nicht abquetschen,
da ich einerseits viel tiefer war, andererseits eine gut ausgebaute
Minengalerie - das einzig brauchbare von meinem Herrn Vorgänger
- besaß.
Drei Mal entstand Panik in der Stellung, in dem die Infanterie
behauptete, die Franzosen bohrten bereits unter der vorderen
Stellung. Das war ja nun undenkbar; sie hätten dann mindestens
in einer Tiefe von 40m arbeitend unter mir durchgehen müssen
und das war ausgeschlossen, da sämtliche 26 Stollen, die
ich Mitte September in Betrieb hatte, teilweise mit dem Ohr, teilweise
mit Horchgerät abgehorcht wurden und zwar dauernd. In den
übrigen wurde noch gearbeitet und 8 Horchpausen innerhalb
24 Stunden eingelegt.Einmal stellte ich das Geräusch als
das der sehr tief fliegenden französischen Flugzeuge fest,
das sich in den Unterständen verfing und wie Bohrgeräusch
erschien. Das zweite Mal war es ein starker Regen, das dritte
Mal erschrak aber selbst Jessen. Nach wenigen Stunden hatten wir
es heraus, es waren nagende Mäuse!, die piepsend enteilten,
wenn man auf das Schurzholz schlug. Die Franzosen arbeiteten sehr
vorsichtig, schlugen immer mit meinen Leuten zugleich und hörten
auf, wenn wir aufhörten. Ich ließ in den gefährdeten
Stollen weiter arbeiten und horchte mit Jessen zusammen vom Nebenstollen
aus. Man hörte dann ganz genau das geringe Nachklappen der
französischen Schläge. [...]
Die Arbeiten in den Stellungen wurden stark behindert durch die
ungenügende Materialversorgung. Mir waren Minenwerfer zerschossen;
trotz mehrfacher Anträge bei der Division habe ich keinen
Ersatz erhalten. Schlimmer war es noch mit der Überweisung
von Brettern und Faschinen; oft stockte die Arbeit vollständig.
Bretter und Balken gab es fast gar nicht. Ich habe mich hierüber
des öfteren beim Kommandeur der Pioniere persönlich
wie auch bei seinem Adjutanten, beschwert und um reichlichere
Materiallieferung gebeten. Der Erfolg war ein geringer. Dabei
wurde vom Führer der Armeegruppe gefordert, daß selbst
die Läger hinter der Front vorzüglich ausgebaut werden
mußten. Die Ärzte wiesen mit Recht darauf hin, daß
es im Interesse der Gesundheit der Truppe sei, die Unterstände,
die ja tief in der Erde lagen, mit Brettern zu verschalen. Aber
wie sollte das gemacht werden, da kaum genügend Holz für
die Kampfgräben vorhanden war.
Es ist mir peinlich, aber trotzdem muß es gesagt werden.
Kam man in die größeren Ortschaften, in denen die Stäbe
lagen, so konnte man sehen, wo das kostbare Material blieb. Villen
und Häuser haben sich die Stäbe bauen lassen, von denen
jedes ein Kapital ausmachte, und von deren Bretter und Balken
man ein ganzes Lager hätte bauen können und die von
den vorderen Stellungen händeringend gebraucht wurden. Bezogen
sind sie niemals, denn als sie fertig waren, schoß der Gegner
in die Ortschaften und es wurde dort zu gefährlich. [...]
Der Weg vom Lager zur Stellung war fast unpassierbar geworden.
Am 19.9. begab ich mich mit J. und einem Gefreiten zur Stellung.
Als wir an den Südrand des Lagers kamen, lag die ganze Schlucht
bis zur R-Stellung unter schwerem Granatfeuer. Es war 6 Uhr morgens.
Wir warteten eine Weile bis die Gruppen auf einer anderen Stelle
lagen und gingen dann weiter. Als wir uns aber gerade in der Mitte
zwischen Lager und R.-Stellung befanden, war das Ziel schon wieder
gewechselt. Gleich die ersten Lagen detonierten keine 15-20 m
hinter uns. Deckungslose Ebene! Bis zur R.-Stellung noch 150m!
Ich schrie: Schwärmen marsch, marsch! Und wir versuchten,
die R.-Stellung zu erreichen. Lage auf Lage pfiff heran, die Granaten
detonierten auf allen Seiten, wir waren mitten in diesem Hexenkessel.
Ich glaube, niemand von uns gab einen Pfifferling für sein
Leben. Dann stürzten wir in die R.-Stellung. Aber wir hatten
die richtige Stelle verfehlt, kein Heldenkeller zu sehen. Wir
lagen auf dem Boden und schöpften Luft, während Granate
auf Granate dicht neben uns einschlug. Eine zerstörte die
Schulterwehr. Als es etwas nachließ, liefen wir in der Stellung
weiter, um einen Heldenkeller zu finden. Noch zweimal mußten
wir uns hinlegen, ehe wir in seinen rettenden Schoß hinabtauchen
konnten. ½ Stunde mußten wir noch sitzen. Wir waren
gerade in das schlimmste Feuer hineingelaufen.
Die Schußzeiten und belegten Räume wurden nunmehr beobachtet.
Und es gelang ohne Verluste die Ablösungen fast bis zum letzten
Augenblick planmäßig aufrecht zu erhalten.
Im Lager hatte ich den Feldküchenraum, das Kasino und später
noch meinen Unterstand den Mannschaften eingeräumt, so daß
alle nach menschlichem Ermessen gegen Voltreffer bis 15 cm einschließlich
geschützt waren. Während dieser Zeit begab ich mich
noch täglich vom Lager in die Stellung und kehrte im Laufe
des Tages dorthin zurück. [...]
Am Abend des 20.9.1915, wir wollten an diesem Tage die Verleihung
des EK1 an Leutnant W. feiern, telefonierte mich Hauptmann T.
noch an, teilte mir einige wichtige Beobachtungen mit und bat
um Rat. Da mir die Nachrichten doch sehr bedrohlich erschienen,
und ich sie infolgedessen nicht durch das Telefon abmachen wollte,
so begab ich mich zur Gefechtsstelle. [...] Es waren Nachrichten
gekommen, daß die Franzosen ihre Drahthindernisse forträumten
und daß das Art.-Feuer nunmehr auf den Stellungen liege.
Der Angriff stand also in Bälde bevor. Daß wir allerdings
noch 5 Tage ein namensloses Art.-Feuer würden aushalten müssen,
davon ahnten wir glücklicherweise nichts.
Mit Hauptmann T. zusammen legte ich am 21.9. noch eine Stellung
fest, die vom Mansteingraben in nordwestlicher Richtung verlief
und den Anschluß an die Steilhangstellung zum I.R. 17 bilden
sollte, falls die Waldstellung nicht mehr zu halten war. Hier
sah es schon seit Tagen furchtbar aus. Es rächten sich hier
die schluchtartigen Schützengräben. Oft mußte
man über den ebenen Boden springen. Die Infantristen unter
Anleitung meiner Leute taten was sie konnten, es ging nichts mehr.
Kaum war die Stellung fertig, war sie schon wieder zerstört.
Aber es wurde mit zäher Energie weiter gearbeitet. Und es
sollte noch schlimmer werden. [...]
Das Französische Art.Feuer hatte sich seit dem 20.9. abends
ständig an Heftigkeit zunehmend von den Lagern aus schließlich
auf die Stellungen gewandt. Aber nicht wie in der Winterschlacht
dauerte es wenige Stunden des Tages, sondern ununterbrochen Tag
und Nacht lagen die Granaten aller Kaliber bis einschl. 28cm auf
den Stellungen und Annäherungswegen. Einzelne Schüsse
waren stundenlang übehaupt nicht mehr zu unterscheiden. Es
konnte sich nur der einen Begriff machen, der es mit angesehen
und miterlebt hatte. [...]
Dann ging ich durch die Stellungen. Sie sahen furchtbar aus, besonders
die der rechten Flügelkompanie. Schon am 22.9. war die linke
Flügelkomp. an 8 Stellen völlig zugeschossen, die rechte
Flügelkomp war kaum noch verwendungsfähig. Ich ließ
das Minieren einstellen und teilte meine Kompanie sowie die Infantrie-Pion.-Komp.
zur Wiederherstellung der zerschossenen Stellungen ein. Dieses
gelang auch in der Nacht vom 22./23. 9. Trotz des Art.-Dauerfeuers.
Um die Mittagszeit des 23. 9. war ein Verkehr schon nicht mehr
möglich. Das Art.-Feuer hatte sich zu einer unerhörten
Heftigkeit gesteigert. Und das Schlimmste war, es hörte auch
bei Nacht nicht auf. Schon in der Nacht vom 23 .zum 24. 9. war
eine Wiederherstellung unmöglich, obgleich bei jeder Kompanie
40 Pioniere und 60 Inf.-Pioniere arbeiteten. Selbst meine besten
Unteroffiziere meldeten, daß ein Weiterarbeiten zur Unmöglichkeit
geworden war. Dennoch wurde es versucht, einen Erfolg hat es nicht
gehabt.
Alle Meldungen, die aus der Front zu den höheren Befehlsstellen
abgeschickt wurden, daß ein Halten der vorderen Stellungen
nicht mehr möglich sei, schienen nicht weitergegeben zu werden
oder wurden nicht beachtet. Es kam auch niemand in die vordere
Stellung! Du lieber Gott! Warum kam denn niemand, sich mal diese
Stellung anzusehen? Ich glaube, dieser Befehl wäre nie gegeben
oder doch wenigstens rückgängig gemacht worden. Aber
kein Gen.-Stabsoff., kein Adjutant oder Ordenanzoff. ließ
sich blicken. Sie kamen nur an ganz ruhigen und schönen Tagen,
wunderten sich über die Ruhe, fanden die Stellung ausgezeichnet,
sahen durch die Scharten, fanden das Schußfeld großartig
und behaupteten, man könne sich wochenlang in der Stellung
halten. Natürlich, wenn die französische Artillerie
nicht schoß. Welch bodenlose Unkenntnis! [...]
Als ich am Morgen des verhängnisvollen 25. 9. in die Stellung
ging, fand ich folgenden Zustand: Alle Gräben waren zum Teil
arg zerschossen, die Eingänge in die Stellungen völlig
eingeebnet; man mußte von Granattrichter zu Granattrichter
springen, denn man sah nur noch Granattrichter. Der Boden war
völlig zerwühlt, die Stellung einfach nicht mehr vorhanden.
Obgleich ich doch jeden Zentimeter von der Stellung kannte, wußte
ich nicht mehr, wo sie lief. Die Absicht, meine Leute zu besuchen,
mußte ich aufgeben. [...]
Ins Mittellager zurückgekehrt erstattete ich Meldung an Hauptm.
T. Noch einmal gelang es, mit dem Regt. Verbindung zu erhalten,
uns ich erstattete auf bitten von T. persönlich Oberstltn.
B. Meldung, daß ein Halten der Stellung unmöglich sei,
da alles vorne vernichtet war. Auch bat ich nochmals um Art.-Unterstützung.
Geschehen ist hierauf nichts. Unterdessen hatte sich auch im Mittellager
das Bild zu unseren Ungunsten verschoben. Der ganze westliche
Teil war von 28cm Granaten völlig vernichtet. Trichter lag
an Trichter von 3 - 4m Tiefe und 6 - 7m Durchmesser und noch immer
schlugen unaufhörlich mit furchtbaren Detonationen und unheimlicher
Präzision die Granaten 150m von unserem Unterstand entfernt
ein. Alle Fenster waren gesprungen und erzitterten und bebten.
Schon am 24.9. kam die französische Infanterie vor der linken
Flügelkompanie ohne die Drahthindernisse fortgeräumt
zu haben aus den Stellungen heraus. Der Zweck wurde uns bald furchtbar
klar. Die um die "Heldenkeller" noch stehen gebliebenen
Löcher wurden von unsere Infanterie sofort besetzt. Dann,
als das erste Infanteriefeuer begann, zog sich der Gegner rasch
in die Stellungen zurück. Der Zweck war ja erreicht. Die
während des Kampfes unablässig über den Stellungen
kreisenden Flieger hatten die Stolleneingänge, die noch nicht
eingeschossen waren, erkannt. Art. und Minenwerfer legten ihr
Feuer darauf und bald waren die wenigen noch lebenden Männer
verschüttet. Das Schweigen des Todes breitete langsam seine
Fittiche über den Stellungen aus. [...]
Einen Augenblick fuhr mir der Gedanke durch den Kopf, mich zu
meiner Kompanie zu begeben, von der ich schon 5 Tage abwesend
war. Dann verwarf ich es, es klappte ja alles und die paar Unterschriften
- wieviel Läuse der Mann habe und so - konnte ja auch W.
in meiner Abwesenheit leisten. Hier war ich wichtiger. Das war
mein Verhängnis. 2 Stunden später war die Tür ins
Schloß gefallen, ein Entkommen nicht mehr möglich.
Daran hatte ich zu der Zeit allerdings nicht gedacht.