Gasangriff, Niederlage und Aufgabe
Es mochte gegen 11 Uhr gewesen sein, vorne war es merkwürdig
still geworden, da stürzte plötzlich Oberltn. B. mit
wenigen Leuten völlig ermattet in das Mittellager und meldete,
die vordere Stellung sei von den Franzosen genommen. Die Ereignisse,
die Meldungen überstürzten sich. Anscheinend war der
Gegner auch bei 17 bereits durchgebrochen, kleinere Abteilungen
sahen wir in der Mulde nördlich des Mittellagers. Es wurde
der Befehl zum Besetzen der Steilhangstellung gegeben. Aber es
war eine Panik ausgebrochen. Ein großer Teil versuchte nach
Norden durchzubrechen, dem sich T. und ich entgegen warfen. Da
wir ihnen aber nicht entgegen treten konnten, mußten wir
es aufgeben. Einen Augenblick schienen wir ganz allein zu sein,
dann plötzlich raffte ich mich auf. Die Steilhangstellung
mußte gehalten werden, vielleicht war noch etwas zu retten.
Ein ganzer Infanterie- und Jägerzug, darunter ein Wachtmeister,
der sich ganz ausgezeichnet benahm, riß ich zusammen, nahm
selbst ein Gewehr, einen Patronengürtel hing ich mir um,
und einige Handgranaten nahm ich in die Hand und stürzte
mit diesem kleinen Trupp, etwa 15 - 18 Mann in die Steilhangstellung.
Die Stellung ließ ich beiderseits des Hessengraben besetzen
und stellte im Graben nach Süden und nach Norden Posten auf.
Denn nördlich des Mittellagers waren bereits stärkere
Abteilungen gesehen worden, der westliche Teil, meldete mir eine
Patrouille, war vom Feinde besetzt. Also eingekreist! [...]
Gegen 12 Uhr griffen die Franzosen vom Mittellager her meinen
westlichen Flügel an. Ich zog den größeren Teil
meiner geringen Kräfte in die Stellung westlich des Hessengraben
und als die Franzosen über den Höhenrand kamen, eröffneten
wir ein ruhiges Feuer, das heftig erwidert wurde. Eine halbe Stunde
mochte dieser ungleiche Kampf gewährt haben, dann zogen sich
die Franzosen zurück. Manchen haben sie liegen lassen müssen.
Auf der Brustwehr kniend schoß ich selbst mit. Mit dem Leben
hatte ich abgeschlossen, dann sollte es aber wenigstens schnell
gehen. Die Stellung war auch gegen diesen zweiten Angriff gehalten
worden. Es entstand eine Gefechtspause, die ich benutzte, um erneut
Fühlung mit dem linken Bat. aufzunehmen, was nunmehr gelang.
Da ich der Älteste in der Stellung war, übernahm ich
die Führung der vorhandenen Kräfte. Zunächst ging
ich selbst nach links, um mich von der Stärke zu überzeugen.
Ich fand ein MG, das völlig blödsinnig mit einem Schußfeld
von 10 - 12 m frontal wirkend eingebaut war.
Ich befahl sodann:
- Das MG baut sich etwas vorwärts der Steilhangstellung
ein, Front nach Südwesten zur Bestreichung des Drahthindernisses
und des Höhenrückens davor.
- Die Züge ziehen sich nach rechts auseinander, zwischen
zwei Schulterwehren 4 Mann.
- ½ Zug, 40 Mann, besetzen die Steilhangstellung zwischen
Hesse- und Müllergraben.
- Schwache Sicherung nach Süden wie nach Norden, alles
übrige in Deckung.
Dann eilte ich wieder an den gefährdeten Flügel. Mittlerweile
hatten die Franzosen die Stellung vom Ruhnaugraben westlich besetzt.
Man sah mit einer blau-weiß-roten Flagge Winkerzeichen geben.
Ich ließ daraufhin zunächst nichts unternehmen, um
Ruhe für die Ausführung der gegebenen Befehle zu haben.
Dann begab ich mich nochmals durch die Stellung, um mich von der
Ausführung der Befehle zu überzeugen. Ein Mann fiel,
ein Granatsplitter riß ihm die Schädeldecke ab, das
Gehirn fiel heraus, ich wurde an der rechten Schulter verwundet.
Es muß ein pfeilartiger Splitter gewesen sein, der von der
Seite kommend meine Schulter streifte. Der Schlag war stark schmerzhaft,
der Waffenrock war zerrissen und die Haut leicht gestreift.
Ich verteilte die Offiziere. Dann erfuhr ich, das Hptm. S. im
Mittellager noch anwesend sei, begab mich zu ihm und meldete die
selbständig getroffenen Anordnungen, da ich teilweise über
seine Kräfte verfügt hatte. Die Anordnungen wurden gebilligt.
Hier erfuhr ich, daß der Gegner ebenfalls schon um 11 Uhr
auch beim I.R. 39 links durchgebrochen sei und mit starken Kräften
die nach Norden führenden Annäherungswege besetzt habe.
Dann lief ich zu Hptm. T., dem ich Mitteilung von den Ereignissen
vorne machte. Hptm T. hatte unterdessen das Mittellager mit der
Front nach Norden besetzen lassen. Ein großer Teil der vorher
ausgerissenen Mannschaft war zurückgekehrt.
Als ich mich erneut in die Stellung begab, griffen die Franzosen
zum dritten Mal von Nordwesten her unseren westlichen Flügel
an, bereits unterstützt von MGs, die das Mittellager flankierten.
In der Stellung waren die Befehle ausgeführt. Es mag gegen
14 Uhr gewesen sein, Oberltn. B. hatte sich soweit erholt, daß
er wieder verwendungsfähig war. Ich übertrug ihm den
Befehl über die westlich des Hessengraben befindlichen Kräfte,
die ich nochmals um 4 Gruppen verstärkte, da das Schwergewicht
des Kampfes auf diesem Flügel lag. [...]
Gegen 15 Uhr versuchten die Franzosen zum vierten Male vorzukommen.
Dieses Mal in Form eines Handgranatenangriffes durch den Müllergraben.
Auch dieser wurde mittels Handgranaten abgewiesen. Bei allen vier
Angriffen habe ich im Feuer gestanden, persönlich mitgeschossen
und geworfen und ein Wunder ist es, daß ich mit dieser leichten
Verwundung davon gekommen bin. Zwischen 15 und 16 Uhr wurde das
Mittellager mit Gasgranaten belegt, da aber Südwind stand
und es ein wenig regnete, konnten sich die Truppen halten. Schön
war es nicht. Später wurde dieses Feuer ungefähr 1500m
nördlich verlegt und bald stand genau nördlich des Mittellagers
eine Gaswolke von 30m Höhe und 1000m Breite.
Die gewaltige Kanonade war verstummt. Dafür feuerten die
Franzosen Gasgranaten. Dieses leichte Zischen, die schwachen Detonationen,
der betäubende Geruch machte einen halb wahnsinnig. Stunde
um Stunde hörte man nur dieses entsetzliche leise Pfeifen.
Ich brauchte die Gasmaske. [...]
Die Möglichkeit eines Durchbruchversuches nach Norden wurde
erwogen. Beide Flügel schwebten in der Luft, der westliche
konnte von Geschützen und MGs flankiert werden, starke Kräfte
befanden sich vor der Front, die sofort nachgestoßen hätten,
und im Rücken. Und wären wir auch unter großen
Verlusten durch die Schlucht nördlich des Mittellagers gekommen,
hätten wir die Osterstellung überrannt, an der Gaswand
wäre der Durchbruch zum Stehen gekommen. Dann aber wäre
eine Übergabe unmöglich geworden, denn der Gegner bestand
aus Algeriern und Turkos. Wir wären nutzlos niedergemetzelt
worden.
Die Hilfe mußte in Form eines Gegenstoßes der Reserven
kommen, die wir mit den vorhandenen Kräften mit Erfolg unterstützen
konnten. Mein Gott, ich kannte die Stärke der Reserven! Und
so wußten wir von vornherein, daß diese Hoffnung sich
nicht erfüllen konnte. Dennoch wurde beschlossen: Ein Durchbruch
ist unmöglich, wäre sinnloses Morden der paar hundert
Mann, die noch übrig waren. Die Nacht soll abgewartet werden,
solange ist die Stellung zu halten. Erfolgt am 26. 9. Morgens
kein Gegenstoß der Reserven, dann Übergabe. Es lag
auch noch eine Gefahr nahe, die, je länger wir warteten,
desto handgreiflicher der Gegner werden. Nämlich die, daß
einerseits der Gegner wütend über den solange erfolgreichen
Widerstandes das Mittellagers unter Art.-Feuer nahm, oder aber
unsere Artillerie in Unkenntnis der Lage, das Mittellager vom
Gegner für besetzt haltend, ihrerseits das Feuer darauf richtete.
26.9.1915. Gegen 2 Uhr schickten wir einen Parlamentär und
ergaben uns, da jeder weitere Widerstand sinnlos gewesen wäre.
2 Stunden später wurde das Mittellager von der deutschen
Artillerie zusammengeschossen. So war dieser Kampf zu Ende gekämpft,
der am 25.9. so hoffnungsvoll begonnen hatte.