Als Kriegsgefangner auf Korsika
Am Nachmittag liefen wir in den Hafen von Bastia ein. Bevor wir
das Schiff verließen, wurden wir aufgefordert, ruhig geradeaus
zu sehen und nichts zu provozieren, die Bevölkerung sei sehr
erregt. Glücklicherweise waren es vom Dampfer bis zum Zuge
nur wenige Schritte. Eine tausendköpfige Menge, Herrschaften
der Gesellschaft bis herab zum gemeinen Gesindel hatte sich eingefunden,
um dieses allerdings seltene und merkwürdige Schauspiel zu
genießen. Dank der energischen Absperrung berittener Gendarmen
ging die Überführung mit einigen Händen voll Sand
glücklich vorüber. Das alles nur Theater war, haben
wir erst später gemerkt, als wir tiefer in den Geist dieses
feigen Gesindels eingedrungen waren. Wir atmeten auf. Noch eine
Station und wir waren am Ziel unserer unfreiwilligen Reise. [...]
In einer herrlichen Fahrt durch die Berge kamen wir um 21 Uhr
in Corte, unserem Bestimmungsort, an. Der Kommandant erwartete
uns auf dem Bahnhof. Wir traten zu Vieren an und marschierten
unter Bedeckung von Infanterie und berittenen Gendarmen ab. Manches
hatten wir ja schon erlebt, aber dieser Marsch vom Bahnhof zur
Zitadelle spottete jeder Beschreibung. Schon beim Verlassen des
Bahnsteiges wurden wir mit Johlen, Schreien und Pfeifen, Rufen
vive la France, vive l'Angleterre empfangen. Kaum traten wir ins
Dunkle, da hagelte es Steine, Sand und Anderes mehr auf uns. Ich
wurde wiederholt getroffen, andere Herren auch. Die Brille hatte
ich vorsichtshalber abgenommen.
Dann kamen wir in die Stadt. Dort war der Teufel los. Ein größerer
Lärm konnte kaum in der Hölle sein. Zu tausenden standen
die Menschen beiderseits der Straßen, schrieen, brüllten
pfiffen, johlten; wie die wilden Tiere gebärdeten sie sich,
Steine flogen, trafen uns und das Begleitkommando. Vor uns ging
der Kommandant, die oberste Militärbehörde von Corte,
nichts geschah. Kinder, halbwüchsige Burschen begleiteten
uns. Steine flogen auf uns herab. Man begann, die Marseillaise
zu singen. Es klappte erst nicht recht, dann anscheinend mit geistiger
Unterstützung älterer Personen kam die Jugend ins Gleis.
Die Jugend sang, man sollte den boches die Haut abziehen und sie
roh auffressen. Später erfuhr ich, daß dieses Lied
in den Schulen gelehrt sein solle.
Unter diesem Gesang und in dieser liebenswürdigen Begleitung
kamen wir glücklich, ohne wesentlich verletzt zu sein, auf
der Zitadelle an. Die hier bereits anwesenden Herren begrüßten
uns stumm am Eingang. Wir wurden sofort in den Speisesaal geführt.
Der Kommandant versammelte uns noch einmal im Saal, ließ
uns durch Hauptmann Graf Courten, der als Dolmetscher diente,
sagen, er achte und ehre uns als tapfere Soldaten, die das Mißgeschick
gehabt hätten, gefangen genommen zusein. Er selbst wäre
längere Zeit an der Front gewesen, dort schwer verwundet,
und kenne daher den Krieg. Er würde für seine Person
alles tun, um uns dieses schwere Los zu erleichtern. Seine Person,
wie diese Ansprache, machte den besten Eindruck auf mich.
Dann wurde uns noch ein Abendbrot aufgetragen, was auch sehr zu
begrüßen war, da wir seit morgens an Bord noch nichts
zu uns genommen hatten. Dann aber machten wir uns an die Wahl
unserer Zimmer und der Stubengenossen. 6 Hauptleute und 12 Oberleutnants
sollten in je einen Raum kommen. Ich hatte mich nach sorgfältiger
Beobachtung während der Zeit unseres Zusammenseins in Marseille
an die Hauptleute Kathe, Saenger, Ackermann, Siecke und Tilse
angeschlossen. Wir erhielten die Stube 15 zugewiesen und ohne
uns umzusehen, warfen wir uns auf die Betten und schliefen.
Am nächsten Tage sahen wir uns unsere Stube zunächst
genauer an. Eine Kasematte in der üblichen Form, Fenster
nach Nordosten, daher Sonne nur während der Morgenstunden.
Verhältnismäßig wenig Licht, da das Fenster fast
zur Hälfte mit Brettern verschlossen war, außerdem
Eisengitter davor. Die Inneneinrichtung bestand aus 6 Betten,
6 Stühlen, 1 Tisch, 6 Waschbecken auf einer Bank, 1 Wasserkanne
und 1 Eimer. Weder Schränke noch Spiegel waren vorhanden.
Alles in allem ein trauriges Bild. Dazu kam noch eine ziemlich
kleine Lampe, für die es alle 14 Tage ein Liter Petroleum
gab. Morgens war ein Apell, anschließend führte uns
Graf Courten in der Zitadelle herum und machte uns mit den Bestimmungen
bekannt, wo man gehen und stehen durfte und wo nicht.
Hausordnung: 7.45 Uhr Appell, anschließend Kaffee
( 1 Stk. Brot, eine Tasse Kaffe). 11.30 Uhr Lunch. 15 Uhr Appell
auf den Stuben, am Sonntag um 17 Uhr auf der Generalsterrasse
vor dem Kommandanten. 18.30 Abendessen, 20.00 Uhr Appell auf den
Stuben. [...]
Die Appelle wurden von einem aus dem Unteroffiziersstand hervorgegangenen
alten Oberleutnant abgehalten, ein ruhiger, anständiger Mann,
der uns keine Schwierigkeiten gemacht hat. Der Sonntagsappell
wurde, wie schon gesagt, vom Kommandanten selbst abgehalten, die
Namen wurden dabei verlesen. In der Zwischenzeit konnten wir in
den uns zugewiesenen Räumen spazieren gehen oder uns auf
den Stuben beschäftigen.
Die Zitadelle liegt sehr hoch über der Stadt mit einem schönen
Rundblick über das Tal der Tavignano und zu den Bergen, die
im große Kreise die Zitadelle umgeben und sie weit überragen.
Das Auge hatte somit freien Blick und konnte sich nach so viel
Monaten, in denen man nur weiße Schützengrabenwände
und den blauen Himmel gesehen hatte an den herrlichen Farbspielen,
Wolken, usw. erfreuen. Allerdings achtete man auf nichts. Ich
war noch völlig gebrochen, konnte mich gar nicht hineinfinden,
vor allem nicht in die Ruhe. Hatte ich in den vielen Menschen
des Feldzuges unter dauernder Lebensgefahr, unter dem furchtbaren
Feuer in der Winterschlacht in der Champagne und namentlich in
dem Kampf der letzten Septembertagen meine Ruhe und meine Nerven
behalten, hier wurde ich nervös. Dazu das Denken. Was mochte
aus meiner Kompanie geworden sein, namentlich was aus den vorne
eingesetzten Leuten, wie weit mochten die Franzosen vorgekommen
sein, hatten sie etwas erreicht? Das alles war unerträglich.
[...]
Quälend war auch der Gedanke um meine Mutter und meinen Bruder.
Ich hatte noch am 25.9. noch eine Karte geschrieben, die ich der
Ablösung mitgeben wollte. Dann kam die Gefangennahme, der
lange Transport. Aus dem Heeresbericht mußte ja meine Mutter
entnehmen, daß an der Stelle, an der ich mit meiner Kompanie
stand, eine Schlacht gewesen war; nun solange keine Nachricht
von mir. Man sah alles schwarz in schwarz. Dann dauerte es endlos
lange, bis ich Nachricht erhielt. Es war furchtbar. Die Stubenkameraden
hatten schon lange Nachricht, ich immer noch nicht. Der Zustand,
in dem ich mich geistig und seelisch befand, läßt sich
nicht schildern. [...]
Heute, am 1. 12. Taucht das Gerücht auf, daß einige
türkische Offiziere auf der Zitadelle untergebracht werden
sollen, und dafür 30 Herren fortkommen, wie schon vor Wochen.
Vorläufig glaube ich nicht daran. Jetzt merkt man erst, wie
schlecht das Essen ist. Es werden uns täglich 2 Fr., 60 Fr.
monatlich von unserem Gehalt zurückbehalten. Wir erhalten
125 Fr. monatlich und dürfen bis zu 25 Fr. wöchentlich
abheben. Das ist herzlich wenig, wenn man bedenkt, was alles davon
abgeht. Wir müssen uns ja alles selbst anschaffen. Die Stubeneinrichtung
ist nicht ganz billig gewesen. Tag aus, Tag ein nur die kahlen
vier Wände anzusehen, das wäre ja zum Verrücktwerden.
Kaffee oder Tee für den Nachmittag, Petroleum, Spiritus Streichhölzer,
Lichte, alle Waschgegenstände, die Wäscherin, das alles
muß man von 25 Fr. bezahlen und da sind die Genußmittel
wie Zigarren usw. noch gar nicht eingerechnet. Muß man sich
die Schuhe besohlen lassen, und die Sohlen sind auf diesem steinigen
Boden sehr schnell entzwei, so kommt man ganz schnell in Verlegenheit.
Es kosteten: Petroleum 0,70 Fr
Spiritus 1 Liter 2,60 Fr
1 Dtz. Lichte 2,40 Fr
Schuhe besohlen 8,00 Fr
Dazu kam, daß das Essen nicht nur völlig unzureichend,
sondern auch recht schlecht war. Morgens der Kaffee war trinkbar.
Dazu gab es eine Scheibe Brot, womit man bis 11.3o Uhr auskommen
sollte und mußte. Das zweite Frühstück bestand
aus einem Vorgericht, einem Fleischgang und Obst oder Käse.
Das Abendessen war das Gleiche, nur anstelle des Vorgerichtes
Suppe.
Die Zubereitung war elend. Zwiebel, Knoblauch, kaum anständig
gesalzen, Salz gab es zu Tisch nicht, so daß man auch nicht
nachsalzen konnte., das Fleisch so zäh, daß schon ein
Raubtiergebiss dazu gehörte, um es klein zu kriegen. Man
versuchte es aber zuletzt gar nicht mehr. Gab es gar Wurst, so
ließen wir den Teller gar nicht erst auf den Tisch kommen.
Sie sah so aus, als ob sie schon einmal gegessen und dann in der
bekannten geänderten Form wieder in die Därme getan
war, sie roch auch so.
Im Oktober war man ja so niedergebrochen, daß man gar nicht
hinsah, was einem vorgesetzt wurde. Im November aß ich nur
für 20 Cent Ziegenkäse und Brot. Im Dezember ging ich
übehaupt nur noch Abends zum Essen; lieber war ich auf der
Stube mit einem Stückchen Wurst und Käse zufrieden als
dieses Essen auch nur zu sehen. Daher meine Hilfeschreie nach
Konserven, die ja dann auch glücklich eintrafen. Makkaroni
und Reis, die ich im Frieden schon nicht sehr gerne aß,
hier, wo es diese Gerichte mindestens einmal täglich gab
und hier konnte ich sie übehaupt nicht mehr sehen.
Einen Teller Suppe aß ich abends, nur um dem Körper
einige Flüssigkeit zuzuführen. Fand man nur Haare und
Schmutz darin, konnte man noch zufrieden sein. Aber auch Raupen
und Regenwürmer haben ihr Leben lassen müssen, um die
Suppe etwas fetter zu machen. Wir schafften uns dann gemeinsam
eine Bratpfanne an und kochten uns Kartoffeln, aßen Bratkartoffeln
mit Eiern. Das Ei kostete 30 Ct., die Flasche Bier 75 Ct., die
Flasche Wein 70 Ct. (einfacher Landwein, mal ganz gut, manchmal
nicht zu trinken), Kartoffeln 20 Ct. das Pfund, Butter 50 Ct.
je 250 Gr. [...]
Heiligabend. Meine Gedanken sind bei meiner Kompanie, bei Mutter
und Bruder. Mein Gott, daß ich heute nicht unter meinen
Leuten sein kann, es ist furchtbar, ich könnte heulen. Um
17 Uhr Andacht durch Leutnant M., die Predigt war sehr gut. Anschließend
Essen, Bescherung der Ordennanzen, die reichlich Wäsche,
andere Gebrauchsgegenstände und Süßigkeiten durch
Sammlung unter uns erhielten. Ich begab mich um 21 Uhr auf die
Stube und legte mich hin. In den übrigen Stuben wurde in
der üblichen Weise gesoffen und Krach geschlagen. Erst gegen
Morgen legte sich der Lärm.
Am 25. 12. abends steckten wir unseren Baum, den wir für
5 Fr. erstanden hatten, an. Es war ja kein heimatlicher Tannenbaum,
aber schön war er doch. Aus unseren zusammengesparten Konserven
stellten wir ein Abendessen zusammen und aßen unter dem
Tannenbaum. Sylvester! Wieder war am Nachmittag Gottesdienst.
Die Predigt war dieses Mal nicht so gelungen. Anschließend
Essen. Dann dieselbe elende Sauferei wie Heiligabend, scheußlich.
Hoffentlich bringt das neue Jahr den so heiß erhofften Sieg
unserer Waffen und Befreiung aus dieser elenden Gefangenschaft.
Ich bin wieder ganz fassungslos. Was wird das alles nach dem Kriege
werden. Und wenn ich mir Tausend Mal sage, Du hast Deine Pflicht
getan, treu dem Fahneneid, du kannst nichts dafür, gefangen
genommen zu sein, mein Gott, ich bin aktiver Offizier. Der Beruf
ist mein ein und alles. Und jetzt nicht mehr mitmachen können,
wenn das Signal zum Angriff bläst! Fort! Schluß! Das
Neue Jahr beginnt, Gott schenke uns den Sieg und den Frieden!
Das Leben läuft nun wieder seinen gewohnten Gang. Aufstehen,
spazieren gehen, essen, lesen oder Skat spielen, schlafen gehen.
Und das seit Monaten und kein Ende abzusehen. [...] Das enge Zusammenleben
auf der Stube ist furchtbar. Nähme ich mich nicht so zusammen,
es wäre schon ein heilloser Krach entstanden. Grund genug
wäre reichlich vorhanden. Die Nerven gehen einem gänzlich
kaputt.[...]
Eins habe ich bisher noch zu schildern vergessen. Das sind die
hygienischen Einrichtungen. Die Latrinenverhältnisse sind
elend. Für 150 Offiziere sind 4 Abortanlagen vorhanden und
was für welche! Jeder Raum kaum 1 qm. Ein Bretterverschlag,
in dem Steinfußboden ein Loch, daneben zwei Abzeichnungen
einer Fußsohle, ein wenig erhöht. Man muß in
Kniebeuge sein Geschäft verrichten, wobei man aufpassen muß,
daß man das Loch trifft und nicht mit den naturgemäß
völlig schmutzigen Wänden in Berührung kommt. Da
nun das Treffen nicht jedermanns Sache ist, so sieht die Latrine
bereits nach wenigen Stunden schlimmer aus als ein Schweinestall.
Der Geruch ist gar nicht zu ertragen und verpestet die Luft viele
Meter außerhalb des Raumes, oft gar die ganze Kaserne. Es
ist eine Qual diese für jeden Menschen doch unentbehrliche
Anlage zu benutzen. Zur Erhöhung der Appetitlichkeit liegt
Küche und Abwaschraum in unmittelbarer Nähe. [...]
Seit Anfang 1916 habe ich nicht mehr Tagebuch schreiben können;
einerseits hatte ich die bereits geschriebenen Bücher in
einem Doppelboden meines Koffers untergebracht, andererseits hatte
es keinen Zweck, sich Notizen zu machen, da diese doch bei den
dauernden Durchsuchungen abgenommen wären und auch abgenommen
sind. Ich muß es daher versuchen, die Ereignisse der Jahre
1916 - 1918 aus dem Gedächtnis zu schreiben. [...]
Im Mai wurde ein Fluchtversuch gemacht. Wenn auch der Mut der
vier Offiziere zu loben war, so waren doch die ganzen Umstände
und die Kindlichkeit, mit der er ausgeführt wurde, geradezu
lächerlich. Rund 8o km waren zu Fuß über das schwierige
und unwirtliche Gebirge bis ans Meer zurückzulegen. Die Bevölkerung
war feindlich, aufgehetzt und sehr findig. Außerdem war
damals Italien, wo die Leute landen wollten, bereits im Kriege
mit uns, also auch dort hunderte von Kilometern zu Fuß in
Feindesland zurückzulegen. Sämtliche Boote waren in
See verankert und durch Posten gesichert. Ein großes weißes
Segel hatten sich die Herren genäht. Welche Unkenntnis der
im Mittelmeer gebräuchlichen Besegelung. Sie wären auf
viele Kilometer bereits als Flüchtlinge erkannt und am Lande
mit offenen Armen empfangen worden. Karten waren nicht vorhanden
und Segeln behauptete nur einer zu können. Dazu kam, daß
der Fluchtversuch weder vor den Kameraden noch den Burschen geheim
gehalten war, was unbedingt geschehen mußte. Außerdem
war die Verschleierung der fehlenden Offiziere durch Kameraden
nicht genau eingeübt, so daß es beim Morgenappell
schon nicht klappte und die Flucht bemerkt wurde. Das Herauskommen
aus der Zitadelle war das Leichteste. Man konnte es bei einigem
Geschick am hellen lichten Tage.
Der Kommandant war sehr erregt; nicht des Fluchtversuches an sich
wegen, sondern aus Besorgnis um das Leben der Flüchtlinge.
Er kannte die Einwohner und wußte, daß diese vor einem
Totschlag nicht zurückschrecken würden. Mit Mühe,
und nur dem Eingreifen der Gendarmerie, die gerade zur rechten
Zeit erschien war es auch nur zu verdanken, daß die Herren
nicht totgeschlagen wurden. Schon nach 20 km waren die Flüchtigen
entdeckt, gestellt und man ging ihnen gerade mit Knüppeln,
Heugabeln usw. zu Leibe als die Gendarmen eintrafen. Am nächsten
Tage wurden sie ausgeliefert und eingesperrt. [...]
Die Folgen von diesem unbedachten Fluchtversuch, der niemals,
auch unter den denkbar günstigsten Umständen, Aussicht
auf Erfolg gehabt hätte, war eine noch größere
Einschränkung des Bewegungsraumes und mancher anderer Annehmlichkeiten.
Nun, wir ertrugen es, wenn es auch manchmal sehr unangenehm war,
bereits um 18 Uhr und später noch früher nicht mehr
auf die Terrasse gehen zu dürfen. Am 1. Juni feierte ich
meinen ersten Geburtstag in der Gefangenschaft. Er war nicht so
schön wie damals 1915 an der Front. Abends hatte ich einige
Herren zum Abendessen bei mir. Es gab Pasteten mit Kraftbrühe,
kalten Aufschnitt mit Gemüse, gebackene Hühner mit Gurkensalat,
Butter und Käse sowie Kaffee und Torte.
Das Essen war schon schöner; die Gedanken aber waren zu Hause
und bei meiner Kompanie. Am Abend vorher hatte ich gerade den
Geburtstagsbrief von Mutter und von Wolf erhalten. Wenigstens
ging es Mutter und Wolf gut. Dann saßen wir noch lange bei
einer Flasche Wein und Bier. Eine ganz große Freude aber
hatten wir alle an diesen Tagen. Die englische Flotte wurde von
der deutschen Schlachtflotte am Skagerak mächtig verdroschen.
Unsere Flotte hatte nur verhältnismäßig geringe
Verluste: Lützow selbst versenkt, Pommern, einige kleine
Kreuzer und Torpedoboote gesunken. [...]
Wir saßen gerade beim Aktzeichnen, als der Kommandant hereinkam
und uns eröffnete, das Lager würde auf Wunsch der deutschen
Regierung aufgelöst, "das Klima wäre zu ungesund".
Na, wenn irgend etwas hier gesund war, dann war es das Klima.
Wir glaubten es natürlich nicht. [...]So kam auch für
uns am 1.10.16 der Tag des Abmarsches heran. In der Nacht brachen
wir auf. Nach herzlichem Abschied von unseren Burschen zogen wir
mit unserem Handgepäck beladen aus den Mauern der Zitadelle,
die ein langes Jahr unser Gefängnis gewesen war. Die armen
Kerls! Die Meisten heulten wie die Schloßhunde. Sie ahnten,
welchem Schicksal sie wieder entgegengingen. Hier hatten wir sie
doch vor Übergriffen schützen können, und es auch
redlich getan. Gegen 5 Uhr fuhren wir mit der Bahn von Corte ab
nach Ajaccio, von wo wir mit dem Dampfer nach Marseille gebracht
werden sollten. [...] In Marseille wurden wir wie üblich
nach Fort St. Nicolas geschafft und dort notdürftig untergebracht.
Abends erhielten wir Essen, das gut war. Um 21 Uhr wurden wir
dann in den selben Wagen zum Bahnhof gebracht, um nach Uzes transportiert
zu werden.