In Uzes und Entlassung aus der Gefangenschaft
In Uzes wurden wir von der Bevölkerung mit dem üblichen
Gejohle begrüßt, das selbst die Entrüstung dieser
gelben und schwarzen Mannschaft erregt. Dann mußten wir
auf dem Kasernenhof bleiben und wurden einzeln auf der Kommandantur
auf das genaueste durchsucht. Und dennoch gelang es uns, fast
alles, was wir durchschmuggeln wollten, auch durch zu kriegen.
Beinahe wäre bei mir 400 M in Gold, die S. gehörten,
und die ich in meinem Spiegel verstaut hatte, entdeckt worden,
wenn ich nicht geistesgegenwärtig rasch meine Zeichnungen
vorgeholt hätte, die den Kapitän mehr interessierten
als der Spiegel. Viele Sachen wurden auf dem Kasernenhof unter
Bäumen vergraben und später geholt. Wir waren diese
Durchsuchungen ja schon gewöhnt. Aber immer wieder empörte
einen die schonungslos unwürdige Art, mit der sie vorgenommen
wurde. Die Beherrschung hier nicht mal zuzuschlagen kostete immer
ein Bündel Nerven.
Ich kam auf eine Stube mit Courten, S., A., W. und T. zusammen.
Jeder hatte 4 qm zur Verfügung. Die Ausstattung war gut,
die Stuben sauber. Aber die Behandlung war schlimm, sehr schlimm.
Wir wurden geradezu wie Verbrecher behandelt. Die Fenster hatten
natürlich Gitter, zur Straße hin sogar Holzblenden
davor, die weder Licht noch Luft durchließen. Sie waren
der Gegenstand vieler Beschwerden, und trotzdem von dem Schweizer
Abgesandten diese Einrichtung stets beanstandet wurde, sind sie
bis zum Schluß geblieben. Die Herren, die auf diesen Stuben
leben und arbeiten mußten, sind halb verrückt geworden,
Augenleiden stellten sich ein.
Die Eß- und Unterrichtsräume waren reichlich bemessen,
eine größere Bücherei stammte noch aus der Zeit,
als Uzes Zivilgefangenenlager war. In diesem Lager, in dem jetzt
rund 300 Offiziere untergebracht werden sollten, waren damals
800 Zivilgefangene; in jeder Stube, wo jetzt 6 Offiziere lagen,
wohnten damals 17 Zivilgefangene. Es muß furchtbar gewesen
sein. Die Verpflegung mußten wir in Selbstverwaltung nehmen,
natürlich alles selbst anschaffen, von der Kücheneinrichtung
bis zum Teelöffel. Und zu welchen Preisen! Doch waren, die
wir zuerst auch den Bier- und Weinverkauf hatten, die Einnahmen
so gut, daß das Lager auf geheimen Wegen 14000 Franc nach
Deutschland auf eine Bank schicken konnten. Wenn das der Kommandant
erfahren hätte! Er würde sich sicher grün und blau
geärgert haben. Wir sind sehr stolz darauf, daß uns
das gelungen ist.
Das Essen war zunächst reichlich und gut, wurde später
aber immer unzulänglicher, bis wir schließlich geradezu
Hunger litten. Auch die Kantine wurde immer schlechter, so daß
es zuletzt nur noch Sardinen, Thunfisch und Milch gab zu so hohen
Preisen, daß sich der Leutnant einfach diesen Verpflegungszuschuß
nicht mehr leisten konnte. Von der Außenwelt sah man nichts,
nur 4 gelbe Kasernenwände und ein Stück blauen Himmel.
Dieses war auf die Dauer zum Verrücktwerden. Ein Gefühl
stellte sich ein, wie es ein unschuldig zu Zuchthaus Verurteilter
haben könnte. Und dabei keine Aussicht auf Befreiung. Ein
Zuchthäußler weiß doch wenigstens, wann seine
Strafe zu Ende ist und kann damit rechnen. Manchmal packte mich
schon die Verzweiflung.
Nun zur Behandlung. Hier will ich nur einige Beispiele geben,
man könnte ein Buch davon schreiben. 3 Apells täglich
mit Namensaufruf, wobei man drei Schritt vortreten mußte.
Zu allem und jeden wurde geblasen, 26 Mal am Tage, es war zum
Verrücktwerden. Bewacht wurden wir außer den Posten
noch von Gendarmen, Patrouillen gingen auf den Gängen, revidierten
die Stuben. Nachts gingen 3 Ronden alle Stuben ab. Das geschah
recht laut mit der Absicht, uns zu stören. In jedes Gesicht
wurde mit der elektrischen Lampe geleuchtet, daß man jedes
Mal aufwachte. Dazu kam noch, daß die Posten alle halbe
Stunde ihre Parole übermäßig laut brüllten.
Wachte man von den Ronden nicht auf, durch dieses Gebrüll
wurde man aufgescheucht. Die Nächte waren eine Qual. Dazu
kam, daß ich Mitte 1917 körperlich infolge seelischer
und geistiger Depressionen so vollständig herunter war, ich
wog nur noch 124 Pfund, daß ich schon deshalb kaum schlafen
konnte. Es war der Beginn eines monatelangen Martyriums. Ich hatte
das Gefühl, langsam, ganz langsam zu sterben. Ein starkes
Traumleben stellte sich ein, in dem diese Bilder stark vorherrschten.
Schweißbedeckt wachte ich dann auf. [...]
Stubenrevision war alle Nase lang. Aber wir hatten auch unseren
Spaß dabei. Gefunden wurde natürlich nichts. Wir waren
aber schon vollständig zu gewieften Verbrechern geworden
in dem ständigen, aufreibenden Kampf mit den Negern. Und
es war sehr ergötzlich, wenn der Kapitän vom Dienst
gerade auf dem Stuhl saß, in dem tausende von Franc aufbewahrt
waren, die wir für die Fluchtversuche gebrauchten. Betrogen
wurde natürlich an allen Ecken und Enden; wir bildeten uns
naturgemäß langsam zu gewieften Verbrechern aus und
glaubten die Neger klug zu sein, wir waren es noch mehr. Selbst
deutsche Zeitungen bekamen wir noch durch, obgleich die Pakete
auf das Genaueste durchgesehen wurden. Die Paketausgabe war sehr
streng. Alle Pakete mußten in Gegenwart des Kapitäns
vom Dienst geöffnet werden; dabei wurden alle Umhüllungen,
selbst von Schokolade und Bonbons fortgenommen. Die Konserven
wurden in einem besonderen Raum aufbewahrt und täglich geöffnet
ausgegeben. Die Pakete wurden elend bestohlen oder kamen überhaupt
nicht an. Wir hatten Beweise, daß im Lager selbst gestohlen
wurde, denn die Posten rauchten deutsche Zigarren und Zigaretten.
Beschwerden nutzten nichts. [...]
Trotz der scharfen Bewachung gelang zu unserer großen Freude
ein Fluchtversuch. Drei Herren gingen bei strömenden Regen
über das Dach der Kaserne mittels einer Holzbrücke auf
die gegenüber liegenden Dächer und von dort mit Strickleitern
in den Garten über die Mauer und gelangten so ins Freie.
In der Nacht lag in den Betten je eine Puppe, als Gesicht und
Kopf waren drei Nachttöpfe bemalt und mit Haaren beklebt.
Es gelang uns auch bei den drei Appells am Tage drei Tage hintereinander
den Kapitän vom Dienst zu täuschen, und es bedurfte
noch dreier Appells kurz hintereinander, um das Fehlen der drei
Herren festzustellen. Wir haben furchtbar gelacht und die Neger
waren mächtig blamiert. Die Herren hatten leider ein furchtbares
Pech. Der Gewitterregen, ein Regen schlimmster Sorte, dauerte
drei Tage und Nächte an. Der Proviant wurde vollständig
durchnäßt und was das schlimmste war, die Offiziere
verloren vollständig die Orientierung, da bei dem schweren
Regen auch die Kompasse versagten. In der dritten Nacht marschierten
sie wieder durch Uzes und wurden am nächsten Tage völlig
erschöpft 15 km von der Stadt entfernt gefangen. Sie waren
immer im Kreise gelaufen.
Bei der Einlieferung wurden sie in gemeinster Weise beschimpft,
und der Kapitän vom Dienst entblödete sich nicht, einem
Offizier in den Mund zu fassen, weil er dort Geld vermutete. Sie
wurden mit 120 Tagen Gefängnis bestraft, und zwar 30 Tage
wegen des Fluchtversuches, vom Kriegsministerium auf 60 Tage erhöht,
dazu 30 Tage, weil sie französisches Geld in Besitz gehabt
hatten und 30 Tage wegen "ungerechtfertigter Beschwerde"
über ihre Behandlung. [...]
Eine wichtige und gefahrvolle Tätigkeit möchte ich noch
erwähnen. Seit Sommer 1917 stand ich in regelmäßigen
Geheimverkehr mit dem Kriegsministerium in Berlin. Und das ging
so zu. Alle neu eintreffenden Offiziere und Burschen wurden von
mir unter Hinweis auf den Eid vernommen und zwar sowohl was die
Behandlung bei Gefangennahme anbetrifft, als auch Einrichtung
von Lagern, Behandlung, Ernährung, Unterkünfte, usw.
Die Offiziere wurden nach Einrichtungen, Geschützstellungen
und sonstiges Wissenswertes von der Front gefragt, was sie beim
Durchmarsch in und hinter der Front gesehen hatten. Das war Spionage.
Das wußte ich wohl und war mir der Tragweite meiner Handlung
bewußt. Aber ich hielt es für meine Pflicht. Manchen
Mann habe ich so geholfen, die unerhörten Zustände in
manchem Mannschaftslager aufgedeckt. Namentlich wurde dadurch
den im Marseiller Zuchthaus sitzenden Mannschaften, die zum Teil
schon als verschollen galten, geholfen, da eine Schweizer Kommission
auf Grund des Berichtes eine gründliche Revision vornahm.
Das Verfahren war so. Der Bericht wurde wörtlich mit chinesischer
Tusche auf Ingress-Papier und dann ein Bild darüber gemalt.
Bilder durften wir ja nach Hause schicken. In der Heimat hatte
ich Verbindung mit einer Dame, an die die Bilder gingen. Diese
wusch sorgfältig, sobald das verabredete Zeichen auf dem
Bild vermerkt war, das Gemälde ab und schickte den Bericht
an das Kriegsministerium. Jeden Mittwoch ging eine Sendung ab,
und es war geradezu rührend, wie sich der wachhabende Sergeant
oder gar der Kapitän vom Dienst bemühten, die Bilder
recht sorgfältig einzupacken. Wenn sie das gewußt hätten!!
Viele Monate Zuchthaus oder gar Erschießen wäre mein
Los gewesen. Einen Dank habe ich dafür natürlich nicht
erhalten. Man war ja deutscher Offizier und die Behörde das
Kriegsministerium. Das sagte ja alles. Wenigstens habe ich die
Genugtuung gehabt, Herrn Major P. bei seiner Anwesenheit in Engelberg
dieses unter die Nase reiben zu können, so wie manches andere,
z.B. das Verhalten des Kriegsministeriums unseren Fluchtversuchen
gegenüber. An Hand der Arbeit des französischen Kriegsministeriums
und seines Verhaltens solcher pflichttreuen Offizieren gegenüber
habe ich es ihm deutlich, sehr deutlich gemacht, und er hat es
hoffentlich verstanden.
Die Untätigkeit und Interesselosigkeit der Heimat und der
verantwortlichen Behörde den Kriegsgefangenen gegenüber
erfüllte uns alle mit tiefster Empörung, die fast zum
Haß wurde. Hilferufe über Hilferufe habe ich und Rittmeister
V. geschrieben, nichts ist erfolgt. Es war empörend! [...]
August 1918. Wieder wurden wir von oben bis unten durchsucht.
Meinen Stahlhelm gab ich einem mir noch bekannten Burschen, der
ihn heimlich auf meine Stube brachte. So hatte ich ihn zum vierten
Mal durchgebracht. Im Lager herrschten die selben Zustände.
Derselbe Kommandant, dieselben Offiziere und Dolmetscher, natürlich
auch derselbe Ton. [...]
Am 23. 9. ging ich abends im sogenannten Garten spazieren, als
mein Bursche zu mir kam und mir erzählte, daß Offiziere
fortkämen. Ich glaubte natürlich, daß das Lager
wieder aufgelöst würde und sagte, es interessiere mich
gar nicht. Mein Bursche sagte aber, ich wäre auch dabei und
es hieße, daß diese Herren in die Schweiz kämen.
Nun interessierte mich diese Angelegenheit doch, ich ging auf
den Hof, wo Rittmeister V. die Liste vorlas. Tatsächlich,
ich war dabei, und es sollte sicheren Agentennachrichten zu Folge
wirklich in die Schweiz gehen. Es wurde uns nur ½ Stunde
gegeben, unsere Handkoffer zu packen und uns für die Reise
umzuziehen. So schnell habe ich noch nie gepackt, aber eine rechte
Freude konnte doch nicht aufkommen. Man war zu stumpf geworden
und traute dem Frieden nicht recht.
Dann verabschiedete ich mich von meinen bekannten Kameraden so
gut es ging, und es die Neger zuließen. Wir alle ahnten
ja nichts und hofften auf ein baldiges Wiedersehen. Gegen 20 Uhr
marschierten wir ab, aber nicht zum Bahnhof, sondern zur Schule,
wo wir in den leeren Klassenräumen untergebracht wurden.
Auf dem Boden lagen schmutzige Matratzen mit elendem Stroh gefüllt.
Nach der Verteilung mußten wir Gehaltslisten unterschreiben
und wurden erneut untersucht. Was noch nicht fortgenommen war,
wurde nun noch gestohlen. Dennoch gelang es einer Reihe von Herren,
ihre Tagebücher durch zu bekommen, indem sie sie schon durchsuchten
Kameraden, die im Schulhof eingesperrt waren, zuwarfen. Es war
ja stockdunkel. [...] Ein ganze Nacht mußten wir so unter
denkbar unwürdigen Umständen verbringen. Nun, wir nahmen
das alles mit Humor auf, da sich tatsächlich einwandfrei
herausstellte, daß wir in die Schweiz geschickt werden sollten.
Allerdings waren wir noch nicht an der Grenze. Am morgen war ich
totmüde. [...]
Den ganzen 24. 9. fuhren wir durch, kaum daß uns Zeit gelassen
wurde, hier und da mal auszutreten. Gegen 22 Uhr kamen wir in
??? an. Es wurde befohlen auszusteigen und bekannt gegeben, daß
wir zu einer einige 100 m vom Bahnhof entfernt stehenden Kaserne
marschieren mußten, um dort zu übernachten.. Das Handgepäck
mußte mitgenommen werden. Nun, an die einigen 100 m glaubten
wir ja nicht, daß es aber ein paar km sein würden,
hatten wir auch nicht gedacht. Fast 1 Std. mußten wir mit
dem schweren Handgepäck belastet marschieren. Endlich trafen
wir ein. [...] Früh morgens wurde geweckt, und wir baten,
uns waschen zu dürfen. [...]
Dann ging es mit dem Handgepäck wieder zum Bahnhof zurück.
Erfrischt hatte uns dieser Aufenthalt doch. Die nächste Station
war Lyon. Hier mußten wir aussteigen und wurden in den
leeren Wartesaal eingesperrt. Wir erfuhren, daß ein französischer
Austauschtransport hier eintreffen sollte, und wir dann mit dem
selben Zug weiter transportiert werden sollten. Wir machten uns
schön und harrten der Dinge, die da kommen sollten. Gegen
13 Uhr traf der Zug ein, die Leute wurden mit Musik empfangen.
Um 16 Uhr wurden wir dann verladen. Deutsche Mannschaften saßen
schon im Zuge und nickten uns ernst, aber mit frohen Augen zu.
Ein Schweizer Zug war es. Und was für Wagen! So etwas hatten
wir seit Jahren nicht gesehen, fein und sauber, kein Staub, kein
Schmutz. Und als er anfuhr, wie weich er lief. Keine Überfüllung
der Abteile und sogar Aborte. Wir kamen uns wie im Himmel vor.
[...]
Mit fieberhafter Spannung erwarteten wir das Überschreiten
der Grenze, eine große Erregung bemächtigte sich aller
und still wurde es in allen Abteilen, als langsam der Zug in Genf
einlief. Wohl alle haben da still im Herzen ein Dankgebet gesprochen,
daß sie endlich der Qual dreier Jahre entronnen waren.
Mit Feuerwerk und großem Jubel wurden wir auf dem Bahnhof
von Schweizern, Deutschen und Roten-Kreuz-Schwestern begrüßt,
mit einem Jubel, der von Herzen kam. Das hatten wir drei Jahre
lang nicht erlebt; man hielt es fast nicht für möglich,
daß es noch Menschen auf der Welt geben könnte, die
uns freundlich begrüßten. Wie im Traum war das alles.
Die Damen kamen in die Abteile, beglückwünschten uns,
reichten uns Essen und gaben uns zu trinken und zu rauchen. Mein
Gott, wie lange hatte man nicht mehr geraucht, wie lange hatte
man nicht mehr anständig gegessen. Dazu die frohen, freundlichen
Gesichter. S. kam und brachte mir Zigarren, Zeitungen und Zeitschriften,
deutsche Zeitungen, wie lange hatte man keine mehr gesehen. Graf
Courten kam mit einer Schnapsflasche köstlichsten Kirsch's.
Ich erhielt ein Gläschen. Alle fragten zunächst nach
dem Kapitän und wie ein Aufatmen ging es durch alle, als
ich sagte, wir haben ihn mitgebracht. Sein Abteil wurde fast gestürmt,
die anwesenden Schweizer stellten sich davor und sangen entblößten
Hauptes die Schweizer Nationalhymne. Es war ein weihevoller Augenblick.
Kannte doch jeder die Verdienste dieses Mannes, wußte doch
jeder, was er durchzumachen gehabt hatte.
In voller Erregung verbrachten wir die Zeit bis Bern. Dort hielt
der Zug wieder längere Zeit. Viele Bekannte waren auf der
Bahn. [..] Wieder begeisterte Kundgebungen. Viele schüttelten
mir die Hand, ich war gänzlich hilflos. Wie ein Mensch, der
eine schwere Krankheit hinter sich hat und begrüßt
von seinen Lieben nicht weiß, was er anfangen oder tun soll.
[...] Dann rollte der Zug auch aus dieser gastlichen Stadt. Einige
Herren blieben zurück, so Courten und Siemers. [...] Gegen
7 Uhr liefen wir in Luzern ein. Eine große Menge Kameraden
erwartete uns am Bahnhof und begrüßte uns mit Jubel.
Burschen nahmen unser Gepäck, und dann ging es im Triumpfzug
ins Hotel du Lac. [...]
Wohl griff es mir ans Herz, aber ich konnte die Tiefe Bitterkeit
nicht von mir stoßen, die wieder und immer wieder unwiderstehlich
aufstieg, und der Gedanke stand wie ein Riesengespenst hinter
mir " warum nicht früher? Es ist zu spät".
Zu furchtbar sind die Eindrücke gewesen in dieser langen
demütigenden Knechtschaft, zu sehr hatte sich alles eingefressen,
um noch in dem neuen Leben wieder entfernt werden zu können.
Zu tief hat sich die schmachvolle Behandlung dieser Jahre ins
Herz gebrannt. Zu spät, zu spät! So gingen rastlos die
Gedanken. Die "Stacheldrahtkrankheit" hatte mir ihren
glühenden Stempel zu tief eingebrannt. [...]
Zuerst kam aber noch ein wichtiges und schwieriges Geschäft:
die Aufgabe eines Telegramms an meine Mutter. Welche Wonne war
es, ein Telegramm aufgeben zu dürfen nach vielen Jahren zum
ersten Mal, aber wie schwierig war es. Ich habe fast gezittert
und so unglaublich es klingt, mich mehrmals umgesehen, ob nicht
irgendwo ein Posten mit Gewehr stände, der mich anhielt mit
den Worten:"c'est defende !" So ist es mir in der ersten
Zeit noch manches Mal gegangen, als ich in den Geschäften
Einkäufe machen durfte.