Schlacht bei Steinau an der Oder 1945
Als Soldat der Wehrmacht kam ich mit einem zusammengewürfelter
Haufen von Landsern, in dem keiner den anderen kannte, am 23.
Januar 1945 nach Steinau an der Oder, wo uns das große Grauen
packte. Die Russen hatten die Oder im ersten Schwung überschritten,
sich dann aber, weil es nur eine Panzerspitze war, wieder zurückgezogen
auf das andere Ufer, um hier auf die nachrückenden Einheiten
zu warten.
Die völlig überraschten deutschen Dienststellen hatten
beim Auftauchen der unerwarteten Russen sofort Garnison und Kommandantur
von Glogau alarmiert. Nur gab es da keine einsatzfähigen
Truppenverbände, weil doch keiner mit den Russen gerechnet
hatte und dieser Raum noch als sehr ruhig galt, ein Zustand, der
nur wenige Tage später sich sehr veränderte. In der
entstandenen Kopflosigkeit wurde die in Glogau befindliche Unteroffiziervorschule,
d.h. die darin untergebrachten Unteroffizierschüler - und
das waren wirklich alle Schüler - in Alarmzustand versetzt.
Diese Kinder wurden in Marsch gesetzt, um im Raum Steinau die
eingedrungenen Russen wieder zu "verjagen" und das Gebiet
zu bereinigen! Wohl nach dem Motto: sind doch auch schon Soldaten.
Diese "Soldaten" waren blutjunge Jungens im blühenden
Kindesalter und wurden "ausgerüstet" mit norwegischen
Beute-Karabinern und einigen Schuss scharfer Munition für
diese Dinger. So schickte man diese Kinder an die Stelle, wo der
Russe über die Oder gekommen war bzw. sich am anderen Ufer
befand.
Was hier in Steinau geschah war Mord, glatter und bewusster Mord
an Kindern, für den die deutschen Dienststellen verantwortlich
waren: Sie hatten diese Kinder an die neue Front an der Oder geschickt,
sie hatten diese Kinder vor die Waffen der Russen getrieben, sie
hatten diese Kinder bewusst in den Tod gejagt. Diese deutschen
Dienststellen der Partei und der Wehrmacht waren Schuld an dem
Kindermord, der in Steinau an der Oder stattfand.
Diese völlig unausgebildeten Nicht-Soldaten waren von ihren
Schulbänken in ihren Schuluniformen, der sogenannten "Hindenburg-Gedächtnis-Uniform",
mit den lächerlichen Waffen der Beute-Karabiner an die Oder
gehetzt worden, wo sie in nur kurzer Zeit von den russischen Panzern
zusammengeschossen und völlig vernichtet wurden. Jetzt lagen
sie da als Leichen, sinnlos krepiert im Kindesalter in ihrem Glauben
an Führer, Volk und Vaterland. In den Tod gejagt von gewissenlosen
"Befehlsgebern" der Partei und der Wehrmacht (in trauter
Gemeinsamkeit), die für diesen Kindesmord verantwortlich
waren, aber nie dafür zur Rechenschaft gezogen worden sind.
Die in der Schule zuständigen Vorgesetzten dieser Kinder
haben sich nicht gegen den Wahnsinnsbefehl gewehrt, sie haben,
als Angehörige der Wehrmacht, diesen Todes-Befehl ausgeführt.
Erzieher, denen die Eltern dieser Kinder einmal vertrauensvoll
ihre Jungens an die Hand gegeben haben, zwar für eine militärische
Laufbahn, aber doch nicht für einen Kriegseinsatz im Kindesalter.
Was waren das alles nur für Menschen, die den grausamen Tod
dieser Kinder zu verantworten hatten? Ich konnte das nicht verstehen,
nicht begreifen.
Es war entsetzlich und grauenhaft, was wir als Soldaten zu sehen
bekamen. Wir waren erschüttert über das, was sich unseren
Augen darbot, das war ein einziges wirkliches Schlachtfeld, hier
waren Menschen geschlachtet worden. Für mich war dieses Erlebnis
etwas, was mich nicht nur völlig verzweifeln ließ,
sondern nunmehr auch endgültig am Sinn eines jeden Krieges.
Aber noch mehr an der Führung dieses Staates, der Partei
und der Wehrmacht, und ich fragte mich, ob denn dieser Krieg überhaupt
ein sogenannter notwendiger Krieg hatte sein müssen, ob es
nicht vielmehr Möglichkeiten hätte geben können,
um kritische Probleme zwischen den Nationen auf friedliche Art
und Weise zu lösen, ohne Krieg, ohne die eigenen Volksangehörigen
in einem Krieg umkommen zu lassen. Aus meiner jetzigen Sicht war
Krieg doch nur ein Morden, das nie zu einer befriedigenden Regelung
des Nebeneinanders von Staaten führte. Eigentlich war doch
die Geschichte voll von solchen Beispielen, aus denen aber bisher
keiner etwas anderes gelernt hatte und immer wieder der Wahnsinn
des Krieges als angebliche Ultima ratio angewandt wurde. Die Menschheit
hatte noch nie ohne Soldaten leben können. Und wir, die Deutschen,
hatten gejubelt, als die deutsche Wehrhoheit wieder hergestellt
worden war. Weil dem so war, mussten wir nun auch das ertragen,
was auf uns gekommen war. Waren wir nicht alle dafür gewesen,
die deutschen Probleme notfalls mit der Waffe in der Hand zu lösen?
Hätte der angeblich so große Führer die Probleme,
die vom Versailler Vertrag her offenkundig Unrecht waren, nicht
anders lösen können? Oder hätte es dazu keine Möglichkeit
gegeben, weil unsere alten Gegner das nicht wollten? Wer war wirklich
schuldig an dem wahnsinnigen Morden von Millionen von Menschen?
Waren wir Menschen nicht mitschuldig daran, dass die Staatenlenker
einfach Kriege anzetteln konnten, als angebliche nationale Notwendigkeit?
Wollten wir Menschen nicht immer so gerne tapfere Krieger sein
und große Helden? Wir Menschen wollten doch keine lumpigen
Pazifisten sein, keine feigen Memmen. Damals, heute und morgen
noch immer! Aber könnte nach diesem Entsetzen nicht doch
die Vernunft einkehren und die Menschen zu Pazifisten werden lassen?
Ich konnte da noch nicht wissen, wie sehr ich mich irren würde
in Bezug auf eine mögliche Vernunft der Überlebenden,
und der Menschheit auf der ganzen Erde.
Wie war es nur möglich, dass jetzt bedenkenlos völlig
unschuldige Kinder auf die Schlachtbank gejagt und in den Tod
getrieben wurden? Wie weit waren wir denn in diesem Staat inzwischen
gekommen? War Krieg schon unmenschlich, so war in Steinau der
möglicherweise noch vorhanden gewesene letzte Rest an Menschlichkeit
zerstört worden. Und in mir war in Steinau der letzte Rest
an noch vorhanden gewesenem Glauben und von Patriotismus zerstört
worden. Mein Bruch war jetzt ein restloser, der war irreparabel
für alle Zeiten. Meine gesamte Glaubenswelt war in diesem
Kriege zugrunde gegangen, im nationalen wie im christlichen Sinne.
Ich war mir nun sehr klar darüber, welch ein Schindluder
besonders mit uns jungen Menschen getrieben worden war - und noch
immer weiter getrieben wurde. Und ich war mir meiner und unser
aller Schuld und Hilflosigkeit sehr bewusst geworden. Ich wurde
ein Pazifist, der sich schwor, immer ein überzeugter Pazifist
zu sein und zu bleiben - und diesen Schwur habe ich gehalten.
Eines war jetzt sehr stark in mir gewachsen: mein Hass auf die
gesamte Führung unseres Staates. Nicht nur auf den einst
so großen Führer, sondern auf alle, die ihm auf allen
Führungsebenen sklavisch treu ergeben waren, selbst jetzt
noch, wo für jeden das Ende klar zu erkennen war, ein Ende,
das nur noch ein verlorener Krieg sein würde. Ein Ende, das
den totalen Untergang des Reiches zur Folge hat und in dem das
"Dritte Reich" auch das letzte Reich sein würde.
Aus und vorbei, der Traum von 1000 Jahren "Drittes Reich".
Die Kinder in Steinau an der Oder hatten mit ihren Flinten nichts
bewirken können, sie waren alle als Leichen auf diesem Schlachtfeld
liegen geblieben, sie waren kein Hindernis gewesen für die
anrückenden russischen Panzer, nicht als sie noch lebten,
und auch jetzt nicht als Leichen. Über sie und ihre Körper
rollte die Furie des Krieges ohne Erbarmen, ohne Rücksicht
und ohne jede Menschlichkeit. Wieder einmal waren junge Menschen
in das Sinnlose eines angeblichen Opferganges marschiert, als
Verblendete der Nazi-Ideologie, so wie einmal schon die Blüte
der Jugend im 1. Weltkrieg vor Langemarck sinnlos in den Tod marschierte,
als Opfer des Nationalismus der "glorreichen Kaiser-Ära".
Seltsam ist es, dass in den Unterlagen, die ich über diese
Januartage des Jahres 1945 habe, zwar von dem russischen Angriff
bei Steinau berichtet wird, aber nirgendwo etwas geschrieben steht
über den begangenen Mord an diesen Kindern, den der zuständige
Gauleiter der Partei, der zuständige General der Wehrmacht
und auch die Leitung der Schule auf ihrem Gewissen haben. An dem
Tag war mein Bruch mit der deutschen Führung ein endgültiger!
Werner Mork: Vormarsch der Roten Armee an der Oder 1945
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