Vormarsch der Roten Armee an der Oder 1945
Im Januar und Februar 1945 war ich als Wehrmachtssoldat an der
Oder eingesetzt, in einem zusammengewürfelten Haufen, in
dem die Mehrheit kaum noch richtig einsatzfähig war. Aber
immerhin war es ein Haufen, der aus erfahrenen Soldaten bestand.
Auf dem anderen Ufer hatte sich die russische Infanterie eingegraben,
und dahinter waren Artillerie, Granatwerfer, Stalin-Orgeln und
Panzerkanonen massiert aufgestellt. Die russischen Schlachtflieger
sorgten dafür, dass die schweren Bodenwaffen unsere armseligen
Schützenlöcher sturmreif schießen konnten.
Unsere Ausstattung bezog sich nur auf leichte Waffen, wie den
Karabiner 98 K, einige Maschinenpistolen vorwiegend bei den Gruppen-
u. Zugführern und einige leichte Maschinengewehre des Typs
MG-42. Wie damit die Russen und vor allem ihre Panzer aufgehalten
werden sollten, das war uns ein Rätsel, auch wenn es hieß,
es seien in Kürze deutsche Panzer zu erwarten, nur kamen
die aber nicht mehr bei uns an. Was noch kam, das waren Panzerfäuste,
in einer kleinen Stückzahl, und mit denen war nicht viel
anzufangen. Es war zwar die Rede davon, dass es eine Division
gibt, der wir angehören würden, aber davon war nichts
zu merken. Die Kommandogewalt lag in den Händen einiger Leutnants,
die sich aber anscheinend mehr auf die doch erfahreneren Unteroffiziere
und Feldwebel verließen und keinen eigenen Mut und eigene
Verantwortung zeigten. Außer einigen Sprüchen hatten
sie nichts zu bieten, und die lauteten nach dem immer gleichen
Motto, die Stellung wird gehalten um "jeden Preis",
bis zur letzten Patrone. So wie es der GRÖFAZ auch immer
befohlen hatte.
Doch das alles nutzte nichts: Die Russen kamen über die Oder,
auch bei uns in Steinau, und wir, die Landser, zogen uns zurück,
ob nun mit oder ohne Anweisung von "oben". Wenn erkannt
wurde, dass die Lage wirklich hoffnungslos war, dann gab es von
irgendeinem der Vorgesetzten den Befehl zum geordneten Rückzug,
bis zum nächsten Punkt, wo wir versuchten, uns neu einzugraben.
Und meistens war es so, dass schon die russischen Panzer, die
so berühmten T 34, die immer wieder Angst und Schrecken verbreiteten,
in Sichtweite heran gekommen waren bevor wir uns eingegraben hatten.
Hinter diesen Panzern kam dann in dichten Scharen russische Infanterie,
und das alles wirkte manchmal so, als ob das eine Art von Spaziergang
war, bei dem die Russen mit einem brüllenden "Urrä"
heran rückten, und vom einstmals stolzen deutschen Hurra
nichts mehr zu hören war.
Wir setzten uns Richtung Glogau ab, als wir in einem kleinen Dorf
halt machten, das von den deutschen Bewohnern über Nacht
in aller Eile verlassen worden war. Wir hatten uns verteilt in
die leerstehenden Häuser, die Nacht dort verbracht und in
den verlassenen Wohnungen nach Lebensmitteln gesucht, was kein
plündern war, sondern der notwendigen Selbstversorgung diente,
weil wir kaum noch mit Verpflegung ausreichend versorgt wurden.
Die Nacht war einigermaßen schlafend verbracht worden, und
wir hofften, wenigstens einige Stunden ungestörter Ruhe haben
zu können. Doch bereits in den frühen Morgenstunden
meldeten die vorgeschobenen Posten bzw. Wachen, dass sich russische
Infanterie im Schutze der Nacht vorgearbeitet hatte bis an den
Ortsrand, und das auch Panzergeräusche zu hören seien.
Angeblich sollten sogar etliche Panzer am Dorf vorbei in einem
großen Bogen um uns herum schon weit voraus sein. Das konnte
nun für uns bedeuten: wir sind verloren, wir müssen
uns ergeben oder umkommen oder aber eine ziemlich aussichtslose
Gegenwehr gegen die Russen beginnen, ohne schweren Waffen, nur
mit unseren Karabinern und einigen Maschinenpistolen. Unsere Aussichten
dabei zu überleben, waren sehr gering, fast unmöglich.
Bei dieser "Gewissheit" brach aber keine Panik aus.
Irgendwie wurde das alles von uns sehr fatalistisch hingenommen,
dieses nun wohl unvermeidbare Soldatenschicksal. Wir kannten unsere
Lage, wir wussten, dass wir keine Hilfe zu erwaren hatten und
mussten nun sehen, wie wir mit dieser beschissenen Situation am
besten fertig werden würden.
Wir begannen, uns auf diese Unabänderlichkeit vorzubereiten.
Dazu gehörte auch die Vernichtung der persönlichen Habe,
die wir noch bei uns trugen. Auch ich nahm nun Abschied von vielen
Dingen, die ich die ganzen Jahre bei mir getragen hatte. Briefe,
Fotos und sonstige Erinnerungen an einstmals schöne Zeiten
wurden vernichtet, auch meine kleine Kamera, die ich mir die ganzen
Jahre erhalten hatte, die sollte kein Russe in die Hände
bekommen. Sie hatte mich treu begeleitet, nun war es aus und vorbei
damit. Alles an privatem Besitz wurde von uns in die Feuerstelle
des Hauses geworfen und verbrannt. Behalten wurde nur das Soldbuch,
das auch in einer Gefangenschaft für die eigenen Personalien
wichtig war, die Erkennungsmarke und der Ehering. Versucht werden
sollte auch, die Armbanduhr zu behalten. Zu diesem Zweck wurden
Ring und Uhr am Körper versteckt, in der Hoffnung, dass die
Russen sie da nicht finden würden!! Wenn auch keine Panik
entstanden war, so herrschte doch eine schon verzweifelte Untergangsstimmung,
in der ein jeder nun in seinem Inneren Schluss machte mit seinem
Leben. Was jetzt kommen würde, konnte nur das Ende sein,
das Ende unseres Daseins, denn die Gefangenschaft würden
wir nicht lebend überstehen. Ich hatte mich also von allem
getrennt, was mir noch immer lieb und teuer gewesen war, nicht
im Sinn von Geld, sondern im Sinn des von mir gelebten und geliebten
Lebens. Ich nahm Abschied von allem, was mir einmal viel bedeutet
hatte, dabei bewegten mich viele sehr wehmütige Gefühle.
Was uns in diesem Haus noch bewegte, das war eine Wut über
die eigene Ohnmacht, mit der wir machtlos waren gegenüber
dem, was uns nun erwarten würde, aber auch eine furchtbare
Wut auf unsere Führung, die uns an diesen Nullpunkt gebracht
hatte.
Als wir nur noch von sehr trüben Gedanken erfüllt waren,
kam die Nachricht, die Häuser würden anscheinend von
den Russen mit großer Vorsicht umgangen, aber sicher nur
so lange, bis die ganze Einheit eingetroffen sei. Wir konnten
nun nicht länger warten, sondern mussten sofort versuchen,
uns aus der Einschließung zu befreien. In der Not greift
man zu jedem Strohhalm, und wir meinten, den Versuch zu wagen
und auszubrechen aus der Umklammerung, die in Kürze eine
vollkommene sein würde. Ganz leise und äußerst
vorsichtig, in Reihe hintereinander schlichen wir aus dem Haus
und durch die Gärten hin zum anderen Ortsrand. Es gelang
uns, unbemerkt von den Russen dorthin zu kommen, und dann auch
weiter über das freie Feld aus der Sicht - und Schussweite
der russischen Infanterie zu gelangen. Nach einer Weile stießen
wir dann auf deutsche Einheiten, die sich darüber wunderten,
dass wir noch durch gekommen waren. Auf einer leichten Anhöhe
fingen deren Landser an, sich einzugraben, und wir wurden von
dem zuständigen Einheitsführer nicht nur aufgehalten,
sondern auch von ihm gleich seinem Haufen zugeordnet. Wir waren
für ihn eine willkommene Verstärkung.
Es sollte eine "Stellung" aufgebaut werden, um die Russen
(wieder einmal) aufzuhalten auf ihrem Weg nach Glogau, die vom
"Führer" urplötzlich zur Festung erklärt
worden war. Viele Städte wurden ganz einfach zu einer Festung
erklärt und mussten laut Führerbefehl gehalten werden!
Diese "Festungen" wurden dann von den Russen so lange
belagert, bis sie aufgeben mussten. Damit wurden zwar russische
Einheiten gebunden, aber hinderte nicht den Vormarsch der russischen
Armeen. Ein hoffnungsloser Versuch, der aber dennoch an einigen
Stellen russische Truppen daran hinderte, die Stadt sofort zu
erobern, was dann schon als Erfolg des Führerbefehls angesehen
wurde. Die Festung Glogau war nun eingeschlossen und sollte langsam
zermürbt werden. Einen direkten Angriff ersparten sich die
Russen. Dafür war ihnen diese "Festung" nicht wichtig
genug, im Gegensatz zu der deutschen Führung. Dieser Wahn
sollte noch viele Opfer in dieser Stadt kosten, die als "Festung"
den Vormarsch der Russen nicht hatte aufhalten können.
Nach all den Kriegsjahren, die ich zuerst in Frankreich und dann
in Afrika und im Süden Europas verbracht hatte, war ich nun,
zum Ende des Krieges noch ein Vaterlandsverteidiger im Osten geworden,
im Einsatz gegen die Russen. Es schien so, als ob mir nichts erspart
bleiben sollte und ich mein "Kennenlernen" unserer Feinde
auch noch auf die Russen "ausweiten" durfte. Und ich
habe noch einiges von all dem in mir aufnehmen müssen, mit
viel Angst und viel Schrecken, bis hin zur Verzweiflung, in der
ich nicht mehr weiter wollte. Auf diese, sehr unangenehme Art
"erweiterte" sich mein Bild vom Krieg Deutschlands gegen
fast die ganze Welt, auch das von unseren "Feinden",
die mir auf diese Weise "näher" bekannt wurden.
Nun war auch ich im Osten gelandet und wusste nicht, wie es weitergehen
würde, wie und ob ich überhaupt noch aus dem Desaster
heraus kommen würde. An einen Einsatz im Osten hatte ich
wirklich nicht mehr gedacht, aber nun saß ich drin im "Endkampf"
des Großdeutschen Reiches.
Auf meinen "Wegen" durch die schlesischen Lande habe
ich auch das grenzenlose Elend der deutschen Flüchtlinge
kennen gelernt, die Not der armen Menschen, die wirklich über
Nacht ihr Hab und Gut hatten zurück lassen müssen auf
ihrer Flucht vor den anrückenden Russen. Ich erlebte viele,
viele Trecks, die sehr mühselig versuchten, den rettenden
Weg in den Westen zu finden, in der Annahme, das würde die
Rettung sein für Greise, Frauen und Kinder, die mit den Trecks
unterwegs waren. Die einen noch mit Pferd und Wagen, und die anderen
mühselig zu Fuß. In Schnee und bitterer Kälte
waren sie losgezogen und versuchten nun, in Nässe und Sturm
voranzukommen, über Straßen, die keine mehr waren,
tagsüber immer wieder den Angriffen der russischen Schlachtflieger
ausgesetzt, beschossen mit Bordwaffen und mit Splitterbomben beworfen.
Nicht selten wurden sie auch ziemlich rücksichtslos beiseite
gedrängt von deutschen Einheiten, die ihren Weg suchten,
selten nur noch nach vorne, sondern fast nur noch nach hinten.
Die Straßen waren gesäumt von zerschossenen Fahrzeugen,
toten Pferden und von toten Menschen, die einfach liegengelassen
wurden, weil es keine Möglichkeiten gab, sie mitzunehmen
oder zumindest noch zu begraben. Es waren Menschen jeden Alters
vom Säugling bis zum Greis bzw. der Greisin. Für Tote
hatten die Flüchtenden auch keinen Platz, die waren nur (noch)
Ballast und hinderlich für die weitere Flucht. Schlimm war
aber das oft brutale, gemeine und schäbige Verhalten vieler
deutscher Soldaten, die oft sehr gewalttätig gegen die eigenen
Landsleute vorgingen, da konnte bei den Deutschen keine Rede mehr
sein von Menschlichkeit, es regierte nur noch die Unmenschlichkeit.
Es war das ein Bild des Jammers und des Schreckens, das diese
Elendszüge boten mit den verzweifelten Menschen, die sich
auf einer doch fast hoffnungslosen Flucht befanden. Es waren im
ganzen deutschen Osten Millionen von Menschen, die auf der Flucht
waren und von denen so viele umkamen in dem grenzenlosen Elend
der Trecks.
Uns Soldaten an der Ostfront erschien es als eine ganz besondere
Pflicht, trotz aller Wut und aller Schwierigkeiten, den Russen
einen hinhaltenden Widerstand zu leisten, bis die noch freien
Gebiete im Reich von den West-Alliierten besetzt sein würden.
Es ging nicht mehr um einen deutschen Sieg, es ging im Osten nur
noch darum, die Russen nicht noch weiter Richtung Westen kommen
zu lassen. Sicher wird es heute als sonderbar erscheinen, dass
die kriegsmüden Soldaten im Osten so verbissen weiterkämpften
und nicht kapitulierten in einer Lage, die doch allen als hoffnungslos
erschien. Aber das weitere Vordringen der Russen sollte verhindert
werden. Neben diesem Grund gab es aber einen noch sehr viel wesentlicheren,
und der hatte seine Ursache darin, dass die deutschen Soldaten
im Osten nicht nur hörten, sondern vielfach auch erlebten,
was von den russischen Soldaten bei ihrem Vordringen an Gräueltaten
begangen wurde. Das war jetzt nicht mehr der Auswuchs einer Propaganda,
das war jetzt erschütternde Tatsache geworden, wenn bei einem
"erfolgreichen" Gegenstoß die Gräuel sichtbar
wurden, was auch mir nicht erspart bleiben sollte.
Die Rache, zu der Ilja Ehrenburg die russischen Soldaten aufgerufen
hatte, war eine grausame, eine unmenschliche Rache, für die
kein Verständnis aufgebracht werden konnte. Diese Art von
Rache erzeugte nur wieder Gegenrache, und die fiel dann sehr schlimm
aus, wenn sich eine "Gelegenheit" dafür bot. Bei
den deutschen Soldaten, die russische Unmenschlichkeiten zu Gesicht
bekamen, steigerte sich dann eine unheimliche Wut auf die Russen
- und das ohne Ausnahme. Diese Wut war es, die den Widerstand
der deutschen Soldaten immer wieder anheizte. Diese Wut war es
aber auch, die es den militärischen Befehlshabern ermöglichte,
auch die unsinnigsten Befehle noch an "den Mann" zu
bringen und den/die deutschen Soldaten noch immer als ihr Menschenmaterial
zu gebrauchen und zu missbrauchen. Den Zwiespalt der Gefühle
habe ich auch mitmachen müssen, als ich einige Zeit später
geschändete weibliche Leichen entdeckte. Da gab es in mir
einen Moment, wo ich mich selber auch hätte vergessen können.
Werner Mork: Begegnung mit einem Rotarmisten 1945
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