Begegnung mit einem Rotarmisten 1945
Im Februar 1945 war ich als Soldat in der Nähe von Glogau an der Oder
eingesetzt und erlebte dort den Vormarsch der Roten Armee. Meine Einheit wurde aus der bisherigen Reservestellung
in eine Frontstellung verlegt. Beim Einrücken in diese "Stellung",
die nur ein Abschnitt in der Frontlinie war, wurde uns bekannt
gegeben, dass am nächsten Morgen um 5 Uhr ein Gegenstoß
gegen die Rote Armee unternommen werde, bei dem wir Soldaten unsere
Pflicht bedingungslos zu erfüllen hätten. Dabei wurde
ein entsprechender Tagesbefehl vom als "Bluthund" bekannten
General Ferdinand Schörner verlesen, der uns besonders deutlich
klar machte, was er von unserer bedingungslosen Pflichterfüllung
hielt. Dabei vergaß Schörner nicht, auch die Standgerichte
"gebührend" zu erwähnen.
Ausdrücklich wurde darauf hingewiesen, dass bei diesem Gegenstoß
keine Gefangenen zu machen seien. Die könne man nicht mehr
nach "hinten" schaffen, dazu gäbe es derzeit keine
Möglichkeiten mehr. Bei den uns gegenüberliegenden russischen
und nun auch polnischen Einheiten sei es so, dass tote Russen
und tote Polen die besseren Menschen seien, Lebende könne
man nicht mehr gebrauchen, wie der zuständige Kompanieführer
noch hinzufügte. Damit war ja alles klar, alles gesagt, wir
brauchten nur noch einen erfolgreichen Gegenstoß zu unternehmen,
mehr nicht!
Wir Grenadiere, wie die Infanteristen seit geraumer Zeit genannt
wurden, wurden nun für den Gegenstoß bestens ausgestattet.
Es wurde ausreichend Gewehr-Munition ausgeteilt, vor allem aber
jede Menge an Handgranaten, Stielhandgrananten und die lieben,
kleinen, niedlichen Eierhandgranaten. Die erfahreneren Landser
steckten die Stielhandgranaten in die Knobelbecher, soweit sie
noch solche besaßen, sonst wurden sie einfach ins Koppel
gesteckt. Die Eierhandgranaten wurden am Koppel eingehängt,
der verbleibende Rest kam in die Taschen der Uniform. So waren
wir wirklich nun doch hervorragend ausgestattet mit Mordwaffen
in großer Anzahl. Wir waren so richtig schön vollgepackt
mit Explosivkörpern, um damit Tod und Verderben in die feindlichen
Linien zu bringen, wenn wir denn dazu kommen würden, so von
Angesicht zu Angesicht. Nur fühlten sich nicht alle wohl
bei diesem "Behängtsein" mit solch gefährlichen
Dingern am Körper. Auch mir war sehr unbehaglich zu Mute,
mit all dem gefährlichen Zeugs, das auch ich an mir und mit
mir schleppen sollte, am anderen Morgen um 5 Uhr. Dazu kam, dass
ich doch noch nie einen Angriff mitgemacht hatte, davon verstand
ich nichts, aber das zählte nicht mehr. Wichtig war nur,
das Landser vorhanden waren, die angreifen würden, weil sie
angreifen mussten, egal was und wie viel sie davon verstanden
oder auch nicht.
Am nächsten Morgen setzte dann noch vor 5 Uhr eine für
uns unerwartet starke eigene Artillerie-Unterstützung ein
und dazu auch das Feuer eigener, schwerer Granatwerfer. Solch
eine Feuerwalze war für uns überraschend, wir wussten
gar nicht, dass es noch so viele schwere Waffen gab. Der Einheitsführer
hatte vor Angriffsbeginn Einzelheiten über das zu erreichende
Ziel des Angriffs bekannt gegeben. Auf einer breiten Front sollte
der Gegenstoß zu einer Frontbegradigung führen und
die russischen Garde-Einheiten, die uns gegenüber lagen,
sollten dabei möglichst weit zurückgeschlagen werden.
Es sollte und musste mit allen Mitteln erreicht werden, den "Iwan"
hier zumindest zum Stehen zu bringen, wenn nicht zum Zurückweichen.
Daher auch der massive Einsatz so vieler schwerer Waffen. Als
diese dann ihr Feuer vorverlegten, kam das Signal zum Angriff
der Grenadiere auf die russischen Stellungen, die sich in einem
Waldgelände uns gegenüber befanden. Zwischen der eigenen
Ausgangsstellung und der gegnerischen gab es ein großes,
völlig freies Wiesengelände, das nun überwunden
werden musste.
Bei dem "Gang" über die Wiese in den Wald fühlte
ich mich ziemlich unwohl, weil ich mich auch sehr alleine fühlte.
Den direkten Anschluss hatte ich wohl etwas verpasst, der Kompanietrupp
war irgendwo im Gelände. Mit dem Karabiner in der Hand ging
ich weiter in die Richtung, die meine Kompanie eingeschlagen hatte,
was daran erkennbar war, das ab und zu einzelne Männer, deutsche
Soldaten links und rechts von mir zu sehen waren.
Plötzlich sah ich etwas völlig Überraschendes.
Ich stand mit einem Mal vor dem Eingang einer Stellung, die in
dem Waldboden eingegraben war und aus der völlig unvermittelt
ein russischer Soldat auftauchte. Ein Soldat mit einer Maschinenpistole
im Anschlag. Ich war ganz schön erschrocken bei diesem Anblick,
aber auch mein Gegenüber war nicht nur überrascht, sondern
auch ziemlich erschrocken bei meinem Anblick. Beide hatten wir
das gleich ungute Gefühl, dass es gleich knallen wird und
einer von uns dann wohl draufgehen würde. Es fragte sich
nur, wer der erste sein wird der anfängt zu schießen.
Beide, die wir uns da gegenüberstanden, waren noch junge
Kerle, und beide hatten wir sicher auch die gleiche Angst, aber
auch Angst kann schlimme Folgen haben. Beide waren wir allein
auf weiter Flur, bei beiden war es vielleicht die gleiche Situation,
den Anschluss an den eigenen Haufen verloren zu haben. Und bei
beiden war es wohl so, dass wir nicht die Absicht hatten, nun
den "tapferen Helden" zu spielen.
Es vergingen einige bange Augenblicke, in denen wir beide unsere
entsicherten Waffen in den Händen hielten, und die hätten
schnell losgehen können. Ich war es dann, der den Ausschlag
gab, nicht zu schießen. Ich senkte meinen Karabiner mit
dem Lauf zum Erdboden hin, gab damit dem Russen zu verstehen,
dass ich nicht schießen würde und machte ein Handzeichen,
mit dem ich andeutete, dass er schnell verschwinden solle. Da
geschah etwas sehr anrührendes: das Gesicht des Russen, das
vor Angst genau so verzerrt war wie meines, entspannte sich, es
kam ein leichtes Lächeln zum Vorschein. Aus seinem Mund kam
ein Laut, der sich wie "Madka" anhörte, was sicher
Mutter heißen sollte, und dazu die Worte: "nix schießen!"
Daraufhin sagte ich auch mit einem leichten Lächeln: "nix
schießen!" Der junge Russe nahm nun seine Pelzmütze
ab, grüßte mich damit, den deutschen Soldaten, und
verschwand dahin, wo er seine Kameraden vermutete. Nur seine Maschinenpistole
nahm er nicht mit. Die legte er vor mir auf dem Boden ab und deutete
damit an, dass er auch nicht schießen würde, wenn er
von mir entfernt sei. Diese Waffe habe ich dann aufgehoben und
sie eine Weile behalten, bis mir der Besitz einer Beutewaffe zu
heiß wurde.
War das, was da geschehen war, nun etwas Besonderes? Oder war
das nur der Ausdruck einer beiderseitigen Feigheit? Im Sinne der
Soldatengesetze wäre es sicher als Feigheit ausgelegt worden,
auf beiden Seiten. Und dem einem wie dem anderen wäre es
übel bekommen, wenn das Verhalten bemerkt worden wäre.
Aber geschehen war ganz einfach nur, dass sich zwei Menschen gegenüberstanden,
die sich nicht gegenseitig umbringen wollten. Und das war doch
wohl etwas Besonderes, so meine ich. Wir hatten voreinander Respekt
und Achtung bewiesen, Achtung vor dem Leben des anderen. Wer das
als Feigheit auslegen will, soll es tun, für mich war das
der Ausdruck einer Menschlichkeit mitten im Krieg. Dass wir beide
Angst hatten, war ein doch sehr menschliches Verhalten, und ich
meine, dass wir beide uns deswegen nicht zu schämen hatten.
Ich bin jedenfalls stolzer auf dieses Verhalten, als auf die Erfüllung
sinnloser Befehle. Und ich bin nach wie vor sehr stolz darauf,
dass ich niemals einen Menschen getötet habe, dass ich kein
Menschenleben ausgelöscht oder "nur" verwundet
habe. Ich konnte später nicht mit solchen "Heldentaten"
prahlen, wie es nach dem Krieg immer wieder geschehen ist. Ich
habe keinen Menschen auf dem Gewissen.
Werner Mork: Drohendes Standgericht 1945
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