Drohendes Standgericht 1945
Während des Vormarschs der Roten Armee saß ich im Februar 1945
in der Nähe von Glogau an der Oder wegen gewaltigen
russischen Trommelfeuers mit 8-10 anderen Landsern im Keller eines
alleinstehenden Gutshauses. Es war das eine mulmige Situation
in diesem Keller, keiner wusste, wie es weiter gehen würde.
Unter den Anwesenden befand sich ein Stabsgefreiter, ein also
schon sehr "alter Soldat". Der war behangen mit Auszeichnungen.
Ihn schmückten die EK's erster und zweiter Klasse, das Infanterie-Sturmabzeichen,
das Verwundetenabzeichen, die Nahkampfspange und, auf dem Ärmel
befestigt, einige Panzervernichtungsstreifen für von ihm
selber "geknackte" feindliche Panzer. Somit ein ganz
toller Bursche, bei dem es aber verwunderlich war, dass er nur
ein Stabsgefreiter war, der hätte doch schon viel mehr sein
müssen. Musste ja wohl sicher einen Grund haben. Vielleicht
war er aber auch einer von denen, die immer widerspenstig waren
in ihrer langen Dienstzeit. So einer von der Art, zu der auch
ich gehörte, so dachte ich über diesen hochdekorierten
Kameraden. Wie sehr ich mich irrte, das sollte ich sehr schnell
erfahren.
Die Landser in diesem Keller waren sich alle fremd, keiner kannte
den anderen. Es ergab sich aber ein Gespräch untereinander,
und das Thema war wie immer dieser verdammte Scheißkrieg.
Ein sehr "normales" Thema, wenn Landser miteinander
redeten, worüber sollten sei auch sonst noch reden. Krieg
war gezwungenermaßen das Thema, weil doch alle die Nase
restlos voll hatten und es sich immer wieder darum drehte, wann
wird der Krieg sein Ende haben, wann werden wir wieder in der
Heimat sein und in welchem Zustand.
In unserem Gespräch ging es vorrangig um die Frage, wann
wird Schluss sein und wie wird es dann in Deutschland aussehen
nach einem Krieg, aus dem wir nur als Verlierer heraus kommen
werden. Kommen wir Soldaten dann möglicherweise in ein Reich,
das vielleicht nicht mehr existiert? An sich war es schon etwas
seltsam, unter diesen Umständen, mitten im tobenden Trommelfeuer
und den krachenden und explodierenden Granaten, sich Gedanken
über die Zeit nach dem Krieg zu machen. Bei diesem Thema
meinte ich, mich auch am Gespräch zu beteiligen und meine
Meinungen und Ansichten beizutragen, die sich auf die Zukunft
des Reiches bezogen. Ich äußerte mich über diese
Zukunft dahingehend, dass die beste Staatsform nach dem Krieg
nur die Demokratie sein könne. Ich gab hier das Wissen weiter,
das ich von einem Freund in mir aufgenommen hatte und "sang"
dabei das hohe Lied der englischen Demokratie. In meiner Naivität
meinte ich, mich so äußern zu können. Ich dachte
nicht daran, dass diese Ansichten nicht nur sehr schlimm waren
in dieser Zeit, auch nicht daran, dass sie möglicherweise
als Hochverrat angesehen werde könnten, besonders deswegen,
weil ich unseren Feind England als ein positives Beispiel anführte.
Das bedachte ich nicht in diesem Keller unter uns kleinen Landsern,
von denen ich meinte, dass sie nicht anders denken und empfinden,
hatten doch auch sie die Schnauze restlos voll. Ich redete mich
so richtig in Rage, und es entstand dabei direkt eine kleine Diskussion,
die ich als sehr gut empfand, da man einmal über das Reden
konnte, was uns doch alle bedrückte. Wir waren unter uns,
von bösen Nazis konnte kein Rede sein unter uns simplen Landsern,
die hier saßen und nicht wussten, wie es in den weiteren
Augenblicken sein würde. Wir lebten trotz des anhaltenden
Trommelfeuers bei diesem Gespräch so richtig auf und machten
mit Begeisterung nun in Demokratie.
Keiner hatte richtig wahrgenommen bzw. keiner dachte sich etwas
dabei, dass der hochdekorierte Stabsgefreite den Keller verlassen
hatte. Nach einer gewissen Zeit kam er wieder zurück, ging
stracks auf mich zu und sagte mir, er habe den Befehl mir zu sagen,
dass ich sofort nach oben kommen solle, zum IA, einem Oberleutnant,
der sich oben aufhielt. Auf meine Frage, was ich denn da solle,
grinste er mich sehr seltsam und dreckig an und meinte, das würde
ich schon sehen und hören. Er habe nur den Befehl vom IA
auszurichten, dem ich unverzüglich Folge zu leisten hätte.
Völlig nichtsahnend ging ich die Treppe hoch und betrat das
Erdgeschosszimmer in dem sich der IA befand. Ich meldete mich
vorschriftsmäßig mit Namen und Dienstgrad in der Annahme,
dass ich nun einen auszuführenden Auftrag erhalten würde.
Doch dem war nicht so. Der Oberleutnant fragte mich nach meinem
Alter und der Dauer der bisherigen Dienstzeit beim Militär,
auch ob ich ledig oder verheiratet sei und ob schon Kinder vorhanden
seien. Dann stellte er die Frage, ob es stimme, dass ich mich
im Keller defätistisch geäußert habe, dass ich
die englische Demokratie als erstrebenswert für Deutschland
bezeichnet hätte, somit von einer Niederlage Deutschlands
in diesem Krieg ausgehen würde. Das sei wehrkraftzersetzend
und ein Denunziant habe ihn in dem Sinn über meine Äußerungen
im Keller informiert. Den Begriff Denunziant verwendete er wörtlich
und dabei wurde klar, dass der "Kamerad Stabsgefreiter"
der Denunziant war. Wenn das alles so stimme, dann sei das ein
Fall von Hochverrat, der entsprechend den geltenden Bestimmungen
zu ahnden sei. Das war nun in der Tat für mich eine sehr
unangenehme Lage. Hätte ich doch nur meinen Schnabel gehalten.
Abstreiten konnte ich nichts, denn im Keller gab es genug Zeugen,
die mein Gerede bestätigen würden. Es blieb mir nur
die einzige Möglichkeit, meine gemachten Äußerungen
irgendwie abzuschwächen, so als seien sie doch ganz anders
gemeint, was natürlich pflaumenweich war und so auch vom
IA bemerkt wurde.
Nun stauchte mich der Oberleutnant förmlich zusammen, nannte
mich ein "blödes Arschloch", womit er ja nicht
Unrecht hatte. Da läge der Kriege in seinen letzten Zügen
(so sagte er zu mir) und ich, der blöde Kerl, rede mich jetzt
noch um Kopf und Kragen. Ob ich denn nicht wisse, dass es jetzt
das Standrecht gäbe, dass ein jeder verpflichtet sei, jeden
zu melden, der sich defätistisch äußere. Jeder
Vorgesetzte, dem das zu Ohren käme, habe mit unverzüglicher
Meldung an die Feldjäger entsprechend zu reagieren bzw. die
sofortige Einsetzung eines Standgerichts an Ort und Stelle anzuordnen.
Ich, der Obergefreite Mork, sei ein Vollidiot, der nicht nur sich,
sondern auch ihn, den Oberleutnant, in eine beschissene Lage gebracht
habe, hätte ich doch nur meine Schnauze gehalten, so kurz
vor dem Ende dieses Krieges. Auch der Oberleutnant war nicht mehr
ein überzeugter Sieger, und der sollte nun über mich
noch eine Bestrafung verhängen, ein Todesurteil, weil ich
mich so saublöd verhalten hatte.
Als er sich sehr wütend etwas erleichtert hatte, kam er auf
mich zu und sagte mir ganz ruhig und sehr leise, ich wisse ja
wohl, was mich nun erwarten würde. Und weiter sehr leise,
er würde mir noch eine, die letzte Chance geben, die zwar
auch wohl mit ziemlicher Sicherheit nicht gut für mich ausgehen
würde, aber immerhin noch eine Chance sei. Diese Chance sei
aber auch für ihn eine mögliche Entlastung gegenüber
dem, was er sonst unweigerlich tun müsse. Er würde jetzt
das Zimmer für einen kurzen Augenblick verlassen. Auf seinem
Schreibtisch läge ein Marschbefehl in dem noch kein Name
vermerkt sei, der die Order enthalte, aus einem Kfz-Heimatpark
in Spremberg Fahrzeuge zu übernehmen und dem Regiment zuzuführen,
soweit das überhaupt noch möglich sei. Wenn er ins Zimmer
zurück käme, der Marschbefehl noch auf seinem Tisch
liege und der dämliche Obergefreite noch im Zimmer sei, dann
hätte er keine andere Möglichkeit, als mich den Feldjägern
zu übergeben.
Ich hatte es nicht fassen können, dass mich ein anderer Landser
verpfiffen und ich nun wohl mit dem Schlimmsten zu rechnen hatte,
so oder so. Das eine war die absolut tödliche Gewissheit,
vor ein Standgericht zu kommen, und das andere war diese letzte
Chance, die aber auch sehr wahrscheinlich tödlich enden würde,
denn ich müsste jetzt sofort raus aus dem Haus und versuchen,
durch das Trommelfeuer zu gelangen, in das man jetzt keinen Hund
jagen würde. Aber mir blieb keine andere Möglichkeit,
als von der angebotenen Chance Gebrauch zu machen. So schnappte
ich mir den Marschbefehl, als der Oberleutnant den Raum verlassen
hatte, und verschwand schnurstracks nach draußen. Aus dem
Keller hatte ich nichts zu holen, ich befand mich ja in voller
Montur als ich mich meldete, mit Karabiner, Gasmaske und Brotbeutel
und in Uniform. Wobei es wohl auch nicht gut gewesen wäre,
noch einmal in den Keller zu gehen, wo mein "guter Kamerad"
hockte und sicher auf mein Ende wartete.
Es kostete schon eine ziemliche Überwindung, bei dem starken
Beschuss aus dem Haus zu gehen und zu versuchen, unter dem Trommelfeuer
der Ari, der Granatwerfer und nun auch noch der Stalin-Orgeln
in dem verhältnismäßig freien Gelände "rückwärts"
vorwärts zu kommen. Da gab es nur die schon einmal bewährte
Möglichkeit, das zu tun, was ich in der Rekrutenzeit so verflucht
hatte, nämlich auf allen vieren zu robben und zwischen den
Einschlägen der Granaten, immer ein Stück weiter voran
zu kommen. Deckung gab es kaum in diesem Gelände, es war
eine Tortur sondergleichen, flach auf dem Boden liegend dahin
zu kommen, wo eine Straße sein müsste, auf der ein
besseres Vorankommen möglich sein könnte. Meine Hoffnung
war, aus dem Trommelfeuer herauszukommen, bevor es weiter vorverlegt
und dann die russische Infanterie angreifen würde.
Es gelang mir, eine Straße zu erreichen und einen dort fahrenden
Sanka (Sanitätskraftwagen) anzuhalten und von dem mitgenommen
zu werden. Das Wort Wunder ist schon wiederholt von mir benutzt
worden, und es wirkt sicher schon reichlich abgedroschen, aber
das war hier ein wirkliches Wunder. Jetzt war ich in Sicherheit,
ich hatte alles überstanden, das mögliche Standgericht
und auch das mörderische Trommelfeuer. Ich war mit dem Leben
wieder einmal davongekommen. Der Denunziant hatte sein Ziel nicht
erreicht, und dem Oberleutnant musste ich dankbar für sein
Verhalten sein. Er hatte mir damit mein Leben gerettet, und ich
hoffte und wünschte, dass dieser Mann den Krieg auch lebend
überstehen würde.
Es gab sie also noch immer, die Fanatiker, und das kurz vor dem
Ende. Dieser Stabsgefreite wusste genau, was mir geschehen würde,
aufgrund seiner Meldung über den üblen Wehrkraftzersetzer.
Er nahm bewusst in Kauf, dass diese Meldung mein Todesurteil besiegeln
würde. Dieser "Kamerad" war sicher kein fanatischer
Nazi, der war ein ganz normaler, einfacher Mensch, der sich aber
als ein "Draufgänger" ausgezeichnet hatte und für
den ich ein Verräter war, der angezeigt werden musste. Für
ihn war das Töten und Totschlagen im Krieg wohl eine solche
Selbstverständlichkeit geworden, dass er den Tod eines Verräters
nicht nur hinnahm, sondern den auch als gerechte Strafe für
einen Lumpen ansah, denn das war ich doch in seinen Augen. Ich
verriet durch mein Verhalten sicher seine Ideale, vielleicht auch
nur sein Landsknechtwesen, ganz sicher aber sein Deutschtum, seinen
Patriotismus. Verräter gehörten jetzt ganz einfach einen
Kopf kürzer gemacht und am nächsten Baum aufgehängt
zu werden. Und es gab noch viel solcher Fanatiker, auch dann noch,
als das Ende da war und die Überlebenden in Gefangenschaft
kamen, auch das "durfte" ich später noch erleben.
Werner Mork: Lauban 1945
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