Lauban 1945
Während des Vormarschs der Roten Armee im Februar 1945 landete ich als Wehrmachtssoldat bei einer Einheit,
die hieß "Panzer-Korps-Füsilier-Regiment 79".
Es war eine Einheit, die als sogenannte "Feuerwehr"
für Sonder-Einsätze vorgesehen war, zu denen sie direkt
vom kommandierenden General eines Panzerkorps, Walther Nehring,
befohlen wurde. Dieses Regiment unterstand keiner Division, sondern
ausschließlich diesem General, und es wurde nur auf seinen
Befehl da eingesetzt, wo es "brannte". Das Regiment
war eine eigenständige Kampfgruppe mit allen dazu erforderlichen
schweren und schwersten Waffen. Das war ein krasser Gegensatz
zu den abgeschlafften Infanterie-Einheiten, die ich bis jetzt
hatte erleben dürfen. Da gab es noch richtige Panzer, sogar
den hochgelobten neuesten deutschen Panzer "Tiger",
eine absolute Rarität. Es gab auch die neuen 15-cm-Haubitzen
auf Selbstfahrlafetten, es gab sogar ausreichend Schützenpanzer
und auch Granatwerfer-Einheiten bis hin zu den schwersten Kalibern.
Der Gipfel war der, dass diese Einheit auch noch über eigene
Flak-Geschütze verfügte, der "berühmten"
8,8 cm Flak, aber nicht für eine Luftbekämpfung, sondern
für den Direktbeschuss im Erdkampf gegen angreifende feindliche
Panzer. Das war im militärischen Sinn gesehen eine Ausstattung,
die ziemlich einmalig war, und das jetzt, in dieser Zeit erst
recht.
Es geschah in der Zeit vom 1.-5. März 1945, als die Panzergruppe
Nehring in Verbindung mit anderen Korps einen Gegenangriff durchführte,
bei dem es gelang, die Stadt Lauban wieder zurückzuerobern,
wobei ein sowjetisches Garde-Schützen-Korps fast völlig
aufgerieben wurde. Auch das Panzer-Korps-Füsilier-Regiment
79 war mit dabei. Der Erfolg wurde als sensationell hingestellt,
als ein Beispiel echter deutscher Feldherrenkunst, aber auch als
ein Beweis dafür, dass die deutschen Soldaten noch lange
nicht geschlagen waren, dass der gute deutsche Soldatengeist noch
immer vorhanden war. Diese Sensation war der Anlass, dass der
"Herr" Reichsminister Goebbels sich an diese Front begab,
eigens aus Berlin herbeieilte, was da noch möglich war. Gemeinsam
mit General Schörner und anderen Kommandeuren trat er auf
und hielt vor den zu diesem Zweck versammelten Soldaten eine schöne,
begeisternde Rede, die auch so ankam, bei den Landsern da in Lauban.
"Zufälligerweise" waren fast alle PK-Männer
der noch im Osten vorhandenen Propaganda-Kompanien an diesem Tag
in Lauban auch anwesend. Die filmten das zu Herzen gehende Geschehen,
welches dann im restlichen Teil des Reiches in die Wochenschauen
der Kinos kommen sollte. Alle, die es noch sehen konnten, sollten
auch sehen, was geleistet worden war von den deutschen Soldaten,
wobei aber noch mehr wohl daran gedacht wurde, dieses Filmmaterial
ins neutrale Ausland zu schaffen, was dann vielleicht eine entsprechende
Auswirkung auf die Alliierten haben könne. Die sollten beeindruckt
werden von dem, was die Wehrmacht doch noch leisten konnte.
Allerdings waren Freude und Jubel über diesen "großartigen"
Gegenangriff nur von sehr kurzer Dauer. Das war nur wie ein Strohfeuer
gewesen, einige Tage später war alles so mies wie gehabt.
Ein Augenblickserfolg, der keine kriegsentscheidende Bedeutung
oder gar Auswirkung hatte, wie der Herr Goebbels es lauthals hinausposaunte
unter brausendem Beifall und Heil-Geschreie der versammelten Landser.
Das ist übrigens heute noch zu sehen und zu hören auf
vorhandenen Film-Aufnahmen, die das Geschehen jetzt im Fernsehen
noch einmal deutlich machen. Und es wurde gejubelt an dem Tag,
die Begeisterung war noch zu verspüren, als wir am nächsten
Tag in Lauban einrückten.
Auf dem Weg durch die Trümmer der Stadt sahen wir schreckliche
Bilder von zerstörten Fahrzeugen aller Art, von Panje-Wagen
mit toten Pferden und vielen toten russischen Soldaten. Nur der
Marktplatz wirkte gut aufgeräumt, auf dem am Tage zuvor Goebbels
seine Rede gehalten hatte. Wir sahen bei der Gelegenheit auch
die amerikanischen LKWs, die den Russen von der USA geliefert
worden waren, das waren die "Studebakers", gegen die
unsere noch vorhandenen LKWs geradezu erbärmlich wirkten.
Wenn es eine Steigerung der Begriffe Schrecken und Grauen gibt,
dann erlebte ich diese Steigerung, als ich mit zwei anderen Landsern
in ein Haus ging. Was wir sahen im Keller des Hauses war grauenhaft,
und wir bekamen einen furchtbaren Schock. In dem Keller lagen
die Leichen von fünf nackten deutschen Frauen, denen von
der Scheide her der Unterleib aufgeschlitzt worden war. Dazu waren
sicher Bajonette benutzt worden. Wir waren bei diesem Anblick
nicht nur von einem Grauen erfüllt, sondern auch von einer
furchtbaren Wut auf die, die so gemeine, so niederträchtige
Morde begangen hatten. Wir waren in einer Verfassung, in der wir
Russen, wenn sie als Gefangene jetzt vor uns gestanden hätten,
bedenkenlos umgebracht hätten, ohne Rücksicht darauf,
ob sie die Täter gewesen wären oder nicht. Ich glaube,
da wäre auch ich wohl soweit gewesen, einen anderen Menschen
umzubringen. Dann hätte ich nicht mehr stolz darauf sein
können, keinen Menschen auf dem Gewissen zu haben. Was wir
dort sahen, war ein für uns unbegreifbares Verbrechen, das
uns in eine besinnungslose Wut versetzte. Erstmals erlebte ich
da, wie schnell es geschehen kann, selber völlig unberechenbar
zu werden. Unsere Wut richtete sich nicht gegen eine Ideologie,
die richtete sich gegen die Unmenschen, die solches getan hatten.
Kurze Zeit später wurde unsere Einheit verlegt in den Raum
von Ratibor in Schlesien, wo es zu schweren russischen Angriffen
gekommen war, bei denen die deutsche Front immer stärker
ins Wanken geriet.
In einem waldigen Gelände waren hier irgendwann gut geschützte
Unterstände erbaut worden, in denen die Gefechtsstände
des Regiments und der Bataillone untergebracht wurden, davor befanden
sich die Kompanien in ihren Stellungen. Meine Aufgabe war, die
Leitungen zu den eingesetzten Einheiten des Regiments und zum
Stab des Generals Nehring nicht zusammenbrechen zu lassen. Durch
russischen Beschuss geschah es, dass ich irgendwann nur noch eine
funktionierende Leitung hatte, die führte zu einem Bataillonskommandeur,
einem Hauptmann, der den Namen Tschaikowsky trug, wie der berühmte
Komponist. Diesen Hauptmann hatte ich vor einigen Tagen in meiner
Vermittlung kennen gelernt und wir beide hatten uns eine ganze
Weile sehr gut unterhalten. Dabei hatte der Hauptmann mir gesagt,
dass er mich ab und zu von seinem Unterstand aus mal anrufen würde,
nur um sich mit mir etwas zu unterhalten, wenn es die Verhältnisse
zuließen. Er habe den Eindruck, dass ich doch ein ganz anständiger
Kerl sei, mit dem man noch leidlich vernünftig reden könne
in dieser beschissenen Zeit. Zwar waren Privatgespräche im
Leitungsnetz streng untersagt, aber irgendwie würde das schon
hinzukriegen sein, meinten wir beide.
Es geschah dann an dem Tag, an dem sich der russische Angriff
so entwickelt hatte, dass mit einem Zusammenbruch der HKL gerechnet
werden musste. Plötzlich war Hauptmann Tschaikowsky in der
Leitung, um mit mir zu reden. Er wollte gerne noch mit einem Menschen
sprechen - gerade in diesen Augenblicken, die wohl die letzten
seines Lebens sein werden. Ihm ginge gerade jetzt so vieles durch
seinen Kopf, über das er in einem Gespräch mit mir gerne
reden möchte, soweit der Iwan ihm dazu noch Zeit lassen würde.
Ein Gespräch über sein verkorkstes Dasein, das nun zu
Ende geht. Die Lage vor seinem Gefechtsstand sei so, dass es kein
Rauskommen aus dem Bunker mehr gab. Unser Gespräch wurde
dann plötzlich unterbrochen, aber nach einer nur kurzen Zeit
meldete er sich wieder bei mir, um mir mitzuteilen, es gäbe
jetzt auch keine Verbindung mehr zu seinen Leuten. Eingesetzte
Melder waren nicht an ihr Ziel gekommen, es kam auch keiner von
ihnen zurück. Er hätte jetzt nur noch diese eine Leitung,
als den einzigen Kontakt zu einem deutschen Soldaten, die wolle
er nun nutzen, um mit mir zu sprechen, bis es vorbei sein würde.
Und dann kam etwas sehr Schlimmes, etwas was ich nie habe vergessen
können. Er sagte plötzlich, jetzt sind die Russen vor
dem Bunkereingang und weiter: "Ich verabschiede mich nun
von euch allen, von meinen noch lebenden Kameraden, lebt wohl
und versucht wenigsten ihr, noch heile nach Hause zu kommen. Macht
Schluss mit dem Scheißkrieg, für mich ist er zu Ende
aber damit auch mein Leben, sorgt ihr dafür, dass es nie
wieder Krieg gibt." Was ich dann hörte, war nur noch
ein Schuss, von dem ich nicht wusste, von wem er kam. Ich musste
aber annehmen, dass er seinem Leben selbst ein Ende gesetzt hatte.
Die Leitung war nun tot. Es gab keine Verbindung mehr, das Bataillon
wurde fast völlig aufgerieben, und es gab auch keinen Hauptmann
Tschaikowsky mehr. Ich verbeuge mich noch heute vor diesem Mann,
ich ehre sein Andenken und frage mich, warum mussten Menschen
so elendig krepieren, warum und wofür, für wen und für
was? Vom Vaterland konnte bei mir keine Rede mehr sein. Sinnlos
und hoffnungslos hatten auch hier, im Raum Ratibor, wieder deutsche
Soldaten ihr Leben lassen müssen. Sinnlos aus meiner Sicht,
auch wenn es noch immer die Meinung gab, dass die Russen aufgehalten
werden müssten auf ihrem Weg ins Reich, auch wenn das noch
viele Opfer kosten würde.
Werner Mork: 8. Mai 1945 - Als Wehrmachtssoldat in Tschechien
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