8. Mai 1945 Als Wehrmachtssoldat in Tschechien
Das Ende des Zweiten Weltkrieges erlebte ich als Wehrmachtssoldat
in Tschechien. Ende April 1945 hatte sich mein Regiment in der
Gegend um Trebitsch gesammelt. Mit den noch vorhandenen Fahrzeugen
hatten wir uns in eine Art von Wagenburg eingeigelt. Der Grund
war die sehr kritisch gewordene Situation infolge der jetzt überall
auftauchenden und angreifenden tschechischen Partisanenverbände.
Wir hatten es jetzt mit zwei Gegnern zu tun. Die tschechischen
"Freiheitskämpfer" waren sehr aktiv geworden, sie
waren nun neben den Russen ein zusätzlicher Schrecken für
uns. Wir alle lebten in einer sehr gespannten Atmosphäre,
begleitet von einem unguten Gefühl großer Unsicherheit,
auch von einer grenzenlosen Verlassenheit. Was würde nun
geschehen? Es war das eine etwas seltsame und wohl auch gespenstische
Situation, dass eine militärische Einheit, d.h. der Rest
eines Regiments, in diesem Gelände auf freiem Feld biwakierte
und dabei anscheinend voll und ganz sich selber überlassen
war. Es bestanden keine Verbindungen mehr, wir erhielten keine
Befehle mehr, wir kamen uns hilflos und verlassen vor. Es entstand
eine Art von Mutlosigkeit mit dem miesen Gefühl, dass wir
nun wohl den Russen endgültig ausgeliefert seien. Aber für
noch größer hielten wir die Gefahr, vorher von den
Tschechen umgebracht zu werden, nur würden wir es denen nicht
leicht machen. Wir würden uns dann wirklich bis zu letzten
Patrone verteidigen, nicht kampflos aufgeben; lebend sollten die
uns nicht in ihre Hände bekommen, darüber herrschte
bei uns Einigkeit.
Wir hatten eine große Angst, und unser Denken drehte sich
nur noch um das, was uns in den nächsten Tagen bevorstünde,
was mit uns in der Tschechei geschieht, in der wir uns wie in
einem Kessel befanden, der nun ringsum dicht gemacht wurde. Doch
dann war plötzlich das Ende des Krieges da. Der neue "Führer"
des Rest-Reiches, Großadmiral Karl Dönitz, gab die
"Bedingungslose Kapitulation" des Reiches und der Wehrmacht
bekannt. Vom Himmel über uns kamen aus russischen Flugzeugen
jetzt keine Bomben mehr auf uns hernieder, sondern Flugblätter
mit der Mitteilung der Kapitulation und eine Anweisung darüber,
wie wir uns beim Inkrafttreten des Waffenstillstands zu verhalten
hätten.
Am 8. Mai 1945 war das Ende da. Der Krieg war endlich vorbei.
Jahre voller Vernichtung von Menschen und von Eigentum waren vergangen,
was würde nun auf uns, die Deutschen, zukommen? Wie würde
ich nun mein erhalten gebliebenes Leben gestalten können?
Würde es dazu überhaupt noch gute Möglichkeiten
geben? Was würde mein Schicksal sein, nachdem ich mich im
September 1939 als Kriegsfreiwilliger gemeldet hatte? Wie froh
und glücklich musste ich sein, dass ich die vielen Jahre
überlebt hatte, dass ich nicht verwundet worden war, dass
ich kein Krüppel war. Ich war zwar gesundheitlich sehr angeschlagen,
aber ich war am Leben. Ich hatte überlebt als ein stinknormaler
kleiner Landser, ohne besonderen Rang, nur ein Obergefreiter ohne
eigens Dazutun und ohne jede Art von Auszeichnungen. Ein Nichts
dieser Wehrmacht wollte jetzt nur noch nach Hause, wollte versuchen,
im Frieden endlich eine reale Existenz aufzubauen, eine Familie
und ein Heim zu haben, um dann den Wahn des Krieges langsam zu
vergessen, aber mitzuhelfen am Neuaufbau eines demokratischen
und sozialistischen Staates, der für alle Zeiten vom Wahn
des Krieges geheilt sein würde. Als ein in diesem Kriege
zum Pazifisten gewordener deutscher Jüngling schwor ich mir
selber, niemals wieder Soldat zu werden. Und ich armer Tor hoffte,
dass Millionen anderer Menschen in allen Ländern sich nach
diesem Wahnsinn nicht anders verhalten würden. Mein utopisches
Denken hatte mich noch nicht verlassen, das trug ich in mir in
der festen Überzeugung, dass in dieser doch wirklich neuen
Zeit, die Vernunft endlich Einkehr halten würde in allen
Nationen, allen Völkern, allen Menschen gleich welcher Rasse
und Hautfarbe.
Frieden sollte nun sein, doch zuvor mussten die Soldaten erst
noch in Gefangenschaft marschieren, der direkte Weg mal so ganz
einfach nach Hause, den gab es nicht. Dieser Traum war und blieb
dann für sehr viele nicht nur ein lange anhaltender Traum,
der führte für viele noch zum Tod trotz des beendeten
Krieges.
Nach der Bekanntgabe der Kapitulation wurden wir zusammengerufen,
und der Kommandeur hielt an den Rest seines Regiments eine Ansprache.
Zu Anfang entband er alle anwesenden Soldaten von dem Eid, den
sie einmal dem "Führer" geleistet hatten. Dann
verkündete der Noch-Kommandeur, dass es ab sofort jedem freistünde,
dahin zu gehen, wohin er wolle. Nur äußerte er in dem
Zusammenhang Bedenken dahingehend, ob der Einzelne das wohl schaffen
könne, so ganz alleine in der nun auch feindlichen Tschechei,
den Weg in die Heimat zu finden. Die tschechischen Kämpfer
würden sicher keinen deutschen Soldaten als Einzelgänger
so einfach ziehen lassen. Er würde daher empfehlen, zusammen
zu bleiben und gemeinsam zu versuchen, den Weg in Richtung deutsche
Grenze anzutreten unter Mitnahme der dazu erforderlichen Fahrzeuge
wie auch der leichten Waffen -weg von den Russen und hin zu den
Amerikanern. Nach dieser Ansprache gab es dann eine schon direkt
demokratische Abstimmung. Alle stimmten für den Vorschlag
vom Kommandeur, der er noch immer war und auch blieb. Seiner Meinung
war es am besten, über Iglau nach Pilsen zu kommen, weil
dort schon die Amerikaner waren und die "russische Gefahr"
nicht mehr gegeben sei. Auch hierzu gaben die Anwesenden ihre
Zustimmung, ein völlig neues Gefühl beim Kommiss.
Am Himmel erschienen immer wieder russische Flugzeuge, die aber
nichts weiteres taten, als Flugblätter abzuwerfen mit dem
Hinweis, dass der Waffenstillstand um 24 Uhr in Kraft tritt, dass
die deutschen Soldaten in ihren jetzigen Stellungen zu verbleiben,
die Waffen niederzulegen und die Ankunft russischer Einheiten
abzuwarten hätten. Wer nach 24 Uhr noch mit der Waffe in
der Hand angetroffen würde, auf den träfe die Haager
Landkriegsordnung nicht mehr zu, der sei kein Soldat mehr, sondern
ein Partisan, der als solcher "behandelt" werden würde,
d.h. er würde erschossen werden.
Trotz dieser Flugblätter dachte aber keiner daran, den russischen
Anordnungen Folge zu leisten. Statt dessen setzten wir uns in
Marsch Richtung Iglau. Als wir sie abends erreichten, kamen wir
in eine lichterloh brennende Stadt, die aber dennoch durchfahren
werden musste, wenn wir auf dem geplanten Weg weiterkommen wollten.
Es wurde beschlossen, mit Vollgas durch das brennende Iglau zu
rasen. Das wurde eine Höllenfahrt, aber wir schafften es
trotz Brand, Trümmer, umkippender Leitungsmasten und vieler
anderer Hindernisse an das andere Ende der Stadt zu kommen, und
konnten nun versuchen, auf dem geplanten Weg weiterzukommen.
Inzwischen war es Tag geworden, und an diesem Tag, dem 9. Mai
1945 ergab sich für uns ein gespenstisches Bild. Seit 24
Uhr herrschte Waffenstillstand, aber wir und andere Einheiten
fuhren trotz der russischen Anweisungen auf einer tschechischen
Landstraße in die Richtung, wo Pilsen liegen sollte. Das
gespenstische dabei war, dass wir regelrecht "begleitet"
wurden von russischen Panzern, die nur unweit von der Straße
entfernt über das Gelände fuhren. Die machten aber keinerlei
Versuche, uns zu behindern oder gar zu beschießen. Wir waren
darüber schon sehr verwundert, aber wir wussten noch nichts
von der vereinbarten Demarkationslinie, die den amerikanischen
Bereich in der Tschechei von dem russischen Bereich trennte. Wir
wussten auch nichts von unserem Glück, uns rein zufällig
im amerikanischen Bereich zu befinden. So ergab sich das gespenstische
Bild, dass nur ca. 100 Meter von einander getrennt Deutsche und
Russen durch die Tschechei rollten und sich in keiner Weise kriegerisch
betätigten. Die Panzer, vor denen wir noch gestern eine Heidenangst
gehabt hatten, waren nun unsere friedlichen "Begleiter".
Wir kamen in einen Ort, in dem wir uns plötzlich einer Sperre
von bewaffneten Tschechen gegenübersahen. Mit Waffengewalt
wurden wir von diesen gezwungen, unter ihrer Eskorte auf den Marktplatz
des Ortes zu fahren. Eine Gegenwehr war nicht möglich, weil
wir dann sofort von den Tschechen "umgelegt" worden
wären. Und in Erkenntnis dieser Sachlage hatte der Chef verboten,
von den Waffen Gebrauch zu machen. Auf dem Marktplatz angekommen,
standen wir einer immer größer werdenden Menschenmenge
gegenüber, die ganz klar eine drohende Haltung uns gegenüber
einnahm. Dabei entdeckten sie das Ritterkreuz am Halse des Kommandeurs,
welches da noch immer hing, trotz Führertod und dem darauf
befindlichen Hakenkreuz. Als die Menge diesen Orden und dazu auch
die anderen Auszeichnungen auf seiner Uniform bemerkte, wollte
sie ihn aus seinem Kübelwagen ziehen und ihn unter dem tosenden
Gebrüll der fanatisierten Menge unverzüglich aufhängen.
Was nun geschah, verlief alles in einem irren Tempo. Am Balkon
eines Hauses hing plötzlich ein Seil, und die geifernden
Menschen wollten das Aufhängen des Nazis erleben. Aber auch
die anderen "Faschisten", das waren wir, sollten umgebracht
werden.
Fassungslos erlebten wir Soldaten die rasende Meute, der wir hilflos
ausgeliefert waren. Nichts konnten wir tun, als nur noch auf unser
Schicksal, auf unseren Tod zu warten. Unser Chef war schon fast
aus dem PKW herausgezerrt und man wollte ihm die Schlinge um den
Hals legen und am Balkon aufhängen, als plötzlich Schüsse
über den Platz peitschten. Es waren MG-Schüsse über
die Köpfe der Menge hinweg in Richtung auf das Haus, an dessen
Balkon das Seil befestigt war. Und wir, die deutschen Soldaten,
wurden gerettet von amerikanischen Soldaten, die mit einem Jeep
und einem Schützenpanzer auf Patrouillenfahrt in diesen Ort
gekommen waren und hier mit diesem unwürdigen "Schauspiel"
konfrontiert wurden. Sie machten dem grausigen Spuk ein Ende,
was aber den Tschechen nicht recht war. Nun entstand ein heftiger
und wütender Disput. Die Tschechen fühlten sich um ihre
"Beute" betrogen, sie hatten uns lynchen wollen und
wurden nun von den Amis daran gehindert. Die Amis ließen
sich auf nichts ein, sie erklärten uns als ihre Gefangenen.
Auch der "letzte" Versuch der Tschechen scheiterte,
als sie zumindest den "faschistischen" Ritterkreuzträger
umbringen wollten. Sie mussten nun zusehen, wie die Amis unsere
Fahrzeuge in ihre Mitte nahmen, vorne der Jeep und am Ende der
Kolonne der Schützenpanzer, der seine MGs noch auf die johlende
Menge gerichtet hielt. Dann setzte sich die Kolonne in Bewegung,
jetzt hatten wir amerikanischen Begleitschutz. Die Amis brachten
uns nach Tabor, wo sich ein großes Auffanglager der Amis
befand, in dem bereits sehr viele deutsche Soldaten als Kriegsgefangene
der Amerikaner waren.
Werner Mork: Im Kriegsgefangenenlager Horazdovice
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