Kollektives Gedächtnis

Dieser Eintrag stammt von Gertrud Mohr, Cord Diekmann und Christel Lohmann
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Februar 2010
   Kriegsverlauf


Feldpostbriefe unseres Großvaters Paul Diekmann
aus dem Ersten Weltkrieg

Teil 5 (Februar bis Mai 1917)




Feldpostbrief, 11. Februar 1917

[Paul und Luise Diekmann, 1917] Boiry Ste. Rictrude, den 11. Februar 1917,
am Sonntagmorgen um 1/2 10 Uhr.

Mein Herzlieb!

Sonntagmorgen! Vom letzten habe ich nicht viel gehabt. So habe ich kaum jemals im Leben gefroren. Ich war von der langen Fahrt so todmüde, aber schlafen konnte ich kaum mal länger als 1/4 Stunde. In Herbesthal oder schon vorher in Cöln hätte ich so gern eine Karte geschrieben. Aber erst in Lille ist's mir möglich gewesen. Am wärmsten war mir's jedesmal, wenn ich Butterbrot gegessen hatte. Appetit hatte ich sonst nicht. Alle andern Herren rauchten. Trotzdem war's mit meinem Husten erträglich. Andere husteten ebensoviel.

In Lille mußte ich umsteigen. In Douai und Cambrai auch. Der Zug nach Cambrai dampfte verheißungsvoll aus allen Leitungsrohren. Umsomehr enttäuscht war jeder, daß der Zug genau so kalt war wie alle andern. Alle Scheiben waren so dick gefroren, daß man nach draußen nichts sah. Da wunderte ich mich dann, als bald hinter Cambrai Herren mit bestaubten Stiefeln einstiegen. Und wenn von da an mal wieder eine Tür geöffnet wurde, sah ich braune Felder nur dürftig mit Schnee bedeckt. Und bei meiner Abreise lag der Schnee genau so tief als in Deutschland. Es hat aber damals hier einige Tage nicht gefroren, und da ist der Schnee langsam wieder geschwunden. Dann hat aber Frost eingesetzt, wie ihn kein Franzose je erlebt hatte.

Am übelsten war übrigens die Fahrt von Cambrai nach hier. Die kalten Morgenstunden empfand man besonders. Und dabei wurde auf jeder kleinen Station lange gehalten. Die Strecke ist eingeleisig und wird riesig benutzt. Da bin ich dann oft auf den Bahnhöfen hin- u. hergelaufen, damit die Füße warm wurden. Ich hatte vorher manchmal das Gefühl, daß sie erfroren seien. Jeder hatte im Zuge fortwährend seine Beine in Bewegung, u. auf den Stationen wackelte der ganze Wagen. So arbeiteten die trampelnden Beine. Dabei war der ganze Zug so dichtgedrängt voll, daß jeder nur sein schmales Plätzchen hatte. Daß ich da oft an unsere warmen Betten, an die Küche und ans mollige Speisezimmer gedacht habe, mein Lieb, das kannst Du Dir denken. Gern hätte ich auch meinen Likör getrunken. Aber ich fürchtete mich, den Wäschesack zu öffnen. Und als ich ihn dann abends hier lospackte u. die Flasche vors Fenster stellte, kam sie auf der Steinfensterbank auf irgend eine Weise leicht zu Fall, u. der schöne Likör war hin. Schade! Aber Scherben bringen ja Glück. Und mehr als Glück ist's ja schon, daß mir die Reise nicht geschadet hat. Nach Zeitungsberichten bin ich doch wohl gerade während der kältesten Nacht unterwegs gewesen.

Hier hatten wir zum erstenmale vorige Nacht bewölkten Himmel. Es war recht milde. Heute morgen war Nebel und Rauhreif. Jetzt scheint schwach und weiß die Sonne. Ob's Wetter umschlägt? Wir wünschen es gerade nicht. - Meine Gedanken sind in Nienhagen. Du bist vielleicht zur Kirche. Wir haben heute Nachmittag Gottesdienst. Pastor Müller ist mit zu unserer Division gekommen u. beim Regiment geblieben. Ebenso wie der vorzügliche katholische Pfarrer, Dr. Eschweiler. - Schließen will ich heute Abd. Soeben höre ich, daß nach der furchtbaren Artillerievorbereitung der letzten Tage vorige Nacht das Dorf Serre von den Engländern genommen worden ist. Jammerschade!

Abds. 10 1/4 Uhr. Mein liebes, gutes Lieschen! Heute nachm. kamen Deine lieben Briefe vom Montag u. Dienstag. Herzlichsten Dank! Ich antworte morgen. Schade, daß die Aufnahmen nicht gelungen sind! Besonders die große von uns beiden! Ob wohl aus den andern etwas wird?

Beim Gottesdienst war's kalt. Dann hatte ich Dienst, Besprechungen u. Essen im Kasino bis jetzt. Die Stunden fliegen viel zu schnell. - Mir geht's gut. Gott befohlen u. herzlich treue Grüße für Dich u. die Kinder!

Dein Paul.


Feldpostbrief, 20. Februar 1917


Im Schützengraben vor Blairville, den 20.2.17
A 3, am Dienstagabend um 8 Uhr.

Mein heißgeliebtes Lieschen!

Ich komme gerade wieder aus Stellung. Kalt ist's draußen und naß und unerfreulich. Ein feiner Regen rieselt, und unsere schönen Gräben bröckeln allüberall. Die Grabenwände scheinen zu leben. Soweit das Gestein auftaut, bröckelt's ab. Auf den tiefen Stellen reicht's Wasser schon wieder bis an die Waden. Das bedeutet für die armen Leute wieder unendliche Arbeit. Und ungemütlich ist dies Wetter. Man friert mehr als beim Froste neulich. Nur nachts bin ich jetzt immer recht warm und schlafe gut.

Meine Post kommt jetzt sehr spärlich. Den ganzen Tag freue ich mich schon auf den Abend. Aber wie oft wurde ich nun schon enttäuscht! Eben kam schon die Post. Für mich mal wieder garnichts. Nun, Dir ist's ja in letzter Zeit genau so ergangen. Seit Du mir schriebst, daß Friedel Dir Abzüge geschickt habe, warte ich auch auf Bilder. Aber sie kommen nicht.

Gestern Abend hatte ich gleich 2 Briefe von Dir. Den versehentlich liegen gebliebenen Sonntag - Montagbrief und den vom Mittwoch. Du hast am Sonntagnachmittag, am 11.2., im gemütlichen Eßzimmer gesessen, mit den Gedanken bei mir und mit dem Wunsche, mich Dir gegenüber zu haben. Ja, Liesi, wir hätten uns viel häufiger gegenüber sitzen sollen, Auge in Auge und in trautem Zwiegespräch. Wie selten ist's aber eigentlich in den zwei langen Wochen dazu gekommen! Aber nur, glaube ich, weil's Urlaub war. Bloß Urlaub. Am Tage war ich voll Unruhe, u. Du glaubtest für mich sorgen zu müssen in Speise und in Trank. Und abends war dann Dein Paul müde und ungenießbar und verlangte ins Bett. Damit er vom folgenden Tage mehr hätte und er früher aufstehen könnte. Und wenn's dann 1/2 9 oder 9 Uhr mit Aufstehen wurde, dann war mir das schon nicht recht, und die verlorenen Stunden suchte ich dann törichterweise noch den ganzen Tag. So flog ein Tag nach dem andern, noch dazu in steter Furcht vor neuem Telegramm. Die Furcht vor bitterem Abschiede ist mir sonderbarerweise nie gekommen. Ich habe geglaubt u. hab's auch am 2. Februar noch zu Gustav gesagt, daß auch das Abschiednehmen zur Gewohnheit werde. In Waddenhausen wurde mir der Abschied ja auch nicht schwer. Selbst von Vater nicht und nicht von Mutters schneebedecktem Grabe. Anders war's schon in Nienhagen! Ich konnte mich kaum von all den traulichen Räumen trennen. Du hast's wohl gemerkt, u. zu Helmchen bin ich immer und immer wieder zurückgekehrt. Zum letztenmal, als ich durch die gefrorenen Scheiben der Haustür das liebe kleine nichts ahnende Gesichtchen nicht mehr sehen konnte u. Lieschen auch so weinte.

Und dann kam's Schwerste. Auf dem Bahnhofe. Mein Lieschen! Wie wacker hattest Du bis dahin der Tränen gewehrt! Da habe ich's gefühlt: Solch ein Abschied kann und wird nie Gewohnheit werden. Die Wahrscheinlichkeit, daß es das letzte Sehen auf Erden ist, war doch nie so groß als diesesmal, wo wir doch beide wußten, daß der letzte Teil des Krieges auch der schwerste u. schlimmste werden muß. Und doch hast Du recht: Wir müssen Gott danken dafür, daß wir die 2 schönen Wochen so schön haben verleben dürfen, glücklich und froh unserer Liebe und unserer beiden lieben gesunden Jungen! Gott wird unsere Gebete auch weiter erhören. - Es ist 10 Uhr. - Gute Nacht u. Gott befohlen!

Euer getreuer Vater.


Feldpostbrief, 25. Februar 1917


[Paul Diekmann im Schützengraben, 1917]

Im Schützengraben vor Blairville, Sandkuhle, 25.2.17,
A 3, am Sonntagabend um 6 Uhr.

Mein liebes, gutes Lieschen!

Das war ein Sonnen-Sonntag! Und ich habe geglaubt, der Frühling wäre nun auf bestem Wege. Unsere Sandgrube glänzte festtäglich im hellen Sonnenschein. Die Erde dampfte Lebensodem. Aber schnell ist's wieder kalt geworden u. rauh. Die Sonne scheint nicht mehr. Der Himmel ist bewölkt. Da merkt man erst, wie sehr man sich nach Licht und Sonne sehnt. Wir haben in Deutschland aber auch nur im November mal solche Nebel. Und dann für wenige Tage. Hier ist nun seit 10 Tagen ein Tag wie der andere. Voll von dichtem Nebel. Da konntest Du oft kaum auf 50 m sehen, und wir sind oft mitten am Tage dicht vor dem englischen Graben gewesen. Auch heute morgen prüfte ich mal unser Drahtverhau. Da hörte ich Musik und glaubte, daß sie von England komme. Aber sie klang zu viel nach deutschem Militär. Zuerst glaubte ich an Beerdigungen. Bald aber hörte ich lustige Weisen: Walzer u. Märsche. Von Boiry kam's. Da mußte also was los sein! Richtig: Sonntag! Natürlich: Gestern war ja auch Sonnabend! Das war mir voll zum Bewußtsein gekommen. An den lieben Sonntag hatte ich noch nicht gedacht. Seit wir nach dem 1. Juli immer so lange in Stellung liegen, kennt man im Graben nicht Sonntag mehr u. nicht mehr Alltag. Ich habe doch nun schon gar oft wieder an unsern Pastor Romberg gedacht. Er ist nicht gleich am 13. November gefallen, sondern erst gestorben, nachdem man ihm in einem englischen Feldlazarett beide Beine amputiert hatte. Seine Frau u. ein Kriegsjunge weinen daheim um ihn. Wenn irgend, muß bei ihm ein Gott der Gnade sprechen: "Ei, du frommer u. getreuer Knecht!" Treu war er, seinem Gott u. seinem Kaiser, für den er gern geblutet hat. Wohl selten hat sich so jemand über seine beiden Eisernen Kreuze gefreut als er, selten hat sie aber auch einer ehrlicher verdient.

[Paul Diekmann, 1917] Ich habe in meinem Kompagnieabschnitt in einer kleineren Sandgrube 2 schwere Minenwerfer stehen, die unter dem kleinen Leutnant Schmidt, der übrigens auch Kollege ist, nun öfters schießen. Das läßt sich Tommy natürlich nicht bieten. Und seit der Zeit haben wir hier oft dicke Luft. Meine Gräben sind stellenweise übel zerschossen. Verluste hat's gottlob nicht dabei gegeben.

Aber heute morgen wieder durch eine dumme Spielerei. Im Nachbarunterstande liegt die Bedienung eines Maschinengewehrs. Die Leute haben mehr freie Zeit als so ein armer Infantrist. Einer von ihnen nimmt sich eine Sprengkapsel von einer Handgranate, die so hübsch als Spitzen für dünne Bleistifte sind. Sie enthalten nur einige Gramm eines Sprengstoffs. Aber die haben dem Mann 2 Finger weggerissen und einem Kameraden Hände u. Gesicht zerfetzt. Der hat dabei gesessen und beim Schlafen am Tische die Hände vor's Gesicht gehalten. Sonst wär's ums Augenlicht geschehen gewesen. Dabei wird gerade diese Sache den Leuten tausendmal gepredigt.

Mir geht's heute nicht so gut. Ich habe Kopfschmerzen und kalte Füße. Auch wohl solch eine Art Influenza. Die tritt jetzt häufig auf. Hoffentlich verschwindet sie schnell wieder!

Von Dir kam gestern abend nichts, Liesi! Ich hatte ja aber auch vorgestern schon 2 Briefe vom Montag u. Dienstag. An Augustens Geburtstag habe ich erst heute gedacht. Da kommt mein Glückwunsch gewiß zu spät. - Gott befohlen u. Gruß u. Kuß für Dich u. Bub u. Helmut!

Dein Dich treu liebender Paul.

Wie geht es Dir, Liesi?


Feldpostbrief, 28. Februar 1917


[Paul Diekmann, 1917] Im Schützengraben, Sandkuhle, vor Blairville, d. 28. Febr. 1917,
am Mittwoch, mittags 12 Uhr.

Mein heißgeliebtes, gutes Lieschen!

Genau 14 Tage liegen wir nun schon im Graben. Ob wir die nächsten 14 Tage auch noch mal bleiben, wie es vorgesehen war? Ich glaube es kaum. Vorige Nacht konnte ich schlecht einschlafen. In meinem Unterstande war alles vollkommen ruhig. Nur ein Telefonist und eine Ordonnanz wachten. Da hörte ich gleichmäßiges Hacken und Pochen. Das hatte ich in den letzten Tagen schon häufiger festgestellt, wenn ich mich mal hingelegt hatte. Aber ich hielt's für Holzhacken oder für die Tritte des Postens draußen. Beides konnt's diesmal nicht sein. Ich horchte und ließ auch die beiden Leute horchen. Kein Zweifel! Unter oder neben uns wird gearbeitet. Da wir hier alle Minierarbeiten eingestellt haben, kann's nur der Engländer machen. Ein schönes Gefühl ist das ja nun gerade nicht, zu wissen, daß man nächstens mit hochfliegt. Ich werde deshalb auch selbstredend alles tun, meine Vorgesetzten von der Gefahr zu überzeugen, in der wir alle schweben.

Dir würde ich aber gewißlich nichts davon schreiben, Liesi, wenn ich nicht besondere Gründe hätte. Tapfer mußt Du ja überhaupt allem entgegensehen, was kommen kann. Mein tapfres Lieschen tut's ja auch. Das weiß ich. Wenn Du nun in unserer Gegend (Ransart, Blairville, Blamont, Ficheux) von größeren Sprengungen lesen solltest - den Sprengungen folgen allemal große Angriffe - und ich würde nachher als vermißt gemeldet, dann darfst Du Dir keine Hoffnungen mehr machen. Es bleibt bei solchen Sprengungen eben nichts am Leben. Das mußt Du wissen, Liesi! Und nur deshalb schreibe ich davon. Der Tod ist sicher leicht und schnell. Es wird einem garnicht mehr zum Bewußtsein kommen, was geschieht oder geschehen ist. Beten wollen wir wie bisher zum Retter aus Not und aus Gefahr! Und das Danken wollen wir nicht vergessen für all das viele Gute, das wir erfahren haben! Auch in den letzten 14 schönen Urlaubstagen! Aber bitte, Liesi, mach Dir nun nicht besondere Sorgen! In Lebensgefahr war ich ja schließlich immer.

Heute werde ich wohl kaum Post von Dir bekommen. Gestern abend kam ja schon Dein lieber Brief vom 23.2., der in Heiden gestempelt war. Von Rudolf kam der etwas sonderbar gehaltene Brief vom 20./2. Auch Du wirst den nicht verstehen. Außerdem habe ich genau so regelmäßig wie sonst geschrieben. Und in Waddenhausen ist kein ungünstiges Wort über Rudolf gefallen. Das habe ich Rudolf auch geschrieben und mir im übrigen solche Briefe verbeten, zu denen ich nicht den geringsten Anlaß gegeben habe. Zugleich habe ich angefragt, ob Heerserheide etwa im Spiele sei. - Warst Du übrigens dort, Liesi? Und was hat 's gegeben?

Bubi wird schon seinen Spaß am Telefon haben. Das verstehe ich nur zu gut. Ihr habt aber auch manches Angenehme dadurch. Seid Ihr an Lage angeschlossen oder an Detmold? Denkt Bubi auch noch an mich, u. spricht er zuweilen noch von selbst von mir? Ganz viel Spaß haben wir beide ja diesesmal gerade nicht zusammen gehabt. Zum Schlittenfahren war's zu kalt. Und Helmchen? Was macht der? Schick mir nur recht bald mal wieder Aufnahmen! Und dann schreib doch nun auch bitte jedesmal wieder kurz über Dein Befinden! - Wie ist's mit meinen Lederhandschuhen, mit Äpfeln und mit Kuchen? Gelegentlich, nicht wahr, Liesi? Die Postsachen aus der Heimat kommen ja nun scheinbar wieder schneller über. Gott mit uns. Ich bin und bleib mit herzlichstem Gruß u. Kuß Euer treuer

Vater


Feldpostbrief, 9. Mai 1917


Vezon bei Tournai, Rue de Mons, den 9. Mai 1917,
am Mittwochabend um 3/4 11 Uhr.

Mein heißgeliebtes, gutes Lieschen!

Heute Abend kam wieder keine Post von Dir. Nun schon drei Tage nicht. Darum erwartete ich bestimmt einen Brief u. ging gerade deshalb zeitig aus dem Kasino fort. Da ist man dann enttäuscht. Hoffentlich bedeutet's nichts Schlimmes! Auch andere Post kam nicht. Ich schrieb ja aber auch in letzter Zeit so sehr selten. Heute Nachmittag habe ich zwar allerlei alte Schulden erledigt, u. morgen werde ich hoffentlich fertig! Wenn wir nicht schon um 12 Uhr nach Tournai fahren. Ich muß dort noch allerlei einkaufen u. müßte unbedingt baden. Da wirds mit dem Zuge um 1/2 6 zu spät für's Theater. Das beginnt um 8 Uhr. Es gibt Mozarts "Figaros Hochzeit". Ich freue mich mächtig auf die schöne Musik. Ich habe die Oper erst einmal in Detmold gehört, vergesse aber nie den tiefen Eindruck. Mutterseelenallein bin ich in der schönen Mondscheinnacht über den Lageschen Berg durch die einsamen Tannen u. Kieferwälder nach Hause gegangen. Und immer noch klangen die Töne des Meisters in mir wieder. Hoffentlich werde ich morgen nicht enttäuscht.

Draußen war's heute Nachmittag wundervoll! Die Kirschen blühen nun allüberall. Die roten Pfirsiche auch. Schwer hängen die süßen Düfte. Und die junge Saat sproßt u. grünt u. wächst. Als ob man's sehen könnte beinahe. Und drüben an der Front, da hetzt man die Menschen wie Bestien aufeinander. Und unten in der Champagne u. bei Reims, da bluten die letzten französischen Divisionen u. stehen in wilder Verzweiflung Deutschlands Söhne in einem Eisenhagel, wie ihn die Welt noch nie gesehen. Kann der Wahnsinn noch weiter getrieben werden? Sollen Amerika u. China noch eingreifen, ehe das Ende kommt? - - - Gute Nacht, Liesi, u. Gott befohlen!

Dein Paul.


Feldpostbrief, 13. Mai 1917


Vezon bei Tournai, Rue de Mons, d. 13. Mai 1917,
am Sonntagabend um 1/2 11 Uhr.

Mein liebes, gutes Lieschen!

Es ist spät geworden. Und einen eigentlichen Sonntagsbrief hast Du nicht erhalten. Ich bin den ganzen Tag über in einer sonderbaren Stimmung gewesen. Das hat wohl Dein Brief gemacht u. Dein stiller Vorwurf. Und von der Front herüber klingt seit Tagen schon ein wahnsinniges Trommelfeuer, das nichts Gutes verheißt. Die 5. Arrasschlacht ist in vollem Gange. Wohl sagt der gestrige Bericht, daß alle Angriffe bisher blutig abgewiesen seien. Aber wie wird's weiter gehen?

Trotz des Sonntags habe ich Arbeit gehabt. Heute morgen schoß die Kompagnie in einem Steinbruch halbwegs Tournai. Ich ritt um 8 Uhr hin, u. Hellwege holte mich wieder ab. Langsam sind wir auf Fußpfaden durch die üppig grünenden Felder zurückgeritten. Aus dem Weiß der blühenden Obstbäume lugten die roten Ziegeldächer der sauberen Dörfchen heraus. Malerische Bilder! Man kam auf andere Gedanken. Da erfuhren wir auf dem Bataillonsgeschäftszimmer, daß Niedieck das E.K. 1 erhalten habe. Er, der's am wenigsten verdient! Da war alle Stimmung wieder hin. Keiner unserer braven Leute hat's erhalten.

Heute Nachmittag habe ich im Bette gelesen. Draußen war's furchtbar heiß. Erst um 1/2 6 bin ich zu Hellwege gegangen, u. mit ihm u. Bockermann zusammen habe ich einen Spaziergang zum Walde von Barry gemacht. Zum Reiten war's zu heiß. Wir sind dann gleich zum Kasino gegangen. Dort hielt mich's nicht, weil ich sicher einen Brief von Dir erwartete. Den fand ich nicht. Da war die gedrückte Stimmung wieder da. Hoffentlich kann ich schlafen! Ich bin furchtbar müde. Und morgen früh muß ich um 6 Uhr heraus. Da schreibe ich morgen zuende. Gott befohlen, Liesi! Ich grüße u. küsse Dich u. die Kinder u. bin u. bleibe

Dein tr. Paul.


Feldpostbrief, 15. Mai 1917


Vezon bei Tournai, Rue de Mons,
Dienstag, den 15. Mai 1917, abends um 5 Uhr.

Mein Lieb,

gerade hatte ich mich etwas zum Schlafen hingelegt, da weckt mich der Feldwebel. Es ist telefonischer Befehl gekommen, daß wir nächste Nacht oder morgen abrücken. Näherer Bescheid kommt noch. Da will ich wenigstens schnell den Brief an Dich noch beenden.

Soldatenlos! Keine Stunde ist man sicher. Jeder von uns hatte doch mit wenigstens noch 14 Tagen Ruhe gerechnet. Wir hatten sie doch auch eigentlich ehrlich verdient. Und gerade jetzt deutet rein gar nichts auf so rasches Ende der Ruhe hin. Heute morgen noch war Besichtigung der 6 am 11. Mai nicht besichtigten Kompagnien des Regiments. Um 1 Uhr nachts bestellte mich der Telefonist dazu. Um 5 Uhr mußte ich aufstehen, u. um 6 Uhr fuhren Hellwege und ich mit dem Rittmeister u. unserm Adjutanten nach Tournai, wo um 1/2 8 der Zauber losging. Wieder genau das gleiche Bild wie damals bei uns: Kein Wort des Lobes u. der Anerkennung. Dafür Beschimpfungen der Offiziere und der Leute. Wir haben nun Arbeit, unsere Leute wieder zu beruhigen. Denn wir müssen mit ihnen auskommen. Wir sind auf sie angewiesen. Und wir alle kämpfen und bluten nun wieder für's Vaterland. Trotzalledem. Unser deutsches Volk ist so golden treu, so gut. Da sollte man unsere Leute anders behandeln. Es ist empörend.

Die Besichtigung dauerte bis 1/2 1 Uhr. Dann sind wir zum Kathedral-Hotel gefahren, wo wir sehr teuer, aber nicht gerade gut gegessen haben. Ein paar Glas schweren Burgunderweins haben mich sehr müde gemacht. Deshalb hätte ich so gern geschlafen. Wer weiß, ob's nun noch eine Stunde Schlaf gibt. - Gerade war Karl Grüter, unser Gerichtsoffizier, hier. Er läßt Dich grüßen. - Armes Lieschen! Du hast Dich vergeblich gefreut. Und - ich auch. Denn 5 oder 6 Tage Urlaub hätte ich wohl doch herausgeschlagen. Nun geht's wieder ins Ungewisse. Aber mit Gott! Und der wird mit uns sein. Küß mir die lieben Jungen heute besonders herzlich, Liesi! Ich hatte mich aufs Wiedersehen so herzlich gefreut. Gott befohlen! Gruß und Kuß

Dein getreuer Paul.


Feldpostbrief, 30. Mai 1917


Im Schützengraben bei Fontaine, den 30. Mai 1917,
am Mittwochabend um 1/2 8 Uhr.

Mein heißgeliebtes, gutes Lieschen!

Bei trüben, flackerndem Kerzenlicht will ichs versuchen, zu schreiben. Wann u. ob der Brief fortkommt, weiß ich noch nicht. Auch der Kartenbrief von gestern liegt noch hier. Mit dem Verkehr nach hinten ist's nämlich so eine Sache. Gestern kam unsere Feldküche heraus. Die Essensholer von zwei Zügen haben sie gefunden. Die von einem andern Zuge nicht. Die 13 Mann sind überhaupt noch nicht zurück. Jetzt, nach beinahe 24 Stunden. Das macht natürlich Sorge. So hat der ganze Zug nun kein warmes Essen bekommen. Ich auch nicht. Und alle 2 Tage soll der furchtbaren Schießerei wegen die Küche nur kommen. Das mache ich im Kriege auch zum erstenmale mit. Warmes Essen hat's sonst noch jeden Tag gegeben. Aber hier verzichten die Leute lieber, als daß sie 1 1/2 Std. weit durch schweres Artilleriefeuer laufen.

Annäherungsgräben haben wir nicht. Die ganze Siegfriedstellung war ja nur halb fertig als wir kamen u. als die Engländer sie bereits so unter Feuer hielten, daß an Fortführung der Arbeiten nicht mehr zu denken war. Eine Schande ist's, wenn man sieht, wie die Feldbahnen u. die Feldbahnwagen zerstört im Gelände herumliegen, wie Hunderte von gefüllten Cementsäcken verdorben sind u. all die halbfertigen Eisenbetonbauten uns nun nicht den geringsten Schutz bieten. Millionen von Mark sind nutz- u. zwecklos vergeudet. Und hunderte von Menschenleben hätten gerettet sein können, u. kein Stück des "Siegfried" wäre vielleicht in Feindes Hand gefallen, wenn alles fertig war. Dafür haben die gefangenen Russen hier lange ein gutes, faules Leben geführt. Ich möchte die Verantwortung für alles das nicht tragen.

Daß ich hier schlecht hause, schrieb ich gestern schon. Wenn man nicht stets den Mantel anhat, hält man's nicht aus. Heute Nachmittag habe ich eine Zeitlang oben in der Sonne gelegen. Bis es zu regnen anfing.

Wir hatten ein Gewitter. Da freut man sich natürlich, wenn man einen Unterstand hat. Die armen Leute vorn in den Granatlöchern tun mir leid. Dann sind 6 Tage doch reichlich lang. Gestern Abend habe ich mir den Betrieb da vorn mal angesehen. Da liegt der Engländer 15 m ab. Laut sprechen darf man kaum. Und das Sonderbarste ist: Der Stollen gehört auf einer Länge von 50 m uns. Aber oben im Graben sitzen die Engländer. Drei Stolleneingänge sind vernagelt. Das Stollenstück ist deshalb so wertvoll, weil am äußersten Ende ein Brunnen für Trinkwasser ist. Natürlich kann man das nicht preisgeben. Aber ein eigenartig Gefühl ist's doch: Oben England, unten wir! Diesen schwierigsten Teil der Stellung hat Bockermann mit seiner 12. Kompagnie. Den besuchte ich gestern Abend. Überall lagen noch Leichen vom Pfingstsonntag. Die rochen bei der Hitze schon stark. Ob's das gewesen war oder meine Erkältung, weiß ich nicht. Jedenfalls fühlte ich mich bei Bockermann schon sehr schwach. Auf dem Rückwege mußte ich mich dann erst mal in ein Granatloch legen u. nachher übergeben. Dann wurd's etwas besser. Aber ich bin auch heute noch sehr schwach u. immer müde. Ich könnte ständig schlafen u. muß immer mit dem Schlafe kämpfen. Glücklicherweise ist aber mein Appetit noch ziemlich gut. Es wird auch bald wieder werden. Manchmal scheint's doch, als wenn es im Graben mit mir nicht so recht mehr will. Es sind ja nun auch 2 Jahre u. 8 Monate ununterbrochenen Kriegslebens im Graben.

Heute morgen kam durch die Essenholer Dein l. Brief vom 24. Mai mit. Deine Post kommt also ziemlich schnell über. Aber auffallend lange sind doch meine Belgienbriefe unterwegs gewesen. 10 Tage? Wie mag das nur kommen? Ob Du all meine Briefe bekommen hast, wirst Du noch nicht haben feststellen können. Ich schrieb aber täglich.

Wegen der Ziege mach Dir keine Gedanken! Die hat sicher Pflicht u. Schuldigkeit getan u. sich brav bezahlt gemacht. Das alles sind ja auch große Kleinigkeiten.

Wie steht sonst die Saat dort, Liesi! Hat das Obst geblüht, gibt's Kirschen, Beeren, Zwetschen? Ich meine, all das müsse beinahe ausschlaggebend für unser Durchhalten sein. Und darauf kommt's letzten Endes doch an!

Den beiden lieben Bubenjungen herzlichste Grüße u. viele dicke Süße! Den süßesten Kuß aber für Dich, Liesi! Gott befohlen!

Dein treuer Paul.


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