Feldpostbrief, 6. Juni 1917
Am Senséebach bei Fontaine, Mörser-Mebu, 6. Juni 17,
am Mittwochabend um 12 Uhr.
Mein heißgeliebtes, gutes Lieschen!
Stehe ich da heute nachmittag mit meinen beiden Zugführern
- der 2. Zug liegt ein ziemliches Stück seitab im Felde -
und sprechen davon, daß die Kompagnie in diesen Tagen soviel
Glück gehabt habe mit Verlusten. Und dicht dabei findet man
vor einer Stunde einen meiner besten Leute, beinahe kalt. Er hat
sich nur ein Stückchen vom Mebu entfernt gehabt. Da hat
ihn ein ziemliches Sprengstück eines Schrappnells gefaßt.
Schulter u. Kreuz. Soeben trägt man ihn fort. Er ist vor
kurzem von Belgien aus in Urlaub gewesen u. hat - geheiratet.
Heute nachmittag stand er noch hier an meinem Mebu als Posten.
Ich habe ihn immer gern gehabt. So etwas bringt die Gedanken sehr
schnell wieder auf andere Wege. Ich hatte gerade von Frieden u.
Heimkehr geträumt im Halbdunkel als mir der Tod des braven
Niewalda gemeldet wurde. - Gar meist kommt nun ein Unglück
nicht allein. Gott schütze uns!
Die Essenholer sind noch nicht zurück. Da ist auch die Post
noch nicht da. Hoffentlich kommt von Dir etwas! Dann schreibe
ich nachher weiter.
7. Juni, morgens 3/4 3 Uhr.
Post ist von Dir mal wieder nicht gekommen. Gewiß fehlt
Dir nun oft an Zeit. Oder die Sachen verzögern sich. Du hast
ja auch trotz meines regelmäßigen Schreibens scheinbar
oft tagelang von mir nichts bekommen. Friedel schrieb. Dem scheint's
in Rußland gut zu gefallen. Libau muß eine schöne
Stadt sein. Dann schreibt mir aus Bückeburg vom Jäger-Ersatz-Bataillon
mein Klassenkollege, der Präparandenlehrer Reuter aus Detmold.
Kerngesunder, kräftiger Kerl! War vor 15 Jahren schon Unteroffizier.
Er ist's heute noch u. hat also scheinbar auf alle Ehren u. Auszeichnungen
verzichtet. Aber wie bringen solche Leute es nur dauernd fertig,
sich zu drücken? Sie müssen sich doch selbst recht lumpig
vorkommen! Stolz kann man auf solche Klassenbrüder nicht
sein. Manhenke, Jost, Tempel u. Krüger waren andere Leute.
Ich glaube, einem Reuter gegenüber könnte ich später
mal sehr deutlich werden. Dann lebt da in Falkenhagen ein Paul
Junker. Du kennst ihn. Einige Klassen jünger als ich. War
mal in Belgien. Weit vom Schuß. Und erholt sich scheinbar
nun. Arme Kerle! - Es ist sehr unruhig diese Nacht. - Morgen am
Tage mehr. Gott befohlen!
Dein tr. Paul.
Feldpostbrief, 9. Juni 1917
Im alten Artilleriestollen, Höhe 60, den 9. Juni 1917,
am Sonnabendabend 1/2 12 Uhr.
Mein Lieb!
Es geht mir schlecht. Scheinbar Magen- u. Darmkatarrh. Die Krankheit,
an der wir so viele Leute liegen haben. Gestern Abend kam ich
ziemlich erhitzt hier im Unterstande an. Der war feucht u. kalt,
u. heute morgen hatte ich schon den tollsten Husten. Gleich nach
unserer Ankunft kam dann ein engl. Angriff auf Rgt. 99, links.
Meine Leute waren zur Küche. In dem schweren Artilleriefeuer
waren mir 7 Leute versprengt worden, die nun erst heute Abend
sich wieder einfanden. Heute morgen habe ich etwas geschlafen,
wachte aber mit rasenden Kopfschmerzen wieder auf. Dazu Übelkeit
u. völlige Appetitlosigkeit.
Und zu alledem noch eine böse Artillerieschießerei
auf unsern Unterstand. Jeder Einschlag schmerzte beinahe körperlich.
Dazu hatte der Unterstand nur einen Ausgang. Wenn der verschüttet
wurde! Und richtig! 1/2 3 heute Nachmittag ein schwerer Schlag!
Alle Kerzen aus. Und Schreien u. Stöhnen von Verwundeten
u. Rufe nach dem Sanitäter. Gerade auf den Eingang war eine
15er Granate gegangen u. hatte den Posten verschüttet u.
meinen Sanitätsgefreiten durch Balkensplitter arg verletzt.
Wie tot brachten wir beide herunter. Der Sanitätsgefreite
war erst heute morgen von der 11. Komp. gekommen, um meinen gestern
in Urlaub gefahrenen Sanitätsunteroffizier zu vertreten.
Der arme Mann ist nicht wieder zum Bewußtsein gekommen.
Der Doktor war gerade hier, als er schlief u. hielt's für
nicht so gefährlich. Aber gleich nachher sprang er auf u.
raste furchtbar. Mit Gewalt haben wir ihn ins Bett drücken
müssen. Schaurig klangen seine bayrischen Flüche! Soeben
ist er zum Sanitätsunterstande gebracht. Schädelbruch.
- Mein Posten behielt die Besinnung. Er hat Beckenquetschung und
den rechten Arm gebrochen. Es ist schauderhaft! Natürlich
hat das mein Befinden nicht gebessert. Der Weg nach Sandemont
wird mir schwer werden. Das Pferd kommen zu lassen, darf man nicht
wagen. Hoffentlich bin ich bald wieder auf der Höhe!
Gestern abend Heeresbericht über Ypern. Heute haben Engländer
vor 99 Schild aufgesteckt: "Großer Sieg bei Wytchacte!
5000 Gefangene! Ergebt euch u. verbündet Euch mit uns!"
Nach dem heutigen Bericht haben wir allerlei verloren. Aber ein
Durchbruch scheint vorläufig verhindert. - Von Dir kam gestern
Dein I. Kartenbrief vom 5. Juni. Herzl. Dank! Ich freue mich,
daß es Dir gut geht. Auch über Helmchens Zeilen habe
ich mich sehr gefreut. Ihr habt beide recht, Liesi! Ruhe u. Erholung
tun mir not. Ich sehe auch zu, was sich machen läßt.
Wenn's nicht mehr geht, mache ich Schluß. Und glaub mir,
meine Sehnsucht nach Euch ist groß. Aber an regelrechten
Urlaub darf ich noch nicht denken. Da bin ich noch nicht dran.
Gott befohlen, Liesi! Und herzlichste Grüße u. Küsse!
In treuer Liebe bin u. bleibe ich Euer
Vater.
Feldpostbrief, 25. Juni 1917
Im Hendecourt-Riegel, Nord, den 25. Juni 1917,
am Montagabend um 7 Uhr.
Mein liebes, gutes Lieschen!
Heute vor einem Jahre saß ich längst wieder auf der
Bahn. Nein eben rechne ich aus, daß heute erst Montag war.
Da war's also dem Tage nach 1 Jahr. Der Sonntag
u. Montag sind doch eigentlich die traurigsten Tage im Kriege
gewesen. - Soeben komme ich von Hellwege. Der liegt hier nicht
sehr weit von mir. Er kam vorhin mit dem Hauptmann Kuhne hier
vorbei, u. wir haben uns dann die ganze Stellung mal angesehen,
die ich im Fall eines Angriffs zu besetzen habe. Es ist ein furchtbar
langes Ende, das ich mit den paar Leuten meiner Züge zu besetzen
habe. Wenn die Engländer vorn durchbrechen, müssen sie
hier auf alle Fälle aufgehalten werden. Sonst geht unsere
Artillerie auch verloren. - Hellwege geht's gottlob wieder etwas
besser. Er ist von einer Mine an den Händen u. im Gesicht
verwundet worden. Nicht schwer. Aber durch den furchtbaren Luftdruck
haben wohl die Gehörnerven gelitten, u. vor allem haben ihm
Erdklumpen geschadet, die ihm gegen Brust und Rücken geschlagen
sind. Er hat beim Angriff am Ablösungstage am Unterstandseingange
gestanden, als die Minen krepiert sind. Dicht vor ihm. 3 Leute
neben ihm sind sofort tot gewesen. Der arme Leutnant Teipel ist
auf dem Rückwege dicht bei Fontaine in einem Erdloche verschüttet
worden u. erstickt. Seinen gleichfalls verschütteten Burschen
hat er noch um Hilfe angefleht. Als der sich mit Hilfe zweier
Leute herausgearbeitet gehabt hat, ist T. bereits tot gewesen.
Heute Abend wird er beerdigt. Du hast manche Aufnahme da, die
er gemacht hat.
Dein l. Brief vom 21.6. kam gestern Abend. Du hast damals meinen
Brief vom 16.6. schon gehabt. Also funktioniert die Post einigermaßen.
- Auffallend sind doch die vielen Brände in der Heimat. Und
meist sind's doch große Höfe. Sind's doch Gefangene?
Man kommt doch unwillkürlich auf den Gedanken. Du meinst,
wir hätten sehr unter der Hitze zu leiden. Das hält
man im Stollen schon aus. Und auch draußen in d. Granatlöchern
ist das nicht so schlimm. Viel übler sind die kühlen
Nächte. Da habe ich immer mit dem Spaten mitgearbeitet, damit
ich warm blieb. Und unten im Stollen schlafe ich kaum mal 2 Stunden
ununterbrochen. Der Kälte wegen. Ich habe hier ein jammervolles
Loch. Ohne Treppenstufen. Das Lager sind 3 Bohlen. Weich liegt
man da gerade nicht. Und warm auch nicht. Hier oben im Graben
habe ich eine Sommerlaube. Das ist ein überdachtes Loch.
Mit 2 Bohlen als Tisch u. einer Kiste als Stuhl. Am Tage geht's
da. Aber nachts hältst Du es nicht aus. Statt der Tür
schließt eine Zeltbahn wenigstens die obere Hälfte
des Eingangsloches. - Da vorn geht's weiter wie bei uns: Täglich
um 12 Uhr mittags u. 8 Uhr abds. Trommelfeuer. Gerade jetzt geht's
wieder los. - Morgen Schluß! Gott befohlen u. herzl. Grüße
u. Küsse!
Paul.
Feldpostbrief, 11. Juli 1917
Siegfriedstellung zwischen Fontaine-Bullecourt,
Kampfgraben 0 3, Mittwoch, 11. Juli 1917, abends 1/2 10 Uhr.
Mein liebes, gutes Lieschen!
Wahrscheinlich schläfst Du heute abend schon in Lippspringe.
Ich bekam gestern nämlich schon Deine I. Zeilen vom Sonntagmorgen.
Gut, daß Du Dich so schnell entschlossen hast. Am 15 oder
16 soll auch unsere Division hier abgelöst werden u. in Ruhe
kommen. Vielleicht kommen dann endlich mal bessere Zeiten für
uns. Und vielleicht gibt's dann auch mehr Urlaub. Da muß
ich dann aber doch mein Lieschen wieder daheim haben. Erhol Dich
also recht schnell, mach Dir keine Sorgen, u. bring mir rote Backen
u. einige 30 Pfund Gewicht mit aus Lippspringe! Dann habe ich
Dich mal so lieb noch! Geh fleißig spazieren, sei viel im
Walde, lies gute Bücher, lausche der Musik und schreib mitunter
auch mal!
Mir fliegen jetzt wieder die Tage. Draußen lacht die Sonne.
Da ist man gern oben im Graben. Geschossen wird nicht allzuviel.
Da besucht man auch mal die Nachbarn. Gestern war ich bei Bockermann
links, heute bei Hollmann rechts. Da fand sich auch der Doktor
ein, u. wir haben uns unsere Sorgen mitgeteilt über Deutschlands
dunkle Zukunft. Was hat der Reichstag vor? Man ist gespannt. Soll
England doch noch triumphieren? Hat Rußland noch Erfolge?
Dann wehe uns! Und unsere traurige Ernte? Alle Urlauber erzählen
mir dasselbe: Dürre, kein Futter für's Vieh, kein Korn
für's Brot. Was soll da werden? Unsere U-Boote sollen's nun
auch nicht mehr schaffen können? Gott stehe uns bei!
Mir gehts gottlob gut. Wer sorgt nun für unsere Jungen? Ob
heute nähere Nachricht kommt? Herzlichste Grüße
u. Küsse u. in treuester Liebe!
Dein dankbarer Paul.