Feldpostbrief, 5. November 1917
In Westkappelle, den 5. November 1917,
am Montagmorgen um 3/4 12 Uhr.
Mein heißgeliebtes, gutes Lieschen!
Ich will's versuchen, etwas ausführlicher zu schreiben. Etwas
schwer fällt's natürlich noch. Gestern Abend habe ich
deshalb auch nur einen Kartenbrief geschrieben. Der ist heute
morgen fortgegangen. Und diesen Brief soll ein Urlauber mitnehmen.
Der wird also schon früher als der gestrige in Deinen Besitz
kommen. Da muß ich Dir also nochmal erzählen, wie jammerschlecht
es mir ergangen ist in den Tagen vom Freitag bis heute. Wie ich
am Donnerstagabend noch mit bestem Appetit im Kasino gegessen
habe u. wie ich nachts schon mit üblen Kopfschmerzen aufwachte.
Am andern morgen ließ ich Ltn. Weber meinen Dienst
machen. Zu einer Rgts.-Besprechung nachmittags wollte ich dagegen
nicht fehlen. Aber die Sache wurde immer toller. Ich konnte den
Kopf kaum heben. Dazu furchtbarste Rückenschmerzen! Da ließ
ich dann den Doktor holen. Der maß noch 39,6 ° Fieber!
Dabei hatte ich schon morgens Aspirin-Tabletten geschluckt u.
heißeste Milch getrunken. Der Schweiß floß
darauf nur so! Jedenfalls war mittags die Temperatur gefallen.
Meinem Gefühl nach waren morgens 41° da. Für Morgentemperatur
ja allerhand. Nachmittags kam schon allerhand Besuch. Gut gemeint.
Aber ich konnte kaum mit meinen Gedanken oft folgen.
Riekehoff-Böhmer war vom Urlaub gekommen, hatte Kuchen u. sonstige
Dinge mitgebracht u. wollte mich zum Kaffee holen. Ich habe auf
bessere Zeiten vertröstet. Und zu allem Pech kommt gegen
Abend ganz unerwartet Befehl zum Abrücken. Am Freitagmorgen
4 Uhr. Toller konnt's ja kaum kommen. Der Oberarzt wollte mich
ins Lazarett schicken. Das Auto sollte bestellt werden. Ich bat,
wenigstens bis morgen zu warten. Der Doktor kam selbst
Sonnabd. morgens nochmal. Ich hatte die ganze Nacht ununterbrochen
geschwitzt, hatte einen Prießnitzschen Umschlag u. 2 Tabletten
Pyramidon bekommen. Da waren's nur noch 37,2° Fieber, u.
d. Doktor ließ einen Krankenträger zurück. Abends
waren's zwar nochmals 37,8° Fieber. Aber ich fühlte,
daß es besser wurde u. sollte für diesen Fall am Sonntagnachm.
abgeholt werden. Da lag ich ja beinahe 3 Tage. Am Sonntagnachmittag
konnte ich dann auch den Kopf wieder heben. Schon mittags war
ich aufgestanden ohne wie vorher Schwindelanfälle zu bekommen.
Es wurde aber noch 4 Uhr, ehe der Wagen kam. Draußen wurd's
neblig u. frisch, u. vorher war schönster warmer Sonnenschein.
Aber der brave Doktor hatte vorgesorgt. Er hatte mir einen wunderbaren
Mantel eines englischen Fliegeroffiziers mitgebracht. Lamafell.
Da habe ich von Kälte nicht eine Spur empfunden. Nur am Kopfe.
Aber auch das scheint nicht geschadet zu haben. Heute fühle
ich zwar etwas dumpfen Kopfschmerz noch. Aber im übrigen
habe ich etwas Appetit u. wieder Lebenslust. Es wird schon wieder
werden.
Du magst wieder fragen, Liesi, warum nicht Lazarett? Ich fürchte
die Dinger. Ohne große Not gehe ich nicht. Bei Verwundungen
ist's ne andere Sache. Und nachher muß man sich in all die
unendlich vielen Dinge bei der Komp. wieder einarbeiten. So bleibt
man auf dem Laufenden. Alles geht nach meinem Willen, u. ich kann
mich trotzdem noch einige Tage schonen. Pflege u. Verpflegung
ist aber hier ohne Frage besser als im Lazarett. Anders wärs
ja in einer recht dreckigen Stellung wie neulich bei Plasschendaele.
Aber hier geht's uns ja nicht schlecht. Wir sind am Freitag 15
km weiter nördlich gekommen u. liegen nun 5 km von der Nordsee
u. 5 km von der holländischen Grenze ab. Auf den Karten wirst
Du es finden. Wir sind Küstenschutz, wenn die Engländer
landen sollten, u. Grenzschutz, wenn sie durch Holland
einzudringen suchen. Interessante Aufgaben. Das ist mal was anderes.
Hoffentlich bleiben wir aber auch nun mal einige Zeit!
In Brügge findet gerade jetzt eine Trauerfeier für den
Hptm. Maraun, meinen früheren alten braven lustigen Bataillonskommandeur
statt. Der bekommt vor einigen Tagen Blinddarmentzündung
u. stirbt auf dem Wege ins Lazarett an Herzschwäche. Arme
Frau, arme zwei Jungen! Ich wäre so gern zur Feier gefahren.
Aber das geht ja nun nicht.
In meinen Krankheitstagen hab' ich gar oft bei Euch geweilt. Wie
schön wäre solch Kranksein daheim gewesen! Und wie hat
mir mein Lieschen nun gefehlt. Was hätte ich um 1 Trunk Saft,
um gekochtes Obst, um eingekochte Sachen gegeben! Alles andere
widerte ja an. Vor 12 Jahren hatte ich dieselbe Geschichte in
Lage. Genau die gleichen Erscheinungen. Da hat's liebe Mütterlein
noch so treu gesorgt u. gepflegt. Etwas länger habe ich damals
aber trotzdem liegen müssen. Die größte Freude
ist mir Dein l. Brief vom Sonntag u. Montag, 28./29.10., gewesen.
Den hab ich wenigstens 10 mal gelesen. Herzlichsten Dank! Auch
Helmchen! Und Bubi! Der Brief kam als letzte Post am Freitag Abend.
An die Buben hatte ich Donnerstagnachm. noch Karten zu schreiben
angefangen. Die waren nachher spurlos verschwunden. Ebenso ein
Brief von Gustav. Na, es gibt andre! Morgen mehr! Gott befohlen
u. herzlichste Grüße u. Küsse in treuester Liebe
ganz u. stets
Euer treuer Vater.
Westkappelle ist ein frdl., sauberes Städtchen. Mein Quartier
ist hübsch warm u. gemütlich!
Dein P.
Feldpostbrief, 6. November 1917
Westkappelle, den 6. November 1917,
Dienstagmorgen um 1/2 10 Uhr.
Mein Lieb!
Herzlichsten Dank für Deine beiden lieben Briefe vom 30.
/10. u. 1./11., die gestern Abend noch kamen! Auch meine Briefe
scheinen ja nun so langsam zu landen. Eigentlich muß ja
auch so ziemlich von jedem Tage etwas da sein. Auch vom 20.10.
Gerade am 20. hatte ich so ausführlich geschrieben. Manches
wird verloren gegangen sein. Schreib bitte mal davon! - Und dann
hab ich in den langen Stunden auf dem Krankenbett an allerhand
denken müssen, was ich sonst längst vergessen. Antworte
auch darauf recht bald mal! 1.) Hast Du mal wieder die Anzüge
pp. im Kleiderschranke auf Motten nachgesehen? Versieh Dich doch
nötigenfalls reichlich mit Mottenpulver oder gebrauch auch
Tabak u. Zigarren! Im Kleiderschranke hängen doch heutzutage
Werte von Tausenden! Aber mein Liesi hat ja auch gewiß trotz
all der Arbeit daran gedacht. Nimm mir die Frage nicht übel!
2.) Wieviel Paar von meinen Socken, die ich im Juli gekauft, habe
ich damals in Nienhagen gelassen? Ich hatte 6 Paar. 1 Paar hat
Rudolf bekommen. Und hier haben wir nur eins. Troester glaubt,
daß ihm verschiedene Wäsche fehlt. Erklärlich
ist das ja bei dem ewigen Hin- und Her. Oft muß die Wäsche
naß mitgenommen werden, oft bleibt sie zurück.
Mein Befinden hat sich gottlob weiter gebessert. Ich kann mich
wahrscheinlich heute schon wieder gesund melden. Vom Außendienst
kann ich mich ja vorerst noch befreien lassen. Aber man möchte
doch gern mal wieder hinaus in die freie Gottesluft. Da erst werden
auch die letzten Kopfschmerzen schwinden. Hier im Zimmer liest
u. schreibt u. arbeitet man ja doch nur. Müßigsitzen
kann ja Dein Paul immer noch nicht. Und wenn der Körper keine
Anstrengungen hat, ist auch der Schlaf nicht fest u. gut.
Gott befohlen u. herzlichste Grüße u. Küsse!
Euer treuer Vater.
Feldpostbrief, 9. November 1917
Westkappelle, den 9. November 1917,
Freitagmorgen um 9 Uhr.
Mein liebes, liebes Lieschen!
Heute morgen geht's mir gottlob wieder besser. Da will ich aber
auch sofort schreiben. Du hast leider Gottes nun lange genug auf
einen vernünftigen Brief warten müssen u. nun doch fast
einen ganzen Monat lang mit Kartenbriefen zufrieden sein müssen.
So war's doch während des ganzen Krieges kaum einmal. Allerdings
war für uns ja auch zum erstenmale Flandern u. für mich
zum erstenmale Kranksein. Außer der Geschichte mit meinem
Fuße. Aber gerade damals fand ich ja beste Gelegenheit zum
Schreiben. Und die habe ich ja auch ausgenutzt.
Falsch ist's ja eigentlich, daß mir so etwas gerade in Ruhe
immer passieren muß. Da hätte man viel besser Gelegenheit,
sich zu erholen. Und das besonders hier am Meere. Mich zieht's
immer wieder mächtig dahin. Gestern Nachmittag hat die Kompagnie
wieder geschossen am Meere. Ich hatte gehofft, den Leuten mal
einen schönen Sonnenuntergang zeigen zu können u. das
Meeresleuchten. Das wurde nun zwar nichts. Es war reichlich bewölkt.
Aber einerlei. Am Strande ist's immer schön. Der Sturm fegt
durch die Dünen, u. als die Flut langsam stieg, rollten mächtige
Wogen heran. Jede Kugel, die gegen die Wasserwände schlug,
bildete kleine Fontainen. Und gar erst die Handgranaten u. die
Minen der Priesterwerfer! Mächtge Wassersäulen stiegen
hoch. Da wird den Leuten nichts zu viel. Ich habe mich allerdings
nicht zu lange am Strande aufgehalten. Zum Reiten hatte ich keine
Lust, u. die 3/4 Stunde Weg hatten mich mächtig angestrengt.
Ich erlebe dasselbe wie vor 12 Jahren: Eine Schwäche, die
man sich kaum erklären kann. Man glaubt ja einfach nicht,
daß man in ein paar Tagen so herunterkommen kann. Aber der
Doktor meinte gestern Abend noch, der Körper gebrauche alle
vorhandene Energie zur Bekämpfung der Infektion u. der Bakterien.
Und wie schwächt auch das furchtbare Schwitzen, das lange
Liegen! Jedenfalls konnte ich mich gestern Nachmittag kaum noch
auf den Beinen halten.
Ich bin in Knocke zum Kleinbahnhofe gegangen u. war in 10 Minuten
zu Hause. D.h. ich bin vorher noch eben zu Bockermann gegangen,
der gestern endlich das wohlverdiente E.K. 1 erhalten hat. Ich
habe mich sehr darüber gefreut. Aber mein Befinden wurde
schlecht u. schlechter. Ich sollte mit ins Kasino kommen. Aber
das war mir einfach unmöglich. So gern ich schon der lang
entbehrten Musik wegen gegangen wäre. In meinem warmen Zimmer
habe ich mich dann aber doch wieder erholt, u. als der Oberarzt
gegen 1/2 9 Uhr noch kam, hatte ich 37,4° Fieber. Das war
ja nicht wesentlich. Die Nacht hab' ich dann gut geschlafen, u.
heute morgen hatte ich 36,6°. Etwas Kopfschmerz, Schwindelgefühl,
allgemeine Schwäche sind selbstredend noch da. Ich muß
mich natürlich äußerst schonen u. kann's bei meinen
drei guten Offizieren ja gottlob auch. - Vorgestern war's zuviel.
Der weite Marsch, der starke Regen u. nachm. noch ein Vortrag
hier im Soldatenheim. Als ich zurückging, hatte ich die Anfänge
meines alten Hustens. Auch gestern spürte ich noch etwas.
Aber das viele Schwitzen und die große Vorsicht hat vielleicht
nochmal vorgebeugt. Rachenkatarrh fürchte ich mehr als alles
andere. Jedenfalls fühle ich soviel: Der Alte bin ich nicht
mehr mit Gesundheit u. Widerstandskraft. Die 3 Jahre Krieg sind
auch bei mir nicht in den hohlen Bauch gezogen, u. mein Lieschen
wird, wenn ich den Frieden erlebe, viel zu pflegen u. zu wickeln
haben. So wie ich aber fühle, daß meine Kräfte
nicht mehr reichen, muß ich mich ernstlich krank melden.
Ein Kompagnieführer, der so oft ausfällt, ist kein rechter
Führer. Das fühle ich nur zu gut.
Hier im Orte, weit hinter der Front, ist ein wunderbares Soldatenheim.
Mit sehr viel Kosten erbaut u. sehr nett eingerichtet. Verwaltet
wird das Heim von 2 Hauptmannsfrauen, deren Männer hier auch
irgendwo in der Etappe "tätig" sein sollen. So
läßt sich der Krieg schon aushalten. Das wäre
auch so ein Posten für Dich, Liesi! Im Sommer das Seebad.
Dazu keine Arbeit, keine Sorge, keine Verantwortung, freie Kost
u. Kleidung u. Gehalt womöglich noch obendrein: Ich glaube,
Du wärst hier längst wieder gesund geworden, hättest
Du nebenbei aber noch viel "für's Vaterland" getan
u. trügest Medaillen u. Orden. In Wirklichkeit hast Du natürlich
viel mehr geleistet als beide Hauptmannsfrauen zusammengenommen,
u. Deine schönsten Ehrenzeichen sind meine beiden blonden
Jungen.
Wenn solche Soldatenheime doch an den Kampffronten aufgemacht
werden wollten! Aber da suchst Du vergeblich nach "Hilfsschwestern"
vom Roten Kreuz.
Auch gestern ist keine Post von Dir gekommen. Dein letzter Brief
war der vom 2.11., der vorgestern kam. Wann ist nun eigentlich
Mutters Geburtstag? Bei der Landeszeitung gibts jetzt wieder Altenbernds
Gedichte "Reben u. Ranken". Die wünschte sie sich
früher schon mal, kann ich ihr dann aber vielleicht zu Weihnachten
schenken.
Herzlichste Grüße u. Küsse u. Gott befohlen! In
treuester Liebe stets u. ganz Euer
Vater.
Feldpostbrief, 12. November 1917
Westkappelle, Montag,
12.11.17, abends 3/4 6 Uhr.
Mein Herzlieb,
um 6 Uhr heute Abend soll nun endlich Post kommen. Ich warte aber
auch sehnlichst. - Heute morgen war Besichtigung. Wundervollstes
Wetter. Und dann in dem Dünengelände bei Knokke. 9.
Komp. zuerst. Die Kompagnie gefiel dem Grafen Dohna gleich bei
der Besichtigung gut. Das "Guten Morgen, Euer Exzellenz"
klappte famos. Ich mußte die Kompagnie im Exerziermarsch
vorführen. Die Leute strengten sich an. Es gab noch Laden
und Sichern. Auch das klappte. Dann wollte ich zum Gefecht entwickeln.
Aber der Graf hatte genug. Er sprach den Leuten u. mir seine vollste
Anerkennung aus, u. nach knapp 10 Minuten war die Kompagnie entlassen.
Die 3 andern u. die M.G.K. haben noch volle 2 Stunden gewirkt.
Es hat da auch wohl nicht so knapp u. glatt gegangen. Wir waren
derweil am Strande. Scheibenschießen. Die herankommende
Flut hat uns zwar oft die Scheiben losgespült u. weggeschwemmt.
Aber doch war's schön am Meere. So schön wie selten. Lachende
Sonne, als ob wir im September seien. Und warm dabei. Die Leute
haben viel Spaß gehabt. Ich selbst habe viele Muscheln für
unsre Buben gesucht. Die schicke ich morgen. Wie gern zeigte ich
den beiden Kerlchen auch mal das Meer! Die beiden würden
jubeln u. kreischen, wenn so die schaumgekrönten Wellen am
Strande hoch u. höher kommen u. im blanken, weißen
Sande lecken. Wenn Friede wird, wollen wir auch mal an die See,
nicht wahr, Liesi? - - So gut wie heute war mein Befinden noch
nie wieder. Ich habe auch den Nachmittagsdienst wieder selbst
abgehalten. Es schien mir nötig zu sein. Meine Offiziere
geben sich ja alle Mühe. Aber die Erfahrung fehlt. Und da
werde ich nun doch wohl allerlei nachholen müssen. Jetzt
gegen Abend stellen sich wieder Kopfschmerzen ein.
Abends 9 Uhr.
Vom Kasino bin ich schnell fortgegangen. Ich wußte ja, daß
Post kam. Gottlob 2 Briefe auch von Dir. Vom Sonntag- Montag u.
vom Mittwoch. Besonders habe ich mich auch über die zwei
fleißigen kleinen Buben gefreut. Sie kriegen auch noch jeder
eine Karte. Gut, daß Du Bubi hast untersuchen lassen! Jetzt
bin ich ganz beruhigt. Du schreibst von seinen roten Backen u.
seiner Strammheit. Wie ist's aber mit Dir, Liesi? Du mußt
mal schreiben! Ja, um so manch kleine u. große Freude komme
ich, die mir unsere Buben bereiten würden. Aber wenn ich
sie nur später noch habe! Dann wird alles, alles vergessen.
Mir geht's wieder gut. Aber hier wird's kalt. Da muß ich
zu Bett. Gute Nacht, mein heißgeliebtes Frauchen! Gott sei
mit uns allen. Herzlichste Grüße Dir u. den I. Kindern!
Dein dankbar treuer Paul.
Feldpostbrief, 14. November 1917
Westkappelle, den 14. November 1917,
Mittwoch, abends um 1/2 10 Uhr.
Mein liebes, gutes Lieschen!
Ich bekam heute abend schon Deine beiden lieben Briefe vom Freitag
u. Sonntag-Montag. Denk nur: Vom Montagmorgen! Also vorgestern!
Gestempelt in Lage 12/11, 11-12 v. Das habe ich lange nicht mehr
erlebt. Solche Grüße sind aber doppelt lieb. Und weil
mir's heute Abend wenigstens so einigermaßen geht, will
ich auch gleich antworten. Du bist immer so fleißig mit
Briefeschreiben gewesen, Liesi! Und ich habe gerade jetzt so wenig
antworten können. Daß ich nichts so gern tue, als brieflich
mit Dir zu plaudern, das weißt Du genau, Liesi! Und daß
kurze Kartenbriefe nichts mit mehr oder weniger heißer u.
treuer Liebe zu tun haben, fühlst Du wohl ebenso genau.
Ob ich mit Deiner Beantwortung meiner Fragen zufrieden bin? Durchaus.
Besonders mit Punkt 5. Zahlen will ich ja nun auch gar nicht mehr
wissen. Wenn Dir die "Kleider mit jedem Tage' fester"
sitzen, dann genügt mir das. Und ich hätte aus dem Grunde
schon mein Lieschen noch mal so lieb - wenn's noch möglich
wäre. Bleib nun so dabei, zunächst wenigstens mal bis
Weihnachten! Dann hoffe ich doch kommen zu können, wenn's
mir bis dahin gut geht. Schick wenigstens vorher kein Weihnachtspaket
ab! Nötigenfalls lasse ich's holen. Und schlimmstenfalls
kann ich auch mal Weihnachten ohne ein Paket feiern. Ich las jetzt
in den Zeitungen von Weihnachtssendungen u. erschrak, daß
wir schon wieder soweit sind.
Dann fragst Du nach den Photographien. Für Waddenhausen war
nur eine bestimmt. Du schreibst von Photographien, die
Du durch Lieschen hingeschickt; eine sollten die Eltern haben
- warum haben sie die noch nicht? - u. eine Onkel Karl. Die kann
vielleicht zum Geburtstage, am 22.11., noch hinkommen.
Daß meine Briefe so spät dort ankommen, ist mir vollkommen
rätselhaft. Gerade darum gebe ich ja so oft als möglich
Urlaubern Postsachen mit. Den am 1.11. geschriebenen hat auch
tatsächlich mein Pferdebursche mitgenommen. Sieh doch bitte
mal nach, wann u. wo der gestempelt ist. Das interessiert mich
denn doch sehr! Und wenn Du dann mal die Zeit findest, schreib
doch auch mal, von welchen September-Oktober- u. Novembertagen
Du keine Briefe hast! Es scheint mir beinahe, als wenn
kaum die Hälfte meiner Briefe überkommt. Dann verliert
man natürlich alle Lust zu schreiben. Und ich würde
Beschwerde bei der Division einreichen.
Den Brief vom 5.11. hatte mir mein Küchenfahrer, der alte
brave Simon Wüstenbecker aus Kirchheide, ebenso wie Utffz.
Liese, ein Schüler Willis, besorgt. Der hätte zweckmäßiger
auch das Paket besorgt, das nun Bruns am 18.11. bringen wird.
Hoffentlich schreibt Br. Dir zeitig genug!
Dann fragst Du nach meiner Meinung wegen des Friedens. Ich habe
es mir so nach u. nach abgewöhnt, in dieser Beziehung Optimist
zu sein. Aber soviel steht wohl fest: Günstiger war unsere
Lage nie. Und wenn in Rußland Lenin am Ruder bleibt u. wir
Italien auf die Knie zwingen, dann wird England als klug rechnender
Geschäftsmann bald einsehen, daß alles weitere Kämpfen
nicht mehr vorteilhaft ist. Dazu kommt, daß im Innern scheinbar
ein neuer Burgfriede zustande gekommen ist. Die neuen Männer
haben gute Namen. Mögen sie berufen sein, den Deutschen Frieden
zu schließen!
Mir tut's auch leid, daß Bub so oft gestraft werden muß.
Deinetwegen. Aber gerade darum danke ich's Dir doppelt, Liesi,
daß Du streng durchgreifst. Daß ich ihn mit' nichts
dergleichen durchlassen würde, weißt Du auch. Und ich
möchte doch auch nicht, daß Bub gleich alle Liebe zum
Vater verlöre, wenn ich beim Frieden sollte heimkehren dürfen.
Auch Weihnachtslieder muß er können. Sonst wirds Christkind
ganz sicher mehr an Helmut denken. Ich bin froh, daß der
Dir so viel Freude macht u. denke oft, mit Bubi könnt's genau
so sein, wenn Du ihn Dir erzogen hättest.
Gute Nacht, mein liebes Frauchen, u. Gott befohlen!
Dein tr. Paul.
Feldpostbrief, 16. November 1917
Westkappelle, den 16. November 1917,
Freitagabend um 10 Uhr.
Mein liebes, liebes Lieschen!
Eigentlich möcht's ja besser sein, ich legte mich zu Bett.
Die Reise nach Sysseele kann jede Stunde in der Nacht losgehen.
Aber dann hätte nicht Dein I. Brief vom Dienstagnachmittag
mehr kommen müssen. Sieh ihn Dir selbst nochmals an, Liesi!
Die liebe, schöne Schrift! Mir wird sie immer und immer lieber.
Und welche Liebe spricht aus den paar Zeilen! Du hast den 13.
November nicht vergessen, denkst treu an Deinen Paul u. all das
Schwere, was er durchgemacht und noch durchmacht. Wenn doch Gott
die Zeiten kommen lassen wollte, daß wir gemeinsam all die
besonderen Tage aus der langen Trennungszeit im Gedächtnis
nochmal durchleben! Recht, recht oft noch! Und mit unsern lauschenden
Buben, denen Du von Deiner Angst und Sorge erzählen wirst
und ich vom Schweren hier draußen.
Und dann Deine stillen Vorwürfe im Briefe! Du hast ja vollkommen
recht, Liesi! Influenza will ihre Zeit haben. Es ist auch nicht
übertriebenes Pflichtgefühl allein bei mir gewesen,
was mich so schnell das Bett u. das Zimmer verlassen ließ.
Ich glaubte aber, draußen rascher u. gründlicher die
Sache loszuwerden. Unglücklicherweise mußte ich ja
nun gerade das schwüle Wetter u. den üblen Regen am
Meere treffen. Für weiterhin verspreche ich Dir aber alle
Vorsicht. Besonders auch für den 6. Tag. Auf den bin ich
ja nun selbst sehr gespannt.
Daß ich mit meiner Erinnerung an den Kleiderschrank Überflüssiges
u. Unnötiges schrieb, wußte ich ja u. habe ich wohl
auch gleich dazu gesagt damals. Ich sehe, daß alles in bester
Ordnung ist u. freue mich nur, daß die Motten tatsächlich
so wenig Schaden angerichtet haben. Sollten wir den Buben nicht
schon aus meiner grauen Einjährigen-Litewka oder aus dem
blauen Waffenrock einen hübschen Weihnachtsmantel machen
lassen können? Mir würdest Du eine sehr große
Freude machen. Überleg's mal, Liesi! Nett müssen meine
beiden Jungen sein, wenn ich Weihnachten sollte kommen dürfen.
Und mein Lieb natürlich erst recht. Aufs Geld darfst Du da
natürlich nicht sehen!
Gar zu gern hätte ich Euch ja Strümpfe u. Schuhe u.
Stoffe hier besorgt. Ich habe mich viel bemüht. Aber die
Preise sind doppelt so hoch als im August. Ich glaube, für
das Sündengeld kauft man besser in Deutschland. Mein kleiner
Schuster war in Urlaub. Er wollte Leder für Dich u. Lina
u. zu Stiefeln für mich besorgen, hat aber nichts auftreiben
können. Da war es in Douai u. in Tournai noch Zeit. Ich denke
natürlich auch weiterhin an die Sachen, die ich zu besorgen
versprochen habe.
Ob ich noch Zeit und Gelegenheit finden werde? In Sysseele werden
wir nur 2-3 Tage bleiben. Dann kommt die Front. Wo, weiß
man nicht. Es mag ja auch ziemlich gleichgültig sein. Das
Artilleriefeuer ist an der ganzen englischen Front lebhaft. Oft
auch oben an der Küste bei Nieuport. Damit wollen die Engländer
scheinbar die Italiener entlasten, die nun doch gewaltig in die
Enge getrieben werden. In Rußland scheint sich der Friedensfreund
Lenin noch zu halten. Wer weiß, ob vom Osten nicht doch
noch der Frieden kommt! Oft scheint der Frieden doch so nahe!
Und einmal muß er ja doch reifen. Wir Deutschen haben Grund
zu hoffen. Englische Minister erklären, daß nach den
deutschen Überraschungen auf Oesel u. in Italien mit allem
gerechnet werden müsse. Selbst mit einem Einfall in England.
Auf gut deutsch: "Italien, hilf Dir selber! Wir haben unsere
Not in Frankreich u. im eigenen Lande." Aus eigner Kraft
aber kann Italien nicht mehr siegen. Seine besten Truppen sind
hin u. seine besten Geschütze. Wenn aber Rußland u.
Italien ausfallen, dann wird unsere Westfront stark u. stärker,
u. unsere Gegner dürfen hier mit Durchbruch u. Sieg nicht
mehr rechnen. Wenn das erst klar wird in England und Frankreich,
dann wird man schon nach Frieden schreien. Der Schluß kommt
morgen früh. Heißen Dank nochmals, Liesi, für
Deinen lieben Brief! "Gott befohlen" u. "Gute Nacht"!
Dein treuer Paul
Feldpostbrief, 18. November 1917
Westkappelle, den 18. November 1917,
Sonntagabend um 1/2 10 Uhr.
Mein liebes, liebes Lieschen!
Immer noch in Westkappelle! Wahrscheinlich geht's erst morgen
früh nach Sysseele. Womöglich kommen die 160er in nächster
Nacht. Dann sollen wir räumen, bleiben aber wohl bis zum
Hellwerden. Auf einige Tage rechnen wir dann auch in Sysseele
noch. Allmählich scheint's doch auch in Flandern ruhiger
zu werden.
Der Sonntag hier ist nun doch noch sehr schön geworden. Bei
mir war der gefürchtete 6. Tag. Es hat sehr gut gegangen.
Etwas Kopfschmerz, aber kein Fieber. Gestern Abend gab Bockermann
ein Faß Bier auf sein E.K. 1. Ich bin sehr vorsichtig gewesen.
Heute mittag gab's einen Frühschoppen. Da habe ich garnichts
getrunken. Gestern nachm. habe ich Riekehoff-B. besucht, der 1/2
Std. von hier wohnt. Heute Mittag habe ich mit Bockermann u. Hollmann
denselben Bummel gemacht. Beidemale war ich müde. Besser
ist mir heute nachm. ein Ritt bekommen. Mit Bockermann, dem Adjutanten
u. dem neuen Feld-Unterarzt. Wir ritten über Heist, u. von
da gings am Strande entlang über Dinbergen nach Knocke. Es
war wundervoll! Flut, aber ruhige See. Die Wellen spritzten bis
oben auf die Dünenpromenade. Kleine Segelboote der Fischer
kamen zurück. Alles so friedlich. Alles wundert sich hier,
daß keine Stürme sind, daß es nicht regnet. Wir
haben Tage gehabt wie im September so warm u. sonnig. Die Sonne
fehlte allerdings heute. In Knocke haben wir nachher eine Tasse
Cakao getrunken, u. dann bin ich mit unserm Oberarzt mit der Kleinbahn
nach Hause gefahren. Das Pferd hat der Pferdebursche mitgebracht.
Meine Gedanken sind heute oft in Nienhagen gewesen. Ganz sicher
fahren wir später oft noch an die See mit unsern Jungen.
Wenn ich wiederkommen darf. Aber zunächst wollen wir uns
auf Weihnachten freuen. Wenn dann schöne Tage sind, werden
wir auch oft draußen sein. Alle 4. Nicht wahr, Liesi? Ich
schließe morgen. Gott befohlen u. herzlichste Grüße
u. Küsse in treuester Liebe Dir u. Bub und Helmchen!
Dein treuer Paul.
Feldpostbrief, 19. November 1917
Sysseele, den 19. November 1917,
am Montagnachmittag um 1/2 4 Uhr
Mein heißgeliebtes, gutes Lieschen!
Vor 2 Stunden sind wir hier angekommen. Meine ersten freien Augenblicke
sollen für Dich sein, Liesi! Zur Abwechslung quälen
mich allerdings mal wieder Zahnschmerzen. Im übrigen bessert
sich's Befinden langsam. Gestern war der 6. Tag, die Fieber haben
sich nicht wieder eingestellt. Auch heute ist die Temperatur normal.
Gott sei Dank! Ich machte mir schon Sorgen.
Der Weg nach hier, etwa 16 km, ist mir nicht schwer geworden.
Ich bin zusammen mit dem Oberarzt mit der Kompagnie geritten.
Die Nacht habe ich nochmal gut geschlafen, wenigstens, nachdem
mich die Zähne hatten zur Ruhe kommen lassen. Die Kompagnie,
die mich in den Quartieren ablöste, kam erst um 1/2 10 Uhr,
u. dann bin ich auch sofort abgerückt.
Eine längere Marschpause haben wir in Damme gemacht, in dem
Orte, wo Till Eulenspiegel geboren sein soll. Damme, jetzt 10
- 12 km von der Küste entfernt, hat einst dicht am Meere
gelegen, bis alles versandet wurde. Jetzt ein kleines Dörfchen,
ist es früher eine Festung mit 6 Toren gewesen. Reste der
alten Kirche sind erhalten u. wieder neu gebaut. Die Reste sind
aber noch beinahe wie ein Dom.
Gerade wollte ich schreiben, daß Bruns doch morgen zurückkommen
müsse, da klopft er schon an. Er ist also am Sonnabend schon
dagewesen. Einerlei! Die l. Zeilen sind vom Sonnabend erst. Du
u. die Buben, Ihr seid munter gewesen u. habt gut ausgesehen.
Mehr will ich ja nicht. Aber doch hatte ich mich im Stillen mächtig
aufs Paket gefreut. Die Verpflegung war oft mächtig einseitig
hier. Da freut mich alles doppelt: Das schöne Gebäck,
der leckere Apfelkuchen, der Käse, die Äpfel u. Nüsse!
Die Äpfel lachen so freundlich mit ihren roten Bäckchen,
als wollten sie mir ebenso wie die Blümchen von Liebe und
Treue daheim erzählen, vom herzlieben Lieb und den lieben
Jungen! Habt heißen Dank, alle Drei! - Ich habe noch einen
Appell. Nachher werde ich mich in die warme Stube setzen u. lesen.
Draußen ist's so rauh u. kalt.
Seid alle dem treuen Gott befohlen u. geherzt u. geküßt
von Euerm dankbaren treuen
Vater.
Feldpostbrief, 23. November 1917
Sysseele bei Brügge, den 23. Novb. 1917,
Freitagmorgen um 1/2 11 Uhr.
Mein liebes, liebes Lieschen!
Immer noch in Sysseele! Seit gestern morgen sind wir zum Abtransport
fertig u. warten ständig auf näheren Befehl. Gestern
abend kam dann endlich Bescheid, daß vor heute mittag mit
Abfahrt nicht zu rechnen sei, u. heute morgen kam vorläufiger
Befehl, daß wir heute Abend um 7 Uhr verladen werden.
Es gibt ja nun Leute, welche sagen, jeder Tag sei ein Gewinn,
der so herumgehe. Sie haben recht. Aber mir ist dies untätige
Warten eine Qual. Mir geht's auf die Nerven. Und unsern Leuten
tut's auch nicht gut. Dienst wird absichtlich nicht mehr abgehalten.
Zur Bahn ist's ein ziemlicher Marsch, u. wer weiß, was uns
dann blüht! Da schont man die Kräfte soweit es irgend
geht. Und dabei sind mir in letzter Nacht 4 Leute entlaufen. Schlechteste
Elemente natürlich, um die es sicher nicht schade ist. Und
feige Burschen sind's vor allen Dingen. Die haben natürlich
längst gehört, daß wir eingesetzt werden u. haben
aus lauter Angst das Weite gesucht. Die Kerle haben sich sicher
verabredet. Der Rädelsführer scheint mir ein junger
Bursche zu sein, der in Flandern schon einmal beim Einrücken
in Stellung sich entfernt hatte u. auch bis Herbesthal gekommen
war. Er hätte ja fest in Untersuchungshaft sitzen müssen.
Nun hat er noch andere mitverführt. Auch schlechte
Gesellen. Aber mich ärgert's doch ganz gewaltig.
Mittags 1 Uhr. Mein Lieb, soeben komme ich vom Bataillon.
Wir marschieren um 4 Uhr hier ab. Um 7 Uhr sollen wir in Maldegem
verladen werden. Wohin es geht, weiß keiner. Aber ein Zweifel
ist auch kaum. Gestern morgen kamen so die ersten Gerüchte
über die großen englischen Erfolge bei Cambrai. Der
Heeresbericht in der Zeitung gestern Abend bestätigte leider
das meiste. Marcoing, die schöne Stadt, verloren mit Hoffmanns
Stärkefabrik; die Stadt, in der wir im Mai 1916 noch so schöne
Tage verlebt haben. Auch Graincourt. So sind die Engländer
leider Gottes dicht heran an der großen Stadt Cambrai. Von
allen Seiten. Sie werden natürlich alles versuchen, die Stadt
noch in diesem Jahre zu bekommen. Das wäre ja auch ein Riesenerfolg,
durch nichts wieder gut zu machen! Und die Franzosen werden St.
Quentin zu erobern versuchen. Das würde dann in die Welt
hinausposaunt werden. Die Gegner schöpfen neuen Mut.
2 Uhr nachm. - Draußen ist schönster Sonnenschein.
Nun, für die Kämpfe mag's völlig einerlei sein.
Eine Kampfpause wird's im ganzen Winter kaum geben. In Flandern
hindert allerdings das Wasser alle weiteren Operationen. Dafür
geht's nun sicher bei Cambrai umso toller los.
Vorhin kam's l. Batl. hier durch. Koßmann hatte den neuesten
Bericht. Danach gehts immer noch böse her bei Cambrai. Aber
andererseits scheinen die wilden Gerüchte von gestern doch
glücklicherweise arg übertrieben zu sein. Danach sollten
nämlich die Engländer nicht bloß Fontaine u. Hendecourt
haben - was wohl stimmen wird - sondern sie sollten in Sandemont
stehen. In unserm schönen Sandemont vom letzten Sommer. Wir
haben's geglaubt. Denn unser Heeresbericht ließ viel zwischen
den Zeilen lesen. Was wäre dann an Artillerie, an Bagagen,
an Material verloren gewesen! Als ich letzte Nacht mal wach wurde,
hat mich der Gedanke daran nicht wieder schlafen lassen. Wenn
man nur erst mal Genaueres wüßte! Gerade bei so bekannten
Gegenden tut's mir immer leid, wenn Gelände verloren geht.
Man weiß, wieviel Blut wir früher dort gelassen haben,
kennt all die vielen schönen Friedhöfe genau, die in
des Gegners Hand fallen. Natürlich nur als Trümmerfelder.
Erstaunt war ich, als gestern Abend noch Post kam. Damit hatte
niemand mehr gerechnet. Und nun gar so liebe Post noch. Auch Dein
lieber Brief vom letzten Sonntag schon. Da schreibst du vom Paket,
das Bruns gebracht. Ich freue mich, daß ich nicht bloß
den Jungen eine Freude gemacht habe, sondern vor allem auch Dir,
Liesi! Eigentlich sind so Urlauberpakete doch eine schöne
Sache! Wie manche wirkliche Freude hast Du mir doch auf diese
Weise schon gemacht, u. wie oft habe auch ich Dich schon erfreuen
dürfen! Einer zeigt dem andern ja gottlob doch so gern
die stille, treue, dankbare Liebe! Und ich fühle mich dann
jedesmal so froh u. glücklich. Auch gestern Abend, als Dein
lieber, lieber Sonntagsbrief kam. Wie schön soll doch Weihnachten
werden, wenn unser aller Wunsch erfüllt werden sollte! Der
treue Gott mög's doch in Gnaden geben! An Helmchen hatte
ich ein kleines Paketchen mit Seemuscheln geschickt. Ob er's bekommen
hat? Sag doch dem Bubenjungen auch, wie ich mich freuen würde,
wenn er wenigstens etwas singen kann. Mein Befinden ist
gut. Temperatur habe ich nie mehr.
Gott befohlen, mein heißgeliebtes Lieschen! Er wolle helfen!
Grüß u. küß die I. Jungen u. sei auch Du
geherzt u. geküßt von Deinem Dir stets dankbaren und
treuen
Paul.
Feldpostbrief, 27. November 1917
Südwestlich Crevecoeur, am Kanal L'Escaut,
zwischen Marcoing u. Crevecoeur,
Dienstag, den 27. Novb. 17, morgens um 10 Uhr.
Mein heißgeliebtes Lieschen!
Wie schlimm hatte ich's mir vorgestellt, u. wie schön ist's
hier. Wenn draußen nur nicht der üble Sturm u. Regen
wäre. Letzte Nacht hat's stark geschneit. Nun ist der Schlamm
natürlich umso ärger. Die Leute tun mir leid. Sie liegen
in kaum angedeuteten Gräben u. haben kleine elende Löcher.
Ich hab's dagegen wirklich gut: Einen Stollen, wie ich ihn im
halben Jahre nicht mehr sah. Trocken u. heizbar. Besser wie manche
Quartiere der letzten Zeit. Aus dem Stolleneingange trete ich
direkt an den breiten Kanal, auf dem gerade hier mächtige
Schleppkähne liegen, die erst vor einigen Tagen verlassen
worden sind. Auch das Dorf Crévecoeur hat bis zum 21.11.
seine Bewohner gehabt. Da ist infolgedessen auch noch alles zu
finden. Ein Jammer nur, daß diese Riesenwerte vernichtet
werden u. verloren gehen!
Wie das Unglück am 20. u. 21. hat kommen können, wird
mir immer mehr ein Rätsel. Hier haben die Engländer
überhaupt schon keinen Widerstand mehr gefunden. Kaum ein
Granatloch ist zu sehen, die Tanks sind einfach hier spazieren
gefahren. Neugierige Zivilisten sind mitgegangen. Dann kam hier
der Kanal u. eine hohe Böschung. Weiter gings da vorerst
nicht. Sonst hätten alle Wege offen gestanden. Bei einem
Schloß hier vor mir ist ein Tank einfach glatt durch eine
gute massive Mauer gefahren.
Mir geht's gut, Liesi! Wie mag's Euch gehen? Wann kommt mal wieder
Post? Gott wolle in Gnaden weiter helfen! Ich grüße
und küsse herzlich Dich u. die Kinder u. bin u. bleibe stets
und ganz
Dein treuer Paul.
Feldpostbrief, 28. November 1917
Les Rues des Vignes bei Crèvecoeur
Ortskommandantur 28./11.17.
Mittwochnachmittag 2 Uhr.
An mein heißgeliebtes, gutes Lieschen!
Gestern Abend kam wieder etwas Post. Heute morgen auch. Und diesesmal
waren auch 2 Briefe von Dir mit dabei. Der vom Dienstag u. der
vom Buß- u. Bettag.
Ich habe mich sehr gefreut, zumal ich glaubte, daß Postsperre
sei. Ob Du nun auch Post bekommst? Hoffen kann man es,
da Du ja von 8 Briefen schreibst, die auf einmal gekommen sind.
Von Cambrai konntest Du am Buß- u. Bettage noch nichts wissen
(21.11.), da der erste Bericht erst in der Landeszeitung vom 22.11.
steht. Deine Sorge verstehe ich, besonders, wenn die Briefsperre
tatsächlich bestehen sollte.
Meinen schönen Stollen am Kanal de L'Escaut habe ich gestern
Abend schon wieder räumen müssen, da mich die 5. Komp.
vom akt. Rgt. 99 dort ablöste. Ich liege nun in einer Bereitschaftsstellung
hinter den 3 andern Kompagnien. Die haben den Dorfrand besetzt,
u. ich selbst liege mit der Kompagnie im Dorfe. Die Leute liegen
in Kellern u. Stuben. Ich selbst bewohne ein Zimmer in der früheren
Ortskommandantur. Die Hälfte der Fensterscheiben ist durch
aufgenagelte Dachpappe ersetzt. Aber ein Ofen hält die Bude
wenigstens so einigermaßen warm. An Kohlen fehlt's nicht.
Große Haufen liegen aufgestapelt. Wer hat denn auch hier
an Engländer gedacht? Mitten im tiefsten Frieden hat man
gelebt, als das Unglück hereinbrach. Ein Feldrekrutendepot
hat hier gelegen u. alles in Stich gelassen. Was für Werte
vernichtet werden, davon habt Ihr keine Ahnung. Ich habe gestern
allein für Tausende von Mark reine Schafwolle sammeln lassen.
Ob sie noch zurückgeschafft werden kann? Wir wollen's hoffen
Gestern haben die Engländer wieder mit ungeheuren Kräften
angegriffen. Bei Bourlon u. Fontaine (dicht bei Cambrai). Auf
einzelnen Stellen sind sie wieder zurückgeworfen. Genaueres
weiß ich noch nicht. Mit der dem Engländer eigenen
Zähigkeit wird er natürlich weiter angreifen u. schließlich
auch sein Ziel, Cambrai, erreichen. Opfer scheut er ja nicht.
Da mag's denn vollkommen richtig sein, daß wir morgen versuchen
sollen, die Erfolge des Gegners durch Gegenangriff zu verringern.
Furchtbar schwer wirds werden, u. riesige Verluste wirds geben,
aber unsere Heeresleitung wird schon wissen, weshalb es nötig
ist.
Ich mache ja nun trotz meiner 38 Monate Krieg einen Angriff zum
erstenmale mit u. weiß genau, was das bedeutet. Ich bin
natürlich aufgeregt u. unruhig. Aber in Lebensgefahr stand
ich ständig, u. mehr wird ja auch morgen nicht sein. Einen
Angriff des Feindes abwehren, ist gewiß nicht leichter.
Und dem geht tage- u. stundenlanges Trommelfeuer voraus. Das entnervt
natürlich mehr als ein Angriff. Und darum wollen wir fest
dem Herrn vertrauen. Er kann helfen. Und beten wollen wir für
unsere gute, reine, deutsche Sache, die unser Gott doch nicht
verlassen wird u. die so oft nun schon in größter Gefahr
war. Wenn Du diesen Brief erhältst, mein Lieb, dann hast
Du hoffentlich auch von deutschen Erfolgen bei Cambrai schon gelesen!
Hier können wir uns auch nicht halten. Vor uns hat der Gegner
eine beherrschende Höhe besetzt. Hinter uns ist der breite
Kanal. Bei einem ernsten engl. Angriff geht alles, was vorn liegt,
verloren. Da ist gar kein Zweifel. Und solche Stellungen sind
immer furchtbar. Da fehlt einem von vornherein das Vertrauen auf
den Sieg beim feindlichen Angriff. Und das ist die Hauptsache.
Du glaubst also, Liesi, daß alle meine Briefe überkommen.
Das freut mich sehr. Daß sie sich arg verzögern bei
unserm häufigen Hin und Her ist selbstverständlich.
Urlauberbriefe scheinen nur in einzelnen Fällen besonders
früh anzukommen. Aber man hofft doch immer noch auf schnellere
Beförderung u. gibt sie deshalb mit.
Du fragst auch nach meinem Fieber, Liesi! Ich fühle gottlob
gar nichts mehr u. mache mal wieder scheinbar die Erfahrung, daß
es mir draußen am besten geht.
Du hattest auf Ruhe bis Weihnachten gehofft? Das wäre ja
nun ein bischen sehr viel verlangt gewesen. Das kann man bei den
Angriffen u. Anstrengungen unserer Gegner auch nicht erwarten.
Aber mit einer etwas ruhigeren Stellung hatte ich auch gerechnet.
Daß Du nicht gern allein mit nach Detmold oder sonst zu
Verwandten gehst, verstehe ich, Liesi! Ich weiß, wie dann
Erinnerungen auf Dich einstürmen, die Dir alle Stimmung nehmen.
Aber trotzdem solltest Du zuweilen gehen! Bub u. Helmchen oder
schon einer von beiden Lieblingen helfen doch über manches
weg. Schade, daß Bub die Photographie vergessen hat!
Wie ich den Buß- u. Bettag verlebt habe? In aller Ruhe noch
u. in Sysseele. Ich schrieb Dir's ja auch schon. Du schreibst
von mächtger Sehnsucht. Ich kenne das. Mich hat sie heute
gewaltig gepackt. Aber was hilft's? Wir müssen aushalten,
u. Du hast recht, wenn Du meinst, daß wir immer dankbar
bleiben müssen, weil Gott bisher so gnädig mit uns war!
Helmchen scheint nun viel zu singen. Der liebe kleine Junge! Wolle
Gott ihn uns doch erhalten u. uns beide auch ihm! An dem haben
wir, glaube ich, noch recht oft Freude. An Bubi - wills Gott -
natürlich hoffentlich auch. Daß er uns beide lieb
hat, weiß ich!
Dein Befinden hat sich inzwischen hoffentlich ganz gebessert!
Im Allgemeinen hat's Dir doch scheinbar gut gegangen, u. Influenza
lag doch jetzt überall in der Luft.
Augusts Brief war beigelegt. Auch über den hab ich mich sehr
gefreut. Grüß August zunächst wieder u. alle andern
Lieben auch! Küß mir beide lieben Jungen u. laß
uns alle dem treuen Gott befohlen sein! Hoffentlich kann ich bald
gute Nachricht geben!
Laß Dich herzen u. küssen, mein Lieb u. sei innig gegrüßt
von Deinem Dir stets dankbaren u. treuen
Paul.
Feldpostbrief, 29. November 1917
Les Rues des Vignes, den 29. Novb. 1917,
Donnerstagabend um 4 Uhr.
Keller der Ortskommandantur
Mein heißgeliebtes, gutes Lieschen!
Auch heute bin ich noch hier. Aus der Sache heute morgen ist nichts
geworden. Gründe sind mir unbekannt. Ob nun morgen? Befehle
sind noch nicht da, allerlei Vorbereitungen aber bereits getroffen.
Soeben wurden wir telefonisch vom Rgt. benachrichtigt, daß
29 russische Divisionen mit unsern Truppen einen Waffenstillstand
abgeschlossen haben u. daß unsere Oberste Heeresleitung
mit der russischen verhandle. Das muß demnach amtlich sein
u. ist kaum noch zu bezweifeln. Wo aber einmal ein Waffenstillstand
geschlossen ist, da wird auch niemand wieder zu den Waffen greifen.
Über die Folgen kann ich mir kein rechtes Bild machen. Aber
hoffentlich ist's der Anfang vom Ende.
Ich habe dem treuen Gott wieder viel zu danken. Im Hause der Ortskommandantur
hatte ich mir gestern ein nettes Zimmer zurecht gemacht. Es fing
dort an, gemütlich zu werden. Bis 8 Uhr heute morgen hatte
ich im Bette gelesen. Schlafen konnte ich wegen des heftigen englischen
Feuers nicht. Da wurde auch das Dorf beschossen. Ich ging hinaus
u. war kaum 5 Minuten draußen, als ein Aufschlagschrappnell
durchs Dach ging. Genau über meinem Bette wars krepiert.
Die Matratze wie ein Sieb u. ein als Kopfkissen dienender Sandsack
mit Werg hatte ein großes Loch! 5 Minuten vorher lag dort
mein Kopf. - Sofort bezogen wir den Keller. Kaum 1 Stunde später
sauste ein Schrappnell durch die Kellertür. Tröster
mehrfach ganz leicht verwundet, mein Schreiber etwas schwerer.
Ich stand 2 m seitwärts. - Dankt Ihr Gott mit mir! Er wolle
weiter helfen. Seid alle drei herzlichst gegrüßt u.
geküßt von
Euerm treuen Vater.
Schlusswort
Dies war der letzte Brief unseres am 30. November 1917 bei Cambrai
gefallenen Großvaters an seine Frau. Sie erhielt
ihn am 5. Dezember 1917.
Am 3. Dezember war ihr ein Telegramm zugestellt worden: "Ltn.
Diekmann den Heldenkampf gefallen."