Kollektives Gedächtnis

Dieser Eintrag stammt von Gertrud Mohr, Cord Diekmann und Christel Lohmann
Kontakt: info@cord-diekmann.de
Februar 2010
   Kriegsverlauf


Feldpostbriefe unseres Großvaters Paul Diekmann
aus dem Ersten Weltkrieg

Teil 7 (November 1917)




Feldpostbrief, 5. November 1917

In Westkappelle, den 5. November 1917,
am Montagmorgen um 3/4 12 Uhr.

Mein heißgeliebtes, gutes Lieschen!

Ich will's versuchen, etwas ausführlicher zu schreiben. Etwas schwer fällt's natürlich noch. Gestern Abend habe ich deshalb auch nur einen Kartenbrief geschrieben. Der ist heute morgen fortgegangen. Und diesen Brief soll ein Urlauber mitnehmen. Der wird also schon früher als der gestrige in Deinen Besitz kommen. Da muß ich Dir also nochmal erzählen, wie jammerschlecht es mir ergangen ist in den Tagen vom Freitag bis heute. Wie ich am Donnerstagabend noch mit bestem Appetit im Kasino gegessen habe u. wie ich nachts schon mit üblen Kopfschmerzen aufwachte. Am andern morgen ließ ich Ltn. Weber meinen Dienst machen. Zu einer Rgts.-Besprechung nachmittags wollte ich dagegen nicht fehlen. Aber die Sache wurde immer toller. Ich konnte den Kopf kaum heben. Dazu furchtbarste Rückenschmerzen! Da ließ ich dann den Doktor holen. Der maß noch 39,6 ° Fieber! Dabei hatte ich schon morgens Aspirin-Tabletten geschluckt u. heißeste Milch getrunken. Der Schweiß floß darauf nur so! Jedenfalls war mittags die Temperatur gefallen. Meinem Gefühl nach waren morgens 41° da. Für Morgentemperatur ja allerhand. Nachmittags kam schon allerhand Besuch. Gut gemeint. Aber ich konnte kaum mit meinen Gedanken oft folgen.

Riekehoff-Böhmer war vom Urlaub gekommen, hatte Kuchen u. sonstige Dinge mitgebracht u. wollte mich zum Kaffee holen. Ich habe auf bessere Zeiten vertröstet. Und zu allem Pech kommt gegen Abend ganz unerwartet Befehl zum Abrücken. Am Freitagmorgen 4 Uhr. Toller konnt's ja kaum kommen. Der Oberarzt wollte mich ins Lazarett schicken. Das Auto sollte bestellt werden. Ich bat, wenigstens bis morgen zu warten. Der Doktor kam selbst Sonnabd. morgens nochmal. Ich hatte die ganze Nacht ununterbrochen geschwitzt, hatte einen Prießnitzschen Umschlag u. 2 Tabletten Pyramidon bekommen. Da waren's nur noch 37,2° Fieber, u. d. Doktor ließ einen Krankenträger zurück. Abends waren's zwar nochmals 37,8° Fieber. Aber ich fühlte, daß es besser wurde u. sollte für diesen Fall am Sonntagnachm. abgeholt werden. Da lag ich ja beinahe 3 Tage. Am Sonntagnachmittag konnte ich dann auch den Kopf wieder heben. Schon mittags war ich aufgestanden ohne wie vorher Schwindelanfälle zu bekommen. Es wurde aber noch 4 Uhr, ehe der Wagen kam. Draußen wurd's neblig u. frisch, u. vorher war schönster warmer Sonnenschein. Aber der brave Doktor hatte vorgesorgt. Er hatte mir einen wunderbaren Mantel eines englischen Fliegeroffiziers mitgebracht. Lamafell. Da habe ich von Kälte nicht eine Spur empfunden. Nur am Kopfe. Aber auch das scheint nicht geschadet zu haben. Heute fühle ich zwar etwas dumpfen Kopfschmerz noch. Aber im übrigen habe ich etwas Appetit u. wieder Lebenslust. Es wird schon wieder werden.

Du magst wieder fragen, Liesi, warum nicht Lazarett? Ich fürchte die Dinger. Ohne große Not gehe ich nicht. Bei Verwundungen ist's ne andere Sache. Und nachher muß man sich in all die unendlich vielen Dinge bei der Komp. wieder einarbeiten. So bleibt man auf dem Laufenden. Alles geht nach meinem Willen, u. ich kann mich trotzdem noch einige Tage schonen. Pflege u. Verpflegung ist aber hier ohne Frage besser als im Lazarett. Anders wärs ja in einer recht dreckigen Stellung wie neulich bei Plasschendaele.

Aber hier geht's uns ja nicht schlecht. Wir sind am Freitag 15 km weiter nördlich gekommen u. liegen nun 5 km von der Nordsee u. 5 km von der holländischen Grenze ab. Auf den Karten wirst Du es finden. Wir sind Küstenschutz, wenn die Engländer landen sollten, u. Grenzschutz, wenn sie durch Holland einzudringen suchen. Interessante Aufgaben. Das ist mal was anderes. Hoffentlich bleiben wir aber auch nun mal einige Zeit!

In Brügge findet gerade jetzt eine Trauerfeier für den Hptm. Maraun, meinen früheren alten braven lustigen Bataillonskommandeur statt. Der bekommt vor einigen Tagen Blinddarmentzündung u. stirbt auf dem Wege ins Lazarett an Herzschwäche. Arme Frau, arme zwei Jungen! Ich wäre so gern zur Feier gefahren. Aber das geht ja nun nicht.

In meinen Krankheitstagen hab' ich gar oft bei Euch geweilt. Wie schön wäre solch Kranksein daheim gewesen! Und wie hat mir mein Lieschen nun gefehlt. Was hätte ich um 1 Trunk Saft, um gekochtes Obst, um eingekochte Sachen gegeben! Alles andere widerte ja an. Vor 12 Jahren hatte ich dieselbe Geschichte in Lage. Genau die gleichen Erscheinungen. Da hat's liebe Mütterlein noch so treu gesorgt u. gepflegt. Etwas länger habe ich damals aber trotzdem liegen müssen. Die größte Freude ist mir Dein l. Brief vom Sonntag u. Montag, 28./29.10., gewesen. Den hab ich wenigstens 10 mal gelesen. Herzlichsten Dank! Auch Helmchen! Und Bubi! Der Brief kam als letzte Post am Freitag Abend. An die Buben hatte ich Donnerstagnachm. noch Karten zu schreiben angefangen. Die waren nachher spurlos verschwunden. Ebenso ein Brief von Gustav. Na, es gibt andre! Morgen mehr! Gott befohlen u. herzlichste Grüße u. Küsse in treuester Liebe ganz u. stets

Euer treuer Vater.

Westkappelle ist ein frdl., sauberes Städtchen. Mein Quartier ist hübsch warm u. gemütlich!

Dein P.


Feldpostbrief, 6. November 1917


Westkappelle, den 6. November 1917,
Dienstagmorgen um 1/2 10 Uhr.

Mein Lieb!

Herzlichsten Dank für Deine beiden lieben Briefe vom 30. /10. u. 1./11., die gestern Abend noch kamen! Auch meine Briefe scheinen ja nun so langsam zu landen. Eigentlich muß ja auch so ziemlich von jedem Tage etwas da sein. Auch vom 20.10. Gerade am 20. hatte ich so ausführlich geschrieben. Manches wird verloren gegangen sein. Schreib bitte mal davon! - Und dann hab ich in den langen Stunden auf dem Krankenbett an allerhand denken müssen, was ich sonst längst vergessen. Antworte auch darauf recht bald mal! 1.) Hast Du mal wieder die Anzüge pp. im Kleiderschranke auf Motten nachgesehen? Versieh Dich doch nötigenfalls reichlich mit Mottenpulver oder gebrauch auch Tabak u. Zigarren! Im Kleiderschranke hängen doch heutzutage Werte von Tausenden! Aber mein Liesi hat ja auch gewiß trotz all der Arbeit daran gedacht. Nimm mir die Frage nicht übel! 2.) Wieviel Paar von meinen Socken, die ich im Juli gekauft, habe ich damals in Nienhagen gelassen? Ich hatte 6 Paar. 1 Paar hat Rudolf bekommen. Und hier haben wir nur eins. Troester glaubt, daß ihm verschiedene Wäsche fehlt. Erklärlich ist das ja bei dem ewigen Hin- und Her. Oft muß die Wäsche naß mitgenommen werden, oft bleibt sie zurück.

Mein Befinden hat sich gottlob weiter gebessert. Ich kann mich wahrscheinlich heute schon wieder gesund melden. Vom Außendienst kann ich mich ja vorerst noch befreien lassen. Aber man möchte doch gern mal wieder hinaus in die freie Gottesluft. Da erst werden auch die letzten Kopfschmerzen schwinden. Hier im Zimmer liest u. schreibt u. arbeitet man ja doch nur. Müßigsitzen kann ja Dein Paul immer noch nicht. Und wenn der Körper keine Anstrengungen hat, ist auch der Schlaf nicht fest u. gut.

Gott befohlen u. herzlichste Grüße u. Küsse!

Euer treuer Vater.


Feldpostbrief, 9. November 1917


Westkappelle, den 9. November 1917,
Freitagmorgen um 9 Uhr.

Mein liebes, liebes Lieschen!

Heute morgen geht's mir gottlob wieder besser. Da will ich aber auch sofort schreiben. Du hast leider Gottes nun lange genug auf einen vernünftigen Brief warten müssen u. nun doch fast einen ganzen Monat lang mit Kartenbriefen zufrieden sein müssen. So war's doch während des ganzen Krieges kaum einmal. Allerdings war für uns ja auch zum erstenmale Flandern u. für mich zum erstenmale Kranksein. Außer der Geschichte mit meinem Fuße. Aber gerade damals fand ich ja beste Gelegenheit zum Schreiben. Und die habe ich ja auch ausgenutzt.

Falsch ist's ja eigentlich, daß mir so etwas gerade in Ruhe immer passieren muß. Da hätte man viel besser Gelegenheit, sich zu erholen. Und das besonders hier am Meere. Mich zieht's immer wieder mächtig dahin. Gestern Nachmittag hat die Kompagnie wieder geschossen am Meere. Ich hatte gehofft, den Leuten mal einen schönen Sonnenuntergang zeigen zu können u. das Meeresleuchten. Das wurde nun zwar nichts. Es war reichlich bewölkt. Aber einerlei. Am Strande ist's immer schön. Der Sturm fegt durch die Dünen, u. als die Flut langsam stieg, rollten mächtige Wogen heran. Jede Kugel, die gegen die Wasserwände schlug, bildete kleine Fontainen. Und gar erst die Handgranaten u. die Minen der Priesterwerfer! Mächtge Wassersäulen stiegen hoch. Da wird den Leuten nichts zu viel. Ich habe mich allerdings nicht zu lange am Strande aufgehalten. Zum Reiten hatte ich keine Lust, u. die 3/4 Stunde Weg hatten mich mächtig angestrengt. Ich erlebe dasselbe wie vor 12 Jahren: Eine Schwäche, die man sich kaum erklären kann. Man glaubt ja einfach nicht, daß man in ein paar Tagen so herunterkommen kann. Aber der Doktor meinte gestern Abend noch, der Körper gebrauche alle vorhandene Energie zur Bekämpfung der Infektion u. der Bakterien. Und wie schwächt auch das furchtbare Schwitzen, das lange Liegen! Jedenfalls konnte ich mich gestern Nachmittag kaum noch auf den Beinen halten.

Ich bin in Knocke zum Kleinbahnhofe gegangen u. war in 10 Minuten zu Hause. D.h. ich bin vorher noch eben zu Bockermann gegangen, der gestern endlich das wohlverdiente E.K. 1 erhalten hat. Ich habe mich sehr darüber gefreut. Aber mein Befinden wurde schlecht u. schlechter. Ich sollte mit ins Kasino kommen. Aber das war mir einfach unmöglich. So gern ich schon der lang entbehrten Musik wegen gegangen wäre. In meinem warmen Zimmer habe ich mich dann aber doch wieder erholt, u. als der Oberarzt gegen 1/2 9 Uhr noch kam, hatte ich 37,4° Fieber. Das war ja nicht wesentlich. Die Nacht hab' ich dann gut geschlafen, u. heute morgen hatte ich 36,6°. Etwas Kopfschmerz, Schwindelgefühl, allgemeine Schwäche sind selbstredend noch da. Ich muß mich natürlich äußerst schonen u. kann's bei meinen drei guten Offizieren ja gottlob auch. - Vorgestern war's zuviel. Der weite Marsch, der starke Regen u. nachm. noch ein Vortrag hier im Soldatenheim. Als ich zurückging, hatte ich die Anfänge meines alten Hustens. Auch gestern spürte ich noch etwas. Aber das viele Schwitzen und die große Vorsicht hat vielleicht nochmal vorgebeugt. Rachenkatarrh fürchte ich mehr als alles andere. Jedenfalls fühle ich soviel: Der Alte bin ich nicht mehr mit Gesundheit u. Widerstandskraft. Die 3 Jahre Krieg sind auch bei mir nicht in den hohlen Bauch gezogen, u. mein Lieschen wird, wenn ich den Frieden erlebe, viel zu pflegen u. zu wickeln haben. So wie ich aber fühle, daß meine Kräfte nicht mehr reichen, muß ich mich ernstlich krank melden. Ein Kompagnieführer, der so oft ausfällt, ist kein rechter Führer. Das fühle ich nur zu gut.

Hier im Orte, weit hinter der Front, ist ein wunderbares Soldatenheim. Mit sehr viel Kosten erbaut u. sehr nett eingerichtet. Verwaltet wird das Heim von 2 Hauptmannsfrauen, deren Männer hier auch irgendwo in der Etappe "tätig" sein sollen. So läßt sich der Krieg schon aushalten. Das wäre auch so ein Posten für Dich, Liesi! Im Sommer das Seebad. Dazu keine Arbeit, keine Sorge, keine Verantwortung, freie Kost u. Kleidung u. Gehalt womöglich noch obendrein: Ich glaube, Du wärst hier längst wieder gesund geworden, hättest Du nebenbei aber noch viel "für's Vaterland" getan u. trügest Medaillen u. Orden. In Wirklichkeit hast Du natürlich viel mehr geleistet als beide Hauptmannsfrauen zusammengenommen, u. Deine schönsten Ehrenzeichen sind meine beiden blonden Jungen.

Wenn solche Soldatenheime doch an den Kampffronten aufgemacht werden wollten! Aber da suchst Du vergeblich nach "Hilfsschwestern" vom Roten Kreuz.

Auch gestern ist keine Post von Dir gekommen. Dein letzter Brief war der vom 2.11., der vorgestern kam. Wann ist nun eigentlich Mutters Geburtstag? Bei der Landeszeitung gibts jetzt wieder Altenbernds Gedichte "Reben u. Ranken". Die wünschte sie sich früher schon mal, kann ich ihr dann aber vielleicht zu Weihnachten schenken.

Herzlichste Grüße u. Küsse u. Gott befohlen! In treuester Liebe stets u. ganz Euer

Vater.


Feldpostbrief, 12. November 1917


[Paul Diekmann, 1917] Westkappelle, Montag,
12.11.17, abends 3/4 6 Uhr.

Mein Herzlieb,

um 6 Uhr heute Abend soll nun endlich Post kommen. Ich warte aber auch sehnlichst. - Heute morgen war Besichtigung. Wundervollstes Wetter. Und dann in dem Dünengelände bei Knokke. 9. Komp. zuerst. Die Kompagnie gefiel dem Grafen Dohna gleich bei der Besichtigung gut. Das "Guten Morgen, Euer Exzellenz" klappte famos. Ich mußte die Kompagnie im Exerziermarsch vorführen. Die Leute strengten sich an. Es gab noch Laden und Sichern. Auch das klappte. Dann wollte ich zum Gefecht entwickeln. Aber der Graf hatte genug. Er sprach den Leuten u. mir seine vollste Anerkennung aus, u. nach knapp 10 Minuten war die Kompagnie entlassen. Die 3 andern u. die M.G.K. haben noch volle 2 Stunden gewirkt. Es hat da auch wohl nicht so knapp u. glatt gegangen. Wir waren derweil am Strande. Scheibenschießen. Die herankommende Flut hat uns zwar oft die Scheiben losgespült u. weggeschwemmt. Aber doch war's schön am Meere. So schön wie selten. Lachende Sonne, als ob wir im September seien. Und warm dabei. Die Leute haben viel Spaß gehabt. Ich selbst habe viele Muscheln für unsre Buben gesucht. Die schicke ich morgen. Wie gern zeigte ich den beiden Kerlchen auch mal das Meer! Die beiden würden jubeln u. kreischen, wenn so die schaumgekrönten Wellen am Strande hoch u. höher kommen u. im blanken, weißen Sande lecken. Wenn Friede wird, wollen wir auch mal an die See, nicht wahr, Liesi? - - So gut wie heute war mein Befinden noch nie wieder. Ich habe auch den Nachmittagsdienst wieder selbst abgehalten. Es schien mir nötig zu sein. Meine Offiziere geben sich ja alle Mühe. Aber die Erfahrung fehlt. Und da werde ich nun doch wohl allerlei nachholen müssen. Jetzt gegen Abend stellen sich wieder Kopfschmerzen ein.

Abends 9 Uhr.

Vom Kasino bin ich schnell fortgegangen. Ich wußte ja, daß Post kam. Gottlob 2 Briefe auch von Dir. Vom Sonntag- Montag u. vom Mittwoch. Besonders habe ich mich auch über die zwei fleißigen kleinen Buben gefreut. Sie kriegen auch noch jeder eine Karte. Gut, daß Du Bubi hast untersuchen lassen! Jetzt bin ich ganz beruhigt. Du schreibst von seinen roten Backen u. seiner Strammheit. Wie ist's aber mit Dir, Liesi? Du mußt mal schreiben! Ja, um so manch kleine u. große Freude komme ich, die mir unsere Buben bereiten würden. Aber wenn ich sie nur später noch habe! Dann wird alles, alles vergessen. Mir geht's wieder gut. Aber hier wird's kalt. Da muß ich zu Bett. Gute Nacht, mein heißgeliebtes Frauchen! Gott sei mit uns allen. Herzlichste Grüße Dir u. den I. Kindern!

Dein dankbar treuer Paul.


Feldpostbrief, 14. November 1917


Westkappelle, den 14. November 1917,
Mittwoch, abends um 1/2 10 Uhr.

Mein liebes, gutes Lieschen!

Ich bekam heute abend schon Deine beiden lieben Briefe vom Freitag u. Sonntag-Montag. Denk nur: Vom Montagmorgen! Also vorgestern! Gestempelt in Lage 12/11, 11-12 v. Das habe ich lange nicht mehr erlebt. Solche Grüße sind aber doppelt lieb. Und weil mir's heute Abend wenigstens so einigermaßen geht, will ich auch gleich antworten. Du bist immer so fleißig mit Briefeschreiben gewesen, Liesi! Und ich habe gerade jetzt so wenig antworten können. Daß ich nichts so gern tue, als brieflich mit Dir zu plaudern, das weißt Du genau, Liesi! Und daß kurze Kartenbriefe nichts mit mehr oder weniger heißer u. treuer Liebe zu tun haben, fühlst Du wohl ebenso genau.

Ob ich mit Deiner Beantwortung meiner Fragen zufrieden bin? Durchaus. Besonders mit Punkt 5. Zahlen will ich ja nun auch gar nicht mehr wissen. Wenn Dir die "Kleider mit jedem Tage' fester" sitzen, dann genügt mir das. Und ich hätte aus dem Grunde schon mein Lieschen noch mal so lieb - wenn's noch möglich wäre. Bleib nun so dabei, zunächst wenigstens mal bis Weihnachten! Dann hoffe ich doch kommen zu können, wenn's mir bis dahin gut geht. Schick wenigstens vorher kein Weihnachtspaket ab! Nötigenfalls lasse ich's holen. Und schlimmstenfalls kann ich auch mal Weihnachten ohne ein Paket feiern. Ich las jetzt in den Zeitungen von Weihnachtssendungen u. erschrak, daß wir schon wieder soweit sind.

Dann fragst Du nach den Photographien. Für Waddenhausen war nur eine bestimmt. Du schreibst von Photographien, die Du durch Lieschen hingeschickt; eine sollten die Eltern haben - warum haben sie die noch nicht? - u. eine Onkel Karl. Die kann vielleicht zum Geburtstage, am 22.11., noch hinkommen.

Daß meine Briefe so spät dort ankommen, ist mir vollkommen rätselhaft. Gerade darum gebe ich ja so oft als möglich Urlaubern Postsachen mit. Den am 1.11. geschriebenen hat auch tatsächlich mein Pferdebursche mitgenommen. Sieh doch bitte mal nach, wann u. wo der gestempelt ist. Das interessiert mich denn doch sehr! Und wenn Du dann mal die Zeit findest, schreib doch auch mal, von welchen September-Oktober- u. Novembertagen Du keine Briefe hast! Es scheint mir beinahe, als wenn kaum die Hälfte meiner Briefe überkommt. Dann verliert man natürlich alle Lust zu schreiben. Und ich würde Beschwerde bei der Division einreichen.

Den Brief vom 5.11. hatte mir mein Küchenfahrer, der alte brave Simon Wüstenbecker aus Kirchheide, ebenso wie Utffz. Liese, ein Schüler Willis, besorgt. Der hätte zweckmäßiger auch das Paket besorgt, das nun Bruns am 18.11. bringen wird. Hoffentlich schreibt Br. Dir zeitig genug!

Dann fragst Du nach meiner Meinung wegen des Friedens. Ich habe es mir so nach u. nach abgewöhnt, in dieser Beziehung Optimist zu sein. Aber soviel steht wohl fest: Günstiger war unsere Lage nie. Und wenn in Rußland Lenin am Ruder bleibt u. wir Italien auf die Knie zwingen, dann wird England als klug rechnender Geschäftsmann bald einsehen, daß alles weitere Kämpfen nicht mehr vorteilhaft ist. Dazu kommt, daß im Innern scheinbar ein neuer Burgfriede zustande gekommen ist. Die neuen Männer haben gute Namen. Mögen sie berufen sein, den Deutschen Frieden zu schließen!

Mir tut's auch leid, daß Bub so oft gestraft werden muß. Deinetwegen. Aber gerade darum danke ich's Dir doppelt, Liesi, daß Du streng durchgreifst. Daß ich ihn mit' nichts dergleichen durchlassen würde, weißt Du auch. Und ich möchte doch auch nicht, daß Bub gleich alle Liebe zum Vater verlöre, wenn ich beim Frieden sollte heimkehren dürfen. Auch Weihnachtslieder muß er können. Sonst wirds Christkind ganz sicher mehr an Helmut denken. Ich bin froh, daß der Dir so viel Freude macht u. denke oft, mit Bubi könnt's genau so sein, wenn Du ihn Dir erzogen hättest.

Gute Nacht, mein liebes Frauchen, u. Gott befohlen!

Dein tr. Paul.


Feldpostbrief, 16. November 1917


Westkappelle, den 16. November 1917,
Freitagabend um 10 Uhr.

Mein liebes, liebes Lieschen!

Eigentlich möcht's ja besser sein, ich legte mich zu Bett. Die Reise nach Sysseele kann jede Stunde in der Nacht losgehen. Aber dann hätte nicht Dein I. Brief vom Dienstagnachmittag mehr kommen müssen. Sieh ihn Dir selbst nochmals an, Liesi! Die liebe, schöne Schrift! Mir wird sie immer und immer lieber. Und welche Liebe spricht aus den paar Zeilen! Du hast den 13. November nicht vergessen, denkst treu an Deinen Paul u. all das Schwere, was er durchgemacht und noch durchmacht. Wenn doch Gott die Zeiten kommen lassen wollte, daß wir gemeinsam all die besonderen Tage aus der langen Trennungszeit im Gedächtnis nochmal durchleben! Recht, recht oft noch! Und mit unsern lauschenden Buben, denen Du von Deiner Angst und Sorge erzählen wirst und ich vom Schweren hier draußen.

Und dann Deine stillen Vorwürfe im Briefe! Du hast ja vollkommen recht, Liesi! Influenza will ihre Zeit haben. Es ist auch nicht übertriebenes Pflichtgefühl allein bei mir gewesen, was mich so schnell das Bett u. das Zimmer verlassen ließ. Ich glaubte aber, draußen rascher u. gründlicher die Sache loszuwerden. Unglücklicherweise mußte ich ja nun gerade das schwüle Wetter u. den üblen Regen am Meere treffen. Für weiterhin verspreche ich Dir aber alle Vorsicht. Besonders auch für den 6. Tag. Auf den bin ich ja nun selbst sehr gespannt.

Daß ich mit meiner Erinnerung an den Kleiderschrank Überflüssiges u. Unnötiges schrieb, wußte ich ja u. habe ich wohl auch gleich dazu gesagt damals. Ich sehe, daß alles in bester Ordnung ist u. freue mich nur, daß die Motten tatsächlich so wenig Schaden angerichtet haben. Sollten wir den Buben nicht schon aus meiner grauen Einjährigen-Litewka oder aus dem blauen Waffenrock einen hübschen Weihnachtsmantel machen lassen können? Mir würdest Du eine sehr große Freude machen. Überleg's mal, Liesi! Nett müssen meine beiden Jungen sein, wenn ich Weihnachten sollte kommen dürfen. Und mein Lieb natürlich erst recht. Aufs Geld darfst Du da natürlich nicht sehen!

Gar zu gern hätte ich Euch ja Strümpfe u. Schuhe u. Stoffe hier besorgt. Ich habe mich viel bemüht. Aber die Preise sind doppelt so hoch als im August. Ich glaube, für das Sündengeld kauft man besser in Deutschland. Mein kleiner Schuster war in Urlaub. Er wollte Leder für Dich u. Lina u. zu Stiefeln für mich besorgen, hat aber nichts auftreiben können. Da war es in Douai u. in Tournai noch Zeit. Ich denke natürlich auch weiterhin an die Sachen, die ich zu besorgen versprochen habe.

Ob ich noch Zeit und Gelegenheit finden werde? In Sysseele werden wir nur 2-3 Tage bleiben. Dann kommt die Front. Wo, weiß man nicht. Es mag ja auch ziemlich gleichgültig sein. Das Artilleriefeuer ist an der ganzen englischen Front lebhaft. Oft auch oben an der Küste bei Nieuport. Damit wollen die Engländer scheinbar die Italiener entlasten, die nun doch gewaltig in die Enge getrieben werden. In Rußland scheint sich der Friedensfreund Lenin noch zu halten. Wer weiß, ob vom Osten nicht doch noch der Frieden kommt! Oft scheint der Frieden doch so nahe! Und einmal muß er ja doch reifen. Wir Deutschen haben Grund zu hoffen. Englische Minister erklären, daß nach den deutschen Überraschungen auf Oesel u. in Italien mit allem gerechnet werden müsse. Selbst mit einem Einfall in England. Auf gut deutsch: "Italien, hilf Dir selber! Wir haben unsere Not in Frankreich u. im eigenen Lande." Aus eigner Kraft aber kann Italien nicht mehr siegen. Seine besten Truppen sind hin u. seine besten Geschütze. Wenn aber Rußland u. Italien ausfallen, dann wird unsere Westfront stark u. stärker, u. unsere Gegner dürfen hier mit Durchbruch u. Sieg nicht mehr rechnen. Wenn das erst klar wird in England und Frankreich, dann wird man schon nach Frieden schreien. Der Schluß kommt morgen früh. Heißen Dank nochmals, Liesi, für Deinen lieben Brief! "Gott befohlen" u. "Gute Nacht"!

Dein treuer Paul


Feldpostbrief, 18. November 1917


Westkappelle, den 18. November 1917,
Sonntagabend um 1/2 10 Uhr.

Mein liebes, liebes Lieschen!

Immer noch in Westkappelle! Wahrscheinlich geht's erst morgen früh nach Sysseele. Womöglich kommen die 160er in nächster Nacht. Dann sollen wir räumen, bleiben aber wohl bis zum Hellwerden. Auf einige Tage rechnen wir dann auch in Sysseele noch. Allmählich scheint's doch auch in Flandern ruhiger zu werden.

Der Sonntag hier ist nun doch noch sehr schön geworden. Bei mir war der gefürchtete 6. Tag. Es hat sehr gut gegangen. Etwas Kopfschmerz, aber kein Fieber. Gestern Abend gab Bockermann ein Faß Bier auf sein E.K. 1. Ich bin sehr vorsichtig gewesen. Heute mittag gab's einen Frühschoppen. Da habe ich garnichts getrunken. Gestern nachm. habe ich Riekehoff-B. besucht, der 1/2 Std. von hier wohnt. Heute Mittag habe ich mit Bockermann u. Hollmann denselben Bummel gemacht. Beidemale war ich müde. Besser ist mir heute nachm. ein Ritt bekommen. Mit Bockermann, dem Adjutanten u. dem neuen Feld-Unterarzt. Wir ritten über Heist, u. von da gings am Strande entlang über Dinbergen nach Knocke. Es war wundervoll! Flut, aber ruhige See. Die Wellen spritzten bis oben auf die Dünenpromenade. Kleine Segelboote der Fischer kamen zurück. Alles so friedlich. Alles wundert sich hier, daß keine Stürme sind, daß es nicht regnet. Wir haben Tage gehabt wie im September so warm u. sonnig. Die Sonne fehlte allerdings heute. In Knocke haben wir nachher eine Tasse Cakao getrunken, u. dann bin ich mit unserm Oberarzt mit der Kleinbahn nach Hause gefahren. Das Pferd hat der Pferdebursche mitgebracht.

Meine Gedanken sind heute oft in Nienhagen gewesen. Ganz sicher fahren wir später oft noch an die See mit unsern Jungen. Wenn ich wiederkommen darf. Aber zunächst wollen wir uns auf Weihnachten freuen. Wenn dann schöne Tage sind, werden wir auch oft draußen sein. Alle 4. Nicht wahr, Liesi? Ich schließe morgen. Gott befohlen u. herzlichste Grüße u. Küsse in treuester Liebe Dir u. Bub und Helmchen!

Dein treuer Paul.


Feldpostbrief, 19. November 1917


Sysseele, den 19. November 1917,
am Montagnachmittag um 1/2 4 Uhr

Mein heißgeliebtes, gutes Lieschen!

Vor 2 Stunden sind wir hier angekommen. Meine ersten freien Augenblicke sollen für Dich sein, Liesi! Zur Abwechslung quälen mich allerdings mal wieder Zahnschmerzen. Im übrigen bessert sich's Befinden langsam. Gestern war der 6. Tag, die Fieber haben sich nicht wieder eingestellt. Auch heute ist die Temperatur normal. Gott sei Dank! Ich machte mir schon Sorgen.

Der Weg nach hier, etwa 16 km, ist mir nicht schwer geworden. Ich bin zusammen mit dem Oberarzt mit der Kompagnie geritten. Die Nacht habe ich nochmal gut geschlafen, wenigstens, nachdem mich die Zähne hatten zur Ruhe kommen lassen. Die Kompagnie, die mich in den Quartieren ablöste, kam erst um 1/2 10 Uhr, u. dann bin ich auch sofort abgerückt.

Eine längere Marschpause haben wir in Damme gemacht, in dem Orte, wo Till Eulenspiegel geboren sein soll. Damme, jetzt 10 - 12 km von der Küste entfernt, hat einst dicht am Meere gelegen, bis alles versandet wurde. Jetzt ein kleines Dörfchen, ist es früher eine Festung mit 6 Toren gewesen. Reste der alten Kirche sind erhalten u. wieder neu gebaut. Die Reste sind aber noch beinahe wie ein Dom.

Gerade wollte ich schreiben, daß Bruns doch morgen zurückkommen müsse, da klopft er schon an. Er ist also am Sonnabend schon dagewesen. Einerlei! Die l. Zeilen sind vom Sonnabend erst. Du u. die Buben, Ihr seid munter gewesen u. habt gut ausgesehen. Mehr will ich ja nicht. Aber doch hatte ich mich im Stillen mächtig aufs Paket gefreut. Die Verpflegung war oft mächtig einseitig hier. Da freut mich alles doppelt: Das schöne Gebäck, der leckere Apfelkuchen, der Käse, die Äpfel u. Nüsse! Die Äpfel lachen so freundlich mit ihren roten Bäckchen, als wollten sie mir ebenso wie die Blümchen von Liebe und Treue daheim erzählen, vom herzlieben Lieb und den lieben Jungen! Habt heißen Dank, alle Drei! - Ich habe noch einen Appell. Nachher werde ich mich in die warme Stube setzen u. lesen. Draußen ist's so rauh u. kalt.

Seid alle dem treuen Gott befohlen u. geherzt u. geküßt von Euerm dankbaren treuen

Vater.


Feldpostbrief, 23. November 1917


Sysseele bei Brügge, den 23. Novb. 1917,
Freitagmorgen um 1/2 11 Uhr.

Mein liebes, liebes Lieschen!

Immer noch in Sysseele! Seit gestern morgen sind wir zum Abtransport fertig u. warten ständig auf näheren Befehl. Gestern abend kam dann endlich Bescheid, daß vor heute mittag mit Abfahrt nicht zu rechnen sei, u. heute morgen kam vorläufiger Befehl, daß wir heute Abend um 7 Uhr verladen werden.

Es gibt ja nun Leute, welche sagen, jeder Tag sei ein Gewinn, der so herumgehe. Sie haben recht. Aber mir ist dies untätige Warten eine Qual. Mir geht's auf die Nerven. Und unsern Leuten tut's auch nicht gut. Dienst wird absichtlich nicht mehr abgehalten. Zur Bahn ist's ein ziemlicher Marsch, u. wer weiß, was uns dann blüht! Da schont man die Kräfte soweit es irgend geht. Und dabei sind mir in letzter Nacht 4 Leute entlaufen. Schlechteste Elemente natürlich, um die es sicher nicht schade ist. Und feige Burschen sind's vor allen Dingen. Die haben natürlich längst gehört, daß wir eingesetzt werden u. haben aus lauter Angst das Weite gesucht. Die Kerle haben sich sicher verabredet. Der Rädelsführer scheint mir ein junger Bursche zu sein, der in Flandern schon einmal beim Einrücken in Stellung sich entfernt hatte u. auch bis Herbesthal gekommen war. Er hätte ja fest in Untersuchungshaft sitzen müssen. Nun hat er noch andere mitverführt. Auch schlechte Gesellen. Aber mich ärgert's doch ganz gewaltig.

Mittags 1 Uhr. Mein Lieb, soeben komme ich vom Bataillon. Wir marschieren um 4 Uhr hier ab. Um 7 Uhr sollen wir in Maldegem verladen werden. Wohin es geht, weiß keiner. Aber ein Zweifel ist auch kaum. Gestern morgen kamen so die ersten Gerüchte über die großen englischen Erfolge bei Cambrai. Der Heeresbericht in der Zeitung gestern Abend bestätigte leider das meiste. Marcoing, die schöne Stadt, verloren mit Hoffmanns Stärkefabrik; die Stadt, in der wir im Mai 1916 noch so schöne Tage verlebt haben. Auch Graincourt. So sind die Engländer leider Gottes dicht heran an der großen Stadt Cambrai. Von allen Seiten. Sie werden natürlich alles versuchen, die Stadt noch in diesem Jahre zu bekommen. Das wäre ja auch ein Riesenerfolg, durch nichts wieder gut zu machen! Und die Franzosen werden St. Quentin zu erobern versuchen. Das würde dann in die Welt hinausposaunt werden. Die Gegner schöpfen neuen Mut.

2 Uhr nachm. - Draußen ist schönster Sonnenschein. Nun, für die Kämpfe mag's völlig einerlei sein. Eine Kampfpause wird's im ganzen Winter kaum geben. In Flandern hindert allerdings das Wasser alle weiteren Operationen. Dafür geht's nun sicher bei Cambrai umso toller los.

Vorhin kam's l. Batl. hier durch. Koßmann hatte den neuesten Bericht. Danach gehts immer noch böse her bei Cambrai. Aber andererseits scheinen die wilden Gerüchte von gestern doch glücklicherweise arg übertrieben zu sein. Danach sollten nämlich die Engländer nicht bloß Fontaine u. Hendecourt haben - was wohl stimmen wird - sondern sie sollten in Sandemont stehen. In unserm schönen Sandemont vom letzten Sommer. Wir haben's geglaubt. Denn unser Heeresbericht ließ viel zwischen den Zeilen lesen. Was wäre dann an Artillerie, an Bagagen, an Material verloren gewesen! Als ich letzte Nacht mal wach wurde, hat mich der Gedanke daran nicht wieder schlafen lassen. Wenn man nur erst mal Genaueres wüßte! Gerade bei so bekannten Gegenden tut's mir immer leid, wenn Gelände verloren geht. Man weiß, wieviel Blut wir früher dort gelassen haben, kennt all die vielen schönen Friedhöfe genau, die in des Gegners Hand fallen. Natürlich nur als Trümmerfelder.

Erstaunt war ich, als gestern Abend noch Post kam. Damit hatte niemand mehr gerechnet. Und nun gar so liebe Post noch. Auch Dein lieber Brief vom letzten Sonntag schon. Da schreibst du vom Paket, das Bruns gebracht. Ich freue mich, daß ich nicht bloß den Jungen eine Freude gemacht habe, sondern vor allem auch Dir, Liesi! Eigentlich sind so Urlauberpakete doch eine schöne Sache! Wie manche wirkliche Freude hast Du mir doch auf diese Weise schon gemacht, u. wie oft habe auch ich Dich schon erfreuen dürfen! Einer zeigt dem andern ja gottlob doch so gern die stille, treue, dankbare Liebe! Und ich fühle mich dann jedesmal so froh u. glücklich. Auch gestern Abend, als Dein lieber, lieber Sonntagsbrief kam. Wie schön soll doch Weihnachten werden, wenn unser aller Wunsch erfüllt werden sollte! Der treue Gott mög's doch in Gnaden geben! An Helmchen hatte ich ein kleines Paketchen mit Seemuscheln geschickt. Ob er's bekommen hat? Sag doch dem Bubenjungen auch, wie ich mich freuen würde, wenn er wenigstens etwas singen kann. Mein Befinden ist gut. Temperatur habe ich nie mehr.

Gott befohlen, mein heißgeliebtes Lieschen! Er wolle helfen! Grüß u. küß die I. Jungen u. sei auch Du geherzt u. geküßt von Deinem Dir stets dankbaren und treuen

Paul.


Feldpostbrief, 27. November 1917


Südwestlich Crevecoeur, am Kanal L'Escaut,
zwischen Marcoing u. Crevecoeur,
Dienstag, den 27. Novb. 17, morgens um 10 Uhr.

Mein heißgeliebtes Lieschen!

Wie schlimm hatte ich's mir vorgestellt, u. wie schön ist's hier. Wenn draußen nur nicht der üble Sturm u. Regen wäre. Letzte Nacht hat's stark geschneit. Nun ist der Schlamm natürlich umso ärger. Die Leute tun mir leid. Sie liegen in kaum angedeuteten Gräben u. haben kleine elende Löcher. Ich hab's dagegen wirklich gut: Einen Stollen, wie ich ihn im halben Jahre nicht mehr sah. Trocken u. heizbar. Besser wie manche Quartiere der letzten Zeit. Aus dem Stolleneingange trete ich direkt an den breiten Kanal, auf dem gerade hier mächtige Schleppkähne liegen, die erst vor einigen Tagen verlassen worden sind. Auch das Dorf Crévecoeur hat bis zum 21.11. seine Bewohner gehabt. Da ist infolgedessen auch noch alles zu finden. Ein Jammer nur, daß diese Riesenwerte vernichtet werden u. verloren gehen!

Wie das Unglück am 20. u. 21. hat kommen können, wird mir immer mehr ein Rätsel. Hier haben die Engländer überhaupt schon keinen Widerstand mehr gefunden. Kaum ein Granatloch ist zu sehen, die Tanks sind einfach hier spazieren gefahren. Neugierige Zivilisten sind mitgegangen. Dann kam hier der Kanal u. eine hohe Böschung. Weiter gings da vorerst nicht. Sonst hätten alle Wege offen gestanden. Bei einem Schloß hier vor mir ist ein Tank einfach glatt durch eine gute massive Mauer gefahren.

Mir geht's gut, Liesi! Wie mag's Euch gehen? Wann kommt mal wieder Post? Gott wolle in Gnaden weiter helfen! Ich grüße und küsse herzlich Dich u. die Kinder u. bin u. bleibe stets und ganz

Dein treuer Paul.


Feldpostbrief, 28. November 1917


Les Rues des Vignes bei Crèvecoeur
Ortskommandantur 28./11.17.
Mittwochnachmittag 2 Uhr.

An mein heißgeliebtes, gutes Lieschen!

Gestern Abend kam wieder etwas Post. Heute morgen auch. Und diesesmal waren auch 2 Briefe von Dir mit dabei. Der vom Dienstag u. der vom Buß- u. Bettag.

Ich habe mich sehr gefreut, zumal ich glaubte, daß Postsperre sei. Ob Du nun auch Post bekommst? Hoffen kann man es, da Du ja von 8 Briefen schreibst, die auf einmal gekommen sind.

Von Cambrai konntest Du am Buß- u. Bettage noch nichts wissen (21.11.), da der erste Bericht erst in der Landeszeitung vom 22.11. steht. Deine Sorge verstehe ich, besonders, wenn die Briefsperre tatsächlich bestehen sollte.

Meinen schönen Stollen am Kanal de L'Escaut habe ich gestern Abend schon wieder räumen müssen, da mich die 5. Komp. vom akt. Rgt. 99 dort ablöste. Ich liege nun in einer Bereitschaftsstellung hinter den 3 andern Kompagnien. Die haben den Dorfrand besetzt, u. ich selbst liege mit der Kompagnie im Dorfe. Die Leute liegen in Kellern u. Stuben. Ich selbst bewohne ein Zimmer in der früheren Ortskommandantur. Die Hälfte der Fensterscheiben ist durch aufgenagelte Dachpappe ersetzt. Aber ein Ofen hält die Bude wenigstens so einigermaßen warm. An Kohlen fehlt's nicht. Große Haufen liegen aufgestapelt. Wer hat denn auch hier an Engländer gedacht? Mitten im tiefsten Frieden hat man gelebt, als das Unglück hereinbrach. Ein Feldrekrutendepot hat hier gelegen u. alles in Stich gelassen. Was für Werte vernichtet werden, davon habt Ihr keine Ahnung. Ich habe gestern allein für Tausende von Mark reine Schafwolle sammeln lassen. Ob sie noch zurückgeschafft werden kann? Wir wollen's hoffen

Gestern haben die Engländer wieder mit ungeheuren Kräften angegriffen. Bei Bourlon u. Fontaine (dicht bei Cambrai). Auf einzelnen Stellen sind sie wieder zurückgeworfen. Genaueres weiß ich noch nicht. Mit der dem Engländer eigenen Zähigkeit wird er natürlich weiter angreifen u. schließlich auch sein Ziel, Cambrai, erreichen. Opfer scheut er ja nicht. Da mag's denn vollkommen richtig sein, daß wir morgen versuchen sollen, die Erfolge des Gegners durch Gegenangriff zu verringern. Furchtbar schwer wirds werden, u. riesige Verluste wirds geben, aber unsere Heeresleitung wird schon wissen, weshalb es nötig ist.

Ich mache ja nun trotz meiner 38 Monate Krieg einen Angriff zum erstenmale mit u. weiß genau, was das bedeutet. Ich bin natürlich aufgeregt u. unruhig. Aber in Lebensgefahr stand ich ständig, u. mehr wird ja auch morgen nicht sein. Einen Angriff des Feindes abwehren, ist gewiß nicht leichter. Und dem geht tage- u. stundenlanges Trommelfeuer voraus. Das entnervt natürlich mehr als ein Angriff. Und darum wollen wir fest dem Herrn vertrauen. Er kann helfen. Und beten wollen wir für unsere gute, reine, deutsche Sache, die unser Gott doch nicht verlassen wird u. die so oft nun schon in größter Gefahr war. Wenn Du diesen Brief erhältst, mein Lieb, dann hast Du hoffentlich auch von deutschen Erfolgen bei Cambrai schon gelesen!

Hier können wir uns auch nicht halten. Vor uns hat der Gegner eine beherrschende Höhe besetzt. Hinter uns ist der breite Kanal. Bei einem ernsten engl. Angriff geht alles, was vorn liegt, verloren. Da ist gar kein Zweifel. Und solche Stellungen sind immer furchtbar. Da fehlt einem von vornherein das Vertrauen auf den Sieg beim feindlichen Angriff. Und das ist die Hauptsache.

Du glaubst also, Liesi, daß alle meine Briefe überkommen. Das freut mich sehr. Daß sie sich arg verzögern bei unserm häufigen Hin und Her ist selbstverständlich. Urlauberbriefe scheinen nur in einzelnen Fällen besonders früh anzukommen. Aber man hofft doch immer noch auf schnellere Beförderung u. gibt sie deshalb mit.

Du fragst auch nach meinem Fieber, Liesi! Ich fühle gottlob gar nichts mehr u. mache mal wieder scheinbar die Erfahrung, daß es mir draußen am besten geht.

Du hattest auf Ruhe bis Weihnachten gehofft? Das wäre ja nun ein bischen sehr viel verlangt gewesen. Das kann man bei den Angriffen u. Anstrengungen unserer Gegner auch nicht erwarten. Aber mit einer etwas ruhigeren Stellung hatte ich auch gerechnet.

Daß Du nicht gern allein mit nach Detmold oder sonst zu Verwandten gehst, verstehe ich, Liesi! Ich weiß, wie dann Erinnerungen auf Dich einstürmen, die Dir alle Stimmung nehmen. Aber trotzdem solltest Du zuweilen gehen! Bub u. Helmchen oder schon einer von beiden Lieblingen helfen doch über manches weg. Schade, daß Bub die Photographie vergessen hat!

Wie ich den Buß- u. Bettag verlebt habe? In aller Ruhe noch u. in Sysseele. Ich schrieb Dir's ja auch schon. Du schreibst von mächtger Sehnsucht. Ich kenne das. Mich hat sie heute gewaltig gepackt. Aber was hilft's? Wir müssen aushalten, u. Du hast recht, wenn Du meinst, daß wir immer dankbar bleiben müssen, weil Gott bisher so gnädig mit uns war!

Helmchen scheint nun viel zu singen. Der liebe kleine Junge! Wolle Gott ihn uns doch erhalten u. uns beide auch ihm! An dem haben wir, glaube ich, noch recht oft Freude. An Bubi - wills Gott - natürlich hoffentlich auch. Daß er uns beide lieb hat, weiß ich!

Dein Befinden hat sich inzwischen hoffentlich ganz gebessert! Im Allgemeinen hat's Dir doch scheinbar gut gegangen, u. Influenza lag doch jetzt überall in der Luft.

Augusts Brief war beigelegt. Auch über den hab ich mich sehr gefreut. Grüß August zunächst wieder u. alle andern Lieben auch! Küß mir beide lieben Jungen u. laß uns alle dem treuen Gott befohlen sein! Hoffentlich kann ich bald gute Nachricht geben!

Laß Dich herzen u. küssen, mein Lieb u. sei innig gegrüßt von Deinem Dir stets dankbaren u. treuen

Paul.


Feldpostbrief, 29. November 1917


Les Rues des Vignes, den 29. Novb. 1917,
Donnerstagabend um 4 Uhr.
Keller der Ortskommandantur

Mein heißgeliebtes, gutes Lieschen!

Auch heute bin ich noch hier. Aus der Sache heute morgen ist nichts geworden. Gründe sind mir unbekannt. Ob nun morgen? Befehle sind noch nicht da, allerlei Vorbereitungen aber bereits getroffen.

Soeben wurden wir telefonisch vom Rgt. benachrichtigt, daß 29 russische Divisionen mit unsern Truppen einen Waffenstillstand abgeschlossen haben u. daß unsere Oberste Heeresleitung mit der russischen verhandle. Das muß demnach amtlich sein u. ist kaum noch zu bezweifeln. Wo aber einmal ein Waffenstillstand geschlossen ist, da wird auch niemand wieder zu den Waffen greifen. Über die Folgen kann ich mir kein rechtes Bild machen. Aber hoffentlich ist's der Anfang vom Ende.

Ich habe dem treuen Gott wieder viel zu danken. Im Hause der Ortskommandantur hatte ich mir gestern ein nettes Zimmer zurecht gemacht. Es fing dort an, gemütlich zu werden. Bis 8 Uhr heute morgen hatte ich im Bette gelesen. Schlafen konnte ich wegen des heftigen englischen Feuers nicht. Da wurde auch das Dorf beschossen. Ich ging hinaus u. war kaum 5 Minuten draußen, als ein Aufschlagschrappnell durchs Dach ging. Genau über meinem Bette wars krepiert. Die Matratze wie ein Sieb u. ein als Kopfkissen dienender Sandsack mit Werg hatte ein großes Loch! 5 Minuten vorher lag dort mein Kopf. - Sofort bezogen wir den Keller. Kaum 1 Stunde später sauste ein Schrappnell durch die Kellertür. Tröster mehrfach ganz leicht verwundet, mein Schreiber etwas schwerer. Ich stand 2 m seitwärts. - Dankt Ihr Gott mit mir! Er wolle weiter helfen. Seid alle drei herzlichst gegrüßt u. geküßt von

Euerm treuen Vater.


Schlusswort

Dies war der letzte Brief unseres am 30. November 1917 bei Cambrai gefallenen Großvaters an seine Frau. Sie erhielt ihn am 5. Dezember 1917.

Am 3. Dezember war ihr ein Telegramm zugestellt worden: "Ltn. Diekmann den Heldenkampf gefallen."

[Telegramm, 1917]

Am 4. Dezember schrieb sie in das Tagebuch für ihre Kinder: "Nun ist das Furchtbare über uns hereingebrochen. Die liebe, treue Hand des guten Vaters schreibt Euch keine Zeilen mehr..."

Am 22. Dezember schrieb Feldwebel Rose (Kompanie unseres Großvaters) an Leutnant Rudolf Diekmann, den Bruder ihres Mannes, der auch an der Front eingesetzt war:

"Am 30.11. morgens war der große Sturm: den ganzen Tag habe ich mich erkundigt nach der Kompanie. Es kamen einige verwundete durch, die sagten alle das Herr Leutn noch gesund wäre. Bis des Abends als ich zum Batl. kam. Wurde es mir gesagt, das Herr Leutn gefallen sein sollte. Was ich nicht erst glauben konnte. Bis des Nachts ein Verwundeter von der Kompanie kam, und brachte mir die Nachricht. Ich dachte Ich hätte zuviel bekommen, so eine traurige Nachricht zu erhalten. Des andern morgen bin ich dann mit dem Wagen hingefahren, Und habe seine Leiche geholt. Er war schwer getroffen der Schuß war in die rechte Achselhöhle rein gedrungen bis in die Brust..."

Am 27. Dezember erhielt die Witwe einen Brief, und zwar geschrieben im Auftrage des Hauptmanns Kuhne:

"... Dann ging er wieder zu seinen Leuten zurück und erhielt, als er sich ein Bild von der Lage machen wollte, einen Kopfschuß. Ich kann Ihnen, werte Frau Diekmann, die Versicherung geben, daß Ihr Mann vollkommen schmerzlos verschieden ist. Er hat nichts von dem Schuß gemerkt. Dieselben freudigen Züge, wie wir sie den ganzen Morgen sahen, wenn er bei uns war, dieselben Züge lagen auch nach dem Tode auf seinem Antlitz. Ein schmerzloser, seliger Tod."

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