"Korpsgeist" im Kriegsgefangenenlager Horazdovice
Am 9. Mai 1945 geriet ich mit meiner Wehrmachtseinheit bei Horazdovice
in Tschechien in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Wir waren
wie erhofft den Russen entwischt und glaubten, dass wir wohl bald
heim nach Deutschland kommen werden. Die deutsche Reichsgrenze
war nicht weit vom Lager entfernt, da würde es doch leicht
- so meinten wir in unserer sehr schlichten Naivität - uns
ins Restreich abzuschieben. Am anderen Morgen stellten wir "Neuankömmlinge"
fest, dass dieses Lager sich auf einem völlig freien Gelände
befand, ohne jede Unterkunftsmöglichten. Es gab nur die nackte
Erde des Wiesenbodens. Wir stellten bei näherem Hinschauen
dann auch fest, dass wir uns in diesem Lager in der illustren
Gesellschaft von sehr vielen deutschen Offizieren befanden. Alle
Dienstränge waren vertreten, vorwiegend jedoch Stabs-Offiziere
aller Ränge, bis hin zu Generalen. Auch sehr viele Kriegsverwaltungsräte,
Intendanten und Zahlmeister aller Stufen waren hier versammelt,
lauter "Eliten" der Etappe. Und diese Herren der Etappe
wollten hier schon wieder den Ton angeben, so als ob sie nach
wie vor die Befehlsgewalt in ihren Händen hätten.
Es gab aber auch einige Widerborstige unter den Landsern, zu denen
auch ich gehörte. Ich war der Meinung, dass es doch nun vorbei
sei mit Preußens Gloria und Herrlichkeit nach dem erfolgten
totalen Zusammenbruch von Staat, Wehrmacht und Partei. Ich fühlte
mich ab sofort nur noch als Obergefreiter a. D. und deswegen tat
ich nun das, was aber von fast allen anderen als ungehörig
angesehen wurde, was mich dann auch völlig unbeliebt machte
in meiner Einheit. Ich demilitarisierte mich ganz einfach selber,
ich entfernte das Hoheitsabzeichen mit dem Hakenkreuzadler von
meiner Uniformjacke und auch die beiden Obergefreiten-Winkel.
Das alles warf ich einfach weg, das Hoheitsabzeichen sogar regelrecht
in den Dreck. Wie schlimm das war, bewies mir dann das Verhalten
meiner bisherigen Kameraden. Ich war plötzlich ein Nestbeschmutzer
geworden, fast ein Vaterlandsverräter - und ich wurde verachtet
wegen dieser Ungehörigkeit. Ich wurde von allen geschnitten,
um dann zu hören, dass ich noch immer Angehöriger der
Wehrmacht sei, der ich in jeder Hinsicht noch voll unterstehen
würde, trotz der Kapitulation. Und ich armer Tor war der
Meinung gewesen, nun habe eben alles ein Ende. Schließlich
waren wir doch von unserem Eid entbunden worden und damit doch
auch eigentlich aus der Wehrmacht so gut wie entlassen, dachte
ich! Aber dem sollte so nun nicht sein, ich war ein Verräter,
einer, den man nun nicht mehr kannte. Ich war nur noch ein Lump
und mir wurde sogar sehr eindringlich bedeutet und nahegelegt,
mir einen Platz außerhalb des Kreises dieser Kameraden zu
suchen, mich irgendwo anders auf dem Wiesengrund niederzulassen.
Da hatte ich nun die Quittung für mein mal wieder völlig
unsoldatisches Benehmen, für mein unmögliches Verhalten,
für die ungehörige Eigenmächtigkeit der selber
vorgenommenen Demilitarisierung. Ich war nun ein Geächteter,
stand außerhalb des Kameradenkreises und musste dann noch
froh sein, dass ich, wie die anderen vom Schreibstuben-Unteroffizier
den vom Chef beglaubigten Auszug aus meinem Soldbuch bekam, bevor
die Soldbücher den Amis übergeben wurden, weil sie es
so wollten und was für mich ein Glücksfall werden sollte.
Nach nur einigen Tagen im Lager, wurde mir dann sehr deutlich,
dass ich mich wirklich "völlig unmöglich"
verhalten hatte. Die Herren Offiziere, vor allem die Herren Stabsoffiziere
wollten wieder militärische Zucht und Ordnung einführen.
Die Manneszucht sollte wieder hergestellt werden und die Achtung
vor den Vorgesetzten. Die Herren hatten Klage darüber geführt,
dass sie nicht geachtet, beachtet und vor allem nicht mehr militärisch
gegrüßt würden, wobei es nicht ganz klar war,
welchen militärischen Gruß sie damit meinten, den alten,
oder den nach dem 20.Juli 1944 befohlenen neuen Gruß. Und
sie wollten, dass morgens wieder richtig angetreten wird, Morgen-Appell
und einer Abstellung von Soldaten als "Putzer" für
diese Herren, so wie sie es doch gewohnt waren in ihren Offiziersrängen.
Ferner sollten wieder Singstunden eingeführt werden, um mit
dem Singen deutscher Soldaten- und auch Volkslieder den Amis zu
zeigen, wessen Geistes deutsche Soldaten sind. Gerade in der bedrückenden
Situation der Gefangenschaft sei es wichtig, dass der deutsche
Soldatengeist erhalten bleibt, den Amerikanern bestes deutsches
Soldatentum demonstriert wird. So dachten es sich diese "hohen
Herren", die noch immer vom alten Geist beseelt waren, die
nichts begriffen und gelernt hatten, für die noch immer alles
so war wie vorher, auch jetzt in der Gefangenschaft und trotz
der doch feststehenden Tatsache, dass es nun wirklich keine Wehrmacht
mehr gab. Sie wollten dennoch so weitermachen in der altbewährten
Zucht und Ordnung des deutschen Militärs. Also, zackig und
knackig wie gewohnt und dazu: "Ein Lied", drei, vier
und alles Unglück wird hocherhobenen Hauptes stolz und überlegen
ertragen.
Den Amis würde man schon zeigen, wie sich deutsche Soldaten
verhalten, auch wenn sie die Verlierer sind. Und dazu wurden selbstverständlich
alle Dienstgrad-Abzeichen getragen, wie auch die deutschen Orden,
die der, nun mausetote Führer verliehen hatte, die mit Hakenkreuz
verzierten Orden, vom kleinen EK 2 bis hin zum Deutschen Kreuz
in Gold und dem Ritterkreuz mit den vielen Zutaten, die zusätzlich
verliehen worden waren.
Es gab aber außer mir noch einige andere Aufsässige,
und die beschwerten sich nun bei den Amis über das, was die
Herren wieder einführen wollten und auch über das Verhalten
der Offiziere im Lager. Ich war nicht der einzige Lump und Verräter,
da gab es noch etliche solcher üblen Kreaturen, so widerliche,
undeutsche Typen! Der Erfolg war der, dass die amerikanische Lagerleitung
sehr deutlich machte, wer im Lager das Sagen hat, alle "neu-militärischen"
Versuche wurden untersagt. Von den Amis wurde dann ein Appell
angesetzt, in dem nicht nur jeder militärischer Betrieb untersagt
wurde, sondern auch die Order erging, dass alle Ränge und
Dienstgrade, ohne jede Ausnahme, die Hoheitsabzeichen, die Dienstgradabzeichen,
sowie alle Orden und Ehrenzeichen sofort nicht mehr tragen dürften.
Das traf unsere tapferen deutschen Helden sehr hart. Verfügt
wurde auch, dass es ab sofort keine "Grußpflicht"
mehr gibt und damit brach nun die Kommisswelt dieser "Herren"
völlig zusammen.
Tja, und ich, der Obergefreite a. D. hatte mit meiner Voreiligkeit
doch richtig gehandelt, aber das änderte nichts daran, dass
ich nicht mehr geduldet war im Kreise des Restes vom Stab des
Regiments, ich musste mir eine neue, meine eigene Behausung suchen,
möglichst weit entfernt von dem Verein. So begann mein sehr
eigenes Lagerleben, das ganz schön beschissen wurde.
Werner Mork: Im Kriegsgefangenenlager Horazdovice
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