Im Kriegsgefangenenlager Horazdovice
Seit Mai 1945 saß ich ehemaliger Wehrmachtssoldat in einem Kriegsgefangenenlager im
tschechischen Horazdovice. Mit meinen Ex-Kameraden und ihrem alten
Korpsgeist hatte ich nicht viel zu tun. Ich verschwand aus ihrem
Dunstkreis und verzog mich in eine entferntere Ecke des Lagers,
wo ich mir dann mit Hilfe eines anderen Obergefreiten ein Loch
in den Erdboden grub, ein Loch, das nun kein "Schützenloch"
mehr war, sondern die "Schlicht-Behausung" eines Kriegsgefangenen,
der darauf wartete, bald nach Hause zu kommen. Erdlöcher
waren jetzt das Domizil aller im Lager von Horazdovice befindlichen
Kriegsgefangenen, auch die "hohen Herren" mussten sich
mit einem Erdloch zufrieden geben, was sie durchweg auch selber
graben mussten, und die meisten von ihnen taten solches wohl zum
ersten Mal in ihrem bisherigen soldatischen Dasein. Alle kampierten
in diesem Lager auf freiem Gelände bzw. im Erdboden - und
das bei jedem Wetter. Es gab keinen Schutz vor Regen und Gewitter,
auch nicht vor der Sonne, die es in diesem Jahr so gut meinte,
dass es fast unerträglich war.
Das Lager wurde von einer amerikanischen Sturmgeschütz-Einheit
bewacht, deren Kommandeur auch der Lagerkommandant war. Die Amis
hatten das Lager fein säuberlich eingezäunt und ringsherum
die Sturmgeschütze postiert, die ihre Rohre drohend ins Lager
richteten.
Innerhalb nur sehr kurzer Zeit war im Lager eine sehr schlimme
Stimmung entstanden, die geprägt war von einem furchtbaren
Hass auf die Tschechen. Der hatte seine Ursache in den uns zu
Ohren gekommenen Gräuel der Tschechen gegenüber den
Deutschen in Prag. Die waren bekannt geworden durch Soldaten und
zivile Deutsche, die sich aus Prag noch hatten retten können
und sich, aufgegriffen von den Amis, hier im Lager befanden. Von
ihnen hörten wir von bestialischen Grausamkeiten, besonders
ausgeübt an deutschen Frauen und Mädchen, die auf deutschen
Dienststellen in Prag tätig gewesen waren. Sie berichteten
auch von den vielen Toten, die regelrecht ermordet worden waren,
wie es auch uns hätte ergehen können, in dem Ort, wo
die Tschechen uns hatten lynchen wollen. Das war das eine, was
die Gemüter erhitzte, das andere war die Tatsache, dass bewaffnete
Tschechen um unser Lager herum Stellungen bezogen hatten. Sie
lauerten darauf, dass deutsche Soldaten ihnen in die Hände
fallen würden, die entweder aus dem Lager ausbrechen wollten
oder die als Flüchtlinge in die Umgebung des Lagers kamen.
Sie wurden von den Tschechen grausam umgebracht. Diese Freiheitskämpfer
waren dann so freundlich, dass sie die Leichen der ermordeten
deutschen Soldaten nachts vor dem Lager-Eingang "ablegten",
bis die Amis das Treiben endlich verhinderten, auch aus eigenem
Entsetzen über das Geschehen.
Das alles hatte im Lager zu einer sehr explosiven Stimmung geführt
mit Hass und Wut auf die unmenschlichen Tschechen, und es kam
verbreitet die Meinung auf, dass man an diesen Mördern noch
einmal Rache nehmen müsste, und das mit Hilfe der westlichen
Alliierten, weil es Gerüchte gab, wonach die Engländer
und die Amerikaner sich schon bald gegen die Russen wenden würden.
In diesem neuen Krieg würden dann auch deutsche Soldaten
auf der Seite der Alliierten kämpfen, wobei dann sicher auch
die Tschechen nicht ungeschoren bleiben würden. Die Mehrheit
der gerade entwaffneten deutschen Landser war bereit, sich in
dem Fall freiwillig den Amerikanern zur Verfügung zu stellen,
als erprobte Kämpfer gegen die Russen, aber auch, um den
verdammten Tschechen dann blutig das heimzuzahlen, was sie derzeit
den Deutschen angetan hatten bzw. noch antun würden. Mit
dem "Gesindel" würde dann endgültig aufgeräumt.
In dem Zusammenhang wurden auch gerne so genannte Latrinenparolen
zur Kenntnis genommen, in denen davon geredet wurde, dass angeblich
schon irgendwo von den Amis aus kriegsgefangenen Deutschen neue
Einheiten zusammengestellt würden, für den unvermeidbaren
Krieg gegen die Russen. Das wurde nicht nur geglaubt, sondern
auch mit einer gewissen Begeisterung für bare Münze
gehalten. Nicht wenige waren bereit, schon wieder Waffen in die
Hand zu nehmen und nun mit Hilfe vor allem der Amerikaner gegen
die Bolschewisten zu kämpfen und den Russen ein endgültiges
Ende zu bereiten, diese "Untermenschen" doch noch zu
besiegen. Und das mit den schier unerschöpflichen Möglichkeiten
der Amis an Material, Waffen und Munition. Der deutsche Osten
würde wieder frei werden und es würde dann auch der
Weg frei sein, um im polnischen und slawischen Osten das Land
für Deutschland zu erobern, das wir doch so dringend benötigten!
Der Drang hin zum Osten entstand schon wieder neu bei vielen von
denen, die gestern noch vom Krieg nichts mehr hatten wissen wollen,
aber nun glaubten, mit der gewaltigen Macht der Amerikaner doch
noch "ihren" Russland-Feldzug für sich entscheiden
zu können.
Alles was geschehen war, was sie selber erlebt und hatten durchmachen
müssen, schien von vielen schon vergessen worden zu sein,
sie wollten im nachhinein doch noch zu den Siegern gegen die Russen,
gegen den Bolschewismus gehören - und das nur kurze Zeit
nach der bedingungslosen Kapitulation an allen Fronten des unseligen
Krieges. Es dauerte schon etwas, bis ich begriff, dass das keine
verqueren Einzelmeinungen waren, die da in Umlauf kamen. Die waren
in vielen Köpfen vorhanden, nicht zuletzt auch bei den Offizieren,
von denen etliche sich ganz offen in dem Sinne äußerten,
dass es bald wieder losgehen wird, gemeinsam mit den Amis gegen
die Russen. Was wir, die Deutschen, den anderen angetan hatten,
war zum Teil schon "erfolgreich" verdrängt worden
von diesen neuen Kreuzzüglern. Das gerade durchgemachte Grauen,
das erlebte Elend existierte kaum noch. Der neue Kampf konnte
beginnen, nun gemeinsam mit den Amis, die uns ja auch unbedingt
gebrauchen konnten, waren wir doch die Spezialisten im Kampf gegen
die Kommunisten. Wir waren die erfahrenen Ostland-Kämpfer!
Auf uns waren die Amis direkt angewiesen!
Ich behaupte, dass sich sofort die meisten der Gefangenen freiwillig
gemeldet hätten, wenn an einem der Tage im Lager ein entsprechender
Aufruf erfolgt wäre. Und die, die da so laut wieder tönten,
das waren keine Super-Nazis, keine Männer der SS, das waren
ganz normale Soldaten der ehemaligen Wehrmacht, ob Landser oder
Offizier. Das waren die, die noch vor wenigen Tagen nichts anderes
wollten, als endlich aus der Scheiße heraus und nach Hause
zu kommen. Ich verstand diese Welt wirklich nicht mehr.
Werner Mork: Hunger im Kriegsgefangenenlager Horazdovice
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