Wie ich erstmals vom Völkermord an den Juden hörte
Im Kriegsgefangenenlager Horazdovice, in dem ich seit Mai 1945
saß, wurden von den Amerikanern immer wieder Appelle abgehalten
und Untersuchungen angestellt, um festzustellen, ob sich im Lager
Männer der Waffen-SS oder Angehörige der berüchtigten
Wehrmachts-Division "Brandenburg" befänden. An
dieser Spionage- und Sabotagedivision waren besonders die Russen
interessiert. Fast täglich kamen auch Russen ins Lager, die
gemeinsam mit den Amis nach möglichen Kriegsverbrechern suchten.
Dabei waren sie sogar erfolgreich, und so mancher wurde mitgenommen
auf die andere Seite.
Bei der Suche nach SS-Angehörigen musste jedes Mal das ganz
Lager antreten, die Oberkörper mussten freigemacht und die
Arme hochgestreckt werden. Auf diese Weise sollte festgestellt
werden, ob es Blutgruppentätowierungen in den Achselhöhlen
gab. Das waren die Merkmale, an denen Angehörige der Waffen-SS
erkannt werden konnten. In der Waffen-SS war es üblich gewesen,
die jeweilige Blutgruppe zu tätowieren, was sich jetzt als
Erkennungszeichen für die SS darstellte und nicht auszulöschen
war. So konnte jeder SS-Mann in der Gefangenschaft "erkannt"
werden. Dieses Zeichen wurde jetzt zum Schandmal.
Ein Kamerad in dem unschönen Wiesengelände des Gefangenenlagers
war ein schon etwas älterer Mann, von Beruf Landwirt. Er
stammte aus Sandstedt an der Weser, somit ein Landsmann von mir.
Wir verstanden uns ganz gut, und nach einer Weile erzählte
mir dieser Obergefreite eine Geschichte, die ich kaum glauben
konnte. Zum ersten Mal hörte ich von der Vernichtung anderer
Menschen, von Juden!
Im Jahre 1940 war dieser Wehrmachtssoldat als Kraftfahrer bei
einer Wehrmachtseinheit in Polen. Eines Tages wurde er Fahrer
auf einem Bus. Die Fenster dieses Wagens waren alle zugemacht,
verkleidet und abgedichtet. Er hatte den Befehl, mit diesem Bus
Juden zu transportieren, die zusammen getrieben worden waren von
Einheiten der dort eingesetzten Polizei-Regimenter. Er hatte den
Bus zu fahren und ihm war ein Beifahrer zugeordnet, ein Angehöriger
dieser Polizei, der dafür zu sorgen hatte, dass während
der Fahrt die Auspuff-Gase des Fahrzeugs in das Innere geleitet
wurden. Zu dem Zweck gab es einen Schlauch, der vor Antritt der
Fahrt von dem Beifahrer auf das Auspuffrohr gesteckt wurde. Nach
einer gewissen Fahrtdauer war das angegebene "Ziel"
erreicht. Die auf diese Weise umgebrachten Juden wurden in eine
vorbereitete Grube geworfen und mit Kalk "zugedeckt".
Der Fahrer hatte seinem Fahrbefehl Folge geleistet, und der brave
Angehörige des Polizei-Regiments seine mörderische "Pflicht"
erfüllt. Das wiederholte sich so lange, bis der betreffende
Ort "judenfrei" war. Der Einsatz des Soldaten, der mir
dieses Grauenhafte erzählte, dauerte eine ganze Weile - und
seine Wehrmachteinheit macht dabei fleißig mit.
Das war wirklich das erste Mal, dass ich von einer solchen Menschenvernichtung
hörte, wie es auch das erste Mal war, dass ich in dem Kriegsfenagenenlager
von Konzentrationslagern hörte und den darin verübten
Verbrechen. Was mir bis jetzt von "KZ's" bekannt war,
das waren die im Reich seit 1933 bestehenden Lager, in denen die
sogenannten Staatsfeinde, die politischen Gegner des Regimes,
in "Schutzhaft" saßen, aber auch kriminelle Elemente,
die in diesen Lagern für eine sehr lange Zeit isoliert wurden
und nicht mehr gefährlich werden konnten. So hieß es
seinerzeit, so hatte auch ich davon gehört. Aber von Vernichtungslagern
hatte ich niemals etwas gehört. Es hatte zwar immer wieder
mal Gerüchte darüber gegeben, dass es Lager geben soll,
in denen Juden umgebracht werden. Aber das wurde damit abgetan,
dass es sich wohl um zum Tode verurteilte Verbrecher handeln musste,
Juden aus dem Osten, die Verbrechen gegen die Deutschen begangen
hatten. Das erschien uns zwar nicht als unbedingt glaubhaft, weil
diese Gerüchte wohl zu einem Teil auch Propaganda des Westens
sein könnten. Was wir aber jetzt hörten, wurde auch
noch nicht von allen geglaubt, das erschien vielen (noch) als
Propaganda der Siegermächte. Nur gab es etliche, die davon
mehr wussten, weil sie im Osten einiges davon "mitbekommen"
hatten.
So erzählte mir nun auch dieser Kamerad die Ungeheuerlichkeit
eines solchen Massenmordens an Menschen, die keine Verbrechen
begangen hatten, die "nur" Juden waren, und deshalb
vernichtet werden sollten. Er erwähnte ausdrücklich,
dass das in seinem Fall keine SS-Einheit war, die ihm die Befehle
erteilt hätte, sondern seine Wehrmachtseinheit, die auf Anforderung
des Polizei-Regiments und des Befehls der zuständigen Kommandantur
die erforderlichen Fahrzeuge und Fahrer für diese Mordkommandos
stellte. Mein Kamerad sagte mir, dass er darüber sprechen
wollte und musste, um das einmal loszuwerden. Wir verstanden uns
sehr gut, tauschten unsere Heimatadressen aus und wollten auch
in der Heimat miteinander in Verbindung bleiben. Ich könne
ihn jederzeit in Sandstedt besuchen. Aber als ich das dann im
Spätsommer 1945 versuchte, mit dem Fahrrad nach Sandstedt
fuhr, um mich nach ihm zu erkundigen und ihn zu besuchen, klopfte
ich vergebens an bei meinem Kameraden. Der Kamerad war entweder
kein Kamerad mehr und ließ sich von seiner Frau verleugnen,
oder er war noch nicht aus der Gefangenschaft entlassen. Ich bekam
nur kurz und sehr abweisend zu hören, ich solle den Hof umgehend
verlassen, es gäbe hier nichts zu hamstern und auch nichts
zu reden! Was der wirkliche Grund für dieses seltsame Verhalten
war, weiß ich nicht. Ich habe später nicht noch einmal
versucht, dort einen Besuch zu machen. Die Anschrift habe ich
dann vernichtet und der Name ist mir nicht mehr geläufig.
Somit ist mir nicht bekannt, ob dieser Soldat nicht vielleicht
noch für seine Tat verantwortlich gemacht wurde, im Rahmen
der Nachforschungen, bei denen dann die Einheiten bekannt wurden,
die an diesen Untaten beteiligt waren. Möglich ist es, und
das könnte dann auch eine Erklärung sein für das
Verhalten seiner Frau, das mir so unverständlich war. Oder
er war auch schon wieder zu Hause, hat mich gesehen, aber wollte
nicht mehr mit mir reden, vielleicht wegen dem, was er mir im
Lager anvertraut hatte.
Werner Mork: Hunger im Kriegsgefangenenlager Horazdovice
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