Hunger im Kriegsgefangenenlager
Im Kriegsgefangenenlager Horazdovice hausten wir in selbst gegrabenen
Erdlöchern. Und dieses "Hausen" in den Erdlöchern
wurde langsam eine große Sauerei. Die Sonne war die eine
Qual für uns, weil wir ihr schutzlos ausgesetzt waren. Eine
andere Qual waren die Nächte auf dem nackten Boden dieses
Lochs, weil wir nichts hatten, was uns hätte Schutz geben
können. Ganz schlimm wurde es bei Regen und Gewitter, weil
dann regelrechte Sturzbäche hernieder gingen und die Brühe
in die Löcher lief. Katastrophal waren die sanitären
Verhältnisse im Lager, bei denen es ein Wunder war, dass
es nicht zu einer Epidemie kam, aber Kranke gab es sehr viele.
Wer krank wurde, konnte auf Hilfe kaum rechnen, die Amis waren
darauf nicht eingestellt, so blieben für eine mögliche
Behandlung nur die im Lager befindlichen deutschen Sanitäter
und einige Ärzte, die aber kaum über ausreichend Medikamente
verfügten. Gut war es nur, dass alle, die ins Lager kamen,
entlaust wurden. Das "Anti-Läuse-Puder" von den
Amis wurde mit Hilfe einer großen Holzspritze in die Klamotten
gespritzt. Das war auch dringend erforderlich, denn die Landser,
die von der Front ins Lager kamen, waren durchweg alle total verlaust,
wie auch ich, und das sehr gründlich. Wochenlang keine saubere
Wäsche, kein richtiges Waschen mehr, da war es kein Wunder,
von den Läusen komplett okkupiert worden zu sein. Der Kopf
war voll von diesem Ungeziefer, die Klamotten waren die Nester
und Brutstätten der Läuse, gegen die wir nicht mehr
ankamen. Das war grauenhaft und ekelhaft, und wir waren den Amis
zumindest dafür dankbar, dass sie uns mit ihrem "Anti-Läuse-Mittel"
von diesen widerlichen Mitbewohnern befreiten, wenn auch mehr
aus eigenem Interesse und weniger als Wohltat für uns, aber
wir lernten die Vorzüge vom "DDT" kennen und schätzen.
Vor allem war eine mögliche Seuchengefahr damit doch reduziert
worden.
Ich zumindest blieb von schwerwiegenden Krankheiten verschont,
nur nicht vom Hunger. Die Verpflegung war ein sehr schwerwiegendes
Problem, nicht zuletzt, weil die uns bewachenden Amis eine Kampfeinheit
waren, die auf die Versorgung so vieler Gefangener nicht eingestellt
waren. Unser Lager hatte ständig "Zuwachs" bekommen,
es war restlos überfüllt. Die Logistik der Amis musste
dabei versagen. Wir litten furchtbar unter Hunger und Durst. Jetzt
erlebte ich am eigenen Leib, was es bedeutet, Hunger zu haben,
der nicht gestillt werden kann. Die Qualen des Hungers wurden
bald unerträglich. Es gab nun auch die ersten Verhungerten,
die ersten Toten, die wegen Hunger starben. Das betraf zuerst
die noch blutjungen Soldaten, die als Kinder in Uniform gesteckt
worden waren, um gegen die Russen zu kämpfen. Da gab es viele
12 bis 14-jährige Knaben, die entweder dem Volkssturm angehört
hatten oder als Flakhelfer eingesetzt worden waren, aber auch
völlig verblendete Bengels, die sich noch in letzter Stunde
irgendwo freiwillig für Führer, Volk und Vaterland gemeldet
hatten. Von diesen Kindern sind viele den Hungertod gestorben,
bis dann endlich die Amis etwas unternahmen, um diesem Kindersterben
Einhalt zu gebieten. Nur kam das dann für viele dieser Kinder
zu spät, da waren sie bereits gestorben. Diese Kinder, in
ihren viel zu großen Uniformen, die den Krieg überlebt
hatten, starben jetzt einen grausamen Hungertod.
Aber auch unter uns "alten" Soldaten gab es viele Hungertote,
und wir wussten nicht, wie es weiter gehen würde, wir glaubten,
dass die Mehrheit von uns den Hungertod erleiden würde. Die
so genannte Verpflegung bestand aus täglich einem Kochgeschirrdeckel,
gefüllt mir einer roten Brühe, die aus italienischen
Tomaten-Konserven "gekocht" worden war, ohne irgendwelche
Einlagen. Diese Konserven waren Tomatenmark aus erbeuteten Wehrmachtsbeständen.
Die großen 5-Liter-Dosen wurden in die Kessel gekippt und
dann mit viel Wasser vermischt, d.h. verdünnt. Nach dem Erhitzen
dieser Brühe wurde die dann als "warme Mahlzeit"
ausgegeben. Zweimal in der Woche gab es "zusätzlich"
frisches, amerikanisches Weißbrot, das sich drei Mann teilen
mussten. Dieses Stück Brot wurde sofort mit Heißhunger
verschlungen, und dann musste wieder bis zur nächsten Brotzuteilung
gewartet werden - wenn man dann noch am Leben war. Es vergingen
viele Wochen, bis die Verpflegung endlich etwas aufgebessert wurde,
aber noch immer nicht ausreichend war. Hungertote gab es weiterhin.
Auch ich litt unter den Qualen des Hungers, ich näherte mich
dem Zustand einer Entkräftung, in der ich anfing, mich selber
auch schon aufzugeben. In dem Zustand der Verzweiflung packte
mich dann aber ein Mut, der nicht ungefährlich war. Aber
darüber dacht ich nicht weiter nach, ich wollte nur versuchen,
mir und auch meinem Kameraden irgendwie zu helfen, auch wenn ich/wir
dabei draufgehen würden. Unser Erdloch war in nicht allzu
weiter Entfernung von der Stelle, wo die Amis ihre Feldküchen
aufgestellt hatten. Dort nahmen die Amis ihre warmen Mahlzeiten
täglich in Empfang. Das konnten wir nun mit unseren knurrenden
Mägen sehen, aber auch, wie die Amis die Reste ihrer Mahlzeiten
in die Abfallgruben warfen, die in der Nähe der Feldküchen
ausgehoben waren. Aber nicht nur das, sie pinkelten auch schon
mal in die Grube rein. An jedem zweiten Tag wurde in die Grube
eine Ladung Chlor geschüttet. Allen Gefangenen war es ausdrücklich
verboten, sich dieser Grube zu nähern, die anwesenden Posten
hatten die Anweisung, bei Nichtbefolgung von der Schusswaffe Gebrauch
zu machen.
Aber in meinem Kopf hatte sich dennoch eine direkt fixe Idee eingenistet.
Als der Hunger nicht mehr zu ertragen war und ich kaum noch klar
denken konnte, setzte ich diese Wahnidee in die Tat um. Es war
ein Punkt erreicht, wo mir alles egal war, weil ich nur noch einmal
mich satt essen wollte, wenn auch nur für einen Tag. Danach
könnte dann das Ende kommen. Mein Kumpel hielt das zwar für
Wahnsinn, aber er wollte mitmachen.
In den vergangenen Tagen hatte ich mich in dem Gelände der
Abfallgruben mal etwas näher umgeschaut, aber sorgsam darauf
geachtet, dass die amerikanischen Posten nichts merkten. Dabei
hatte ich festgestellt, dass mein geplantes Vorhaben eigentlich
durchführbar sein müsste. Der nächste Schritt war
der, dass wir uns leere Konservendosen organisierten, die wir
für unseren Plan benötigten.
Dann war es an einem Abend möglich, in der Dämmerung
mit drei Dosen im Arm über die Wiese auf allen Vieren an
die Grube heranzurobben, unter Rückendeckung durch meinen
Kameraden, der den Auftrag hatte, gut aufzupassen und sich sofort
bemerkbar zu machen, wenn es mulmig werden sollte. Ich gelangte
unbemerkt an den Rand der Grube und ließ mich in diese langsam
hineingleiten. Dann grabschte ich im Dreck, Unrat und Gestank
nach Essensresten, die ich in meine Büchsen packte, um nun
schnellstens wieder aus dem Dreck herauszukommen, weil ich es
kaum noch aushalten konnte, aber auch, weil ich Stimmen von Amis
hörte. Ganz still und sehr langsam zog ich mich dann aus
Dreck wieder nach oben, um mühsam kriechend wieder das Erdloch
zu erreichen. Es war alles gut gegangen, nichts war bemerkt worden,
die Amis hatten mich nicht gesehen. Wir hatten uns auf diese Weise
drei Dosen mit köstlichem Abfall besorgt, aus dem wir ein
Festessen bereiten wollten!
Wir machten ein kleines Feuerchen und erhitzen die Dosen mit den
Resten, die vorwiegend aus Fett bestanden, und produzierten dabei
eine Art "Schmalztopf", in dem sich aber auch etwas
Fleisch befand. Jetzt fehlten uns nur noch "gute" Zutaten
für einen schmackhaften Schmaus, und die besorgten wir uns
auf der Wiese am nächsten Tag bei Tageslicht. Das waren Löwenzahn-Blätter,
die wir eifrig pflückten, um aus denen dann einen "herrlichen"
Löwenzahn-Spinat zu machen. Dann haben wir nicht etwa gegessen,
wir haben gefressen. Keiner hatte aber daran gedacht, welche Folgen
diese Fresserei haben könnte, noch dazu mit dem völlig
ungewohnten "Fettgenuss". Wir bekamen einen schlimmen
Durchfall, bei dem wir uns wirklich beinahe tot geschissen hätten.
Was wir da so sinnlos in uns hineingefressen hatten, das ungewohnte
Fett, der Dreck aus der Grube versetzt mit dem Chlor vom Tage
zuvor, das hätte uns wirklich umbringen können. Aber
wir überstanden diese Tortur und haben dann noch einige Tage
von unserem Vorrat gegessen, aber dann nur noch in kleinen Portionen.
Dabei haben wir festgestellt, dass Löwenzahn nicht nur für
Karnickel ein gutes "Essen" ist.
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