Erlebnisse im Kriegsgefangenenlager Horazdovice
Im Kriegsgefangenenlager Horazdovice kam es immer wieder zu Spannungen unter den Gefangenen.
Die Amis mussten mit Gewalt dagegen vorgehen, wobei sogar von
den Schusswaffen Gebrauch gemacht wurde. Es hatte schwere Differenzen
gegeben zwischen Deutschen und Österreichern, die jetzt keine
"Ostmärker" mehr sein wollten, und nun so taten,
als seien sie immer gegen Hitler und die Nazis gewesen, auch wenn
sie die Hakenkreuzorden getragen hatten, die sie jetzt in den
Taschen versteckten. Sie erwarteten im Lager eine Sonderbehandlung,
sie meinten eine Sonderstellung beanspruchen zu können und
sie bezogen eindeutig Front gegen ihre Kameraden von gestern.
Sie hatten sich zusammengeschlossen, und das hatte nicht nur zu
Auseinandersetzungen geführt, sondern auch zu wüsten
Schlägereien, bei denen dann versteckte Messer zu einem Blutvergießen
führte, das man für unmöglich gehalten hätte
unter deutschen Soldaten. Das schlechte Beispiel der "Wieder-Österreicher"
machte ungute Schule, die im auch Lager befindlichen Ex-Soldaten
aus Luxemburg sowie aus dem Elsass und Lothringen schlossen sich
nun auch zu Gruppierungen zusammen - und damit wurde noch mehr
böses Blut produziert. Sie alle waren jetzt nur noch Unterdrückte
der bösen Nazis, zum Dienst in der Wehrmacht Gezwungene,
was zwar nicht stimmte, wie ich es selber wusste von ehemaligen
Kameraden aus diesen Gebieten. Aber jetzt machte sich das doch
gut, so meinten diese Ex-Kameraden, und sie erwarteten nun eine
ihnen gemäße Sonderbehandlung durch die Amerikaner.
Nur war dem dann doch nicht so, aber die Auseinandersetzungen
mit den "Reichs-Deutschen" wurden nicht geringer, es
gab dann sogar einige Fälle von Totschlag, wo sogar von "Feme-Morden"
geredet wurde. Das Eingreifen der Amis mit Waffen war unvermeidbar.
Inzwischen war es Ende Juni geworden im Friedensjahr 1945, aber
im Lager hatte sich nichts gebessert. Entkräftung, körperliche
und seelische Schwäche herrschten vor, eine fast grenzenlose
Hoffnungslosigkeit lastete auf uns und die schlimme Stimmung eines
bösartigen Gereiztseins machte alles noch unerträglicher.
Depressionen und auch Selbstmorde waren schon fast alltäglich
geworden. Wir lebten in einer Art von Dämmerzustand, in dem
uns fast alles egal geworden war. Würden wir morgen sterben
müssen, dann war uns das nun auch schon völlig egal.
Ein Ende mit Schrecken erschien uns nun besser, als ein Schrecken
ohne Ende. Die brütende Hitze in diesem Sommer, der wir ohne
Schutz ausgeliefert waren, tat ihr Übriges. Uns hatte eine
schlimme Apathie überfallen. Es mehrten sich Krankheiten
in starkem Maße im Magen- und Darmbereich, es wurde nun
sogar die Möglichkeit einer Epidemie nicht ausgeschlossen.
Im Lager ging eine Angst um, die uns furchtbar belastete, die
mehr und mehr den Gedanken an Selbstmord aufkommen ließ.
Körperliche Reinigungsmöglichkeiten waren sehr beschränkt,
nur möglich an einem kleinen Teich im Wiesengelände,
zu dem man sich nur noch schleppte, so gut das überhaupt
noch ging. Es war eine Qual sich zu entkleiden und sich mit etwas
Wasser abzuspülen, Seife gab es keine. Die Klamotten wurden
nur durchs Wasser gezogen und nass wieder angezogen, weil man
die durch die Sonne nicht trocknen lassen konnte, weil es im nackten
Zustand, ohne Sonnenschutz, nicht möglich war, sich in der
strahlenden Sonne aufzuhalten, die uns mehr Kummer als Freude
machte. Ich war inzwischen sehr abgemagert und konnte mich immer
wieder nur darüber wundern, dass ich bis jetzt so gut davongekommen
war. Allerdings konnte ich mich nicht mehr sehr gut bewegen, es
häuften sich Schwindelanfälle und das Gleichgewicht
kam ins Wanken.
Fünf Jahre meiner Jugend hatte ich im Krieg verbringen müssen,
fünf Jahre die unwiederbringlich für mich verloren waren,
woran ich aber selber nicht ganz schuldlos war mit meiner Meldung
als Kriegsfreiwilliger. Am 3. Juli 1945 wurde ich 24 Jahr alt,
und dieser Geburtstag kam mir im Lager nicht als sehr freudig
zu Bewusstsein. Mein einziger Wunsch an dem Tag war, dass die
Menschen in ihrer Gesamtheit endlich friedlich werden und nie
mehr einen Krieg führen würden, wie dieser, der sich
zu einer furchtbaren Brutalität und Menschenverachtung "entwickelt"
hatte. Das war mein sehnlichster Wunsch an diesem Tag. Dazu aber
auch die Hoffnung, doch noch nach Hause zu kommen, auch wenn die
Aussichten darüber nicht die besten waren.
Es geschah kurz nach meinem Geburtstag, als beim morgendlichen
Appell mein Name aufgerufen und mir befohlen wurde, mich zu einer
bestimmten Uhrzeit im Vernehmungszelt der Amerikaner einzufinden.
Mir sackte das Herz in die Hose, ich konnte mir keinen Reim machen
auf diese "Vorladung". Zur festgesetzten Zeit fand ich
mich zur Vernehmung ein. Ich kam ein großes, sehr stabiles
Wohnzelt, ausgestattet mit Tischen, Stühlen und einigen Regalen.
Ich wurde aufgefordert Platz zu nehmen und saß nun vor drei
amerikanischen Offizieren, die sich mit mir "unterhalten"
wollten. Verständigungsprobleme gab keine, alle drei sprachen
ein einwandfreies Deutsch. Es sollten einige Dinge aufgeklärt
werden, die den Amis aufgestoßen waren bei der Durchsicht
der Soldbücher, die sie kassiert hatten. Aus meinem Soldbuch
hatten sie ersehen, dass ich ein Kriegsfreiwilliger gewesen war.
Erkennbar war das an der Wehrstamm-Nummer, vor der sich die beiden
Buchstaben "Fr" für "Freiwilliger" befanden.
Aufgefallen war ihnen aber auch, dass ich als Freiwilliger nur
ein Obergefreiter war, trotz der langen Dienstzeit. Sehr seltsam
hatten sie auch gefunden, dass ich keine Auszeichnungen hatte
und waren besonders über den Vermerk gestolpert, dass ich
eine Auszeichnung abgelehnt hatte mit der Begründung, keine
besondere Leistung vollbracht zu haben. Das konnten die nun gar
nicht verstehen, und diese drei Offiziere glaubten, dass ich wohl
ein extremer Nazi war, den man sich näher ansehen müsse.
Es hat dann einige Stunden gedauert, bis diese Meinung als völliger
Irrtum aufgeklärt war. Zuerst wurde mir kein Glauben geschenkt,
aber als ich ihnen fast meine ganze bisherige Lebensgeschichte
erzählt hatte, wurde mir dann doch geglaubt. Und im Verlauf
der weiteren Unterhaltung, denn das wurde dieses Gespräch
dann, wurden mir sogar Kaffee und Zigaretten angeboten! In dieser,
nun lange dauernden Unterhaltung, sagten die drei Amis mir, dass
sie Juden sind, die in Berlin geboren worden waren, dass aber
ihre Eltern noch rechtzeitig hatten emigrieren können in
die USA. Sie selber bezeichneten sich lächelnd als Angehörige
der so genannten Berliner Textil-Juden, wie die Juden, die Textilhändler
waren, in Berlin bezeichnet wurden. Rückhaltlos habe ich
ihnen alles erzählt, auch von Heinzi Herz und meinem Verhalten
seinem Onkel gegenüber. Nach diesem Gespräch galt ich
nicht mehr als ein besonderer Nazi. Beim Abschied wurde ich sogar
reichlich beschenkt mit Schokolade und Zigaretten. Mir wurde von
diesen drei Juden zugesagt, dass sie sich für eine bevorzugte
Entlassung aus dem Lager einsetzen würden, wenn die ersten
Entlassungen beginnen würden. Diese Zusage wurde von ihnen
gehalten und ich verdanke diesen Juden, Angehörige des Volkes,
das wir hatten ausrotten wollen, mit Sicherheit mein Leben. Lange
hätte ich nicht mehr mitmachen können, dann wäre
ich restlos zusammengebrochen oder bei den Russen gelandet. Von
diesen drei Juden hörte ich dann auch nähere Einzelheiten
über ihren Kommandeur, den Ex-Leutnant der Reichswehr. Es
war schon seltsam, da gab es insgesamt vier ehemalige Deutsche,
die jetzt als amerikanische Offiziere eine Einheit der US-Army
führten. Sehr nachdenklich ging ich zurück zu meinem
Erdloch, wo mich mein Kamerad mit Freude begrüßte,
hätte es doch auch anders ausgehen können. Schokolade
und Zigaretten wurden redlich geteilt, ein weiterer Schwarzhandel
war derzeit nicht nötig.
Welch großes Glück ich aber wirklich hatte, nach dem
Gespräch im Vernehmungszelt, erwies sich nur wenige Tage
später. Es wurde plötzlich Gewissheit, dass das, wovor
wir die ganze Zeit Angst gehabt hatten geschehen würde. Es
hieß, dass alle Soldaten, die bis zum 8.5. gegen die Russen
gekämpft hatten, endgültig und unwiderruflich den Russen
nun ausgeliefert werden. Das sei ein fester Bestandteil der Abmachungen,
die zwischen Russen und Amerikanern getroffen sind, die erfüllt
werden müssen. Dass das kein Gerücht war, konnten wir
nun mit eigenen Augen sehen, als ein starkes russisches Kommando
anrückte, das ganz einfach das Lager im Handumdrehen übernehmen
wollte. Daraufhin entstand im Lager eine Panik unter den Gefangenen
und ich dachte dabei schon wieder einmal an meine Pistole. Doch
da gab es noch unseren amerikanischen Lagerkommandanten, diesen
angeblichen Vaterlandsverräter, der plötzlich einen
Lagerappell ansetzte und uns mitteilte, er sei nicht bereit, außer
den Insassen des Sonderlagers auch nur einen anderen deutschen
Soldaten an die Russen auszuliefern, schon gar nicht in der Art
einer Übergabe des ganzen Lagers, wie die Russen es gefordert
hatten. Dieser, von den deutschen Offizieren so verachtete "Landesverräter"
nahm es auf seine eigene Kappe, sich zu widersetzen und die Russen
wurden sehr nachdrücklich aus dem Lager gewiesen, in dem
sie schon begonnen hatten, sich einzurichten.
Doch dann setzten sie sich vor dem Lager-Eingang "fest",
wollten von dort nicht weichen und wiederholten ihre Forderung
nach sofortiger Übergabe. Dabei entstand jetzt eine etwas
kritische Lage, denn der US-Kommandant ließ die Rohre einiger
Sturmgeschütze auf die Russen richten, und gab ihnen, auch
mit Hilfe der nun von GI's besetzen MG's unmissverständlich
zu verstehen, dass hier die Amerikaner das Sagen hätten und
sonst niemand. Solange sie hier seien, sei das ihr Lager, und
die darin befindliche Gefangenen ihre Gefangenen. Im übrigen
hätten die vorgenommenen Überprüfungen ergeben,
dass alle in diesem Lager befindlichen deutsche Soldaten gegen
die Amerikaner gekämpft hätten und nicht gegen die Russen,
so sprach der amerikanische Oberstleutnant, der Landesverräter,
wie die deutschen Offiziere ihn so schmählich bezeichnet
hatten.
Dieser "üble Landesverräter" machte sich zum
Fürsprecher und Retter deutscher Soldaten. Auch das hat es
gegeben, das war keine Selbstverständlichkeit, aber es war
Mut und Courage eines Mannes, der sich damit in einem bewussten
Widerspruch zu seiner vorgesetzten Dienststelle befand. Dieser
Geist eines freien Mannes war nicht der, den er einst in der deutschen
Reichswehr zu akzeptieren hatte. Das war kein Erbe seiner preußischen
Vergangenheit als Reichswehr-Offizier.
Im Lager herrschte nun allgemein ziemliche Hektik, auch bei den
Amis. Von der waren auch die Amis nicht frei. Keiner wusste, wie
es nun weiter gehen wird hinsichtlich der russischen Forderung.
Würden wir vielleicht abtransportiert werden, möglicherweise
sogar über die deutsche Grenze ins Reich? Diese Meinung verstärkte
sich, als wir merkten, dass plötzlich amerikanische Trucks
auftauchten, die wir als Transportmittel für unseren Abtransport
ansahen, zumindest aber für eine Verlegung in ein anderes
Lager. An dieser Stelle sei schon jetzt gesagt, dass die Amis,
trotz intensivster Bemühungen es nicht geschafft haben, das
Lager völlig zu räumen, und ein erheblicher Teil deutscher
Soldaten den Russen übergeben werden musste. Das hörte
ich etwas später in dem Lager, in dem ich dann landete.
Mein großes Glück war, dass die "Juden" ihr
Wort gehalten haben und ich mit dem ersten Transport bereits aus
dem Lager kam. Ich wurde aufgerufen und dahin beordert, wo sich
Trucks befanden, die als ersten Transport alle im Lager befindlichen
"Kinder-Soldaten" rausfahren sollten, und denen wurde
ich zugewiesen, wie auch einige Verwundete, Kranke und Zivilisten,
die aus Prag kommend in dieses Lager geraten waren. Aber der einzige
"normale" Kriegsgefangene auf diesem Transport war ich.
Das verdankte ich den Berliner Textil-Juden! Sie haben sich für
mich eingesetzt, für einen deutschen Soldaten, den sie auch
hätten hassen können. Und der Ex-Reichswehr-Offizier
ließ mich ziehen, war einverstanden mit meinem vorzeitigen
Abtransport aus dem Lager in Horazdovice.
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