Das Buchenland (Bukowina) ist ein Land in Südosteuropa und
liegt im Donaugebiet zwischen Rumänien, der Ukraine und Moldawien.
Das im 17.-18. Jahrhundert zum österreichischen Kaiserreich
gehörende Buchenland war ein fast unbesiedeltes Land, das
durch das Ansiedlungspatent von Kaiserin Maria-Theresia besiedelt
wurde. Durch eine großzügige Inpopulationsregelung
wurden viele arme Einwanderer regelrecht in die Ostgebiete nach
Siebenbürgen, Galizien, Bukowina, Bessarabien usw. gelockt.
Die überwiegend aus deutschen, österreichischen, ungarischen,
polnischen und weiteren Bevölkerungsgruppen bestehenden Siedler
bestellten das Land und trieben Handel. Durch diese vielen, verschiedenen
Siedler, die auch ihre Sitten und Bräuche mitbrachten, entstand
in der Bukowina ein Vielvölkerland.
Wie mir meine Eltern erzählten, wanderten meine Vorfahren
väterlicherseits aus Österreich und mütterlicherseits
aus Deutschland aus dem Hunsrück ein. Der Grund ihrer Umsiedelung
war wohl die große, zukunftslose Armut dieser Menschen.
Der Aufruf der Kaiserin Maria-Theresia muss wie ein Glücksfall
auf sie gewirkt haben.
So entstand auch der Ort Rosch, ein Vorort von Czernowitz, der
überwiegend von Deutschen besiedelt wurde. So wurde ich als
drittes Kind von vier Söhnen meiner Eltern Martin Weiser
und Elisabeth Weiser geb. Manz am 24.11.1925 geboren. Mein Vater
war Finanzbeamter. Meine Mutter führte den Haushalt und betrieb
eine kleine Landwirtschaft im Nebenerwerb. Die Erzeugnisse wie
Obst, Gemüse, Eier usw. verkaufte sie auf dem Markt in Czernowitz.
Ich und meine beiden Brüder erlebten eine schöne Kindheit
und ich kann mich noch gut an die warmen Sommer und die oft sehr
kalten Winter erinnern. Im Sommer spielten wir im Garten und gingen
manchmal auch zum Baden an den Pruth. Es war zwar ein langer Weg
von je drei Stunden hin und auch wieder zurück. Aber damals
hat man das für einen Badespaß gern in Kauf genommen.
Im Winter war es oft sehr kalt und es gab immer sehr viel Schnee.
Wir bauten Schneemänner und Iglus und fuhren mit Schlitten
die Hügel herunter. Am Sonntag wurde der Pferdeschlitten
eingespannt und wir besuchen die Großeltern und die Verwandten.
Uns Kindern war es strengstens untersagt, ohne Erlaubnis der
Eltern Obst oder Gemüse aus dem Garten zu nehmen. Eines Tages
hatte ich aber einen solchen Heißhunger auf die süßen,
reifen Trauben, so dass ich mir heimlich die Schneiderschere
meines Vaters schnappte, hinter meinem Rücken hielt und in
den Garten schlich. Als kleiner Lausbub hatte ich leider nicht
bedacht, dass unser Haus hinter mir stand und die ganze Familie
sehen konnte, was ich vor hatte. Es muss wohl so lustig ausgesehen
haben, dass mir später die Tracht Prügel glücklicherweise
erspart geblieben ist.
In Rumänien begann damals mit dem siebenten Lebensjahr die
Schulpflicht. Ich aber wollte bereits mit sechs Jahren zu Schule
gehen und meldete mich einfach selbst an. Überraschenderweise
wurde ich auch sofort aufgenommen. Allerdings zum Leidwesen meiner
Mutter, denn ich war noch so klein, dass mich meine Mutter im
Winter durch den hohen Schnee von Rosch nach Czernowitz in die
Schule tragen musste.
Als ich 8 Jahre alt war, ich ging gerade in die 2. Klasse, wurde
die Bukowina rumänisiert. Die rumänische Sprache wurde
für alle zur Landessprache und Pflichtsprache in allen Schulen.
Da sich mein Vater weigerte, die rumänische Sprache zu erlernen,
durfte er seinen Beruf als Finanzbeamter nicht mehr ausüben.
Er erlernte deshalb den Schneiderberuf und machte sich als Schneidermeister
selbstständig. Er richtete in unserem Haus in Rosch eine
Schneiderwerkstatt ein, in der er auch Lehrlinge ausbildete.
Im Frühjahr 1940 herrschte zwischen dem Deutschen Reich und
der UdSSR eine rege diplomatische Tätigkeit. Viele Depeschen
und Eiltelegramme gingen zwischen den beiden Staaten hin und her,
denn es wurde um die Abtretung Bessarabiens, der Nord-Bukowina
und die Umsiedlung der Volksdeutschen verhandelt. Die diplomatische
Aktivität beruhte auf dem Hitler-Stalin-Pakt vom 23.08.1939
und dem nachfolgenden Geheimvertrag Ribbentrop-Molotow, worin
die Abtretung des gesamten Gebietes fixiert wurde.
Es war an einem schönen Sommertag im Juni 1940, als plötzlich
und unvorbereitet die Kunde kam, dass die Rote Armee der UdSSR
in die Nord-Bukowina einmarschiert und die Panzer bereits auf
dem Ringplatz vor dem Czernowitzer Rathaus stehen. Panik kam auf.
Die rumänische Armee, die Administration und alles was laufen
konnte und nicht bei den Sowjets bleiben wollte, zog im Eilmarsch
in Richtung Süd-Bukowina.
Am 15. September 1940, ich war gerade 14 Jahre alt, traf die Umsiedlungskommission
aus dem Deutschen Reich in Czernowitz ein. Nun wurde, dank guter
Organisation der Roscher Deutschen, mit der Registrierung der
deutschen Bevölkerung begonnen und jeder einzelne, sowie
dessen Haus und Grundbesitz wurden erfasst.
Es begann eine bange Zeit. Alle Geschäfte wurden geschlossen
und man musste sich selbst versorgen. Gott sei gedankt, dass wir
einen eigenen Gemüsegarten hatten, sowie Hühner, Gänse
und ein Schwein. In unserem Haus wurde eine Wohnung frei und es
wurden zwei russische Offiziere einquartiert. Ein junger Leutnant
und ein Hauptmann. Mit dem Leutnant Iwan Solotorow habe ich mich
schnell angefreundet und zeigte ihm bei Spaziergängen unsere
schöne Stadt Czernowitz.
So langsam mussten wir Buchenlanddeutschen uns nun auf die Umsiedelung
einstellen und jeder verkaufte Geschirr, Werkzeug und alles was
man nicht mitnehmen konnte. Mit dem russischen Geld aber konnte
man nicht viel anfangen, denn während der sowjetischen Besatzungszeit
wurden davon offiziell nur Salz, Streichhölzer und Tabak
angeboten. Alle anderen Waren hatten die Russen aus den prall
gefüllten Geschäften requiriert und in die UdSSR abtransportiert.
Als Schüler habe ich die Ferienzeit meistens bei meinen Großeltern
auf dem Bauernhof in Unter-Stanestie verbracht. Einige meiner
Onkels waren Schreiner und hatten größere Werkstätten.
Oft bin ich durch diese Werkstätten gelaufen und habe unbewusst
so manche Arbeitsgänge und Handgriffe aufgenommen. So konnte
ich mir für die Reise zwei Holzkoffer mit Schwalbenschwanzverzinkung
bauen, die ich für das Handgepäck von 50 kg gut gebrauchen
konnte. Sogar die Beschläge habe ich fachgerecht angebracht
und die Koffer mit grauer Farbe angestrichen. Einen Koffer habe
ich heute noch und ich freue mich jedes Mal, wenn ich ihn ansehe,
wie gut ich als vierzehnjähriger Bub gearbeitet habe.
Die Roscher Deutschen versammelten sich um das Deutsche Haus in
Rosch. Das Umsiedlungskommando begann im großen Saal mit
der Aufteilung der Bevölkerung. Dann kam der Tag der Erfassung
der Roscher Schwaben für die Umsiedlung und bereits am 27.
September 1940 fuhren die ersten Transporte in Richtung Deutschland.
Endlich wurden auch wir zur Registrierung gerufen. Pünktlich
um 9 Uhr erschienen wir im Deutschen Haus. Unsere Namen wurden
aufgerufen und wir wurden nach ethnischer Feststellung und verschiedener
Gesundheitsfragen in die Umsiedlungslisten eingetragen. Wir bekamen
einen zweisprachigen Ausweis auf das Wort "Nemecni"
stand, der sichtbar umgehängt getragen werden musste. Die
Zeit des Wartens auf den Abtransport erfüllten wir mit Koffer
packen. Kleider, Wäsche, Hausrat und auch die Nähmaschine
wurden in einer Holzkiste verstaut. Das Schwein wurde geschlachtet
und zu Wurst, Rauchfleisch und Bratenstücke in Töpfen
mit Bratfett versiegelt und haltbar gemacht. Ich selbst war erstaunt
darüber, was meine Mutter alles einpackte und meinte: "Man
braucht das doch nicht alles mitnehmen, in Deutschland gibt es
doch alles!" Die Erfahrungen meiner Mutter aus dem 1. Weltkrieg
haben ihr recht gegeben. Wir waren froh, als Mutter im Lager das
mitgebrachte Brot und Rauchfleisch auspackte.
Der Abreisetag war ungwiß. Die Bekanntgabe erfolgte 24 Stunden
vorher. In dieser Zeit musste das Umsiedlungsgepäck von 50
kg je Person und das Handgepäck zum Bahnhof gebracht werden.
Endlich kam der Tag der Abreise. Am 02. November 1940 durften
wir als eine der letzten Familien abreisen. Wir wurden von deutschen
Soldaten mit einem Sanitätswagen abgeholt. Unser restliches
Gepäck und auch die Nähmaschine meines Vaters wurden
eingeladen. Nur der Hund blieb bei den gerade eingetroffenen Nachbewohnern
zurück. Gerne hätten wir ihn mitgenommen, aber das ging
ja nicht. Eine ganze Weile lief er dem Auto nach, bis er merkte
dass er zurückbleiben musste.
Neun Tage ging die Bahnfahrt in Viehwagons durch fast menschenleeres
Gebiet an die polnische Grenze, auf dem Weg "Heim ins Reich".
Am Grenzbahnhof Przemysl wurden wir von Rot-Kreuz-Schwestern mit
warmem Tee empfangen. Unter dem Empfangskomitee befanden sich
auch junge Soldaten aus Rosch, die bereits im Deutschen Reich
Dienst taten und eigens für diese Begrüßung beurlaubt
wurden. Anschließend wurden wir zum Eintopfessen eingeladen.
Dann ging es weiter in einem Personenzug nach Breslau und mit
Bussen ins Lager Kirschalle. Wir bekamen ein Zimmer im 2.Stock
zugewiesen, das für einige Zeit unser zu Hause sein sollte.
Im Allgemeinen verlief das Lagerleben recht harmonisch. Die mitgebrachten
Lebensmittel mussten in der Gemeinschaftsküche abgegeben
werden. Mit Bussen wurden wir zur Einbürgerungskommission
nach Trebniz ins Ursulinenkloster gebracht. Hier wurde genauestens
geprüft ob wir tatsächlich deutscher Abstammung waren.
Da meine Eltern nachweisen, dass sie deutsche Vorfahren hatten,
war für uns die Einbürgerung kein Problem mehr. Nach
Erfassung aller Ahnendaten erhielten wir die deutsche Staatsbürgerschaft,
einen Ausweis und eine Staatsbürgerurkunde sowie eine Tätowierung
der Blutgruppe an der Innenseite des linken Oberarmes, die mir
später fast zum Verhängnis wurde, wenn sie nicht über
Nacht in der Gefangenschaft in Heilbronn auf unerklärliche
Weise verschwunden wäre, denn kein Mensch hätte mir
geglaubt, dass ich nicht bei der Waffen-SS gewesen war. Dann ging
es wieder zurück ins Lager. Am nächsten Tag kam dann
die Musterungskommission ins Lager. Die gewollte und ungewollte
Musterung fing an. Wie war das mit der freiwilligen Musterung?
Der Lagerleiter holte die jungen Männer alle zusammen, machte
die Tür zum Saal auf und befahl allen einzutreten. Dies nannte
man dann "freiwillige Musterung". Mein Bruder Robert
wurde gemustert und sofort eingezogen. Er ist 1944 als Unterscharführer
in Monte Casino in Italien gefallen.
Obwohl wir wussten, dass wir nicht immer im Lager bleiben konnten,
hat uns Breslau sehr gut gefallen und wir fühlten uns dort
schon heimisch. Doch wieder mussten wir unser Habseligkeiten verpacken
und uns auf den Abtransport vorbereiten. Wieder kamen grüne
Busse und brachten uns zum Bahnhof. Mit der Reichsbahn wurden
wir Richtung Osten zum Lager Buschlinie nach Lodz gebracht. Obwohl
dort die Zimmer groß waren, war es sehr eng, denn wir wurden
zusammen mit zwei weiteren Familien einquartiert. Dann kam der
Aufruf zur Ansiedelung. Wir sollten in einem Vorort von Lodz in
ein polnisches Haus einziehen. Dorthin brachte uns die Ansiedlungskommission.
Beim Eintritt in das für uns vorgesehene Haus erschrak mein
Vater sehr. Der Kaffee stand noch auf dem Tisch und der Wecker
rasselte. Als mein Vater fragte, wer hier gewohnt hat, erwiderten
die einweisenden Leute: " Das geht Sie nichts an!" Auf
sein Drängen, eine richtige Antwort zu erhalten, sagten sie:
"Man hat hier Polen herausgeholt." Mein Vater lehnte
eine solche Vorgehensweise ab und wäre deshalb beinahe der
Willkür der Sicherheitskräfte ausgeliefert gewesen,
wenn nicht sein ehem. Schulfreund, ein Jurist ihn davor bewahrt
hätte. Wir wurden deshalb nicht angesiedelt und erhielten
eine Wohnung in der Stadtmitte von Lodz. Dort fand mein Vater
eine Anstellung im Luftwaffenbekleidungsamt. In Lodz, wie auch
schon in Breslau versuchte ich die Schulbildung fortzusetzen.
Danach meldete ich mich freiwillig zur Offizierslaufbahn an und
wurde nach bestandener Aufnahmeprüfung gleich zum RAD und
anschließend zu den Pionieren eingezogen. Nach der Grundausbildung
kam ich auf die Unteroffiziersschule nach Breisach am Rhein. So
entkam ich der verheerenden Ereignisse der Flucht meiner Familie,
die abermals vor der Roten Armee flüchten mussten. Während
der Flucht kam mein dritter Bruder zur Welt. Bei einem Luftangriff
auf den Flüchtlingstreck verlohr meine Mutter meinen Bruder.
Später wurde er ihr durch Zufall von einem nachfolgenden
deutschen Soldaten zurückgebracht, der ihn im Straßengraben
gefunden hatte.
Am 5. August 1944 wurde ich an der Ostfront bei Sanok verwundet
und landete schließlich nach kurzer russischer Kriegsgefangenschaft
in einem Lazarett in Berlin. Mit einer Genesungskompanie kam ich
nach Heilbronn und weiter nach Geislingen. Dort kam ich bei den
Amerikanern noch viereinhalb Monate in Kriegsgefangenschaft. Im
Sommer 1945 wurde ich als Schwerkriegsbeschädigter vorzeitig
nach Ulm entlassen. Ich hatte weder Geld noch Arbeit, wollte mich
aber in Ulm niederlassen und so bewarb ich mich bei den Ulmer
Verkehrsbetrieben als Straßenbahnschaffner.
Eigentlich wollte ich Bauingenieur werden, aber es fehlte halt
am Geld. Meine Eltern, die ich inzwischen durch den Suchdienst
des Roten Kreuzes wiedergefunden hatte, konnten mich nicht unterstützen.
So habe ich nebenberuflich als Versicherungskaufmann angefangen
und später den Beruf hauptberuflich ausgeübt. Im Januar
1949 habe ich meine Frau Grete geheiratet, die aus Ulm stammte.
Aus dieser Ehe entsprangen 3 Kinder. Zwei Töchter und ein
Sohn. Einige Jahre später machte ich mich selbstständig
und baute ein Haus indem ich 1967 dann mein eigens Versicherungsbüro
einrichtete, das heute von meinem Sohn geführt wird.
Zu den heute noch lebenden Buchenlanddeutschen im Bezirksverband
Ulm besteht ein reger Kontakt und so war es für mich und
meine Frau auch selbstverständlich, an der Einrichtung der
Heimatstuben in der Ulmer Donaubastion mitzuarbeiten.