Die zunehmenden Luftangriffe auf Berlin haben die verantwortlichen
Behörden wohl dazu veranlasst, Zivilisten - Kinder und Mütter
- in weniger betroffene Gebiete zu evakuieren. Ich erinnere mich,
wir, mein Bruder und meine Mutter, wurden noch mit anderen Verwandten
im Sommer 1943 vom damaligen Wriezener Bahnhof (nahe dem Schlesischen
Bahnhof) in den typischen Preußischen Personenwagen in den
Warthegau gebracht. Wir wurden in den Ort Butz (heute Bucz) -
Landkreis Kosten gebracht. Die polnischen Bewohner sind wohl vertrieben
worden. Wir wohnten mit Verwandten und Bekannten sowie Familien
aus Bessarabien in den Bauernhäusern.
In Erinnerung geblieben sind mir besonders die Getreide- und Kartoffelernte
sowie im Winter ein Schlachtefest. Irgendwann im Frühjahr
1944 verzogen wir in den Ort Seeger - Landkreis Schmiegel - (heute
Zegrowo). Er war nicht weit von Butz entfernt. Um Ostern 1944
bin ich dann in einer typischen Dorfschule mit mehreren Klassen
in einem Raum eingeschult worden. Mein Vater, er war Soldat an
der Ostfront, hat uns dort einmal besucht. Wir sahen ihn dort
zum letzten mal. Er ist auf dem Rückzug der Wehrmacht im
Kessel von Brody (Ukraine) vermutlich umgekommen. Er wurde später
für vermisst erklärt.
Ein besonderes Ereignis sollte für meine Mutter, meinen Bruder
und mich bis heute Bedeutung erlangen.
Im Zusammenhang mit dem
gescheiterten Attentat auf Hitler hat meine Mutter im Kreis von
Erwachsenen unseres Aufenthaltsortes die Bemerkung gemacht: "Wenn
das Attentat auf Hitler geklappt hätte, würde der Krieg
vorbei sein, und unsere Männer wären wieder zu Hause."
Sie wurde wegen dieser Äußerung denunziert, verhaftet
und wegen Wehrkraftzersetzung verurteilt.
Mein Bruder und ich kamen in ein Kinderheim nach Schmiegel (heute
Smigiel), für kurze Zeit besuchte ich dort die erste Klasse.
Irgendwann Ende 1944 wurden wir mit dem Kinderheim in den Ort
Zirpe-Kreis Kosten verlegt. Im Januar oder Februar 1945 ging es
bei Kälte, Eis und Schnee im Treck per Pferdefuhrwerk in
Richtung Westen. Wir erreichten unbeschadet Berlin. Mein Bruder
und ich wurden zu Pflegeeltern nach Klandorf in der Schorfheide
weitergeleitet. Ich kam zu einem Ehepaar, deren drei Söhne
Soldat waren, einer war bereits im Krieg gefallen. Ein geregelter
Schulbesuch fand nicht mehr statt.
Nach dem Einmarsch der Roten Armee bekam mein Pflegevater viel
Arbeit. Er war von Beruf Schuhmacher. Von der Roten Armee beschlagnahmtes
Material der Wehrmacht-große Mengen verschiedener Ledersorten-bescherte
ihm sehr viel Arbeit. Er musste für die Offiziere Lederstiefel
in Maßanfertigung anfertigen. Entlohnt wurde er immer in
Naturalien. Wir litten dadurch nicht an Hunger. Irgendwann Ende
1945 tauchte zu unserer großen Freude meine Mutter in Klandorf
auf um ihre beiden Söhne abzuholen. Meine Mutter hat die
Haft mit gesundheitlichen Schäden überstanden. Sie wurde
im Mai 1945 als politischer Häftling aus einem Gefängnis
in Leipzig-Liebertwolkwitz von den Amerikanern entlassen.
Später habe ich erfahren dass eine Tante von uns beim Roten
Kreuz Deutschland-Suchdienst Hamburg - einen Suchantrag aufgegeben
hat. Bekanntlich liefen damals ja in verschiedenen Rundfunksendern
stundenlange Suchmeldungen. Irgendein Bewohner in Klandorf muss
die Suchmeldung gehört haben und die Information über
unseren Aufenthaltsort weiter geleitet haben. In Berlin wohnten
wir wieder in unserer Wohnung in Weißensee. Ich besuchte
dann wieder regelmäßig die Schule.