Im Reichsarbeitsdienst
Mehr als 60 Jahre sind nun vergangen, seit ich als 19jähriger
glücklich aus dem 2. Weltkrieg in meine Heimat zurückkehren
konnte. Nach so langer Zeit ist es natürlich schwierig, einen
realistischen Bericht zu schreiben, weil viele Erlebnisse einer
gewissen Verklärung anheim gefallen sind. Meine Mutter hat
meine Feldpostbriefe aufgehoben, die mir heute als "Tagebuch"
dienen können. Somit habe ich auch heute nach mehr als 60
Jahren noch die Möglichkeit, meine Erlebnisse einigermaßen
vollständig und ereignisgetreu zu erzählen.
Meine Jugendzeit habe ich vom 13. bis zum 19. Lebensjahr im 2.
Weltkrieg erleben müssen. In diesem Lebensalter prägen
sich außergewöhnliche Ereignisse wohl besonders in
das Gedächtnis eines Menschen ein. Ich und viele andere meines
Alters werden diese Erlebnisse deshalb auch wohl niemals ganz
aus dem Gedächtnis verdrängen können.
Am 1.9.1939 begann der 2. Weltkrieg. Ich habe mir damals als 13jähriger
nicht träumen lassen, dass auch ich noch in den Krieg ziehen
müsste. Aber am 18. Mai 1943 wurde ich als 17-Jähriger
zum Reichsarbeitsdienst (RAD) nach Friesoythe/Oldenburg einberufen.
Meine Oberschulklasse im Johanneum zu Lüneburg wurde aufgelöst.
Diejenigen, die zum RAD einberufen wurden (bis Jahrgang 1925),
erhielten am 16.5.1943 ein Abgangszeugnis mit der Berechtigung,
nach der Entlassung aus der Wehrmacht an einem Sonderlehrgang
für Kriegsteilnehmer zur Ablegung der Reifeprüfung teilzunehmen.
Die übrigen Mitschüler wurden als Luftwaffenhelfer an
Flakgeschützen zwecks Abwehr von Bombenflugzeugen eingesetzt.
Sie erhielten sporadisch Unterricht an ihren Standorten. Sie waren
aber meistens infolge der Nachteinsätze zu müde, um
dem Unterricht zu folgen.
Ich will nun meine Erlebnisse in der Zeit vom 18. Mai 1943 bis
zum 1. April 1945 (Ostersonntag) anhand meiner Feldpostbriefe
schildern. Meinen letzten Feldpostbrief, der meine Eltern erreichte,
habe ich am Karfreitag, den 30.3.1945 im Samland/Ostpreußen
geschrieben. Wichtige Teile aus dem Originaltext der Feldpostbriefe
will ich herausschreiben, um so am besten darstellen zu können,
was ich im Kriege als 17- bis 19-Jähriger empfunden und gedacht
habe. Hieraus ist auch zu erkennen, wie ich damals die außergewöhnlichen
körperlichen und seelischen Belastungen ertragen habe.
Meine Erlebnisse in der Zeit vom 1.4.1945 bis zum 30.5.1945 beschreibe
ich aus meinem Gedächtnis heraus, wobei mir noch vorhandene
Karten und Adressen sowie oftmaliges Erzählen in den Jahren
nach Kriegsende als Gedächtnisstütze dienen.
Vorab will ich einiges über die Arbeitsdienstorganisation
und meine Arbeitsdienstzeit berichten, was aus meinen Briefauszügen
nicht zu entnehmen ist. Der Arbeitsdienst wurde durch eine "Notverordnung
vom 5. Juni 1931 im Interesse der Erwerbslosen-, Krisen- und Wohlfahrtsunterstützungsempfänger"
von der damals demokratischen Reichsregierung gegründet,
denn damals gab es in Deutschland mehr als 6 Millionen Arbeitslose.
Am 26.6.1935 wurde die allgemeine Arbeitsdienstpflicht für
Männer eingeführt. Es ging damals der Slogan um:
"25 Pfennig ist der Reinverdienst
ein jeder muß zum Arbeitsdienst".
25 Pfennig war damals der Tageslohn. Für die weibliche Jugend
war der Arbeitsdienst zunächst freiwillig. Es gab ca. 10.000
"Arbeitsmaiden". Ab 1.4.1940 wurde die Anzahl auf 50.000
erhöht. Deren Aufgaben wurden wie folgt beschrieben: "Die
weibliche Jugend im Arbeitsdienst ist dazu berufen, kinderreichen
und hilfsbedürftigen Müttern, namentlich den schwer
belasteten Bauern- und Siedlerfrauen zu helfen. Arbeitsdienst
der weiblichen Jugend ist Mütterdienst."
Das klingt ja alles ganz vernünftig. Allerdings gab es natürlich
im Dienstplan neben Sport auch politische Schulung, um die politische
Meinung der Arbeitsmaiden einheitlich den Lehren der NSDAP entsprechend
auszurichten. Auch im Haushalt meiner Eltern halfen Arbeitsmaiden
aus dem Arbeitsmaidenlager in Bullendorf. Schon Anfang der dreißiger
Jahre wurden in ganz Deutschland, so auch in Echem und später
in Bullendorf, Holzbarackenlager gebaut, in denen immer ca. 200-250
Menschen untergebracht werden konnten.
Aufgaben des Reichsarbeitsdienstes waren vor allen Arbeiten der
Landeskultur wie Gräben zwecks besserer Entwässerung
räumen, Dränungen legen, Moorflächen entwässern,
kultivieren und Wege anlegen. Auch in Flurbereinigungen und in
der Forstwirtschaft wurde der Arbeitsdienst eingesetzt. Die zur
Arbeit hinausmarschierenden Arbeitsmänner des Echemer RAD-Lagers
habe ich von meinem achten Lebensjahr an erlebt. Morgens zogen
sie Marschlieder singend hinaus in die Feldmark zur Grabenarbeit.
Es wurden in Echem vorwiegend Wassergräben von Bewuchs und
Schlamm befreit. In dem dortigen Tonboden war das eine schwere,
schmutzige Arbeit. Mein Vater hat auf Anforderung auch Arbeitsmänner
einsetzen dürfen, um Dränrohre zur Ackerentwässerung
legen zu lassen. Im Krieg wurden die Arbeitsmänner zunehmend
für kriegswichtige Arbeiten eingesetzt, wie ich auf dem Feldflugplatz
Wittmundhafen.
Das Reichsarbeitsdienstlager Friesoythe
Ein aus Holzbaracken bestehendes Arbeitsdienstlager war auch das
RAD-Lager Friesoythe, wo 235 Arbeitsmänner untergebracht
waren. In meinen Briefen hört sich meine Arbeitsdienstzeit
so harmlos und angenehm an. So schön war es im RAD zunächst
überhaupt nicht.
![[RAD-Lager Friesoythe, 1943]](../../../objekte/pict/loh02/200x.jpg)
Im so genannten "Erziehungs- und Ausbildungsdienst"
wurden wir sehr hart heran genommen und oft auch schikaniert.
Die sportlichen Übungen waren noch erträglich. Aber
die Ordnungs- oder Exerzierübungen waren hart und oft schikanös.
Wir Oberschüler hatten immer den Eindruck, dass gerade im
Arbeitsdienst nicht besonders intelligente, verkrachte Existenzen
die Ausbilder waren. Sie fühlten sich uns wohl geistig unterlegen
und übten ihre Macht über uns besonders brutal aus.
Mit ihrer extremen Schleiferei durch exerzieren, robben mit Spaten
in Vorhalte möglichst durch Wasserpfützen etc. wurden
wir fertig gemacht. Der Laufschritt war die normale Gangart. Nachdem
wir uns in Drillichzeug buchstäblich "im Dreck gesuhlt"
hatten, mussten wir manchmal eine halbe Stunde später in
appellfähigem Drillichzeug antreten, was nur möglich
war, wenn man es nach dem Waschen nass wieder anzog. Wer auffiel,
musste die Latrinenbaracke schrubben oder Nachexerzieren etc.
Man brachte uns durch diese Schinderei bis zum "Kadavergehorsam",
was bedeutet, dass man jeden Befehl ohne eigenes Denken ausführt.
In den damaligen Richtlinien hieß es: "Jeder einzelne
Mann hat jede befohlene Bewegung so einwandfrei wie möglich
auszuführen. Er ist nicht mehr ein selbständiges "Ich",
sondern nur noch ein Glied der Mannschaft. Die Übungen werden
wiederholt, bis sie in Fleisch und Blut übergegangen sind.
Die Ordnungsübungen erziehen zu Gehorsam, Selbstbeherrschung
und Einfügung in die Gemeinschaft".
Das "Spatenexerzieren" wurde in unserem 1. Zug soweit
getrieben, dass wir auf einem Kameradschaftsabend der Bevölkerung
von Friesoythe auf der Dorfbühne perfekte Spatengriffe vorführen
konnten. Hierfür mussten die Spaten natürlich spiegelblank
sein. Deshalb habe ich meine Eltern in meinen Briefen auch immer
wieder gebeten, mir Schmirgelpapier zu schicken. Es ist heute
eigentlich unvorstellbar, dass wir Jungens damals unsere Exerzierspaten
spiegelblank scheuern und polieren mussten, um beim Spatenappell
nicht bei den Vorgesetzten aufzufallen. Das hätte Strafdienst
auslösen können.
Nach der sehr harten Grundausbildungszeit wurde der Dienst im
RAD für uns etwas angenehmer. Die Schikanen hörten weitgehend
auf. Während der Einsatzzeit auf dem Flughafen Wittmundhafen
wurden wir dann recht fair behandelt. Wir arbeiteten dort im Sommer
mit freiem Oberkörper und Drillichhose. Der Truppführer
passte genau auf, dass niemand der Arbeitsmänner einen Sonnenbrand
bekam. Leider war ich wegen meiner sonnenempfindlichen Haut immer
einer der ersten, die das Unterhemd anziehen mussten und ich schwitzte
dementsprechend stärker.
Insgesamt gesehen habe ich die Arbeitsdienstzeit ohne körperliche
Schäden überstanden. Die Kameradschaft, das Miteinander
unter uns 17-jährigen Jungens war gut. Wir haben uns gegenseitig
geholfen und so das Beste aus der RAD-Zeit gemacht.
Am 23.5.43 schrieb ich meinen ersten Brief aus dem Arbeitsdienst
in Friesoythe:
"Ihr braucht keine Angst zu haben, weil ich das ganze
Zivilzeug zurückschicke. Wir haben hier so viel, dass wir
es kaum im Spind lassen können. Wir haben 2 Garnituren Tuchanzüge,
2 Garnituren Unterwäsche (Hemd u. Unterhose). Außerdem
3 Paar Schuhe. Auch Stahlhelm und Gasmaske haben wir schon bekommen.
Wir stehen morgens um 6.30 Uhr auf und gehen abends um 10.30
zu Bett. Mein Bett ist sehr gut. Fast so wie zu Hause. Wir haben
nämlich Matratzen. Wir essen viermal. Morgens um 7.30 Uhr,
um 10.00, um 12.30 und abends um 18.30 Uhr. Heute am Sonntag haben
wir zu Mittag ein großes Stück Braten, Salzkartoffeln,
Rote Beete, Soße und zum Nachtisch guten Pudding bekommen.
Nur Kuchen gibt es hier nicht. Vielleicht schickt Mutter mir mal
einen."
Am 1.6.43 schrieb ich:
"Ich will Euch kurz einmal einen Tag R.A.D. (Reichsarbeitsdienst)
schildern. Morgens um 5.30 Uhr wird draußen geblasen und
dann (Mutter staune) springe ich mit Hurra aus dem Bett. In einer
Minute stehen wir draußen im Trainingsanzug und schon geht's
zum Frühsport. Danach heißt es Betten bauen, waschen
und anziehen. Um halb sieben trinken wir Kaffee, dann ist Morgenappell
und dann kommt der Dienst. Zum Kaffee erhalten wir 20 gr. Butter,
10-13 Scheiben Brot und Marmelade. Außerdem natürlich
Kaffee. Um 10 Uhr gibt es schon wieder Frühstück. Es
gibt dann Roggensuppe. Bis Mittag haben wir dann gewöhnlich
A.T. (arbeitstechnischer Unterricht). Mittags gibt es um 12.30
Uhr Essen und zwar sehr gutes. Mittags ist Bettruhe und wir müssen
ins Bett. Nach dem Mittag haben wir meistens theoretischen Unterricht.
Um 7 Uhr abends gibt es Abendbrot, da gibt es meistens Tee oder
Milch (mit Mehl oder Gries) und 10 - 13 Scheiben Brot und sehr
viel Wurst oder Käse (Schmelz-, Harzer- oder Schnittkäse).
Um 9 Uhr ist Zapfenstreich und wir kriechen auf Kommando alle
ins Bett. Wir liegen mit 17 Mann auf der Stube. Ich bin noch lange
nicht der Größte - erst der 7. Es gibt hier wirklich
gutes Essen, nur Kuchen können Sie nicht für uns backen,
weil wir 235 Mann sind. Vielleicht schickst Du, liebe Mutter,
mir einen zu Pfingsten."
Am 22.6.43 schrieb ich aus Friesoythe:
"Liebe Eltern! Vielen Dank für Brief und Päckchen.
Habe das schöne Päckchen mit wunderbarem Schinken, 1
Waschlappen und Putzlappen am Sonnabend schon erhalten. Das Päckchen
ist also nur 1 Tag unterwegs gewesen.
Mit geht es hier ganz gut. Ich bin heute nur wieder einmal
geimpft worden. Diese Spritze ist aber lange nicht so schlimm
wie sonst (Wir wurden gegen alle möglichen ansteckenden
Krankheiten schutzgeimpft). Es ist ja schade, dass Ihr kein
Schmirgelpapier mehr bekommen könnt. Vielleicht sagt Ihr
mal einem von denen, die nach Lüneburg zur Schule fahren
Bescheid, dass sie etwas besorgen. Vielleicht bei Popken oder
sonst irgend in einem Eisengeschäft. Mit ATA und Vim geht
es nicht, weil richtig Stellen aus dem Spaten geschmirgelt werden
müssen.
Am Montag war in Cloppenburg ein großer Aufmarsch zur
Sonnenwendfeier. Wir hatten dort Ausgang. So hatte ich Gelegenheit,
mir die Stadt anzusehen. Wir sind dort mit 2 Abteilungen gewesen.
Unsere Abteilung war die beste. Unser Chef hat sich tüchtig
gefreut, so dass ich hoffe, dass wir morgen Abend frei haben.
Sonntag haben wir uns hier die Gegend angesehen und dabei einen
Bäckerladen gefunden, wo es ganz wunderbaren Kuchen gibt.
Die Marken (Lebensmittelmarken der kriegsbedingten Lebensmittelrationierung)
konnte ich alle gut gebrauchen (auch die Selbstversorgermarken).
Vielleicht seid Ihr so gut und schickt mir ein paar. Dann kann
ich Sonntag wieder Kuchen essen. Nun noch eine große Bitte.
Schickt bitte Geld. Auf Postanweisung dürft Ihr nicht mehr
als 10 M schicken. Aber im Brief geht es ja auch. Schickt bitte
so schnell wie möglich eine Uhr. Es ist schlecht wenn man
beim Ausgang nicht weiß wie viel die Uhr ist.
Viele Grüße aus dem RAD Euer Hermann."
Im Juni 1943 erfolgte dann die Vereidigung im Lager Friesoythe
![[RAD-Lager Friesoythe, 1943]](../../../objekte/pict/loh04/200x.jpg)
Am 26.6.43 schrieb ich dann an meine Eltern:
"Gestern hatten wir hier einen großen Luftkampf
über dem Lager. Acht englische Flugzeuge sind nicht weit
von hier abgeschossen worden. Letzte Woche haben wir am Kanal
in Elisabethfehn Steine für ein Kinderheim abgeladen. Aber
Mutter mache Dir keine Sorgen. Wir haben vorher Handschuhe empfangen
und haben uns so nicht die Hände kaputt gescheuert."
Im Juli 1943 sind wir nach Wittmundhafen verlegt worden und wurden
auf dem Rollfeld des Militärflugplatzes beim Bau von Beton-Start-
und Landebahnen eingesetzt.
![[RAD-Waldlager beim Flugplatz Wittmundhafen, 1943]](../../../objekte/pict/loh07/200x.jpg)
Ich bin dann am 12. August aus dem Arbeitsdienst in Wittmund entlassen
worden und in der 1. Garnitur Arbeitsdienstuniform nach Hause
(Echem) gefahren, weil die Zivilsachen nicht rechtzeitig eintrafen.
Der Aufenthalt zu Hause hat nur 2 Wochen, bis zum 26. August 1943,
gedauert
Am 26. August 1943 bin ich dann als Rekrut in Zivilzeug nach Utrecht/Holland
zur "Panzer-Division Hermann Göring" gefahren,
wo meine Ausbildung in der Wehrmacht begann.
Hermann Lohmann: Rekrutenzeit und Ausbildung in der Panzer-Division Hermann Göring
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