Bereits 1942 hatte ich mich unmittelbar nach der Musterung als
Kriegsfreiwilliger zur "Panzer-Division Hermann Göring",
einer voll motorisierten Luftwaffeneliteeinheit, gemeldet. Mein
Berufsziel war der "Höhere Forstdienst." Hierfür
war der Dienst in einer Eliteeinheit der deutschen Wehrmacht Voraussetzung.
Für Angehörige der Division des Reichsforstmeisters
Göring waren die Annahmechancen in den stark begehrten Forstberuf
besonders günstig. Für die Annahme zur Division H.G.
habe ich 1942 in Hamburg-Rissen eine Intelligenz- und Mutprüfung
ablegen müssen. Nur diejenigen, die diese Prüfung mindestens
mit "gut" bestanden, wurden angenommen.
Meine Annahmebescheinigung zur Division H.G. verhinderte, dass
ich im RAD von einer Anwerbekommission der Waffen-SS, wie viele
meiner Kameraden, genötigt werden konnte "freiwillig"
zur Waffen-SS zu gehen. Die Jungs wurden von der SS-Kommission
regelrecht moralisch weich geklopft, indem sie sagten: "Du
als deutscher Junge gehst doch wohl selbstverständlich zur
Waffen-SS" und ähnliches, dem die 17-jährigen Jungs
meistens nicht widerstehen konnten.
Ich wurde nach meiner Zeit im Reichsarbeitsdienst 1943 nach Hamburg
eingezogen. Von dort aus ging der Rekrutentransport mit der Eisenbahn
direkt nach Holland. Am 26. August 1943 bin ich in Zivilzeug in
Utrecht/Holland eingetroffen. Mein Bruder war zu diesem Zeitpunkt
gerade von der Ostfront bei Leningrad (St. Petersburg) im Urlaub,
als ich Soldat werden musste. Meine Mutter hat wohl bitterlich
geweint, als sie nun auch den zweiten Sohn im Alter von 17 Jahren
hergeben musste. Sie hat versucht, sich zu beherrschen, um mir
ihren Schmerz nicht so sehr zu zeigen.
Meinen Bruder habe ich seitdem nicht wieder gesehen. Er ist seit
dem 19.1.1944 in Russland vermisst. Kameraden der Sanitätskompanie
der 225.ID haben zur Erinnerung an ihre gefallenen Kameraden und
auch für meinen vermissten Bruder durch den Volksbund Kriegsgräberfürsorge
auf dem Soldatenfriedhof Narva/Estland Bäume pflanzen lassen.
Am 28.8.43 schrieb ich den ersten Brief aus Utrecht:
"Liebe Eltern u. Bruder!
Vorgestern bin ich hier angekommen und weiß jetzt noch
nicht, wo ich beikomme. (Zu welcher Waffengattung) Ich will hoffen,
dass dieser Brief dort ankommt. Wir dürfen ja eigentlich
noch nicht schreiben. Aber damit Ihr Euch nicht ängstigt,
stecke ich diesen Brief bei einer anderen Kompanie ein. Ich stecke
noch in Zivil und vielleicht auch noch einige Tage. Ihr dürft
nicht wiederschreiben. Die Kasernen sind hier blendend. Auch
die Stadt ist so. Mir und H. Krumstroh (Schulfreund aus Scharnebeck)
geht es noch sehr gut. Viele Grüße bis auf weiteres
in 4 Wochen
Euer Hermann
PS: Wir dürfen nicht eher schreiben."
Gemeinsam mit drei Forstmeistersöhnen habe ich mich damals,
als ich gefragt wurde, zu welcher Waffengattung ich möchte,
zu den Fallschirmjägern gemeldet. Wie dumm und verblendet
war man damals als Jugendlicher. Zu meinem großen Glück
hatte man in Utrecht keine Fallschirmjägereinheit in der
"Division Hermann Göring". Ich wurde Z.b.V. eingeteilt
= Zur besonderen Verwendung. Glücklich, weil wohl schon etwas
klüger, war ich, als ich zur Artillerie eingeteilt wurde.
Ich habe dann bis zum Kriegsende im "Fallschirm-Panzer-Artillerie-Regiment
HG" Dienst getan.
Die Grundausbildung (stehen, gehen und marschieren lernen) fand
zunächst in der Hoyel-Kaserne in Utrecht statt, wohin ich
auch in Zivil eingerückt war. Als wir dort in Zivilzeug ankamen,
ließ man uns erst mal vor dem Kasernentor hinlegen und hindurchrobben.
Auf dem Kasernenhof spielte das Musikkorps gerade "Alte Kameraden."
Ich dachte: "Na, das fängt hier ja gut an, das kann
ja heiter werden." Die Grundausbildung war hart. Die von
uns verlangten körperlichen Leistungen reichten bis an die
Grenze der physischen Erschöpfung. Oft haben wir uns in der
Kaserne an den Treppengeländern hochziehen müssen, um
in die Soldatenstuben im 1. oder 2. Stock zu gelangen. Wir wurden
systematisch hart gemacht, um für den Kriegseinsatz an der
Front fit zu sein.
Am 19. September 1943 wurden wir in die Krumhout-Kaserne verlegt,
und es begann die Ausbildung an der LFH 18, einer leichten Feldhaubitze
(Kanone), Geschossdurchmesser 10,5 cm. Zwischendurch fanden Ausmärsche
zwecks infanteristischer Geländeübungen in der näheren
Umgebung von Utrecht und auch auf dem Truppenübungsplatz
Hilversum statt. Nach Hilversum fuhren wir mit der normalen zivilen
Eisenbahn, nachdem wir geschlossen zum Bahnhof marschiert waren.
Probleme mit der holländischen Bevölkerung haben wir
jungen Soldaten nicht gehabt. Im Gegenteil, man hat uns geholfen.
Ich kann mich daran erinnern, dass wir einmal eine Feldübung
in einem Obstanbaugebiet hatten. Dort lagen Falläpfel unter
den Bäumen. Wir haben den Obstbauern höflich gefragt,
ob wir Äpfel aufsuchen dürften. Selbstverständlich
durften wir uns die Äpfel nehmen. Es war den deutschen Wehrmachtsangehörigen,
auch im Ausland, strengstens verboten, der Zivilbevölkerung
etwas wegzunehmen. Jeder Soldat hatte in seinem Soldbuch auf der
vorletzten Umschlagseite die 10 Gebote für die Kriegsführung
des deutschen Soldaten. Im 7. Gebot stand u.a.: "Die Zivilbevölkerung
ist unverletzlich. Der Soldat darf nicht plündern oder mutwillig
zerstören." Ob diese Anweisungen immer eingehalten wurden,
entzieht sich meiner Kenntnis. Ich persönlich habe Übergriffe
meiner Kameraden nicht erlebt. Mir sind auch Übergriffe anderer
Einheiten nicht bekannt geworden.
Ende Oktober 1943 habe ich mich als Kriegsoffiziersbewerber gemeldet.
Die Offizierstauglichkeit war eine Vorbedingung für die Annahme
in die Höhere Forstlaufbahn. Ich erinnere mich, dass wir
noch einmal richtig geschliffen wurden. Die Schleiferei, die jetzt
der Wachtmeister Endler (mir fällt sogar der Name noch ein)
mit uns vornahm, war unfair und fast grausam zu nennen. Insbesondere
in der Reitbahn auf dem losen Sand- und Sägemehlboden, wo
man bei jedem Schritt mit den Füßen tief einsank, pflegte
er uns Offiziersbewerber fertig zu machen. War er ein geistig
armer Sadist oder wollte man unsere Leistungsfähigkeit testen?
Einige gaben damals jedenfalls auf. Ich musste es ja durchstehen,
um meinen Traumberuf "Forstmeister" zu erlangen. Körperliche
Fitness konnte an der Front allerdings auch lebensrettend sein.
Nun Auszüge aus meinen in Utrecht/Holland geschriebenen Briefen.
Als Feldpost-Absender war angegeben: Soldat Hermann Lohmann Feldpost
Nr. L27 134 B Luftgau Postamt Amsterdam über Bentheim.
Am 19.9.43 schrieb ich:
"Es ist schade, dass Heinz (mein Bruder) schon
wieder weg ist (nämlich an die Ostfront südlich
Leningrad). Versucht es bitte noch mit dem Urlaub zur silbernen
Hochzeit (mit Beglaubigung vom Bürgermeister)."
Meine Eltern haben am 1. Oktober 1943 ihre silberne Hochzeit gehabt
und beide Kinder konnten nicht dabei sein, weil sie im Krieg Soldat
sein mussten und dafür keinen Urlaub bekamen.
Am 1.10.43 schrieb ich nach Hause:
"Liebe Eltern!
Heute habe ich den ganzen Tag an Euch gedacht. Hoffentlich
habt Ihr gut gefeiert. Sind wenigstens alle gekommen, die sich
angemeldet haben? Heute zu Eurer Silberhochzeit war der Dienst
zwar nicht leicht, aber ich bin heute Abend wenigstens mal satt
geworden, denn wir konnten noch einmal nachfassen. Ich muss immer
daran denken, dass Du mir mal gesagt hast, Vater, ich würde
froh sein, wenn ich noch einmal einen Schlag (Essen) extra
beim Militär bekommen würde, als ich einmal über
das Essen meckerte."
Am 6. Oktober 1943 wurde ich 18 Jahre alt. Ich war lang und dünn.
Wir Jungs hatten natürlich dauernd Hunger. Obwohl wir in
Holland waren, war die Verpflegung nicht sehr reichlich. Beim
Mittagessenempfang (meistens Eintopfessen) haben wir uns sofort
wieder in die Schlange der Soldaten eingereiht und stehend schnell
das Essen hinuntergeschlungen, um möglichst einen Nachschlag
zu erwischen. Essen und satt werden war überhaupt immer ein
wichtiges Thema während der Soldatenzeit.
18.10.43:
"Sonntag habe ich mich in der Stadt fotografieren lassen.
Aber es ist alles sehr teuer - 6 Bilder 5,50 Gulden. Da könnt
Ihr mal sehen, wie das Geld hingeht. Wir haben schon Wintersachen
empfangen. Aber hier wird es auch schon lausig kalt."
24.10.43:
"Heute haben wir zwar keinen Sonntag, aber dafür
einen großen Tag gehabt, denn heute habe ich den Reichsmarschall
(Hermann Göring) zum ersten Male gesehen, als er uns fragte,
wie alt wir wären und die Front abschritt. Anschließend
hat er noch eine Ansprache gehalten. Es ist dabei auch gefilmt
worden. Wenn Ihr vielleicht etwas davon in der Wochenschau seht,
wisst Ihr Bescheid."
Wir Jungens waren also damals beeindruckt und begeistert, als
Göring seine Ausbildungstruppe in weißer Reichsmarschalluniform
in Holland besuchte.
28.10.43:
"Liebe Eltern!
Meldet mich nicht für den gehobenen Forstdienst
an, wofür das Merkblatt ist, welches Ihr mir geschickt habt.
Also meldet mich nur für den höheren Forstdienst
an. Ich habe mich jetzt als Kriegsoffiziersbewerber gemeldet."
1.11.43:
"Sonntag hatten wir Ausgang in die Stadt, da konnte ich
die Kuchenmarken gut gebrauchen. Ich war nämlich im Wehrmachtsheim,
wo alles sehr schön und billig ist. Vielleicht ist es möglich,
dass Ihr mir noch Kuchenmarken schickt. Ich habe im Wehrmachtsheim
sehr schönen holländischen Butterkeks dafür kaufen
können."
Ja, wir waren zwangsläufig bescheiden. Alles war damals im
Kriege rationiert. Als Lebensmittelzuteilung erhielt die Bevölkerung
Lebensmittelmarken. Diese berechtigten in der aufgedruckten Menge
zum Einkauf von Lebensmitteln. So gab es eben auch Kuchenmarken
mit denen man sogar in Holland Kuchen kaufen konnte.
13.11.43
"Liebe Eltern!
Einem besonderen Umstand verdanke ich es, daß ich heute
die Zeit habe Euch einen ausführlichen Brief zu schreiben.
Denn wir haben neuerdings auch Lust bekommen, auf Wanderschaft
zu gehen. Es ist sehr nett von Dir, liebe Mutter, daß Du
Kuchen für mich gebacken hast, doch er wird mich wohl nicht
mehr erreichen. Ich hatte zwar einen Kopfschützer empfangen,
aber ich habe ihn wieder abgegeben. Vielen Dank, liebe Mutter,
für die Arbeit, die Du Dir bei den Handschuhen gemacht hast.
Ich glaube nicht, dass es dort so kalt wird, dass ich Handschuhe
brauche."