Einsätze bei Monte Cassino und Anzio/Nettuno 1943/44
Am 16. November 1943 sind wir nach unserer Ausbildung in der "Panzer-Division Hermann Göring"
per Eisenbahn nach Italien zum Fronteinsatz
transportiert worden. Alle, auch die Offiziersbewerber, kamen
aus Holland an die Front bei Monte Cassino.
Am 22.11.43 schickte ich meinen Eltern einen ersten Brief aus
Italien:
"Liebe Eltern! Endlich habe ich nach 6 Tagen Bahnfahrt
meine neue Unterkunft erreicht. Es war eine wunderbare Bahnfahrt
durch die wunderschönen Alpen, dann die Weinberge an den
Südhängen der Alpen und später als wir Oliven-,
Apfelsinen- und Feigenbäume sahen, waren wir platt. Außerdem
haben wir uns gewundert, dass uns auf fast jedem Bahnhof Rotwein
angeboten wurde. Jetzt habe ich schon Rotwein in "Massen"
getrunken und die ersten Feigen und Apfelsinen gepflückt.
Hier blühen jetzt die Alpenveilchen draußen im Gebirge
genauso wie zu Hause beim Gärtner. Wir liegen in einer Kapelle."
Wir waren kurzfristig hinter der Front für 1-2 Tage in einer
katholischen Kapelle untergebracht, um dann den einzelnen Fronttruppenteilen
als Ersatzleute zugeteilt zu werden. Es wurde gefragt, wer Abitur
oder Notabitur habe. Von denen, die sich meldeten, wurden dann
einige, wie auch ich, der Beobachtungsbatterie (BB) zugeteilt.
Während der Verteilung fragte ich den einteilenden Major,
ob nicht mein Schulfreund Hartwig Krumstroh aus Scharnebeck auch
zur BB eingeteilt werden könne. Ich hatte ihn nachts auf
dem Bahnhof in Bozen wieder getroffen. Er war mit mir zusammen
eingezogen und in Amersfoort/Holland ausgebildet worden. So wurde
auch Hartwig meiner Einheit zugeteilt. Glücklicherweise hat
er mit leichter Verwundung den Krieg überlebt. Ich hätte
mir sonst Vorwürfe gemacht, damals Schicksal gespielt zu
haben. Ich bin heute der Meinung, dass man in einer so gefährlichen
Lebensphase nicht in das Lebensschicksal eines anderen Menschen
eingreifen sollte.
Die Aufgaben der Beobachtungsbatterie H.G. (BB-H.G.) waren:
1.) Die Aufklärung feindlicher Artilleriestellungen
a) durch die Lichtmessstaffel
b) durch die Schallmessstaffel.
Mittels eines Licht- und Schallmessverfahrens wurde der Abschussblitz
bzw. der Abschussknall feindlicher Geschütze von 4-5 entlang
der Front verteilten Messstellen aus beobachtet und gemessen.
In der zentralen Auswertung wurde auf der Landkarte aufgrund der
verschiedenen Beobachtungsrichtungen bzw. des zeitlich unterschiedlichen
Eintreffens des Schalls bei den einzelnen Schallmessstellen der
Standort der feindlichen Artillerie bestimmt.
2.) Bereitstellung von Wetterdaten für die Artillerie und
Flakabteilungen der Division zur Ausschaltung ballistischer Einflüsse
auf die Geschossbahnen.
Zur Erarbeitung genauer Schießbefehle für die Artillerie,
um feindliche Geschützstellungen zielsicher und wirksam bekämpfen
zu können, wurden auch Wetterdaten benötigt. Insbesondere
waren dafür Windrichtung und Windgeschwindigkeit am Boden
und in größeren Höhen wegen der dadurch erfolgenden
Ablenkung der Geschosse in der Luft wichtig.
Die Messung erfolgte mittels mit Wasserstoff gefüllter roter
Wetterballons, deren Auftriebsgeschwindigkeit vorher mittels angehängter
Gewichte austariert wurde. Mit Hilfe eines Theodoliten (lt. Lexikon
ein Instrument zum genauen Messen von Horizontalwinkeln für
niedere und höhere Geodäsie) wurden durch anvisieren
des roten Ballons und messen von Winkeln Windrichtung und Windgeschwindigkeit
nach Auswertung im Auswertewagen bestimmt. Die Beobachtungen einschließlich
gemessener Temperaturen wurden in einer Wettermeldung, der sogenannten
"Barbarameldung" zusammen gefasst und telefonisch an
das ArKo= Artilleriekommando durchgegeben, das die Feuerbefehle
erstellte.
3.) Herstellung und Beschaffung von Kartenmaterial für die
Stäbe und Truppe.
Dafür war in der BB-H.G. ein Druckerei- und Vermessungstrupp
vorhanden, der Landkarten der jeweiligen Frontgebiete für
die Division zu erkunden und zu drucken hatte.
Beim Wettertrupp
Ich hatte also großes Glück, einem solchen "Intelligenzhaufen"
zugeteilt zu werden. Weiteres Glück hatte ich, als dann später
bei der Einheit gefragt wurde, wer Ahnung von Wetterkunde habe.
Ich habe mich gemeldet, weil ich mich schon immer für Meteorologie
interessiert hatte und ich auch gerade im Johanneum in Lüneburg
entsprechenden Unterricht gehabt hatte. So kam ich gemeinsam mit
Franz Heieis als Ersatz zum Wettertrupp der BB-H.G. Der Wettertrupp
bestand aus 8 Soldaten (1 Unteroffizier, 1 Kraftfahrer und 6 Wettermesser).
Es war eine schöne kleine relativ selbstständige Gruppe
Wir Wetterfrösche, wie wir uns nannten, haben uns immer gut
verstanden und uns gegenseitig geholfen. Mit den noch lebenden
Kameraden habe ich heute noch Kontakt. Ich war also bei einer
technischen Aufklärungseinheit, die normalerweise etwas rückwärtig
der HKL (Hauptkampflinie) im Einsatz war.
Am 25.11.43 schrieb ich meinen Eltern aus Italien (Feldpoststempel
27.11.43):
"Ich bin nun auf meiner neuen Dienststelle angekommen.
Ich habe es, glaube ich, sehr gut getroffen. Zu essen haben wir
hier reichlich. Vor allem Apfelsinen, Wein, Schnaps, Zucker usw.
Unsere Unterkunft ist hier sehr gut. Von den Italienern kann man
noch alles andere bekommen, wie z.B. Feigen, Äpfel, Eier,
geschlachtete Hühner usw."
Zur Beruhigung meiner Eltern habe ich damals wohl leicht übertrieben.
Allerdings teilten wir uns damals bei St. Apollinare / Cassino
mit Italienern ein Doppelhaus. Es war ein harmonisches Zusammenleben,
welches allerdings nicht sehr lange dauerte. Die Ereignisse an
der Front zwangen uns zum Stellungswechsel und die Italiener zum
Verlassen ihres Hauses. Die Italiener hatten in ihrer Haushälfte
einen Artillerietreffer in die dort noch übliche Kaminfeuerstelle
bekommen. Entsetzt und rußgeschwärzt wie Schornsteinfeger
kamen sie Hilfe suchend zu uns herüber. Glücklicherweise
war aber niemand verletzt.
Weiter schrieb ich: "Hier bei uns regnet es fast jeden
Tag. Neulich hatten wir fast 27° Wärme." Es
war die Regenzeit in Süditalien. Tagelang regnete es so stark
wie hier bei Gewitterregen. Das Wasser stürzte in den Hohlwegen
in reißenden Bächen bergab.
Damit wir unsere Barbara-Meldung absetzen konnten, hatten wir
einen Funktrupp zugeordnet bekommen. Das war für bewegliche
Fronten schon wichtig, damit die Artillerie- und Flak-Batterien
ihre Meldungen bekamen, die nach einem vereinbarten Schlüssel
alle 2 Stunden gesendet wurden. Nachteilig für uns allerdings
war, dass die Gegner ein hoch entwickeltes Funk-ortungsverfahren
besaßen. So wurde der Standort unseres Funktrupps bereits
nach dem 1. Funkspruch angepeilt und die ersten Granateinschläge
der feindlichen Artillerie saßen verdammt genau.
Wir bauten dann eine Fernsprechleitung in Verbindung mit dem Fernsprechtrupp
des Artillerie-Regiments bis zum Fluss Liri, der überquert
werden musste. Für diesen Teil der Leitung mussten wir auch
die Entstörung übernehmen, denn die Fernmelder vom Artillerie-Regiment
konnten den Fluss wegen des Hochwassers nicht überqueren.
So waren wir Tag und Nacht zusätzlich mit der Aufrechterhaltung
der Telefonverbindung beschäftigt. Sehr oft ist es vorgekommen,
dass ein Störtrupp noch gar nicht wieder zurück war
und die Leitung schon wieder unterbrochen war. Vielfach lag die
Störung auch auf der anderen Flussseite für die das
Regiment zuständig war. So hatten wir große Probleme
mit der Aufrechterhaltung einer Verbindung zu unseren Einheiten
und wir entschieden uns schließlich für einen Stellungswechsel
nach St. Giorgio.
Hier ein persönliches Erlebnis aus dieser Zeit: Es war wieder
einmal unsere Telefonleitung zerschossen. Ich musste auf Störungssuche
gehen. Mühsam bewegte ich mich mutterseelenallein in dem
durch Artillerieeinschläge aufgewühlten, zerschossenen,
matschigen Gelände, den Stahlhelm auf dem Kopf, die Telefonleitung
in der Hand, sofern sie nicht gut zu sehen war, und das Feldtelefon
umgehängt immer der Leitung entlang. Dabei war ich immer
darauf bedacht, bei Artilleriebeschuss in den nächsten Einschusstrichter
springen zu können.
Überhaupt konnte man bei Monte Cassino nicht einen Schritt
tun, ohne vorher nach der nächsten Deckungsmöglichkeit
zu suchen. Ich hatte von den alten, Front erfahrenen Kameraden
schon gelernt und aus eigenem Erleben bestätigt bekommen:
Bei langem Pfeifton sind die Artilleriegeschosse noch weit weg
und du brauchst dich nicht einmal zu bücken. Wenn es kurz
und energisch pfeift, schnell in Deckung werfen und wenn du das
Pfeifen nicht hörst, bist du tot. Das Letztere habe ich glücklicherweise
nicht erlebt. Das war so ein realitätsbewusster Soldatenschnack
(Galgenhumor).
Als ich einmal bei der Nässe in all dem Dreck und Matsch
endlich das andere Kabelende gefunden hatte und beide Leitungen
an das Feldtelefon anklemmte, kriegte ich einen gewaltigen elektrischen
Schlag. Am anderen Ende hatte mein Schulfreund Hartwig Krumstroh
an dem Feldtelefon gekurbelt. Das war mein erster Kontakt mit
meinem Schulfreund Hartwig, der in einem Schallmesstrupp gelandet
war. Wegen des Stromschlags habe ich ihn damals tüchtig beschimpft.
Ich war aber froh, nach mehreren zerschossenen Kabelstellen endlich
die Störungssuche in dem matschigen, mit wassergefüllten
Granattrichtern übersäten Gelände endlich beenden
zu können. Wenige Tage später erkannte ich immer deutlicher,
wie verheerend die Materialüberlegenheit der alliierten Truppen,
bestehend aus Amerikanern, Engländern, Franzosen, Polen (Anders-Armee),
Kanadiern, Neuseeländern, Marokkanern, Indern u. anderen
Truppen war, die bei Cassino gegen uns kämpften. Wir konnten
uns tagsüber kaum frei bewegen, ohne Gefahr zu laufen, von
feindlichen Flugzeugen an jedem Ort des Frontgebietes selbst als
einzelner Soldat angegriffen zu werden.
Hierzu ein am eigenen Leibe erlebtes Beispiel: Bei St. Giorgio,
wohin wir inzwischen verlegt worden waren, war ich mittags mit
einem Essenskanister auf dem Rücken zur Feldküche geschickt
worden. Als ich mit dem mit Suppe gefüllten Kanister auf
dem Rückweg war, griff mich bei strahlend blauem Himmel im
Sturzflug, obwohl ich ganz alleine war, ein Jabo (Jagdbomber)
an und klinkte 2 Bomben auf mich aus. Ich sehe heute noch, wie
die Bomben auf mich losstürzten und sich dabei drehten und
in der Sonne spiegelten. Geistesgegenwärtig sprang ich schnell
in eine schmale Pflugfurche und machte mich ganz lang, nur der
Essenskanister ragte wohl noch hervor. Eine Bombe schlug rechts
und eine links von mir ein und dann lief es mir heiß über
den Rücken. Ich dachte, ich wäre schwer verwundet und
mein Blut liefe mir über den Rücken. Die Bombensplitter
hatten aber nur den Suppenkanister durchlöchert und die heiße
Suppe lief mir über den Rücken. Ich blieb dank meiner
schnellen Reaktion unverletzt.
Persönlich habe ich die ganze Macht der feindlichen Artillerie
gespürt, als wir 36 Stunden lang im Bereich eines Trommelfeuers
lagen. Es wurde von den Alliierten vor allem der nahe liegende
Monte Camino beschossen, auf dem nur ein Zug Soldaten von uns
lag. Sie schossen auch mit Phosphorgranaten, so dass wir nachts
sehen konnten, wie der leuchtende, brennende Phosphor den Berg
herablief. Verwundungen durch Phosphorgranaten sind grausam und
furchtbar schmerzhaft. Von deutscher Seite sind meines Wissens
im 2. Weltkrieg keine Phosphorgranaten eingesetzt worden.
Damals, Anfang Dezember 1943, wurde mir sehr schnell klar, dass
der Kriegsverlauf von den materiell weit überlegenen Alliierten
diktiert wurde und wir Deutschen nur noch eine Zeitlang zur Verteidigung
fähig sein würden. Der Krieg war nicht mehr zu gewinnen,
sondern wurde nur noch verlängert. "Welch ein Wahnsinn"
denke ich heute und wie viele Menschen sollten noch leiden und
sterben müssen.
Wenn man heute auf dem deutschen Soldatenfriedhof Cassino die
Namen der gefallenen Kameraden liest und die Soldatenfriedhöfe
anderer Nationen rund um die Abtei Monte Cassino sieht, fragt
man sich, warum das alles geschehen musste. Wie dankbar können
wir sein, dass wir seitdem über 60 Jahre Frieden haben. Möge
er uns noch lange erhalten bleiben.
Kurz vor Weihnachten, am 15. Dezember 1943, schrieb ich zwecks
Beruhigung meiner Eltern: "Liebe Eltern, macht Euch bitte
keine Sorgen um mich, wenn Ihr unter dem Tannenbaum sitzt. Da
stellt nur Radio an und hört Weihnachtslieder. Wir haben
hier nämlich auch ein Radio und zufällig auch Strom.
Nur einen Christbaum haben wir nicht. Wir müssen schon einen
Pinienbaum nehmen."
Weihnachten bei Monte Cassino
Wir waren inzwischen nach Pignataro, nahe der Abtei Monte Cassino,
verlegt worden und hatten im Obergeschoß einer Mühle,
wo die Wohnung unbewohnt war, Quartier bezogen. Zu Weihnachten
war es uns gelungen mittels eines Stromaggregates der Beobachtungsbatterie
elektrischen Strom zu erzeugen und diesen mittels mehrerer Telefonkabel
in die Mühle zu leiten. So hatten wir Strom und die italienische
Bevölkerung, soweit sie noch im Frontbereich geblieben war,
konnte zu Weihnachten noch einmal Weizen zu Mehl mahlen. Aus der
ganzen Umgebung kamen Menschen mit Getreidesäcken und waren
glücklich, zu Weihnachten Weizenmehl zu bekommen.
Italien, den 19.12.43:
"Liebe Eltern, nach langer Zeit kann ich mal wieder bei
elektrischem Licht einen Brief schreiben. In 5 Tagen ist schon
Heiligabend. Aber hoffentlich macht Ihr Euch keine Sorgen. Ich
habe nämlich alles, was Ihr Euch denken könnt: Süßwein,
Braten, Nüsse, Apfelsinen, Christbaum und Süßigkeiten
mit wunderbarem Kuchen. Wir haben nämlich hier eine italienische
Familie kennen gelernt, die aus England vertrieben worden ist,
als der Krieg kam und daher englisch spricht. Wir haben bereits
Mehl, Süßwein, Weißwein, Rotwein und Weißbrot
von Ihnen bekommen und Weihnachten wollen sie noch Kuchen für
uns backen."
27.12.43
"Am ersten Weihnachtstag abends waren wir bei unseren
Italienern eingeladen, von denen wir auch das Radio haben. Es
gab Gänsebraten, Karnickelbraten, feines Gebäck und
verschiedene Weine."
Neujahr 1944
"Liebe Eltern, hoffentlich seid Ihr alle gut ins neue
Jahr gekommen, was ich von mir wohl behaupten kann. Wir haben
zusammen mit der italienischen Familie gefeiert, die wir diesmal
zu uns eingeladen haben. Zuerst haben wir jeder ein schönes
Stück Lammbraten gegessen. Dazu gab es Rot-, Weiß-
oder Süßwein. Zuletzt einen eisernen Schnaps, so dass
wir um 22 Uhr schon fast alle etwas blau waren. Endlich war es
24 Uhr, wir hatten kaum unseren Steinhäger weg, als es plötzlich
ein Krachen an der ganzen Front war. Der Tommy und wir schossen
Salut. Auch wir schossen mit Karabinern in die Luft. Du schreibst
mir, lieber Vater, dass ich in Lüneburg soweit angenommen
bin für den höheren Forstdienst und meine Papiere in
Berlin sind. Ich habe mich sehr gefreut. Vom Spieß (Hauptwachtmeister)
habe ich auch schon Bescheid bekommen, dass ich mich untersuchen
lassen muss."
Weihnachten und Neujahr war es an der Front bei Cassino relativ
ruhig. Wir lebten deshalb auch als Soldaten verhältnismäßig
gut.
Die Familie Rossi haben wir kurze Zeit später mit ihrem wichtigsten
Hausrat auf einem Wehrmachtslastwagen zu Verwandten in die Nähe
von Rom gebracht, als es in Pignataro immer gefährlicher
wurde. Fritz Speckmann hat sie begleitet. Der Wehrmachtslastwagen
musste aus der Nähe von Rom Material holen, so dass die Gelegenheit
für die Familie Rossi günstig war. Eigentlich war es
nicht erlaubt, Zivilpersonen auf Wehrmachtsfahrzeugen zu befördern.
Aber es wurde wohl nicht so eng gesehen, wenn die Fahrzeuge sowieso
leer ins Hinterland fuhren. Das Haus der Familie Rossi erhielt
schon am nächsten Tag einen Artillerievolltreffer.
![[Soldatenfriedhof Monte Cassino]](../../../objekte/pict/loh14/200x.jpg)
Wenn man heute dort oben auf dem Friedhof steht und der gefallenen
Kameraden gedenkt, fragt man sich: Wozu musste das sein? Das war
doch sinnlos.
Neujahr 1944 konnte ich einem Urlauber einen Brief aus Pignataro/Cassino
mitgeben und daher das schreiben, was sonst wegen der Geheimhaltung
verboten war:
"Liebe Eltern!
Ich bin kein Kanonier mehr, sondern Wettermesser und Prophet.
Ich schimpfe mich zwar noch Kanonier, habe aber mit Kanonen nichts
mehr zu tun. Wir sind hier im Wettertrupp 6 Wettermesser. Ich
liege noch 15 km (ich habe 10 km in dem Brief mit 15 überschrieben,
in Wirklichkeit waren es meistens ca. 5-7 km) hinter der Front,
so dass wir nur ganz selten Beschuss kriegen. Von unserem Fenster
aus kann ich Cassino sehen.
Viele Grüße aus Italien Euer Sohn Hermann"
Na ja, so beruhigt man seine Eltern. Ganz so harmlos war es dort,
wenn auch ca. 5-7 km hinter der HKL (Hauptkampflinie), ja nun
auch nicht. Unser roter Wetterballon, der nur ca. 1 m Durchmesser
hatte und mit Wasserstoff aufgeblasen war, wurde oft von alliierten
Fliegern abgeschossen. Oftmals gab es auch einen gezielten Feuerüberfall
durch Artilleriebeschuss, wobei nur instinktives, schnelles sich
auf den Boden werfen half, um den Granatsplittern zu entgehen.
Einmal fegten sogar Splitter durch das hölzerne Dreibeinstativ
des Theodoliten. Die verwachsenen Splittereinschläge in den
benachbarten Bäumen waren 1975 nach 31 Jahren noch gut zu
erkennen. Die Materialüberlegenheit der Alliierten war gewaltig.
Italien, 4.1.44
"Mit der Forstsache ist es ja sehr nett vorangegangen,
denn auf dem Vordruck für die ärztliche Untersuchung
stand schon, dass ich nicht erst zur Vormerkung sondern gleich
zur Zulassung untersucht würde. Aufgrund der Aufforderung
mich beim Arzt untersuchen zu lassen, war ich beim Truppenarzt,
der aber hier nicht die nötigen Geräte hat. Ich fahre
deshalb übermorgen in ein Lazarett, welches weiter rückwärts
von der Front liegt."
Italien, 8.1.44
"Vorgestern war ich zur Untersuchung auf Forsttauglichkeit
bei Rom mit dem Erfolg, dass ich forsttauglich geschrieben wurde."
Die Zulassung zum höheren Forstdienst wurde unmittelbar nach
Kriegsende im Oktober 1945 durch das Landesforstamt in Sarstedt
widerrufen, weil die Ostgebiete verloren waren. Außerdem
mussten geflüchtete, sowie die aus der Wehrmacht entlassenen
Förster und Forstanwärter vorrangig untergebracht werden.
So war es für mich aussichtslos geworden, meinen Traumberuf
ausüben zu können.
Am 22. Januar 1944 landeten die Alliierten mit 36.000 Mann und
3.250 Fahrzeugen bei Nettuno im Hafen von Anzio, unterstützt
von 10 Kreuzern und 20 Zerstörern mit ihren Schiffsgeschützen.
Wir wurden etwa am 31. Januar 1944 in die Nähe des alliierten
Landekopfes zunächst nach Albano-Genzano bei Castel Gandolfo,
dem Sommersitz des Papstes, verlegt.
Von dort schrieb ich am 2.2.44:
"Wir haben augenblicklich ein ganz prima Leben. Wir wohnen
in einer wunderschönen Villa, von wo aus man an klaren Tagen
einen wunderbaren Blick über die Ebene (gemeint sind die
trockengelegten und kultivierten ehemaligen pontinischen Sümpfe)
zum Mittelmeer hat. Ich wohne mit noch einem Kameraden zusammen
in einem Zimmer mit wunderbaren Möbeln und Betten mit Federmatratzen.
Außerdem ist in diesem Haus Wasserleitung und Zentralheizung,
die aber nicht mehr funktioniert. Oben auf dem Dach ist ein wunderbarer
Blick über riesige Olivenhaine. Wie vom Flugzeug aus sieht
man alles und an klaren Tagen sogar die Schiffe auf dem Meer (die
alliierte Landungsflotte, gegen die wir machtlos waren, weil wir
kaum noch Flugzeuge hatten. Die Alliierten hatten die absolute
Luftherrschaft.
Nun recht herzliche Grüße Euer Sohn Hermann."
Bei aller Begeisterung für die schöne Landschaft der
Gegend um Albano waren wir ständig den Angriffen feindlicher
Flugzeuge und dem Beschuss der Schiffsgeschütze mit den 40-cm-Granaten,
die sehr große Löcher rissen, ausgesetzt. Kurz darauf
wurden wir näher an der alliierten Landungsstelle Nettuno
eingesetzt. Unsere Unterkunft war damals ein einzeln liegendes
Haus bei Doganella/Ninfa. Wir wohnten dort gemeinsam mit einer
italienischen Familie namens Scaini, die nicht geflüchtet
war. Es war ein sehr harmonisches Verhältnis. Die Familie
bestand aus 7 Personen: Großeltern, Eltern und 3 Kinder.
Eine kuriose Begebenheit fällt mir dabei ein: Als wir dort
einzogen, gab es wie üblich keine Toiletten. Das erste, was
wir Landser bauten, und zwar unter den staunenden Blicken der
italienischen Landbevölkerung, war ein so genannter "Donnerbalken".
Es wurde eine längliche Grube gegraben, über die in
Sitzhöhe ein Holzbalken angebracht wurde. So konnte man bequem
"Abprotzen", wie wir Soldaten das nannten. Manchmal
war gegen umherfliegende Granatsplitter, wie auch bei Cassino,
ein Splitterschutz aus Felssteinen erforderlich, um dabei Ruhe
zu haben. Bei Verlassen der Stellung konnte man die Grube zuwerfen
und somit die menschlichen Exkremente umweltfreundlich beseitigen.
Bei längerem Aufenthalt an einem Ort wurde auch zwischendurch
etwas mit Erde abgedeckt, um Geruchsbelästigungen und Fliegenplagen
zu vermeiden.
![[Soldatenfriedhof Pomezia]](../../../objekte/pict/loh15/200x.jpg)
Am 28.2.44 schrieb ich:
"Liebe Eltern! Heute Mittag erhielt ich die traurige Nachricht
in einem Brief von Mutter vom 17.2. und außerdem einen von
Vater, dass Heinz in Russland vermisst ist. Ich war zuerst recht
niedergeschlagen, hoffe aber, dass er gesund in russische Gefangenschaft
gekommen ist und später einmal nach dem Kriege nach Hause
zurückkehren kann. Diese feste Hoffnung aber gibt mir weiterhin
Kraft, dass ich über den Schmerz hinwegkomme. Wolle Gott,
dass er einst nach diesem großen Kriege gesund in die deutsche
Heimat zurückkehren möge.
Liebe Eltern, Ihr meint, dass ich Urlaub einreichen solle.
Aber augenblicklich ist nichts zu machen, denn es ist Urlaubssperre."
Am 5.3.44 schrieb ich noch in einem flüchtigen Brief:
"Liebe Eltern! Ich will Euch schnell ein paar Zeiten schreiben,
weil ich weiß, dass Ihr Euch ängstigt, wenn ich mal
ein paar Tage nicht schreibe."
Kurz danach ist unsere Division aus dem Fronteinsatz im Raum Nettuno-Cisterna
zwecks Auffrischung (Personal- und Materialergänzung sowie
Kampfruhe) in den Raum Lucca, Pisa, Livorno, etwa 250 km nordwestlich
von Rom, an die Küste Liguriens verlegt worden.
Hermann Lohmann: Als Soldat in der Toskana 1944
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