Im März 1944 ist unsere "Panzerdivision Hermann Göring"
aus dem Fronteinsatz im Raum Nettuno-Cisterna zwecks Auffrischung
(Personal- und Materialergänzung sowie Kampfruhe) in den
Raum Lucca, Pisa, Livorno, etwa 250 km nordwestlich von Rom, an
die Küste Liguriens verlegt worden.
Am 11.3.1944 schrieb ich wahrscheinlich aus Montecatini Terme:
"Liebe Eltern, ich konnte leider nicht eher schreiben,
weil wir in eine andere Gegend gewandert sind. Hier, wo wir jetzt
liegen, ist es im Gegensatz zu Süditalien sehr schön.
Ihr braucht jetzt keine Angst mehr zu haben, denn wir liegen in
R...e (gemeint war Ruhe, ich habe wohl als zur Geheimhaltung
verpflichteter Soldat nichts Genaueres zu schreiben gewagt)."
Auf dieser Fahrt in die schöne Toskana habe ich einiges von
Italien gesehen, obwohl wegen der Luftüberlegenheit der Alliierten
und der Gefahr der Jabo-Angriffe überwiegend nachts gefahren
wurde. Sofern tagsüber gefahren wurde, musste immer ein Kamerad
auf dem Kotflügel des Lkw sitzen, um Luftangriffe rechtzeitig
erkennen zu können. Nur durch sofortiges Abspringen vom Fahrzeug
und schnelles Deckung suchen in Bodenvertiefungen konnte man sein
Leben retten.
Am 22.3.1944 hatte ich Gelegenheit, Heinrich Burmester aus Elmshorn,
der in Urlaub fuhr, einen Brief mitzugeben:
"Liebe Eltern! Mir geht es hier noch sehr gut, was ich
auch von Euch hoffe. Wenn es nur unserem lieben Heinz (mein Bruder
Heinz Lohmann ist seit dem 19.1.1944 bei St.Petersburg in Russland
vermisst) gut gehen würde. Hoffentlich habt Ihr schon etwas
durch den Kraftfahrer über Heinz erfahren. Der weiß
doch sicher näheres über sein Schicksal. Hoffentlich
geht es ihm noch gut.
Wegen Urlaub habe ich unseren Unteroffizier schon gefragt und
der hat gesagt, dass er mal mit dem Spieß (Hauptwachtmeister)
darüber sprechen würde und von ihm aus könnte ich
sofort fahren, wenn einer von den beiden, die auf Urlaub sind,
zurückkommt. Ich kann nämlich so nicht von der Arbeit
weg und wenn ein Urlauber zurückkommt, kann einer fahren."
Meine Urlaubshoffnungen haben sich nicht erfüllt. Im Juni
1944 war wieder Großkampf mit Urlaubssperre und anschließend
folgte der sehr strapaziöse Rückzug in die Po-Ebene.
Italien, 27.3.44
"Liebe Eltern! "Gestern war Sonntag und da haben
wir einen kleinen Spaziergang in die Gegend gemacht. Wo man auch
hinsieht, sind Neuanpflanzungen von wunderbarem Toskanawein und
dazwischen Korn- und Blumenkohlfelder. Im Hintergrund die Appenien,
so dass diese Gegend hier sehr interessant ist. Wenn man in ein
Haus kommt, hat man, ehe man sich versieht, schon ein Glas mit
schönem Toskanawein vor sich stehen. So etwas wird Euch wohl
sehr komisch vorkommen, weil es dort bei Euch ja schon gar keinen
Wein mehr gibt und schon lange keinen so schönen, wie wir
ihn hier haben. Wenn ich in Urlaub kommen sollte, ist es klar,
dass ich Wein mitbringe. Vor allem werde ich sehen, etwas Marsalla
mit Ei zu bekommen, der so ähnlich wie Likörschmeckt.
Ein ¾-Liter kostet etwa 6,5o Mark. Also könnt Ihr Euch
vielleicht denken, wie der schmeckt (wahrscheinlich war das
relativ teuer). Gestern war ich mit noch 2 Kameraden in der
Kirche und habe sie mir angeschaut. Ich war recht über die
Schönheit dieser Kirche erstaunt. Ich habe mich gefreut,
dass ich die Kirche gesehen habe."
Aus meinem Brief spricht eine große Begeisterung für
die Toskana. Diese Landschaft kann mich auch heute noch immer
wieder begeistern.
Am 1. Mai 1944 habe ich wieder einem Urlauber, wahrscheinlich
Willi Busch aus Recklinghausen, einen Brief mitgegeben:
"Liebe Eltern! Ich liege hier schon 1½ Monate in
Ruhe in der Gegend von Pisa (Perignano) und zuerst in Pescia.
Wie ich sicher schon oft geschrieben habe, ist es hier eine ganz
nette Gegend. Neulich war ich ein paar Tage zur Aushilfe bei der
Lichtmessstelle. Ich lag auf den Bergen hinter Livorno. Es ist
dort ein sehr schöner Blick auf die See und Livorno."
"20.4.44: Wunderschön ist es hier oben, wo man so
über die bewaldeten Höhen hinsieht, die ab und zu von
grünen Wiesen unterbrochen werden. An den steilen Hängen
der Südseite blühen schon viele Alpenveilchen. Das Meer
hat man hier so wunderbar zu Füßen liegen, dass es
eine Freude ist, auf das Meer hinauszuschauen. Es ist hier eine
richtige Erholung."
"25.4.44: Hier ist jetzt alles durch den Wind ausgetrocknet
und kein Regen fällt mehr vom Himmel, der fast jeden Tag
jetzt herrlich dunkelblau ist - viel blauer als zu Hause bei Euch.
Das dunkelblaue Meer bildet mit den weißen und gelben italienischen
Häusern, die oft von Palmen am Meer umgeben sind, ein wirklich
herrliches Bild."
Unsere militärische Aufgabe bestand darin, die alliierte
Kriegsflotte zu beobachten, die vor Livorno auf dem Mittelmeer
kreuzte. Die Beobachtung erfolgte mittels Scherenfernrohr, um
rechtzeitig vor einer Landung der Alliierten warnen zu können.
Die absolute Luftherrschaft erlaubte den Alliierten, ihre Kriegsschiffe
auch am Tage ungeniert vor unseren Augen außerhalb der Reichweite
der deutschen Artillerie kreuzen zu lassen. Hier wurde uns deutschen
Soldaten wieder vor Augen geführt, dass der Krieg für
uns verloren war. Hatte eine hinhaltende, Kriegsverlängernde
Verteidigung noch Sinn? Aber als Soldat hat man zu gehorchen und
nicht über Politik nachzudenken.
Am 1.5.44 schrieb ich:
"Vorgestern haben wir wieder einmal ganz neue Uniformen
bekommen. Jetzt haben wir grün (vorher luftwaffenblau),
Skihose und Mütze und Heeresrock mit Luftwaffenadler.
Eine ganz fabelhafte Uniform. Hoffentlich komme ich mit dieser
Uniform einmal in Urlaub. Ihr glaubt gar nicht, wie gut die Uniform
sitzt. So eine gut sitzende Uniform habe ich noch nie gehabt."
Ich wundere mich heute, dass ich mich damals für die Uniform
so begeistern konnte. Verständlich ist es vielleicht, weil
wir, außer der neuen Tropenuniform, bisher nur von anderen
Soldaten bereits getragene und gereinigte blaue Luftwaffenuniformen
gehabt hatten.
Neben unserem Quartier der Villa Luisa wohnte, wie auch heute
noch, die Familie Ricchi, die ich bei unserem Aufenthalt nebenan
in der Villa Luisa kennen gelernt hatte. Ich hatte mich besonders
mit dem Vater der Familie namens Pompeio angefreundet. In einem
Brief vom 15.5.44 erwähnte ich sie zum ersten Mal:
"Ich habe hier eine sehr nette Italienerfamilie kennen
gelernt, von denen ich so allerhand kriege, wie Obst, Wäschewaschen
usw. Also das passt mir gerade so recht. Ich kann mich mit den
Italienern schon recht gut verständigen und einige haben
mich schon gefragt, ob ich Italiener wäre, aber so ist es
ja doch noch nicht."
Es wundert mich heute, dass ich so fleißig geschrieben habe.
Bis dahin hatte ich also 1944 alle 2,4 Tage einen Brief geschrieben.
Diese vielen Briefe dienen mir heute als Tagebuch meiner Kriegserlebnisse.
21.5.44:
"Heute haben wir nach langer Zeit mal wieder Kartoffeln
gehabt. Aber die Makkaroni habe ich auch schon gewaltig satt.
Das Haus (in Echem) ist ja wohl schon ganz schön wieder
voll, wo jetzt die Bombengeschädigten auch bei uns wohnen.
Es ist doch jetzt sicher wieder sehr unruhig im Haus, aber es
ist eben nichts dran zu machen, denn Krieg ist Krieg."
Tieffliegerangriff
Erst am 27.5.44 konnte ich den nächsten Brief schreiben.
Unsere Division war am 23.5.44 im Alarmmarsch wieder an die Front
bei Valmontone befohlen worden, weil die Alliierten am 22.5.1944
zum Großangriff angesetzt hatten, um endlich Rom zu erreichen.
Wegen der Eile war auch Tagesmarsch befohlen - ein verhängnisvoller
Führungsfehler. Infolge der Luftherrschaft der Alliierten
erlitt besonders das Fallschirm-Panzerartillerie-Regiment H.G.
durch Tiefflieger hohe Verluste, insbesondere an Material. Die
Verluste an Menschen waren relativ gering. Auch unser Wetterwagen
(Opel-Blitz-Lkw mit geschlossenem Kastenaufbau für die Geräte
und Mannschaften) wurde am 23. Mai auf der Via Aurelia bei Follonica
gegenüber von Elba in Brand geschossen. Wir konnten uns glücklicherweise
nach Warnung unseres auf dem Kotflügel sitzenden Kameraden
als Fliegerbeobachter rechtzeitig durch Abspringen in Sicherheit
bringen. Wir suchten in Straßendurchlassrohren und hinter
Steinmauern am Hang Schutz. Vom Hang aus schossen wir mit Karabinern
auf die Tiefflieger mit dem Erfolg, dass ein Flugzeug brennend
abstürzte.
Im Wagen befanden sich 4 Flaschen mit Wasserstoffgas, Handgranaten,
Leuchtspur- und Gewehrmunition, die mit Zeitunterbrechung explodierten.
Die Flaschen mit dem hochexplosiven Gas sind zum Glück ausgebrannt.
Wegen der Unberechenbarkeit, wann was zur Explosion kommt, konnten
wir die aufgesuchte Deckung in unmittelbarer Nähe des Wagens
nicht verlassen.
Ich kann mich noch erinnern, dass mich später an diesem Tage
nach dem Verpflegungsempfang 2 Tiefflieger angriffen und mit ihren
Bordwaffen beschossen. Mit der Wurst unter dem Arm rannte ich
nun immer um einen großen Strohhaufen herum. Bevor die Flieger
umgedreht hatten, lief ich schnell auf die andere Seite, bis sie
wieder von der Seite angriffen. Glücklicherweise kamen die
beiden Flieger nicht auf die Idee, getrennt von beiden Seiten
gleichzeitig anzugreifen.
Soweit wir sehen konnten, war mindestens die Hälfte der Fahrzeuge
unserer Beobachtungsbatterie ausgebrannt. Weil wir dadurch nicht
mehr einsatzfähig waren, kamen wir nach wenigen Tagen wieder
in unser altes Quartier in Perignano zurück.
Von dort schrieb ich meinen Eltern am 27.5.44:
"Liebe Eltern! Heute komme ich endlich dazu, Euch schnell
einen Brief zu schreiben. Bei uns ist inzwischen etwas passiert,
aber nicht schlimm. Kriegt nun nicht gleich einen Schreck. Es
ist nämlich auch der Grund, dass ich mit Blei (Bleistift)
schreibe.
Meine Schrift entschuldigt bitte, denn ich bin an der rechten
Hand etwas verletzt (Haut abgeschürft). Lasst bitte aus den
Negativen, die noch bei Euch sind, neue Bilder machen und auch
ein Bild von Heinz, denn es ist alles verloren gegangen bis auf
das, was ich an und in den Taschen hatte. Ich bin jetzt wieder
auf meiner alten Stelle.
Auch alles andere ist verbrannt. 2 Füllhalter, 1 Drehbleistift
usw. Es ist ja sehr schade, aber Krieg ist Krieg. Es kann nun
sein, dass ich längere Zeit keine Post los werden kann, weil
wir hier weit von der Einheit entfernt alleine liegen
Herzliche grüße Euer Sohn Hermann."
Aus dem Brief erkenne ich eine gewisse Schicksalsergebenheit,
wenn ich schreibe: Es ist alles verbrannt, es ist ja sehr schade,
aber Krieg ist Krieg. Das ist ein "gesunder" Fatalismus.
Ständige Todesangst wäre schlimmer gewesen. Ich bin
oft gefragt worden, ob ich wohl während des Fronteinsatzes
ständig Angst vor dem Tode gehabt hätte.Ich kann mich
nicht daran erinnern, damals dauernd in Angst gelebt zu haben.
An der Front den Verstand zu verlieren ist lebensgefährlich
Sicherlich hatte man in gefährlichen Situationen ein mulmiges
Gefühl. Aber ich war auch optimistisch, dass es mich wohl
nicht treffen würde und das war gut so. Etwa 20 Jahre lang
habe ich nach dem Kriege furchtbare Angstträume gehabt. Ich
träumte immer wieder, ich wäre an der Front im Kriegseinsatz
und wachte oft schweißgebadet auf. Glücklicherweise
habe ich dieses Trauma allmählich überwunden.
31.5.44:
"Liebe Eltern! Hoffentlich habt Ihr Euch bei meinem letzten
Brief nicht zu sehr geängstigt. Einmal musste ich es Euch
ja doch wissen lassen. Entweder früher oder später.
Aber es war auch gar nicht schlimm und es ist ja auch alles gut
ausgegangen u. ich liege jetzt wieder dort, wo ich vor der Abfahrt
gelegen habe. Habe gute Verpflegung und oft Milch. Bei einer Familie,
die ich hier kennen gelernt habe, werde ich wie ein Sohn behandelt.
Jeden Sonntag muss ich mittags zum Essen kommen, weil ich dann
ja Zeit habe. So habe ich am ersten Pfingsttag erst wieder 4 Eier
zu essen bekommen u. Kirschen usw. Wenn ich auf einem Alltag mal
komme und ich bin kaum da, habe ich schon eine große Tasse
süße heiße Milch und geröstetes Brot und
was natürlich in Italien immer dazu gehört, ein Glas
Wein! Auch schwarzer Tee wird mir immer wieder angeboten und es
schmeckt wirklich fabelhaft.
Herzliche Grüße Euer Sohn Hermann."
Wie ich schon schrieb, habe ich in Perignano, wo ich mit Unterbrechungen
(Livorno, Marsch nach Süden) fast 3 Monate, ca. vom 20.3.
bis ca. 14.6.1944, gelegen habe, die Familie Ricchi kennen gelernt.
Obwohl ich nicht immer nebenan in der Villa Luisa, sondern auch
auf einem Bauernhof ca. 1 km entfernt und zuletzt im Herrenhaus
oder Schloss mit schönem Park des Conte Sanminiatelli untergebracht
war, war ich oft bei der Familie Ricchi zu Gast. Meine Besuche
im Garten der Familie habe ich in sehr angenehmer Erinnerung.
Als wir auf der Via Aurelia ausgebrannt waren und nach Perignano
zurückgekommen waren, saßen mein Kamerad Franz Heieis
und ich an der Straße auf der Bordsteinkante, wohl um auf
Quartierzuteilung zu warten. Da kam Pompeio, der Vater der Familie
Ricchi, vorbei. Er fragte mich: "Hermann, wie kommt es, dass
Du wieder hier bist?" Ich erklärte ihm, dass wir durch
Tieffliegerbeschuss ausgebrannt seien und ich außer meinem
Karabiner, den ich zwischen den Knien hielt, nur noch das hätte,
was ich am Leibe trug. Pompeio freute sich sehr, dass ich noch
lebte und lud mich zu einem Wiedersehensessen in sein Haus ein.
Mein ganzes Leben lang werde ich mich an die Gastfreundschaft
dieser italienischen Familie mit großer Dankbarkeit erinnern.
Die Mama Luisetta Ricchi hatte mir ein Festessen bereitet. Sie
hatten sicherlich selber nicht allzu viel. Aber es waren extra
Kaninchen geschlachtet worden. Mehrere Gänge, insbesondere
auch Schokoladenpudding, hatte die Mama zubereitet. Die ganze
Familie einschließlich der nächsten Verwandten nahmen
an dem Festessen teil. An einer langen Tafel wurde ich als Ehrengast
ganz oben an den Tisch gesetzt. Diese Ehre und Fürsorge,
die die Familie Ricchi mir als völlig fremden Soldaten eines
fremden Volkes erwiesen hat, werde ich nie vergessen.
Nach dem Kriege hatte ich kurze Zeit Postverbindung mit der Familie
Ricchi, die aber dann irgendwann einschlief. Es war auch recht
mühselig, Briefe in italienischer Sprache zu schreiben, weil
die Ricchis kein Deutsch verstanden. Erst 1975, nach 31 Jahren
war ich nach dem Krieg zum ersten Mal in Italien. An einem dunklen,
regnerischen Tag im April 1975 klopfte ich nach langem Suchen
im Ort an die hintere, zum Garten führende Küchentür.
Obwohl ich wohl mit dem Regenschirm über meinem Kopf schwer
zu erkennen war und unangemeldet nach 31 Jahren wiederkam, erkannte
mich Mama Luisetta sofort wieder und rief: "Erman" und
es wäre wunderbar, mich nach so langer Zeit wieder zu sehen.
Leider sei ihr Mann Pompeio verstorben und könnte das Wiedersehen
nun nicht mehr erleben. Sie sah mich mit einem mütterlich
seligen Gesichtsausdruck an und umarmte mich und sagte "recognoscuto
te subito" (ich habe Dich sofort wieder erkannt).
Ein paar Tage später waren wir bei meiner "Mama italiana"
Luisetta Ricchi zu Gast. Ich hatte ihr gesagt, sie sei meine zweite
Mutter - meine italienische Mutter (Mama italiana), weil sie mich
als jungen 18-jährigen Soldaten wie ihren eigenen Sohn betreut
habe. Ich glaube, sie hat sich sehr geehrt gefühlt. Bei Mama
Luisetta gab es ein Festessen. Es war einfach wunderbar, wieder
so in die Familie aufgenommen zu werden. Insbesondere hatte sie
Schokoladenpudding gekocht. Ich musste unbedingt den Schokoladenpudding
aufessen, obwohl ich schon gar nichts mehr essen konnte. Mama
Luisetta wusste nach 31 Jahren noch genau, dass das meine Lieblingsnachspeise
war.
Unser Handicap bei allen Besuchen war immer die Sprachbarriere.
Meine italienischen Freunde verstanden alle die deutsche Sprache
nicht und mein Italienisch ist trotz Volkshochschulkursen nur
mäßig. Es ist sehr anstrengend, sich mit Hilfe des
Wörterbuches und der nur mäßigen Sprachkenntnisse
stundenlang zu verständigen. Meine Mama Luisetta ist inzwischen
98 Jahre alt geworden. Sie freute sich auf unserem Besuch 2006
so sehr, dass sie schon eine Woche vorher italienische Lieder
gesungen haben soll, wie Ihre Familienangehörigen sagten.
Sie hat mich immer wieder umarmt und ich musste bei ihr sitzen
und ihre Hand halten. Sie war trotz ihres hohen Alters und ihrer
Probleme mit der Osteoporose geistig immer noch sehr rege.
Meine Mama Italiana, die mich als jungen Soldaten so gut betreut hat, ist am Palmsonntag, den 28. März 2010, um 21 Uhr im 99. Lebensjahr verstorben. Ihre Enkeltochter Chiara hat uns mitgeteilt, dass sie ohne Schmerzen zu erleiden ganz friedlich entschlafen ist. Ich danke Mama Luisetta Ricchi von ganzem Herzen für ihre Fürsorge.
Rückzug in die Po-Ebene
Nun zurück zu den Kriegserlebnissen. Mitte Juni 1944 begann
der Rückzug nach Norditalien.
Am 17.6.44 schrieb ich:
"Heute endlich kann ich glaube ich Post loswerden. Ich
habe einen Brief vom 8.6. schon bis jetzt in der Tasche getragen
und konnte ihn nicht loswerden. Ich glaube sicher, dass Ihr Euch
schon um mich Sorgen gemacht habt. Ganze 16 Tage (also ab 2.6.44)
habe ich nicht schreiben können. Aber jetzt ist endlich der
Zeitpunkt da. Ich habe auch noch keine Post von Euch seit dem
20. Mai, also bald einem Monat. Hoffentlich geht es Euch noch
so gut wie mir."
Am 18.6.1944 schrieb ich dann:
"Liebe Eltern! Heute bin ich nun endlich zu meinem alten
Standort zurückgekommen (ich meinte wohl alte Einheit) und
was meint Ihr wohl, es waren sage und schreibe 14 Briefe und 3
Zeitungen für mich da. Endlich nach 3 Wochen mal wieder Post.
Von Euch waren 2 Briefe von Mutter vom 19.5. und vom 21.5. und
2 Briefe von Vater vom 23.5. und 28.5. dabei. Meinen herzlichen
Dank für alle die schönen Mitteilungen. Hier ist es
jetzt gewaltig heiß. Ich schätze auf 35 - 40°
C Wärme, wenn nicht noch mehr."
Dieses lange Aussetzen der Feldpost erklärt sich aus dem
zum Teil fluchtartigen Rückzug aus der Toskana in die Poebene
bei Budrio. Ich kann mich daran erinnern, dass ich beim Rückzug,
der übrigens wegen der Tiefflieger nur nachts stattfinden
konnte, ein Pferd an der Hand geführt habe. Wir hatten ja
unseren Wetterwagen-Lkw durch Tieffliegerbeschuss verloren und
transportierten wohl notgedrungen einen Teil der Waffen und sonstige
Ausrüstung auf Pferdewagen. Jedenfalls habe ich bei diesem
Rückzug erfahren, dass der Mensch auch im Gehen schlafen
kann. Ich war so müde und kaputt, dass ich zeitweise, das
Pferd am Zügel haltend, nachts streckenweise einschlief und
dabei seltsamerweise nicht umfiel. Als wir das Rückzugsziel
nach Tagen endlich erreicht hatten, sind meine Kameraden und ich
in irgendeinem Schuppen auf Stroh eingeschlafen und wohl erst
nach 24 Stunden wieder aufgewacht. Jedenfalls fehlte uns danach
ein ganzer Tag.
30.6.44:
"Gibt es bei Euch auch so viele Fliegen wie hier, hoffentlich
doch nicht, denn es ist schrecklich, man kann sich der verdammten
Biester nicht erwehren. Zu Tausenden schwirren sie hier herum.
Ihr glaubt gar nicht, was das für eine Plage ist. Nachts,
wenn man gerade mal schlafen kann, weil es etwas kühler geworden
ist, kommen die Mücken und stechen einem die Haut kaputt.
Ich kann jetzt die Stiche nicht mehr zählen, so viele sind
es schon.
Andererseits gibt es hier furchtbar viel Obst. So esse ich
jeden Tag Pfirsiche, Pflaumen, Aprikosen und Birnen. Ich habe
hier jetzt schon so viele Pfirsiche gegessen, wie ich in meinen
ganzen 17 Jahren dort nicht gegessen habe. Die Aprikosen schmecken
mir zu wässerig.
Der Weizen ist schon fast alle gemäht. Bald geht's nördlicher.
Mit Urlaub ist es sehr unbestimmt, weil erst mal wieder Urlaubssperre
ist. Ob ich wohl überhaupt noch mal drankomme?"
15.7.44:
"Ich wohne hier jetzt alleine mit noch einem Kameraden
zusammen auf einem Bauernhof. Das Essen ist jetzt sehr gut und
die Leute sind auch sehr nett. Wir kriegen Früchte und Wein
von ihnen. Hier ist die Gegend genau so, wie bei uns zu Hause,
wie ich wohl schon geschrieben (Po-Ebene) habe. Es gibt hier allerhand
Fischteiche und wenn es dunkel werden will, will ich zum ersten
Male zum Angeln."
Unsere Division wurde in dieser Zeit langsam aus dem Kampfgeschehen
in Italien herausgelöst und zwischen Bologna und Ferrara
versammelt. Unsere Fahrt über das Apenningebirge habe ich
noch in etwas unangenehmer Erinnerung. Wir fuhren nachts, am Tage
war das wegen der alliierten Tiefflieger nicht möglich, mit
einem Lkw durch das teilweise sehr steile Gebirge. Ich saß
mit mehreren Kameraden auf der Ladefläche, auf der auch allerhand
Kriegsgerät lag. Die Fahrt ging in dunkler Nacht bei sehr
geringer Beleuchtung über steile Serpentinen hinauf auf den
fast 1000 m hoch liegenden Futa-Paß. Aus Verdunklungsgründen
wegen der Gefahr von Luftangriffen waren die Scheinwerfer bis
auf je einen kleinen Querschlitz zugeklebt, durch den nur wenig
Licht auf die Fahrbahn fiel. Als wir auf der Passhöhe angekommen
waren, blockierten plötzlich die Bremsen. Der Fahrer war
gezwungen, die Bremsflüssigkeit abzulassen, um die Bremsklötze
zu lösen. Hierbei bekamen wir von der rechten Seite plötzlich
Gewehrfeuer, wahrscheinlich von Partisanen. Schüsse von uns
in die Nacht hinaus etwa in die Richtung der Mündungsfeuer
genügten, um Ruhe zu schaffen. Die Partisanen hatten wohl
mehr Angst als wir.
Die Fahrt vom Futa-Paß hinunter in die Ebene bei Bologna
wurde dann zu einem riskanten Abenteuer. Mich wundert heute noch,
dass wir nicht irgendwo in eine Schlucht gestürzt sind. Der
Lkw-Fahrer hatte ja nur noch die Motorbremse für die steile,
kurven- und serpentinenreiche Abfahrt. Aber es ging alles gut.
Kupplung und Getriebe hielten die steile Abfahrt aus.
Bei Verona
Am 29.7.44 schrieb ich dann noch 2 Briefe aus Italien. Wir lagen
damals in einem Schloss oder Herrenhaus mit Dachterrasse im Außenbereich
von Verona und erwarteten die Verladung auf die Eisenbahn in Richtung
Deutschland. Während der Zeit des Wartens auf die Verladung
hatten wir Gelegenheit, im Staatstheater von Verona eine im Rahmen
der Truppenbetreuung durchgeführte Konzertveranstaltung zu
besuchen. Aus dieser Zeit erinnere ich mich an folgende Begebenheit:
Am 20. Juli 1944 war das misslungene Attentat auf Hitler gewesen.
Seitdem wurde in der gesamten Wehrmacht allgemein, anstatt des
internationalen militärischen Grußes durch Handanlegen
an die Kopfbedeckung, der Hitlergruß eingeführt, der
bis dahin nur in der Waffen-SS üblich war.
Wir Soldaten des Fallschirmpanzerkorps Hermann Göring waren
ebenso wie andere Wehrmachtssoldaten nicht gewillt, den Hitlergruß
auszuführen. Unseren Offizieren zuliebe haben wir es schließlich
getan, weil sie uns darum gebeten haben. Sie sagten: Bitte, tun
Sie uns den Gefallen und grüßen Sie mit dem Deutschen
Gruß, weil wir persönlich sonst erheblichen Ärger
bekommen. Das war die Einführung des so genannten "Deutschen
Grußes" in der Wehrmacht.
Am 29.7.44 schrieb ich u.a.:
"Während ich dies schreibe, beißen mich schon
wieder die Fliegen und krabbeln mir im Gesicht und auf den Händen
herum, während mir der Schweiß von der Stirne rinnt.
Hoffentlich geht's bald weiter, denn in diesem Bau ist es nicht
auszuhalten. Die Mücken haben mich mindestens schon 1000
x auf Hände und Arme gestochen, so dass es wie Masern aussieht.
Es ist nicht mehr auszuhalten."
Wenig später wurde meine Division dann von Italien nach Polen
verlegt.
Hermann Lohmann: Einsatz im großen Weichselbogen 1944