Im Sommer 1944 wurde meine Division nach Einsätzen in der Toskana nach Polen verlegt.
Von dort schrieb ich an meine Eltern:
"Auf Reise, d. 3.8.44. Liebe Eltern! Wie Ihr seht, bin
ich auf der Reise durch Deutschland, wohin weiß ich nicht.
Wir sind schon durch Weiden (Opf.) gekommen u. dann durch Eger.
In Weiden habe ich ein Paket an Euch abgeschickt per Express.
Mir geht es noch sehr gut, was ich auch von Euch hoffe. Meine
Adresse ist dieselbe. Nur das LgPa (Luftgaupostamt) wird sich
wohl mal ändern. Herzliche Grüße Euer Sohn Hermann.
Ich habe leider keine Marke!"
Am 7.8.44 schrieb ich dann an meine Eltern mit dem Absender: Soldat
H. Lohmann L 55613 Lg Pa Posen:
"Liebe Eltern! Wie Ihr wohl schon aus den Wehrmachtsberichten
gehört habt, hat sich unsere Division schon im Osten bewährt.
Danach sind wir also vom Süden nach dem Osten gekommen. Hier
in Polen geht's mir aber trotzdem auch ganz gut. Nur man versteht
die polnische Sprache nicht. Hier gibt es wenigstens mal Wälder
wie in Deutschland und außerdem auch Kartoffeln u. kalt
ist es jetzt auch noch nicht. ... Schickt mir bitte ein Buch deutsch-polnisch.
Viele Grüße Euer Sohn Hermann."
Wir sind am 31. Juli 1944 in Peri an der Etsch nördlich von
Verona auf und in Eisenbahnwaggons verladen worden. Die Fahrt
ging quer durch Deutschland Richtung Eger - Hirschberg/Schlesien
nach Warschau. Dort tobte der polnische Aufstand gegen die Deutschen,
der am 1. August 1944 begonnen hatte. Es war das Ziel der Nationalpolen,
sich selbst von den Deutschen zu befreien, bevor der Russe Warschau
einnahm. Die Russen aber blieben unmittelbar vor Warschau stehen
und unterstützten die Polen nicht. Stalin war es nur recht,
dass Deutsche und Nationalpolen sich gegenseitig umbrachten. Stalin
wollte kein unabhängiges Polen, sondern ein kommunistisches.
Hilfegesuche der polnischen Aufständischen lehnte Moskau
ab. Die Westalliierten warfen Waffen, Munition und Nahrungsmittel
über der Stadt ab. Nach 64 Tagen, am 2. Oktober 1944 kapitulierte
die polnische Heimatarmee.
Unsere aus Italien anrollenden Transportzüge waren von Partisanen
"angemeldet" worden. Beim Ausladen am Stadtrand von
Warschau wurden wir mit Granaten und Infanteriefeuer empfangen.
Glücklicherweise sind wir im Warschauer Aufstand nicht eingesetzt
worden, sondern fuhren am Stadtrand entlang südwärts.
Die Rauchschwaden von den Bränden, die nach der Bombardierung
durch deutsche Stukas entstanden, konnten wir aus der Ferne beobachten.
In den ersten Tagen kämpfte unsere Division zunächst
Südostwerts von Warschau bei Wolomin. Es gelang, das sowjetische
III. Panzerkorps hier am 23. August 1944 vernichtend zu schlagen.
Wir sind dann bis Anfang Oktober 1944 im großen Weichselbogen
bei Radom geblieben.
Ganz so harmlos wie sich die Briefe an meine Eltern anhören,
war es damals an der Ostfront nicht. Allerdings wurde es später
im September etwas ruhiger an der Front. Seitdem der Wetterwagen
mit allen Geräten auf der Via Aurelia in Italien verbrannt
war, wurde ich innerhalb der Beobachtungsbatterie beim Schallmesszug
eingesetzt. Mittels eines Schallmessverfahrens, wie vorne bereits
dargelegt, wurde Feindaufklärung, insbesondere der feindlichen
Artillerie, betrieben. Hierbei wurden an mehreren Stellen hinter
der Hauptkampflinie Mikrofone angebracht. Infolge der unterschiedlichen
Entfernung zum feindlichen Geschütz erreichte der Schall
zu unterschiedlichen Zeiten die ausgelegten Mikrofone. Dadurch
war das Errechnen des Standortes der feindlichen Geschütze
möglich.
Im großen Weichselbogen bei Radom. Am 10.8.44 schrieb ich
dann:
"Heute sind wir endlich wieder in unserer Stellung angekommen,
so dass wir wieder einen Tisch haben und man mal wieder gut schreiben
kann. Mir geht es immer noch sehr gut und der Iwan macht auch
nicht viel zu schaffen, nur die Straßen sind sehr schlecht,
teils versandet, teils verschlammt. Da ist es in Deutschland bedeutend
besser. Auch die Polacken-Läusekaten sind "toll".
Noch habe ich ja keine von den netten Tieren und hoffentlich dauert
es noch ein bißchen, bis wir sie kriegen."
13.8.44:
"Liebe Eltern! Heute bekam ich zum ersten Male in Polen
Post von Euch u. zwar gleich 6 Briefe. Ich habe mich sehr gefreut
über die Briefe, denn es ist immer wieder ein Stück
Heimat, wenn man so die Post liest. Als Ihr Eure Briefe schriebt,
wart Ihr natürlich noch der Meinung, dass ich in Italien
wäre. Aber Ihr wisst wohl jetzt schon, dass unsere Division
im Osten in Einsatz ist. Ihr braucht darum keine Angst zu haben,
denn es ist hier besser als in Italien, weil erstens statt der
feindlichen Flugzeuge den ganzen Tag über deutsche Flugzeuge
rumschwirren und die Ari (Artillerie) vom Iwan kommt auch kaum
zu Schuss, weil wir sie gleich aufklären und zur Sau machen.
Also ist der Einsatz hier nur halb so anstrengend u. gefährlich
wie in Italien."
18.8.44:
"Es ist ja toll, dass die Amerikaner auf der Feldkoppel
(ca. 200 m vom Dorf) eine Bombe abgeworfen haben. Aber ich glaube
ja nicht, dass es Absicht gewesen ist, denn sonst hätten
sie wohl mehr geworfen. Ihr könnt Euch ja ein Deckungsloch
bauen, wenn Ihr es für nötig haltet. Wir haben hier
auch so etwas und ich muss sagen, dass man gegen Bombensplitter
99 % sicher ist, wenn nicht gerade eine ins Loch fällt. Und
das passiert unter 1.000 Fällen einmal."
Ich wundere mich heute über das, was ich damals alles nach
Hause geschrieben habe. In den folgenden Briefen steht nichts
Aufregendes. Im großen Weichselbogen nordostwärts Radom
war es damals nach den Kämpfen um den Weichselbrückenkopf
Warka-Magnuszew an der Front verhältnismäßig ruhig.
17.9.1944:
"Gestern habe ich große Jagd gemacht und 42 Flöhe
und 7 Läuse erlegt. Aber jetzt haben wir unsere Wäsche
mit Lausemittel imprägniert, was die Läuse 3 Monate
fernhalten soll. Hoffentlich hilft es gut. Letzte Nacht hat es
hier zum ersten Male gefroren. Aber wir liegen hier gut und schön
warm. Im Winter werden wir den Backofen heizen und dann lass man
frieren."
Ich erinnere mich daran, dass ich möglichst lange draußen
im Freien geschlafen habe, obwohl ein Polenhaus, welches von der
Bevölkerung verlassen war, zur Verfügung stand. Dadurch
wollte ich erreichen, möglichst lange von den dort vorhandenen
Plagegeistern, wie Wanzen, Flöhen und Läusen verschont
zu bleiben. Als es dann nachts zu kalt wurde, bin auch ich in
das Polenhaus gezogen, wo wir auf dem Holzfußboden schliefen.
Sofort hatte auch ich zahlreiche Wanzen, die sich nachts von Decke
und Wänden auf uns fallen ließen. Diese stinkenden
Blutsauger hatte ich auch morgens noch am Körper. Wir haben
sie abgesammelt und zunächst in Streichholzschachteln gesteckt,
damit sie nicht wieder entwischen konnten. An den Einstichstellen
erzeugten diese Biester erheblich juckende Schwellungen. Von
den Plagegeistern haben mich die Wanzen am meisten gequält,
obwohl die zahlreichen Flöhe neben den Kleiderläusen
auch sehr unangenehm waren. Wenn wir Soldaten in ein unbewohntes
Polenhaus hineinkamen, hatten wir immer den Eindruck, dass uns
die dortigen hungrigen, blutgierigen Menschenflöhe von allen
Seiten ansprangen.
In diesem Herbst 1944 muss ich doch wohl Heimweh gehabt haben,
denn ich schrieb am 3.10.1944 u.a.:
"Mutter, Du hast schon recht, wenn Du schreibst, dass
ich mir wohl kaum mehr vorstellen könne, wie es zu Hause
aussieht. Ja, ich muss zugeben, dass es schon fast wirklich so
ist. Obwohl ich wohl noch genau weiß, wo alles steht, so
kommt mir doch alles wie ein Märchen vor, wie ein Traum,
den ich heute Nacht geträumt habe. Wer hätte im letzten
Jahre im August auch gedacht, dass es 13 Monate dauern würde
und wir hätten uns noch nicht wieder gesehen und wer weiß,
wie lange es noch dauern wird, bis ich endlich mal das Glück
habe, in die Heimat zu den Eltern zurückzukehren. In der
Fremde weiß man erst richtig die Eltern und die Heimat zu
schätzen. Wie etwas Heiliges kommt einem vor, was man früher
kaum gesehen oder gar gekränkt hat. Jeder Baum, jeder Strauch
und jeder Graben und Fluss und jeder Acker und jede Wiese kehren
wieder in Gedanken zurück und mir ist, als ob ich darüber
hinwandle, noch einmal auf dem Acker bin, im Wald oder in den
Wiesen. Und wenn man dann zum Heimatdorf geht, so steht es vor
einem und man geht hinein und begrüßt die Leute, die
von der Tagesarbeit nach Hause kommen und gelangt durch die Straßen
nach Hause. Jedes Zimmer und jede Tür tut sich auf zu einem
neuen Zimmer, bis man durch das ganze Haus gegangen ist und dann
in den Garten und man sieht jedes Stück Erde noch so, wie
man es verlassen hat. Man geht noch mal zum Bahnhof und sagt seiner
Heimat noch einmal Lebewohl. Nur einer, der fern von der Heimat
unter fremden Völkern gelebt hat, hat seine Heimat lieben
gelernt.
Liebe Eltern, mögt Ihr denken, ich philosophiere, aber
Ihr werdet es doch verstehen. Oft habe ich Euch geärgert;
aber damals war ich noch zu dumm, um zu begreifen was es heißt,
noch Eltern und eine Heimat zu haben. Jetzt wo ich fern der Heimat
bin, habe ich es schätzen gelernt."
Wenn ich heute, nach mehr als 60 Jahren, als 84-jähriger
diesen Brief lese, bin ich doch erstaunt, wie intensiv ich damals
als 19-jähriger Soldat meine Liebe zur Heimat auszudrücken
vermochte. Meinen Eltern habe ich damals sicherlich keinen guten
Dienst erwiesen, denn sie mussten erkennen, wie sehr ich unter
Heimweh litt.
Wie ich aus meinen Briefen ersehe, war es damals in Polen an der
Front relativ ruhig. An meinem 19. Geburtstag am 6.10.1944 freute
ich mich über die erhaltene Post. Ich bedankte mich besonders
für die erhaltenen Fußlappen für meine Stiefel
und Puddingpulver zum Puddingkochen, sowie ein Sternbüchlein
zum beobachten der Sterne bei Nachtwachen.
Meinem Vater schrieb ich dann am 7.10.1944 zu seinem 57. Geburtstag
am 17.10. u.a.:
"Hoffentlich wird es sich bald fügen, dass wir uns
alle wieder sehen und auch unser lieber Heinz aus der Gefangenschaft
zurückkommt. Hoffentlich wird es gelingen, dass dieser Krieg
bald ein Ende nimmt."
Das war mein letzter Brief aus Polen. Wir lagen in dieser Zeit
in der Nähe des Flusses Radomka nördlich Radom. Nun
ging es nach Ostpreußen, wo wir uns sowjetischen Angriffen
erwehren mussten.
Hermann Lohmann: Als Soldat in Ostpreußen 1944/45