Unsere "Panzer-Division Hermann Göring" hatte noch zu
Jahresbeginn 1945 Einsätze in Ostpreußen, wo bald eine
sowjetische Großoffensive begann. Am 14.1.1945 schrieb ich
denn schon: "Liebe Eltern! Ihr meint, dass ich vielleicht
in Kürze Urlaub bekomme. Nein, daran glaube ich nicht mehr,
denn gestern hat der Iwan wieder 4 Std. getrommelt (Artillerietrommelfeuer)
und wer weiß, ob es ihm doch noch gelingt durchzubrechen.
Dann ist wieder Urlaubssperre." Und fünf Tage später:
"Urlaub werde ich wohl sobald nicht bekommen, denn der
Iwan greift von allen Seiten an und wer weiß ob er uns nicht
noch eines Tages abschneidet, denn wir liegen gerade in einem
Sack."
Zu diesem Zeitpunkt waren die russischen Armeen bereits im Norden
bei Schloßberg und im Süden bei Goldap durchgebrochen
und hatten die mit Waffen sehr gut ausgerüstete 2. Division
des Fallschirmpanzerkorps H.G. einfach liegen lassen, um sie einzuschließen
und so kampflos zum Rückzug zu zwingen. Das war eine kluge
Taktik der Russen.
Mein Brief an meine Eltern vom 1.2.1945 lässt dann, wenn
auch mehr zwischen den Zeilen, auf katastrophale Zustände
in Ostpreußen schließen. Ich erinnere mich an das
Flüchtlingselend auf den schneeverwehten, eisglatten Straßen
bei bis zu 30° Kälte. Ich schrieb:
"Liebe Eltern!
Heute ist endlich mal wieder Gelegenheit, dass ich Euch eine Nachricht
von mir senden kann. Es muss ziemlich schnell gehen, denn um 9
Uhr geht die Post mit dem Sanitätsflugzeug weg und das ist
die einzige Gelegenheit. Hier ist jetzt allerhand los, wie Ihr
Euch wohl vorstellen könnt, wenn Ihr den Wehrmachtsbericht
gehört habt. Ihr wisst wohl sicher, dass wir hier eingeschlossen
sind, jedenfalls so fast bis auf einen kleinen Küstenstreifen.
Mit dem Essen ist es noch immer recht gut. Nur das Brot wird etwas
knapper, aber sitzt nicht zu Hause und macht Euch Sorgen, denn
mir geht es immer noch sehr gut. Mit dem Wetter geht es auch sehr
gut. Vor ein paar Tagen hatten wir fast 30° Kälte, dann
gewaltiges Schneetreiben, so dass man schon gar nichts mehr sehen
konnte und heute, am 1. Februar fängt es an zu tauen. Hoffentlich
gibt es Matschwetter, dann kann der Iwan nicht so schnell voran.
Nun wünsche ich Euch alles, alles erdenklich Gute und bleibt
alle gesund und munter. Herzliche Grüße Euer Sohn Hermann.
Gott sei mit uns in aller Not und Gefahr!"
Dieser Brief war damals wohl eine Art Abschiedsbrief, denn wir
befanden uns an der Front in Ostpreußen in einer sehr gefährlichen
Lage. Wir waren in Schneesturm und Kälte auf vereisten Straßen
auf dem Rückzug. Unser Lkw wurden wegen Benzinmangels zu
mehreren hintereinander gehängt und so von Dieselfahrzeugen
weitergeschleppt. So bewegten wir uns mühsam in Richtung
Zinten. Wir wussten damals nicht, welches Schicksal uns erwarten
würde.
Unterwegs irgendwo in Ostpreußen auf einer verschneiten,
eisglatten Straße entdeckte Fritz Speckmann aus Schulzenhof
bei Insterburg in einem Flüchtlingstreck plötzlich seinen
Vater. Er zog in dem Elendszug bei Schneetreiben und Eiseskälte
einen Kinderschlitten hinter sich her, auf dem er seine letzte
Habe verstaut hatte. Es war wirklich ein Wunder, dass der Sohn
seinen Vater in diesem winterlichen Chaos zigtausender von Flüchtlingen,
die sich in riesigen Trecks in Richtung Küste des Frischen
Haffs und Ostsee bewegten, zufällig gefunden hat. Die Familie
war bereits früher geflüchtet. Der Vater musste noch
beim Volkssturm bleiben und war dadurch ganz alleine auf der Flucht.
Dem Sohn Fritz gelang es nun, seinen Vater erst einmal bei uns
aufzunehmen. Als an der Front etwas Ruhe eintrat, konnte Fritz
seinen Vater, nachdem Tauwetter eingesetzt hatte, an der Küste
auf ein Schiff bringen. Die gesamte Familie konnte sich retten.
Am 21.2.45 schrieb ich an meine Eltern eine so genannte "Ostpreußen-Feldpost"-Karte:
"Liebe Eltern! Gestern bekamen wir diese Karten, um Euch
in der Heimat möglichst schnell ein Lebenszeichen zu senden.
Ihr braucht Euch um mich keine Sorgen zu machen, denn es geht
mir sehr gut! Herzliche Grüße Euer Sohn Hermann."
Diese Karte mit einem markigen Spruch von Hitler und der Parole
"Tapfer und Treu!" wird wohl besonders meine Mutter
sehr traurig gemacht haben. Meine Mutter wird bitterlich geweint
haben, als sie die Karte erhielt. Die Tränenspuren sind heute
noch zu erkennen.
In Folge der Großoffensive der Russen am 13. März 1945
und der gewaltigen Übermacht des Gegners an Menschen (fast
1:10) und Material wurden wir immer weiter in Richtung Frisches
Haff und Ostsee zurückgedrängt. Ich kann mich daran
erinnern, dass wir im Bereich Ludwigsort lagen und uns dort aus
Baumstämmen einen Bunker gebaut haben. In diesem Bunker bekamen
wir alle vorbeugend eine Tetanusspritze gegen Wundstarrkrampf.
Ich sah irgendwann vom Haffufer aus die Elendszüge der Flüchtlingstrecks
über das trügerische Eis des Frischen Haffs ziehen.
Jeden Tag und auch nachts kamen russische Flugzeuge und warfen
Bomben auf die Zivilbevölkerung und beschossen sie mit Bordwaffen.
Auf dem Eis waren die Menschen den Angriffen schutzlos ausgeliefert.
Das Eis war übersät mit toten Menschen, toten Pferden,
zerbombten Fluchtwagen und verstreutem Hausrat. Es war ein furchtbarer
Anblick.
Irgendwann im März 1945 taute das Eis auf dem Haff plötzlich
auf und eines Morgens war das ganze schreckliche Elend verschwunden.
Die Fluten des Haffs deckten es "gnädig" zu. Das
Wasser des Haffs vermittelte fast einen friedlichen Anblick. Wenn
wir nicht mit Grauen hätten daran denken müssen, was
darunter verborgen war. Aus dem Raum Ludwigsort kamen wir irgendwann
innerhalb des Kessels nach Heiligenbeil. Dort auf dem Flughafen
haben wir uns eingegraben. Von Heiligenbeil aus haben wir uns
damals über Gr. Hoppenbruch schließlich nach Balga
zurückgezogen. Das war unsere letzte Frontstellung in Ostpreußen.
Links und rechts eines Hohlweges zum Frischen Haff südlich
Balga lag unsere Einheit. Schnell gruben wir uns ein, um uns vor
dem dauernden Beschuss durch Artillerie und Stalinorgeln (Raketengeschosse)
sowie den Bomben der russischen Schlachtflieger zu schützen.
Die sowjetische Artillerie war in der Lage, Punktfeuer auf jedes
einzelne Ziel zu richten. Die Straße von Gr. Hoppenbmch
und Keimkallen war bei Tage überhaupt nicht mehr passierbar
und war ständig mit Wehrmachtsfahrzeugen verstopft. Der Frontverlauf
war etwa folgender: Am 24. und 25. März 1945 drangen die
sowjetischen Truppen von Heiligenbeil bis nach Rosenberg vor,
und besetzten die Haffküste bis nach Follendorf. Der Küstenstreifen
von Balga bis Kahlholz blieb zunächst noch in deutscher Hand.
Die Zerstörung von Balga begann am 24. März 1945 nachmittags.
Durch den Beschuss mit Brandgranaten und Phosphorbomben gerieten
alle Gebäude in Brand, den der starke Weststurm zu einer
Riesenfeuersbrunst anfachte. Was noch stehen blieb, wurde am 25.März
1945 durch Flieger- und Artilleriebeschuss vernichtet. Am 26.
März schwieg die feindliche Artillerie, dafür griffen
den ganze Tag Bomberverbände unsere Stellungen an und verwandelten
den letzten kleinen, von uns besetzten Geländestreifen in
eine Mondlandschaft. Als der Abend nahte, gab es keine organisierte
Abwehr mehr. Es gab keine Einheit, nur noch Überlebende,
die versuchten ein Deckungsloch zu finden oder zu graben.
Mit der Dunkelheit kamen die Nachtflugzeuge, die Rollbahnkrähen,
wie sie genannt wurden und belegten mit gut gezielten Bomben die
Haffküste. Als ich mein Deckungsloch westlich von Gr. Hoppenbruch
verließ, um in Richtung Balga nach etwaigen Überlebenden
der 14. Pionier-Kompanie HG zu suchen, rauscht eine Lawine von
Granaten heran (Stalinorgel) und ließ die Erde wie bei einem
Erdbeben erzittern. Ein schwarzgelber Qualm, in dem für Sekunden
taumelnde Menschen sichtbar wurden. Vier der taumelnden Menschen
kamen auf mich zu, ich schnellte hoch und zerrte sie zu mir in
die Deckung. Es waren Flüchtlinge aus Zinten, die mich mit
leeren Augen anstarrten, unverständliche Worte murmelten
und ehe ich es verhindern konnte, aufsprangen und in Richtung
Balga davonliefen. Sie hatten die nervliche Belastung nicht ausgehalten.
Die ganze Gegend am Haff, die von den russischen Batterien wie
auf einem Übungsgelände unter genaues Feuer genommen
werden konnte, wurde zum Massengrab. Die vielen Toten sie wirkten
wie Steine und niemand dachte an eine Bestattung.
Ich habe mein Deckungsloch damals rechts des Hohlweges unmittelbar
an der oberen Kante des Steilufers gegraben. Ich hatte mir damals
trotz aller Hektik überlegt, dass ich dort am sichersten
wäre. Alle Artilleriegeschosse und Bomben, die unmittelbar
links von mir oder direkt vor mir einschlagen würden, könnten
mir nicht gefährlich werden, denn sie würden vor der
Explosion die Steilhänge hinabstürzen. Nur unmittelbar
hinter mir auf etwa 70° des Umkreises, also knapp ¼
des umgebenden Geländes konnten mir Artilleriegranaten, Stalinorgelgeschosse
und Fliegerbomben gefährlich werden. Die von See her anfliegenden
russischen Schlachtflieger konnte ich rechtzeitig sehen und vor
den Bordwaffen schnell in Deckung gehen. Dieser strategisch gut
gelegene Punkt im Gelände hat mir sicherlich geholfen, mein
Leben zu retten.
Am 7.7.1996 habe ich mein altes Deckungsloch am Frischen Haff
in Nordostpreußen noch einmal aufgesucht. Es war aufgrund
der strategisch einmaligen Lage schnell gefunden. Es ist zwar
zugewachsen und etwas zusammengefallen, aber es existiert noch
und war noch 50 Jahren etwa knietief.
Ein weiterer Besuch meines Deckungsloches erfolgte am 22.8.2000
gemeinsam mit dem Redakteur des Deutschlandfunks Herrn Dr. Henning
von Löwis of Menar nach der Einweihung des Deutschen Soldatenfriedhofes
in Pillau. Darüber erschien im November 2000 ein Bericht
im "Rheinischen Merkur" (Siehe auch das Hörbuch:
"Der weite Weg zurück nach Balga).
Am 25.3.1945 wurde durch die Heeresführung endlich erlaubt,
den völlig sinnlos gewordenen Kampf gegen die riesige Übermacht
des russischen Gegners in Balga aufzugeben. Es wurde die Rettung
über das Frische Haff erlaubt. Es hieß schließlich:
"Rette sich wer kann!"
Hermann Lohmann: Rettung über das Frische Haff 1945