Im März 1945 hatte sich unsere "Panzer-Division Hermann
Göring" bei Balga am Frischen Haff der sowjetischen
Großoffensive zu erwehren. Am 25.3.1945 wurde durch die
Heeresführung endlich erlaubt, den völlig sinnlos gewordenen
Kampf gegen die riesige Übermacht des russischen Gegners
aufzugeben. Es wurde die Rettung über das Frische Haff erlaubt.
In der Nacht vom 27. auf den 28.3.1945 gelang es mir, mich über
das Haff zu retten. Es herrschte totales Chaos am Strand. Der
Russe schoss mit allem was ihm an Artillerie und Stalinorgeln
zur Verfügung stand in die Menschenmassen am Strand hinein
und auf die über das Haff mittels Booten und Flößen
flüchtenden Soldaten. Verwundete schrieen überall. Sie
wurden kaum oder gar nicht mehr versorgt. Ich dachte in diesem
furchtbaren nächtlichen Chaos nur: Hoffentlich wirst du nicht
verwundet, hoffentlich bist du gleich tot, wenn es dich treffen
sollte.
Am 27.3.1945, es war eine dunkle, mondlose, aber sternklare Nacht,
gespenstisch erleuchtet vom Feuer der Granateinschläge und
der Brände am Haffufer. Das Krachen, Bersten und Heulen der
Geschosse, das Schreien der Menschen, das Angstgewieher der Pferde
war grausam - es war die Hölle. Trotz allem gelang es mir,
auf einem Floß dem Inferno zu entkommen.
Als es dunkel wurde, stiegen wir auf ein selbstgebautes Floß,
welches aus einer Scheunentür bestand. Darunter waren leere
Benzinkanister mittels Telefondrähten und Nägeln befestigt.
Als wir mit etwa zehn Mann und unseren Gewehren und Rucksäcken
auf dem Floß standen, sprang vom flachen Strand noch ein
junger Soldat einer fremden Einheit auf unser Floß. Das
Floß trug uns nicht. Es ging am Strand unter. Als wir alles
Gepäck weggeworfen hatten, trug das Floß noch immer
nicht. Ein Mann musste von Bord gehen. Der junge fremde Soldat
wurde aufgefordert zu gehen und als er nicht freiwillig ging,
vom Floß gestoßen. Ich sehe ihn noch heute durch das
seichte Wasser zum Strand zurückwaten. Er schrie: "Mama,
hilf mir doch, hilf mir."
Das Floß hielt uns nur mühsam über Wasser. Auch
mich wären die sich auf dem Floß befindenden Unteroffiziere
und Wachmeister wohl am liebsten noch los gewesen. Aber sie hatten
wohl Angst, sich alleine nicht orientieren zu können. Ich
erklärte ihnen jedenfalls sehr schnell anhand der Sterne,
die in dieser dunklen, mondlosen Nacht gut zu sehen waren, wo
der Polarstern stehe und wo deshalb Norden sei. Ich weiß
bis heute nicht, ob sich wirklich keiner auf dem Floß am
Sternenhimmel auskannte. Ich blieb jedenfalls auf dem Floß.
Vielleicht hat mir ja die in der Schule und als Hobbyastronom
erworbene Kenntnis des Sternhimmels damals das Leben gerettet.
Einen Bericht hierzu schrieb ich meinen Eltern am nächsten
Morgen in Neutief auf der Frischen Nehrung gegenüber Pillau.
Es war ein seltsames Gefühl als plötzlich völlige
Ruhe herrschte. Es wurde also gegenüber in Balga nicht mehr
gekämpft. Der Russe hatte dort den Rest des Festlandes erobert.
Es war eine seltsame, trügerische, unheimliche Ruhe, die
ich nach all dem Chaos und Kampfeslärm irgendwie noch nicht
begreifen konnte.
In dieser Stimmung schrieb ich an meine Eltern folgenden Brief,
der noch am 6.4.1945 von einer Luftwaffeneinheit mit der Feldpost-Nr.
L48912 Luftgau-Postamt Königsberg Ostpreußen abgestempelt
worden ist. Erstaunlich ist, wie lange dort die Feldpost noch
funktionierte, denn am 9.4.1945 hat Königsberg kapituliert.
Ich habe den Brief mit Pillau, den 27.3.1945 datiert. Ich bin
aber der Meinung, ihn in Neutief gegenüber von Pillau unmittelbar
nach der Flucht über das Wasser des Haffs geschrieben zu
haben. Es muss der 28.3.1945 gewesen sein, denn der Russe hat
Balga am 28.3. eingenommen und es herrschte gegenüber auf
dem Festland bereits absolute Ruhe.
"Pillau, d. 27.III.1945
Meine lieben Eltern! Ihr habt sicher große Angst um mich
ausgestanden. Aber nun ist alles überstanden, denn ich bin
mit dem Rest meiner Kameraden glücklich der Hölle von
Balga entronnen. Es war wirklich furchtbar, was ich in den letzten
Tagen erlebt habe. Aber gestern abend hatte alles ein Ende. Es
wurde gerade dunkel, als wir uns ein Floß aus Holz und Benzinkanistern
machten und ruderten mit Hilfe von Spaten vom Land weg übers
Frische Haff. Wir waren mit 10 Mann auf einem Floß und mussten
alles Gepäck wegwerfen, weil es sonst zu schwer geworden
wäre. Als wir so 2 Stunden gerudert waren und schon der Erschöpfung
nahe, kam die Rettung. Ein Seenotboot kam auf uns zu geschossen
und nahm uns auf. War das ein herrliches Gefühl, als wir
nun endlich geborgen waren.
Mitten in dieser Hölle erhielt ich noch 3 Briefe
von Euch. 2 von Vater vom 21. u. 22.1. und von Mutter vom 10.2.
Meinen allerherzlichsten Dank dafür. Es war wirklich eine
Freude, als es mitten im Hexenkessel von Heiligenbeil hieß,
es gibt Post und es waren 3 Briefe für mich dabei. Was ich
in den letzten Tagen gesehen habe, kann ich Euch mit Worten gar
nicht schildern. Aber jetzt geht es mir wieder sehr gut, denn
nun sind wir geborgen. Hoffentlich geht es Euch auch noch einigermaßen
und macht Euch der Tommy nicht zu viel Sorgen mit seinen Fliegern!
Nun seid recht herzlich gegrüßt von Eurem Sohn Hermann.
Ich wollte mehr schreiben. Aber erstens geht es hier schlecht
und zweitens bin ich sehr müde und mit den Nerven fertig."
Es herrschte allgemein bei unserer Einheit ein chaotisches Durcheinander.
Wir wurden dann von Neutief nach Pillau gebracht. Dabei fanden
sich auch etwa 80 Mann von ca. 300 Mann meiner Einheit unter anderem
auch Fritz Speckmann und Franz Heieis wieder ein. Wir marschierten
dann durch das Samland in Richtung Fischhausen. Wir lagen dort
in einem Fichtenwald. Irgendwie haben wir uns dort im Wald mit
unterwegs gefundenen Ausrüstungsgegenständen wie Zeltplanen
und Decken wieder eingerichtet. Wir gruben im Wald eine 10-20
cm tiefe Mulde und machten sie eben. Dieser Liegeplatz für
3-4 Kameraden wurde dann mit Fichtenreisig ausgepolstert, um nicht
auf der nackten Erde liegen zu müssen. Darüber haben
wir wohl mittels Fichtenstangen ein Dach gebaut, welches wir mit
Fichtenreisig abgedeckt haben, um etwas vor Regen geschützt
zu sein.
Trotz allem haben wir den Mut nicht verloren. Wir hatten kein
Brot. Aber neben uns im Wald lag eine pferdebespannte Trosseinheit,
deren Planwagen bis oben hin mit Kommissbroten beladen waren.
Obwohl wir um Brot baten, gab uns der Zahlmeister nichts. Wir
griffen deshalb zu einer List. Zwei von uns Kameraden unterhielten
sich mit der Wache und lenkten deren Aufmerksamkeit von den Planwagen
ab. Währenddessen bestiegen andere von uns von hinten die
Planwagen und nahmen sich mehrere Arme voll Brot. Das Brot wurde
sofort unter den Kameraden unserer Einheit verteilt. In der letzten
Phase des Rückzuges in Ostpreußen kam es oft vor, dass
die Zahlmeister Verpflegungslager bis zuletzt verteidigten und
an die eigene Truppe nichts herausgaben. Viele Verpflegungslager
sind dadurch den Russen unversehrt in die Hände gefallen
oder wurden im letzten Augenblick in die Luft gesprengt. Es ist
aber auch öfter vorgekommen, dass Soldaten Zahlmeister gerade
noch rechtzeitig, teilweise sogar mit Waffengewalt, gezwungen
haben, die Verpflegungslager freizugeben. Wir brauchten jedenfalls
kein schlechtes Gewissen zu haben, als wir uns das Brot nahmen.
Am 1. Ostertag, den 1. April 1945 lagen wir noch bei Fischhausen
im Wald. Dort habe ich die Deutsche Frontzeitung "Der Stoßtrupp"
erhalten, die ich bis zu Hause in meiner Bekleidung zusammen mit
dem letzten Brief meiner Mutter bei mir getragen habe. Auch meinen
Fotoapparat habe ich bis zu Hause im Brotbeutel mitgeschleppt
und so gerettet. Dieses war nur möglich, weil ich nicht in
einem Gefangenenlager war. In dieser letzten Frontzeitung ist
der Kampf in Ostpreußen und die Schlacht am Frischen Haff
vom Kriegsberichter A. Haas verhältnismäßig sachlich
dargestellt. Allerdings stellt er trotz der katastrophalen deutschen
Niederlage die Kämpfe der eigenen Kameraden und der deutschen
Armee sehr positiv dar. Eine Betrachtungsweise, die auch heute
noch in jeder Armee der Welt trotz eigener Niederlagen üblich
ist. Die Vernichtung der Deutschen 4. Armee am Frischen Haff habe
ich miterlebt und überlebt. Kurz nach Ostern 1945 erfolgte
dann die Rettung über die Ostsee.
Hermann Lohmann: Rettung über die Ostsee 1945