Im März 1945 nahm unsere "Panzer-Division Hermann Göring"
an der Schlacht am Frischen Haff teil. Kurz nach Ostern 1945 erfolgte
unser Abtransport zurück nach Pillau, um dort zwecks Rückführung
der Reste der 2. Fallschirmpanzergrenadierdivision H.G. nach Mitteldeutschland
auf ein Frachtschiff verladen zu werden.
Unmittelbar vor der Verladung auf einen Frachter gemeinsam mit
Flüchtlingen und Verwundeten erlebten wir einen sehr massiven
russischen Bombenangriff. Wir standen bereits auf der Hafenmole
und es gab dort kaum Deckungsmöglichkeiten als Schutz vor
den umherfliegenden Bombensplittern und Trümmern. Auf der
Nachbarmole, so erinnere ich mich jedenfalls, gelang es mir mit
meinem Seitengewehr (auf den Karabiner für den Nahkampf aufsteckbares
langes dolchartiges Messer) schnell eine flache Mulde in das Erdreich
zu kratzen, um wenigstens etwas Schutz zu haben. Glücklicherweise
war diese Mole nicht gepflastert. Ich blieb unverletzt. Unser
Schiff lag mit Schlagseite halbversunken im Hafenbecken. Ob es
viele Verwundete und Tote im Hafen und an Bord gab, habe ich damals
wohl nicht erfahren. Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern
oder wir sind sofort vom Hafen abgezogen worden.
Etwa am 7. oder 8. April 1945 nachmittags wurden wir dann auf
ein anderes Frachtschiff verladen. Die Verladung gelang ohne Zwischenfälle.
Es war ein holländisches Frachtschiff. An Bord sollen etwa
5.000 Menschen gewesen sein. Davon waren etwa die Hälfte
Flüchtlinge. 2.500 Soldaten waren etwa an Bord. Davon etwa
1.000 Verwundete und ca. 1.500 kampffähige Soldaten, die
aus Ostpreußen zwecks Einsatzes an anderer Stelle herausgezogen
wurden. Darunter viele Angehörige unserer Division.
Die Menschen waren in den Frachträumen verteilt, die auf
mehreren Etagen übereinander lagen. Auch auf Deck verteilt
befanden sich Menschen. Ganz unten im Schiff zu liegen und völlig
dem Schicksal des Schiffes ausgeliefert zu sein, war mir unheimlich.
Ich hatte Angst, im Falle der Versenkung eingeschlossen zu werden
und so hilflos ertrinken zu müssen. So hielt ich mich möglichst
in der Nähe der obersten Ladeluke unter Deck auf, obwohl
es dort relativ kalt war.
Am 9.4.45 lagen wir mit unserem Geleitzug wegen U-Bootgefahr vor
Hela. Der Geleitzug soll aus 3 Transportschiffen, 2 Sicherungsbooten
und 2 Minensuchbooten bestanden haben. Infolge eines russischen
Bombenangriffs auf den Geleitzug fiel ein Schiff aus. Es war aber
keines von den großen Frachtschiffen. Es sollen weitere
Menschen an Bord gekommen sein. Ob alle gerettet wurden und wie
viele es waren, habe ich nicht erfahren. Infolge der Menschenmassen
an Bord habe ich damals eine Übernahme von Menschen nicht
gesehen.
Endlich am 11. oder 12. April 1945 liefen wir nachts in den Hafen
von Kopenhagen ein. In dieser Nacht fuhren wir an der friedensmäßig
strahlend hell erleuchteten schwedischen Stadt Malmö vorbei.
Mir wird stets in Erinnerung bleiben, wie diese Stadt hell erleuchtet
leise an der Steuerbordseite an uns vorbeizuschweben schien. Es
war wie eine Fata Morgana aus einer anderen Welt. Wir Soldaten
waren damals verdreckt, die Uniformen teilweise zerrissen und
dreckig. Wir waren verlaust. In dieser Situation kam uns eine
so herrlich hell erleuchtete Stadt natürlich wie ein Wunder
vor. So sah also der Frieden aus, nach dem wir uns so sehr sehnten.
Wir schliefen dann in einer Schule in Kopenhagen. Endlich konnten
wir uns dort ausstrecken und schlafen. Vor allem aber konnten
wir uns endlich wieder einmal satt essen, denn es gab in Dänemark
damals noch überall, auch in Gaststätten, genügend
zu essen.
Nachdem Flüchtlinge und Verwundete ausgeladen waren, ging
es wieder an Bord Richtung Swinemünde. Etwa am 13. oder 14.4.1945
kamen wir im Hafen von Swinemünde an. Beim Ausladen bekamen
wir schon russischen Artilleriebeschuss. Der Russe war also bereits
bis in den Raum Stettin vorgerückt. Das Frachtschiff, so
erinnere ich mich, sah furchtbar aus. Infolge fehlender sanitärer
Anlagen war das Schiff an allen Seiten mit einer gelbbraunen Kruste,
die aus Menschenkot bestand, bedeckt.
Wir wurden schnell ausgeladen. Mittags ging es sofort mit einem
Schnellboot weiter Richtung Stralsund. Wir fuhren mit hoher Geschwindigkeit
an der Küste entlang. Es waren etwa 100 Soldaten an Bord.
Viele konnten das heftige Auf und Ab des Bootes in den Wellen
nicht vertragen. Sie wurden schwer seekrank. Ich denke da besonders
an unseren österreichischen Leutnant Männel, der während
der ganzen Fahrt todkrank über der Reling hing. Ich bin glücklicherweise
nicht seekrank geworden.
In Stralsund wurden wir kurzfristig in einer Kaserne untergebracht.
Dort wurden wir auch endlich von den sehr lästigen Kleiderläusen
befreit. Das Läuseabsuchen und -knacken waren wir auch wirklich
leid. Wir waren so verlaust, dass die Läuse in Scharen aus
dem Nackenbereich herauskommend auf dem Kragen der Uniform herumspazierten,
die wir uns dann gegenseitig absuchten. Endlich wurden wir nun
davon erlöst. Alle Kleider einschließlich Unterwäsche
und Uniform wurden abgegeben und stark erhitzt. Unterdessen konnten
wir endlich unseren Körper unter den Duschen von dem Schmutz
des Ostpreußeneinsatzes und restlichen Läusen befreien.
Oh, war das eine Wohltat.
Anschließend ging es zwecks Neuaufstellung nach Sachsen,
wo ich dann das Ende des Zweiten Weltkrieges erlebte.
Hermann Lohmann: Kriegsende in Sachsen 1945