Nach schweren Kämpfen in Ostpreußen und der Rettung
über die Ostsee wurden wir geretteten Soldaten der Fsch.
Pz. Gren. Div. 2 H.G. zwecks Neuaufstellung im Raum Dresden etwa
am 17.4.1945 zunächst mit der Eisenbahn über Berlin
nach Jüterbog gebracht. Ich kann mich daran erinnern, dass
wir in Berlin im Stettiner Bahnhof ausgestiegen sind. Wir sind
dann dort über die umher liegenden Trümmer, die von
Bombenangriffen herrührten, durch irgendwelche Unterführungen
gestolpert, um dann den Zug nach Jüterbog zu erreichen.
Von Jüterbog aus zogen wir per Anhalter und teilweise zu
Fuß weiter in den Raum Dresden-Großenhain. Auf diesem
Weg hielt uns der "Heldenklau" an und wollte uns in
so genannte Alarmeinheiten zwecks Fronteinsatzes im Raum Berlin
stecken. Heldenklau nannten wir Soldaten die Angehörigen
der Feldgendarmerie, die die Aufgabe hatte, versprengte und zurückgehende
Soldaten aufzugreifen und an die Front zu schicken. In Ostpreußen
habe ich gesehen, dass eigene deutsche Soldaten, angeblich wegen
Feigheit vor dem Feinde, öffentlich erhängt worden waren.
Um den Hals trugen sie ein Schild mit der Aufschrift "Ich
war ein Feigling". Darunter am Baum war oft die Parole "Sieg
oder Sibirien" angebracht. Das war sehr makaber. Wenn eine
militärische Einheit soweit demoralisiert ist, dass sie ihre
eigenen Soldaten öffentlich erhängt, um die Truppe zu
disziplinieren, ist das Ende einer solchen Armee absehbar.
Uns ließ man in Mitteldeutschland weiterziehen. Es war wohl
bekannt, dass eine Neuaufstellung und Auffrischung der Fallschirmpanzergrenadierdivision
2 H.G. im Bezirk Dresden geplant war. Seit unserem Marsch durch
Sachsen weiß ich auch, was eine "Bemme" ist. Unterwegs
fragten uns Frauen: "Jungs, wollt Ihr 'ne Bemme ham?"
Zunächst sahen wir uns fragend an, bis wir begriffen hatten,
dass eine "Bemme" ein belegtes Butterbrot ist. Gerne
haben wir hungrigen Soldaten die belegten Brote von der Bevölkerung
genommen. Es war rührend, wie für uns gesorgt wurde.
Damals war diese Hilfeleistung selbstverständlich. Jeder
hatte irgendwelche Angehörigen, die irgendwo im Krieg waren.
Bis Ende April gelangten wir in den Raum von Wehlen an der Elbe
in der Nähe des Elbsandsteingebirges. Dort wurden wir 2 Wochen
vor Kriegsende völlig neu ausgerüstet. Wir haben uns
gewundert, dass noch soviel Material vorhanden war. Für uns
Soldaten gab es alles neu: Unterwäsche, neue feste Lederschuhe,
fabrikneue feldgraue Uniform mit Luftwaffenadler und "Hermann
Göring" Ärmelband sowie einen neuen Luftwaffenrucksack,
Kochgeschirr, Gasmaske, Gasplane und Brotbeutel mit Feldflasche
usw. An neuen Infanteriewaffen gab es für uns Artilleristen:
Schnellfeuergewehre, Maschinenpistolen und Pistolen. Das Artillerieregiment
wurde mit neuen leichten Feldhaubitzen (LFH 10,5 cm) und schweren
Feldhaubitzen (SFH 15 cm) als Artilleriegeschütze ausgerüstet.
Ich wurde als Vorgeschobener Artilleriebeobachter (VB) eingeteilt.
Der VB hat die Aufgabe vorne in der Nähe der HKL die Feuerbefehle
für die Geschütze zu geben und das Feuer zu beobachten
und zu lenken. Meine Kameraden des Wettertrupps und andere Angehörige
der Beobachtungsbatterie habe ich damals aus den Augen verloren.
Wir wurden völlig verschiedenen Truppenteilen des Artillerieregimentes
zugeteilt. Ein Gegenstoß gegen die russische Front mit der
neuen Ausrüstung brachte noch mal etwa 80 km Geländegewinn.
Der Russe zog sich schnell zurück. Dieser Erfolg brachte
Selbstvertrauen in die Truppe.
In dieser Zeit ging in der Wehrmacht folgende Parole, von den
Soldaten auch "Latrinenparole" genannt um: "Die
Amerikaner unter General Patton bleiben stehen. Sie waren ohnehin
schon bis nach Bayern und Sachsen vorgerückt. Sie beliefern
die deutsche Armee mit Waffen und dann geht es gemeinsam gegen
den Iwan." Es war eine große Begeisterung unter den
Soldaten. Auch der Russe war zu der Zeit materialmäßig
fast am Ende und wir glaubten die Russen mit Hilfe der Amerikaner
in 4 Wochen aus Deutschland vertreiben zu können.
Der Nationalsozialismus war nach dem Tod Hitlers am 1. Mai 1945
ohnehin in Auflösung begriffen und wir hofften, dass sich
der Stalinismus in Russland dann ebenfalls auflösen würde.
Leider wurde damals nichts daraus. Es wäre der Menschheit
viel Leid erspart geblieben. Am 2. Mai 1945 kapitulierte Berlin.
In den nächsten Tagen wurden wir zunächst zum "Weißen
Hirsch", einem Ortsteil Dresdens nördlich der Elbe verlegt.
Dann fuhren wir durch das im Februar 1945 total zerstörte
Stadtgebiet Dresdens nach Pirna südlich der Elbe. Oberhalb
der Stadt Pirna auf dem Sonnenstein, nahe des dortigen Kleingartengeländes,
richteten wir unsere Artillerie-Beobachtungsgestelle ein. Als
ich mich in diesen Tagen durch das Gelände bewegte und die
russischen Schlachtflieger fliegen und schießen sah, dachte
ich bei mir: "Der Krieg muss doch nun bald vorbei sein. Hoffentlich
kriegst du jetzt nicht noch eine verpasst." Außer russischen
Flugzeugen war am Himmel kaum ein deutsches Flugzeug zu sehen.
Allerdings sahen wir dort die ersten deutschen Düsenjagdflugzeuge
Me 262 noch im Einsatz. Dieses Jagdflugzeug raste so schnell durch
den Himmel, dass es schon verschwunden war, bevor wir es bemerkten.
Diese Flugzeuge kamen aber viel zu spät zum Einsatz. Es gab
damals allerdings keine gleichwertigen Gegner für diese Jagdflugzeuge.
Etwa am 6. Mai 1945 wurde ich mit noch einem Kameraden in Pirna
in die dem Kleingartengelände gegenüberliegenden Kasernen
geschickt, um von dort ein Scherenfernrohr zu holen. Als wir mit
dem Scherenfernrohr über die Straße zurück wollten,
sahen wir bereits die russischen Infanteriespitzen beiderseitig
unter den Bäumen an den Straßenrändern auf uns
zukommen. Darauf zu schießen, wäre sinnlos gewesen.
Es wurde Zeit, dass wir schnell über die Straße rannten,
um im Kleingartengelände zu verschwinden. So gelangten wir
noch gerade unbehelligt zu unserer VB-Stelle. Der Russe war dabei,
Pirna zu besetzen. In der ganzen Stadt schrieen die drangsalierten
Frauen. Dieses furchtbare Schreien und Wehklagen der Bevölkerung,
besonders der Frauen, welches von unten aus dem Tal direkt in
unheimlicher Lautstärke zu uns auf den Berg hinauf drang,
höre ich heute noch. Ich werde dieses furchtbare Erlebnis
nicht los, zumal wir nicht helfen konnten.
1991 war ich wieder an diesem Ort oberhalb der Kleingartenkolonie
und tatsächlich war jetzt der Verkehrslärm aus der im
Tal liegenden Stadt Pirna dort oben außerordentlich laut
zu hören.
Am 7.5.1945 bekamen wir den Befehl, uns in Richtung Tschechien
zurückzuziehen. Wir sollten uns bei Außig zum Amerikaner
durchschlagen. Dieser Befehl kam vom kommandierenden General Schörner,
bevor er sich mit einem "Fieseler Storch", einem Kleinflugzeug,
absetzte und sich persönlich in Sicherheit brachte.
Am 8.5.1945 kam der Befehl zur Kapitulation, welche am 9.5.1945
um 0.01 Uhr in Kraft trat.
Dieser Befehl hat uns, unterwegs in der Tschechei, direkt überhaupt
nicht erreicht. Aber es sprach sich unter den Soldaten herum,
dass Deutschland kapituliert habe und damit der Krieg vorbei sei.
Wir waren zwar froh, dass das Kämpfen und Sterben nun endlich
vorbei war, aber frei und glücklich fühlten wir uns
nicht. Wir wussten nicht, welches Schicksal uns erwarten würde.
Wir glaubten auch nicht, dass der Russe uns nach der Kapitulation,
wie es das internationale Kriegsrecht gemäß Haager
Landkriegsordnung (LKO) vorschreibt, nach der Entwaffnung unbehelligt
nach Hause gehen lassen würde. Auch die anderen Alliierten
beachteten die Haager Landkriegsordnung nicht. Gemäß
LKO hätten nach der Kapitulation, also nach Kriegsende, keine
Kriegsgefangenen mehr gemacht werden dürfen, sondern die
Kriegsgegner hätten die deutschen Soldaten nach Entwaffnung
ungehindert nach Hause gehen lassen müssen.
In der Tschechei kamen wir nicht weit. Den Russen bei Außig
zu entkommen, war unmöglich. Als Berlin am 2. Mai 1945 kapituliert
hatte, wurden russische Truppen frei, von denen wir dann sehr
schnell eingeschlossen wurden. Es gab also kein entrinnen. Wir
marschierten mit ca. 70 Mann innerhalb des Kessels bei Zinnwald
über die Grenze zurück nach Deutschland. Wir waren infanteristisch
noch voll bewaffnet und wurden deshalb von der tschechischen Bevölkerung,
die an den Straßen stand, nicht angegriffen.
Im Osterzgebirge zogen wir uns in die Bergwälder zurück,
um erst mal vor dem Zugriff der russischen Truppen in Sicherheit
zu sein und unsere Lage in Ruhe klären zu können. Wir
zogen in den Bergwäldern westwärts bis wir an ein Bergdorf
kamen. Dort sahen wir, dass Frauen dabei waren, Bettlaken zu zerreißen,
um weiße Armbinden für die Soldaten daraus zu machen.
Wir sahen auch, dass am Ende des bergab führenden Weges ein
russischer Soldat stand. Er ließ alle deutschen Soldaten,
die eine weiße Armbinde hatten, nach kurzer Kontrolle unbehelligt
weitergehen. Daraufhin fassten die meisten von uns und so auch
ich den Mut, zu dem russischen Kommissar hinunterzugehen. Ich
baute meine Maschinenpistole auseinander und warf die Einzelteile
in verschiedene Richtungen in die Büsche. Von den Frauen
erhielt ich auch eine weiße Armbinde und ging mit gemischten
Gefühlen hinunter zu dem Russen. Der fragte in bestem Deutsch:
"Du noch Waffen, Munition?" Ich sagte "nein".
"Dann alle nach Hause nach Mutter".
Das Hinübergehen zu den Russen ging ja reibungsloser, als
ich dachte. So zogen wir deutschen Soldaten dann entgegengesetzt
zu den russischen Truppen auf derselben Straße. Die Russen
zogen nach Süden Richtung Tschechoslowakei und wir gen Westen.
Es gab verhältnismäßig wenig Übergriffe durch
die Russen. Ich musste nur einmal irgendein Kraftfahrzeug mit
anschieben helfen, worüber ich mich irgendwie doch innerlich
erregte. Aber was sollte irgendeine Gegenreaktion. Wir mussten
uns in unserer Lage eben fügen.
Sobald wir konnten, verließen wir die Hauptstraße
und zogen auf Nebenstraßen durch die Berge. Unterwegs hatten
wir immer wieder in den Straßengräben viele Tote liegen
sehen. Es waren vielfach erschossene Angehörige von Polizeieinheiten,
was an der hellgrünen Uniform zu erkennen war. Warum die
Russen sie erschossen hatten, habe ich nicht erfahren können.
Ich hatte sicherheitshalber mein Ärmelband mit der Aufschrift
"Hermann Göring" abgetrennt und weggeworfen, um
nicht sofort als Angehöriger dieser Eliteeinheit erkannt
zu werden. Auch habe ich dann den Luftwaffenadler aus der feldgrauen
Uniform herausgetrennt, denn es gab in der deutschen Wehrmacht
nur eine Einheit, die feldgraue Uniform mit Luftwaffenadler trug,
nämlich unser Fallschirmpanzerkorps H.G. Bei uns ging immer
das Gerücht, dass bei den Russen ein Kopfgeld auf Angehörige
des Fallschirmpanzerkorps H.G. ausgesetzt sei. Dies sei der Fall,
seitdem die russische Eliteeinheit "Die Stalinschüler",
die grundsätzlich keine Gefangenen machten, sondern alle
Gegner vernichteten, von unseren Panzergrenadieren auch dementsprechend
bekämpft und bei Warschau total aufgerieben wurde.
Aus russischer Kriegsgefangenschaft zurückgekehrte Kameraden
haben berichtet, dass alle Angehörigen des Fallschirmpanzerkorps
sofort ohne Verhandlung zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt wurden.
Auch mein Soldbuch und meine Erkennungsmarke habe ich damals weggeworfen,
um in Gefangenschaft nicht als H.G.-Mann erkannt oder sofort erschossen
zu werden. Im Falle meines Todes bei Kriegsende wäre auch
ich genauso wie mein Bruder vermisst gewesen, weil ich nicht mehr
zu identifizieren gewesen wäre.
Unterwegs im Erzgebirge sind mir öfter Soldaten begegnet,
denen die Russen die guten Lederschuhe ausgezogen hatten und die
sich nun mit den russischen Schuhen herumquälten oder auf
Socken herumliefen, weil die Schuhe nicht passten. Meine neuen
Schuhe haben die Russen auch wiederholt angeschaut. Aber meine
Schuhe (Größe 47) waren ihnen wohl zu groß und
so behielt ich meine Schuhe.
An der Ausrüstung der nach Süden ziehenden russischen
Truppen konnte man erkennen, dass auch sie am Ende waren. Es waren
wenig Motorfahrzeuge zu sehen. Vorwiegend zogen Pferdefuhrwerke,
vor allem Panjewagen, mit vielen wohl erbeuteten Pferden und Massen
von Soldaten aller russischen und asiatischen Rassen in erdbraunen
Uniformen die Straßen entlang.
Am Ende dieses Tages gegen Abend verfolgten uns plötzlich
russische Soldaten und riefen uns etwas zu. Wir begriffen nicht,
was wir sollten, denn es war uns doch gesagt worden, wir könnten
alle "nach Hause nach Mutter" gehen. Es wurde aber ernst.
Die Russen schlugen uns mit Gewehrkolben ins Kreuz und riefen
dabei: "Dawai, dawai". Sie trieben uns auf eine große
Wiese, wo schon sehr viele Menschen lagerten. Im ersten Moment
dachte ich noch, es seien alles befreite Gefangene. Nein, dann
erkannte ich, dass es wohl an die tausend oder noch mehr deutsche
Soldaten waren, die zusammengetrieben worden waren und dort auf
der Erde saßen. Wir waren in russischer Kriegsgefangenschaft!
Hermann Lohmann: Gefangennahme durch die Rote Armee 1945