Gefangennahme durch die Rote Armee 1945
Nach dem in Sachsen erlebten Kriegsende 1945 geriet ich im Osterzgebirge in sowjetische
Gefangenschaft. Inmitten einer Masse deutscher Soldaten saß
ich auf einem Rasen und wartete, was nun wohl mit uns geschehen
würde. Es war wohl etwa der 10. Mai 1945. Ich fand noch etwas
Maschinenpistolenmunition in meinen Taschen und vergrub die Patronen
in der Erde, um nicht erschossen zu werden, wenn die Munition
gefunden werden würde. Spätabends kam ein Kommissar,
der in gutem Deutsch zu uns sprach. Er sagte u.a. wörtlich:
"Ihr kommt jetzt in ein Lager, kriegt Verpflegung und Papiere
und dann alle nach Chause nach Mutter." Das hörte sich
ja alles sehr positiv und beruhigend an. Aber ich glaubte dem
Russen nicht. Ich war misstrauisch.
Sofort begann das Aufstellen der gefangenen Soldaten in 5er-Reihen,
und so marschierten wir dann in die Nacht hinaus. Ich marschierte
aus Sicherheitsgründen in der mittelsten Reihe. Ich dachte
mir: "Wenn die Marschkolonne sich auflösen sollte, weil
viele Soldaten zu fliehen versuchen, dann werden die Russen an
der Kolonne entlang schießen, um die Gefangenen zusammen
zu halten. Du bist dann erst mal durch die Außenreihen geschützt."
Aber es geschah nichts dergleichen. Im Gegenteil, die deutschen
Soldaten freuten sich, dass nun endlich der Krieg vorbei war.
Es war ihnen ja auch versprochen worden, dass sie alle "nach
Hause nach Mutter" kämen. Auf dem nächtlichen Marsch
sangen die deutschen Soldaten die schönsten Soldatenlieder
mit einer Inbrunst, wie ich sie auf dem Kasernenhof oder auf Ausmärschen
nie gehört habe. Die Russen saßen abseits der Straßen
an Lagerfeuern und schossen vor Freude in die Luft und sangen
ebenfalls. Es war eine irgendwie befreiende aber dennoch bedrückende
Stimmung. Auf der einen Seite feierten die Sieger ihren Triumph
und auf der anderen Seite zogen die Gefangenen, die besiegten
Deutschen in die Nacht hinaus. Was sollte werden, denn ich traute
den Russen nicht. So marschierten wir immer weiter in die Nacht
hinein. Unterwegs konnte ich an den Straßenschildern erkennen,
dass der Marsch Richtung Dresden ging.
Irgendwann so um Mitternacht musste die Gefangenenkolonne halten,
weil auf der Hauptstraße vor uns Panzer fuhren. Die russischen
Soldaten bewachten uns recht locker. Sie dachten wohl, dass kaum
jemand fliehen würde, weil die deutschen Soldaten ja auch
so schön gesungen hatten. Wir hielten in einem Wald. Rechts
neben uns war eine dichte Fichtenschonung. Ich dachte, jetzt ist
Gelegenheit zur Flucht und sagte zu meinen rechten Nebenmännern,
die ich nicht kannte: "Lasst mich mal ins Außenglied."
"Was willst Du denn?" "Ich will abhauen, ich trau
dem Iwan nicht." "Welch ein Unsinn, warum willst Du
Dich in Gefahr begeben, wir kommen doch alle nach Hause".
Keiner wollte mitkommen. Vielleicht war das mein Glück, denn
die Gefangenenkolonne fing nicht an, sich aufzulösen. Alle
blieben, dem Herdentrieb des Menschen gehorchend, beim großen
Haufen. Jedenfalls habe ich als 19-Jähriger ganz alleine
die Flucht gewagt. Ich habe mich langsam auf den Boden in die
Hocke gesetzt und als nichts geschah, bin ich auf allen Vieren
langsam, jedes Knacken der Zweige vermeidend, durch den Straßengraben
etwa 100 Meter weit in die Fichtendickung gekrochen. Dort habe
ich mich mit meinem Mantel zugedeckt und bin wohl infolge der
Übermüdung sofort eingeschlafen. Als ich aufwachte,
war es bereits hell geworden und mir war kalt. Die Sonne ging
gerade auf. Es war wohl der 11. Mai 1945. Ich schlich vorsichtig
an die Straße und nahm Deckung hinter einem aufgeschichteten
Brennholzstapel. Der ganze nächtliche Spuk war verschwunden.
Es war kein gefangener deutscher Soldat mehr zu sehen. Nur ab
und zu fuhr ein russischer Panjewagen vorbei: Ich war allein.
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