Erinnerungen an den Reichsarbeitsdienst 1943
Es ist nicht meine Absicht, durch diese Aufzeichnungen eine Zeit
zu heroisieren, obwohl mancher Leser dieses in verschiedenen Passagen
vielleicht meinen könnte. Nein, ich habe diese Zeit, die
man auch das "1000 jährige Reich" nennt, wie jeder
andere Angehöriger des Geburtsjahrgangs 1925 einfach mitmachen
und durchleben müssen. Dabei wechselten meine Empfindungen
öfter zwischen Begeisterung und Enttäuschung. Durch
die langjährige politische Indoktrination in der Schule,
im Jungvolk und der Hitler-Jugend, waren wir jungen Leute - jedenfalls
die meisten von uns - dem Zeitgeist erlegen und standen dem Hitler-Regime,
wie auch der überwiegende Teil der gesamten deutschen Bevölkerung,
unkritisch gegenüber. Das ist uns sehr viel später erst
bewußt geworden, was es heißt, in einer Diktatur zu
leben, die von einer Clique fanatischer Ideologen bestimmt wird,
wo jede Opposition lebensbedrohend war und wo Rassenwahn herrschte.
Die Mehrzahl der Volksgenossen hatte völlig falsche Vorstellungen,
was in den Konzentrationslagern (KZ), vor sich ging, dass Juden,
Zigeuner, Oppositionelle, u.a. Menschen dort - auf welche Weise
auch immer - umgebracht wurden. Und wenn heute tausendmal die
Frage an unsere Generation gerichtet wird: "Warum habt ihr
das alles zugelassen?" , so werden wir ehrlich antworten,
daß wir das zu der Zeit nicht gewußt haben.
Was uns Jugendlichen 1943 und schon einige Zeit vorher bewegte,
war der Krieg, der fortschreitend eskalierte, nicht nur an den
Fronten, sondern auch in der Heimat. Wir, die gerade 17-18 Jahre
alt waren, fragten uns, wann wir denn nun endlich auch unseren
Einberufungsbefehl zur Wehrmacht, der damals "Stellungsbefehl"
genannt wurde, erhalten würden? Wir glaubten ja noch - im
Nachhinein gesehen törichterweise - an den Endsieg, der uns
von allen offiziellen Seiten her eingeredet wurde. Dabei erhielten
wir unsere Informationen vornehmlich aus den Zeitungen, dem Radio
und aus den in den Kinos gezeigten Wochenschauen. Alle Aussagen
dieser Medien waren vom Reichspropagandaministerium in Berlin,
das unter den Direktiven des Ministers Dr. Joseph Goebbels stand,
beeinflußt, zensiert und im ganzen Reichsgebiet gleichgeschaltet.
Dieser Minister inszenierte einen fast religiös anmutenden
Hitler-Mythos. Nach der ersten großen Niederlage unserer
Armeen in Stalingrad, propagierte er im Februar 1943 im Berliner
Sportpalast den "Totalen Krieg". Eine gespensterhaft
anmutende Aufforderung, die emphatisch bei fast allen Teilnehmern
dieser Veranstaltung jubelnden Beifall auslöste. Natürlich
wurden alle Reden der führenden Repräsentanten der Regierung,
Minister, Gauleiter u.a. in den Tages- und Wochenzeitungen, im
Radio und in den Wochenschauen im Kino einem breiten Spektrum
der Bevölkerung vermittelt. Die Folgen des "Totalen
Krieges" waren u.a. auch: Arbeitseinsatz aller halbwegs gesunden
Frauen in den Rüstungsbetrieben, verstärkte Inanspruchnahme
der nach Deutschland verschleppten oder freiwillig gekommenen
Ostarbeiter und Ostarbeiterinnen, sowie der Kriegsgefangenen.
Ebenso ein weiteres Aussieben männlicher deutscher Arbeitskräfte,
die dann nach kurzer militärischer Ausbildung zum Fronteinsatz
kamen. Wer ausländische Rundfunksendungen abhörte, z.B.
den BBC, wurde qua Gesetz mit dem Tode bedroht, wenn die hier
gehörten Informationen an Dritte - dazu gehörten auch
Familienangehörige - weitergegeben oder öffentlich bekannt
wurden.
Bevor aber unser Jahrgang zur Wehrmacht eingezogen wurde, war
erst noch eine halbjährige Dienstzeit beim RAD (Reichsarbeitsdienst)
abzuleisten. Nur durch eine Freiwilligenmeldung zur Wehrmacht,
der SS oder durch eine Bewerbung zur Offizierslaufbahn, konnte
diese Zeitspanne um die Hälfte, d.h. auf 3 Monate reduziert
werden. Für viele von uns war das d i e Lösung für
unsere ungestüme Ungeduld. Am 15. April 1943, einem Donnerstag,
3 Tage vor meinem 18. Geburtstag, erhielt ich die Einberufung
zum Reichsarbeitsdienst zur RAD-Abteilung 5/206, die in Lendringsen
im Sauerland, einem kleinen Ort südlich von Menden, stationiert
war.
Eine Arbeitsdienstabteilung bestand aus ca. 200-250 Arbeitsmännern,
oder im weiblichen Arbeitsdienst aus Arbeitsmaiden. Unsere Unterkünfte
bestanden aus ziemlich massiven Holzbaracken. Jede Stube war mit
8-10 Männern belegt, die eine Gruppe bildeten. Jeder Zug
hatte 4 Gruppen. Die Baracken waren auf dem Areal U-förmig
angeordnet. Es blieb somit an der offenen Nordseite ein freier
Platz (Antreteplatz). Jeden Morgen erfolgte hier die Flaggenhissung,
eine seit den Jungvolk- und Hitler-Jugendzeiten traditionelle,
feierlich anmutende Zeremonie, die mit einer Tagesparole versehen
wurde. Hier wurden meistens patriotische Zitate großer deutscher
Dichter, Feldherren, oder nationalsozialistischer Parteigrößen
deklamiert. Danach erfolgte die Einteilung zum täglichen
Arbeitsdienst oder zur vormilitärischen Ausbildung. Abends
wurde die Flagge wieder durch die Teilnahme aller Arbeitsmänner
auf dem Antreteplatz eingeholt. Die Arbeitsdienstfahne zeigte
ein Emblem, welches in der Mitte ein Spatenblatt aufwies, das
links und rechts von zwei schräggestellten Getreideähren
eingerahmt war. Auf dem Spatenblatt befand sich ein Hakenkreuz.
Unsere Uniform hatte eine erdbraune Farbe. Der Schnitt ähnlich
der, der Heeresuniform. Auf dem linken Ärmel war eine Hakenkreuzbinde
angebracht, über die das RAD-Emblem (Spaten mit Gerstenähren)
stand. Eine Besonderheit war die Kopfbedeckung bei der Ausgehuniform.
Sie war weder eine Schirmmütze, noch ein Hut, sondern ein
Zwischending von beiden. Im RAD-Jargon nannte man sie: "Arsch
mit Griff".
Die zweite Besonderheit für den Arbeitsmann war der Spaten.
Er dokumentierte die Handarbeit, war aber auch so eine Art "Ersatzgewehr"
im Blick auf die Wehrmacht. Analog zum "Gewehr-Griffe-Kloppen"
bei der Wehrmacht, gab es beim RAD die "Spatengriffe".
Diese wurden bei öffentlichen Kundgebungen, Parteitagen -
nicht nur in Nürnberg - Parteiaufmärschen, Maifeiern,
Heldengedenktagen u.a. Anlässen oft durch eine Ehrenformation
der Bevölkerung gezeigt, die dann meistens große Beachtung
und Beifall fand.
Im damaligen Sprachgebrauch waren wir ein "bunter, zusammengewürfelter
Haufen" gleichen Jahrgangs, aus den umliegenden Städten
Westfalens und des Ruhrgebietes, der sich aus ehem. Abiturienten,
Schülern und aus allen möglichen Berufen zusammensetzte.
In den ersten Tagen war außerhalb des Lagers kein Arbeitsdienst
vorgesehen. Man verbrachte den Dienst mit vormilitärischer
Ausbildung. Für mich war das bereits "ein alter Hut",
denn aus meiner Hitler-Jugend-Zeit hatte ich bereits auf diesem
Gebiet genügend Erfahrung. Ich bekam bei der HJ einen "Lehrschein
für die Geländeausbildung", hatte das "SA-Sportabzeichen",
wo ebenfalls der Geländedienst mit Kompaß und Karte,
Gewehrschießen, Handgranatenweitwurf und dergleichen, gefordert
wurde.
Überraschend gut war die Verpflegung im Arbeitsdienst, wenn
man bedenkt, daß wir uns bereits im 5. Kriegsjahr befanden,
der normale "Volksgenosse" seine Lebensmittel nur auf
Karten bekam, und die vom Staat zugemessenen Rationen sehr knapp
gehalten waren. Im Vergleich zur Wehrmacht, um das vorwegzunehmen,
war die Verpflegung im Arbeitsdienst um Klassen besser. Ein Beweis
dafür war auch, daß wir bei unseren kargen Ausgehstunden
nie einen Gasthof oder ein Restaurant aufsuchten, um dort ein
"Stammgericht" (ein einfaches Essen ohne Lebensmittelmarken)
zu uns zu nehmen. Da ich wußte, daß meine Familie
bzw. meine Eltern keine Quellen für zusätzliche Lebensmittel
besaßen, auch nicht für Hühner, Gänse, Puten
oder gar Wildbret, blieb ihnen nur noch ab und zu das markenfreie
Angebot des Wittener Pferdemetzgers Klein in der Oberstraße.
Ich kann mich noch erinnern, daß mein Vater eines Tages
ein größeres Stück Fleisch nach Hause brachte,
meine Mutter über die Herkunft düpierte, und sie einen
recht guten Sauerbraten davon machte. Nach dem Mahl scharrte er
mit den Füßen auf dem Boden, bis nach einiger Zeit
bei uns der "Groschen" fiel, was für eine "Spezialität"
wir gerade mit Appetit verspeist hatten.
Persönlich empfand ich den Dienst hier beim Arbeitsdienst
ziemlich öde. Einige andere Kameraden empfanden das ebenso.
So bildeten sich verschiedene Kontakt- und Interessengruppen,
die sich mit Literatur, Musik, Theater und Film befaßten,
aber auch andere die Sport und oder Mädchen bevorzugten.
Ja, wir hatten sogar schon einen 17-jährigen Vater in der
Abteilung, womit bewiesen ist, daß das Ausleben der Sexualität
damals schon bekannt war, wenngleich ich sagen muß, daß
es sich hier um eine absolute Ausnahme gehandelt hat. Ich schloß
mich einer schöngeistigen Gruppe an, und wir diskutierten
Literatur von: Friedrich Nietzsches "Also sprach Zarathustra",
"Götzendämmerung", über Hölderlin,
Büchner, Kleist, Mörike und Rainer Maria Rilkes "Cornet"
u.a. In der Freizeit gingen wir ins Kino nach Menden oder Iserlohn
, danach diskutierten wir über den Filmstoff, die Schauspieler
und Schauspielerinnen. Natürlich verfolgten wir auch die
militärische Entwicklung an den Kriegsfronten. Ich dachte
öfter daran, daß eines Tages der Krieg zu Ende ist,
und ich als Soldat nicht mehr zum Fronteinsatz käme. Die
RAD-Zeit verschleppte nur unnötig den Zeitpunkt meines eigentlichen
Berufszieles. Nicht auszudenken, daß man dann später
vielleicht von älteren Offizieren nicht für "voll
genommen" und akzeptiert würde.
Während meiner RAD-Zeit ist mir in besonderer Erinnerung
die Bombardierung der in der Nähe unseres Lagers gelegenen
Möhnetalsperre im Mai 1943 geblieben.
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