Die Bombardierung der Möhnetalsperre 1943
Seit April 1943 war ich beim Reichsarbeitsdienst in Lendringsen
im Sauerland. Während meiner Arbeitsdienstzeit erlebte ich
die Zerstörung der Möhnetalsperre in der Nacht vom 16.
auf den 17. Mai 1943, wobei mehr als 1200 Zivilisten ums Leben
kamen. Lancester-Bomber der Royal Air Force hatten vorher wochenlang
trainiert, wie man die dicken Sperrmauern dieser großen
Talseen effektiv zerstören kann. Wie erst später bekannt
wurde, hatten die Engländer dafür spezielle Bomben (Rollminen)
mit extrem hoher Sprengkraft entwickelt. Der Anflug und das Ausklinken
der Bomben setzte präzise Genauigkeit voraus.
Unser Trupp hatte Wachdienst. Ich stand als Wachposten vor dem
Schilderhäuschen am Haupteingang unserer Abteilung. Es war
ein angenehmer Maibend, als in weiter Ferne die Bomben ihre Ziele
erreichten. Die Möhnesee-Talsperre galt - und gilt heute
noch - als Trinkwasserreservoir und hat eine Wasserflächengröße
von 10 x 10,4 km mit einem maximalen Wasserinhalt von 135 Millionen
m3. Als die Sperrmauer getroffen und schwer beschädigt war,
floß das Wasser mit unvorstellbarer Kraft durch das tiefer
gelegene Ruhrtal.
Ein paar Stunden später wurde wir alarmiert, und im Raume
der Stadt Neheim-Hüsten zur Katastrophenhilfe eingesetzt.
Allein in Neheim-Hüsten kamen 859 Menschen ums Leben, davon
147 Deutsche und 712 Fremdarbeiter bzw. Fremdarbeiterinnen. Die
Stadtmauer, 10 Fabriken, Straßen, 14 Brücken und 25
Wasserwerke und Energiezentralen rissen die Fluten hinweg.
Die Flutwelle hatte eine Anfangshöhe von 12 m und riß
in dem Ruhrtal alles mit, was nicht besonders fest verankert war.
Viele Häuser wurden einfach fortgespült, Brücken
zerstört, Menschen mitgerissen, das Vieh ebenso, das gesamte
überflutete Ruhrtal mit einer unvorstellbaren Menge von Schlamm
und Kieselsteinen belegt, die angrenzenden Äcker für
die nächste Zeit unbebaubar gemacht. Wir bargen viele Leichen
und eine Unmenge von Tierkadavern. Als Binnenlandbewohner hat
man ja keinen Bezug, was Wasserkraft anrichten kann. Tagelang
waren wir im harten Einsatz. Das alles hatte sich nach der Dammzerstörung
in ein paar wenigen Stunden abgespielt, teils ohne Vorwarnung
für die Bevölkerung, insbesondere aber für die
Anwohner, die wegen ihrer unmittelbaren Wohnnähe am Flußbett
der Ruhr, besonders gefährdet waren. Erst im Nachhinein wurde
amtlicherseits festgestellt, daß die Talsperren nicht genügend
gegen Fliegerangriffe geschützt waren. Auch hatte man von
den Alliierten eine derartige, die Zivilbevölkerung besonders
treffende Aktion, nicht erwartet. Ein solcher Angriff war in der
Geschichte dieses Krieges bisher einmalig. Daher waren denn auch
die Industrieanlagen durch Flakeinheiten (Flugabwehrkanonen) besser
geschützt. Die großen Wasserreservoirs, die sich ja
in dichten Waldgebieten befanden, hatte man offensichtlich vernachlässigt.
Selbst in Witten, d.h. ca. 70 km von der Möhnetalsperre entfernt,
entstanden allerlei Flutschäden. Fast sämtliche Bootshäuser
an den Ufern der Ruhr waren zerstört oder schwer beschädigt.
Dieser alliierte Bombenangriff hatte in der Bevölkerung eine
beträchtliche Wirkung hinterlassen. Der Nimbus der Unbesiegbarkeit
war dahin. Die deutsche Luftwaffe war nicht mehr in der Lage,
sich in ähnlicher Weise in England zu revanchieren. Außer
großen Racheankündigungen seitens des Propagandaministeriums
in Berlin, geschah nichts.
Für mich unvergessen sind die Eindrücke und Tage, wo
man durchnäßt, verschmutzt, mißmutig und traurig
die fatalen Folgen der Zerstörung der Möhnetalsperre
und besonders den Umgang mit Leichen und Tierkadavern erstmalig
erlebte. Weiteres großes Leid erlebte ich dann während
meiner Militärzeit ab Juli 1943.
|