Meine Militärzeit in Jicin und Josefstadt 1943
Der Einberufungsbefehl zur Wehrmacht erreichte mich 1943 ziemlich
unvorbereitet. Dennoch war ich froh, daß es endlich so weit
war. Der Abschied vom Reichsarbeitsdienst mußte sehr schnell
erfolgen, kaum blieb mir ein Tag Urlaub bei meinen Eltern. Am
09. Juli 1943 fuhr mein Zug in Richtung Tschechoslowakei, bzw.
ins Reichsprotektorat Böhmen und Mähren, wie die Tschechei
seit dem März 1939 nach der Besetzung durch deutsche Truppen
genannt wurde.
Um tränenreiche Abschiedsszenen zu vermeiden, ließ
ich mich nicht von meiner Mutter zum Hauptbahnhof Witten begleiten.
Wie hatten uns zu Hause Adieu gesagt. Es war aber dennoch eine
sehr beklemmende Stimmung zwischen uns. Im Krieg hat das Abschiednehmen
eine tiefe, manchmal endgültige Bedeutung. Wenn man die Tageszeitung
aufschlug, sah man in dieser Zeit täglich viele Todesanzeigen
gefallener deutscher Soldaten. Welche Mutter hatte damals keine
Angst, ihren Sohn zu verlieren?
Meine Ausbildung erhielt ich in Jicin, beim Gren. Ausb. Batl.
481. Vom ersten Tag meines Soldatenlebens war ich mit ca. 40 Offiziersbewerbern,
sogenannten OB's, in einer Abteilung zusammengefaßt. Jeder
von uns wollte Offizier beim Heer werden. Bis auf 2 Kameraden
vom Jahrgang 1924 gehörten alle anderen dem Geburtsjahrgang
1925 an, waren teils Abiturienten, Real- oder Volksschüler.
Der normale Bürger des Geburtsjahrganges 1925, der zu dieser
Zeit zur Wehrmacht eingezogen wurde - ob freiwillig oder nicht
- erhielt eine 3-monatige verkürzte Rekrutenausbildung und
wurde dann zur Fronttruppe kommandiert. Wir Offiziersbewerber,
mußten eine 6-monatige Rekrutenzeit absolvieren und anschließend
weitere 6 Monate den Unteroffizierslehrgang durchlaufen. Erst
dann war eine 3-monatige Frontbewährung vorgesehen, die sich
jedoch verkürzte, wenn man durch gute Führungseigenschaften
oder/und durch Verleihung eines Ordens - meistens das Eiserne
Kreuz II. Klasse - sich bewährt hatte.
In allen Armeen der Welt wird der Offiziersnachwuchs einer besonders
harten Ausbildungsmethode unterworfen. Von solchen Bewerbern verlangt
man eine enorme Disziplin, eine totale Unterwerfung bei den Befehlen
der Vorgesetzten, eine exakte Ausführung und bedingungslosen
Gehorsam. Alle Soldaten, die hier geglaubt hatten, daß sie
mit Laschheit, Gleichmut oder sogar Widerstand taktieren konnten,
wurden innerhalb der längeren Ausbildungsphase, spätestens
aber nach 6 Monaten eliminiert. Sie waren für den Beruf des
Offiziers nicht geeignet. Vielleicht werden andere Zeitgenossen
sagen, daß die Ausbildung des Offiziersnachwuchses in 1943
schon von geringerer Qualität gewesen sei als vor dem Kriege.
Sicher haben die großen Menschenverluste an der Front auch
erhebliche Lücken im Offizierkorps - besonders beim Heer
- gerissen. Es entstand auch ein gewisser Zeitdruck, diese Verluste
auszugleichen. Von einer Niveauabsenkung in der Ausbildung konnte
aber keine Rede sein. Bis auf einige Ausnahmen durch Krankheiten,
waren wir jungen Burschen alle körperlich gut austrainiert,
und die geforderten Anstrengungen fielen uns relativ leicht. Aber
ebenso wurden wir öfter bis an die Grenzen der Belastbarkeit
geführt, für die wir manchmal auch kein, oder wenig
Verständnis aufbrachten.
In den ersten Wochen unserer Rekrutenausbildung war die Freizeit
außerordentlich knapp bemessen. Im Vordergrund stand zuerst
der harte Dienst mit seinen enormen körperlichen Anforderungen.
Wie soll man auch als 18 jähriger Rekrut in der tschechischen
Provinz irgendwelchen Vergnügungen nachgehen? Es gab keine
gemeinsamen deutsch - tschechischen Veranstaltungen. Zuerst kamen
wir nur an den Wochenenden zu festgelegten Freizeiten aus der
Kaserne heraus. Wir nutzten meistens diese Zeit, um uns in irgendeinem
tschechischen Restaurant oder Hotel, mit einem "Stammgericht"
satt zu essen. Ohne Lebensmittelmarken versteht sich. Meistens
gab es "Gänseklein" oder irgendeine Art Käse
mit Brot, das wurde akzeptiert, man war ja nicht wählerisch.
Wir hatten zu Hause in Deutschland ja schon einige Kriegsjahre
verbracht, und waren erstaunt, daß in der Tschechoslowakei
die Speisenauswahl in den Hotels noch relativ gut war, besser
jedenfalls als in Deutschland. Alkohol trank kaum einer von uns,
aber es gab dort einen ganz passablen Glühwein, den wir beim
Käsebrot zu uns nahmen.
Die meisten Tschechinnen, die in diesen Lokalen saßen, ignorierten
uns, und sprachen oft auch kein deutsch. Andererseits konnten
wir kein tschechisch. Selten, aber es gab dennoch auch persönliche
Kontakte, die zu einer Liaison führten. Wir fühlten
uns dennoch in den Restaurants sehr wohl. In den Hotels servierten
die Ober im Frack. Mit ihnen konnte man sich auch sprachlich verständigen.
Niemals kam es dort zu Anfeindungen oder Pöbeleien zwischen
Tschechen und Deutschen.
Im Zentrum von Jicin lag die Standortkommandantur, bei der wir
hin und wieder auch den Wachdienst übernahmen, besonders
an irgendwelchen Gedenk- oder Feiertagen. Das Aufziehen der Wache
erfolgte streng nach traditionellem soldatischen Reglement. Hier
nahmen wir auch schon mal als abkommandierte Gäste - meistens
2-3 Leute - am Mittagessen im Offizierskasino teil. Die traditionellen
Tischgewohnheiten hier, kamen mir immer ein wenig kabarettistisch
vor, wie, als wenn der alte UFA-Star Hubert von Meyerinck, Regie
geführt hätte. Das meistens unverbindliche Geplauder
der Herren Offiziere war fast immer auf den dabei anwesenden höchsten
Dienstgradinhaber fixiert. Wenn der Betreffende einen Toast auf
- wen auch immer - einforderte, dann knickten alle Anwesenden
mit einer leichten Oberkörperbewegung ein, hoben ihr Glas
bis in Höhe des 3. Knopfes der Uniform - oben vom Kinn ausgesehen
- wendeten ihr Gesicht dem Chef zu, warteten dann bis dieser trank,
und setzten dann gleichzeitig mit diesem ihr Glas auf den Tisch
zurück. Sobald der Chef, bzw. Kommandeur gegessen hatte und
sich erhob, standen alle Teilnehmer auf, grüßten wieder
mit einer leichten Verbeugung. Damit war die Tafel eigentlich
aufgehoben. Diese Modalitäten waren im Grunde eingeübt,
steif und oberflächlich, aber hatten Tradition, wie ich sie
später auch immer wieder erlebte.
Nach unsere Vereidigung, die mit allem militärischen Pomp,
mit einer SMG-Lafette (Schwerem Maschinengewehr), mit Fahnen,
Musikcorps und einem Vorbeimarsch beim Standortkommandanten im
Stechschritt erfolgte, begann ein neuer Abschnitt für uns,
als unsere Abteilung nach Josefstadt versetzt wurde. Die Tschechoslowakei
war damals vom Kriege und von den Zerstörungen der Städte
weitgehend verschont geblieben. Kein Land in Europa lebte im Vergleich
zu anderen Ländern so relativ normal wie die Tschechen, wenngleich
auch sie große materielle Opfer für Deutschland erbringen
und Repressalien erleiden mussten, die auf die Tschechoslowaken
eine abschreckende Wirkung hatten. Sie lebten - mit der "Faust
in der Tasche" - an uns vorbei ihr Eigenleben. Sie waren
ja ungewollt in diese Zeitumstände hineingestellt worden,
wie viele Millionen andere Menschen in Europa auch.
In 1943 boten die Geschäfte in der Tschechoslowakei noch
Waren an, die im Reichsgebiet für Normalbürger nicht
mehr zu bekommen waren. In Prag, am Wenzelsplatz, gab es riesengroße
Fußgängerpassagen, in denen Lebensmittelautomaten installiert
und täglich neu befüllt wurden. Vergleichbares hatte
ich im Reichsgebiet noch nie gesehen. Besonders ins Auge fiel
auch die Vielfalt und gute Qualität von Anzugstoffen, Schuhen,
Back- und Konditorwaren, Friseure und Schuhmacher, Sattler und
Musikinstrumentenbauer hatten einen sehr guten Ruf. Die Uniformen
der tschechischen Soldaten und der Miliz waren sowohl in der Farbgebung,
Stoffqualität und im Schnitt weitaus besser, als unsere Uniformen.
Nur wenige Tschechen habe ich in meiner Freizeit kennengelernt,
aber die wenigen vermittelten einen guten Eindruck, ich schätzte
sie. Nicht verstanden habe ich - aus der Ferne und im Nachhinein
- ihre Unmenschlichkeit und Aggressivität, ja Brutalität
bei der Vertreibung von ca. 3 Millionen Deutschen und die dann
vollzogenen Grausamkeiten an Soldaten, alten Menschen, Frauen
und Kinder im April/Mai/Juni 1945. Hier sei nur an den "Todesmarsch
von Brünn" erinnert, der ca. 65.000 Deutschen das Leben
gekostet hat. Sie wurden erschossen, erschlagen, vergewaltigt,
beraubt, gequält und vertrieben. Das war sicher die Quittung
für die jahrelange falsche Besatzungspolitik, für Rassenwahn,
Herrentum und Slawenhaß, für die Ausbeutung der tschechischen
Wirtschaft und der Bevölkerung für deutsche Eigeninteressen.
Die 6-monatige Rekrutenzeit näherte sich ihrem Ende zu, nun
wurden wir zum Unteroffizierslehrgang nach Saarlautern (heute
Saarlouis) kommandiert. Ohne Heimaturlaub gehabt zu haben, wurden
die Ausbildungszüge direkt per Eisenbahn ins Saargebiet gebracht.
Erst Ende Februar/Anfang März 1944 gab es einen 10-tägigen
Urlaub. Endlich, nach 3/4 Jahr, mal ein Wiedersehen mit meinen
Eltern, meiner Schwester und Verwandten. Solche Tage genießt
man. Ehemalige Freunde gleichen Alters traf man ohnehin nicht
an. Sie waren ja auch längst bei der Wehrmacht, vielleicht
sogar an der Front in Rußland, oder längst gefallen.
Einige jüngere Schulkollegen aus Witten waren bei der Heimatflak
eingezogen und im Raume Bochum eingesetzt.
Nach dem Unteroffizierslehrgang und einem mehrwöchigen Einsatz
als Ausbilder in Jicin erfolgte dann 1944 die Frontbewährung
in Russland.
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