Frontbewährung in Russland 1944
Nach meiner Ausbildungszeit als Offiziersanwärter in Tschechien
und in Saarlouis hatte ich Ende Februar/Anfang März 1944
einen 10-tägigen Urlaub. Nach einem 3/4 Jahr gab es endlich
ein Wiedersehen mit meinen Eltern, meiner Schwester und Verwandten.
Anschließend erfolgte ab Juli 1944 die dreimonatige Frontbewährung
in Russland. Ich kam zum Regiment 424 der 126. Infanterie-Division
nach Pleskau, ca. 300 Kilometer südwestlich von Leningrad.
Die Stadt und der Frontabschnitt um Pleskau seien durch Führerbefehl
vom 19.04.1944 zum "Festen Platz" erklärt worden
unter der Divisionsführung von Generalmajor Gotthard Fischer
als Festungskommandant. Im Grundsatz bedeutete dieser Befehl:
Diese Stellung und diese Stadt dürfen - ohne höheren
Befehl - keinesfalls aufgegeben werden. Die 126. Infanterie Division
war bereits seit März 1944 in den Stellungen dieses Frontabschnitts,
der etwa 4 km außerhalb der Stadt Pleskau lag. Es war hier
ein leichtes Dünengelände und viel Wald mit Buschwerk.
Die Stellungen bestanden je nach den Geländeverhältnissen
aus Gräben oder meist mannshohen Palisaden, gelegentlich
auch aus einer dichten Blende mit Holzbunkern. Vor der HKL (Hauptkampflinie)
befanden sich Gefechtsvorposten in loser Anordnung in Stützpunkten,
die rundum aus Palisaden und Holzbunkern bestanden und damit gegen
überraschende Angriffe des Gegners relativ gut gesichert
waren.
Gleich an meinem ersten Tag wurden wir von einem Feuerüberfall
der Russen überrascht. Sie schossen mit Granatwerfern auf
die zum Stützpunkt "Martha" führenden Wege,
die aus hintereinander gelegten Baumstämmen bestanden, auf
die dicke Bretter lagen. Es war ja hier ein Sumpfgebiet, wo alle
Befestigungsanlagen oberirdisch angelegt waren. Was ich nicht
wusste, war die Tatsache, dass schon morgens ein ähnlicher
Feuerüberfall stattgefunden hatte, wobei der Fahnenjunker,
den ich ablösen sollte, tödlich verletzt wurde. Mein
Kommen war also schon mit einem anderen schweren Schicksal verknüpft.
Der Btl.-Kdr. hatte mir davon nichts berichtet, offensichtlich
wollte er mich nicht gleich am ersten Tage meines Frontaufenthalts
mit einer so schlechten Nachricht konfrontieren.
Ich meldete mich bei einem Leutnant. Er stand vor dem Holzbunker
des Stützpunkts "Martha" und hieß mich willkommen.
Dann machte ich mich mit den anderen Soldaten bekannt. Danach
wurde ich zum Wachdienst eingeteilt. Zuerst erklärte man
mir grob die Frontlage, dann die Einzelheiten des Geländeabschnitts
in unserer unmittelbaren Nähe, auch die besonderen Gefahrenpunkte,
da die russischen Stellungen kaum 100 m von den unseren entfernt
waren. Man wies mich auf evtl. mögliche russische Scharfschützen
in den Baumkronen hin, auf normale und anormale Geräuschbildungen,
besonders in der Nacht. In diesen Stellungen wurden auch von Zeit
zu Zeit, meistens in der Nacht, von beiden Seiten Überfälle
inszeniert, um Gefangene zu machen. Man schlich sich dann an Bunker
oder einzelne Wachtposten heran, um sie zu überwältigen
und sie dann mitzunehmen. Jeder Laie kann sich vorstellen, dass
eine solche Aktion sehr gefährlich und mit großer Lebensgefahr
verbunden ist. Solche Einsätze nannte man "Operation
Heldenklau". Rundum war das Gelände vermint, und es
bedurfte nur einer kleinen Unaufmerksamkeit, um eine Katastrophe
auszulösen. Am ersten Abend meines Hierseins sollte ein Trupp
von 6 Leuten in die russischen Linien eindringen, und Gefangene
machen. Ich meldete mich hierzu freiwillig, wurde aber abgelehnt,
da ich in den Augen der Verantwortlichen noch zu "grün"
war, was ja auch stimmte. Das Ergebnis dieser nächtlichen
Aktion: 1 Gefangener, 1 toter russischer Soldat, 2 durch eine
explodierende Mine schwerverletzte deutsche Soldaten. Eine schlechte
Bilanz!
Nach einigen Tagen, ausgefüllt mit Wachestehen an den Palisaden,
mit nächtlichen Plagen von Myriaden von Mücken, die
kaum abzuwehren waren, suchte ich durch "Rauchen" ihrer
Herr zu werden, was aber nicht gelang. Ich zählte eines Tages
über 50 Mückenstiche auf meinem linken Handrücken.
Auch die offiziell verteilte "Grüne Mückensalbe"
half hier nicht. Also rauchte ich auch nicht mehr. Offensichtlich
war ich ein beliebtes Angriffsobjekt für die Mücken,
denn andere Kameraden wurden mehr davon verschont. Ich besorgte
mir ein Mückennetz und Handschuhe, wenn ich nachts auf Wache
stehen musste. Auch beim Schlafen im Holzbunker störten mich
diese Plagegeister sehr. Wir hingen danach ein großes Netz
vor dem Eingang unseres Bunkers, was dann endlich Abhilfe brachte.
Am 13.07.1944 dehnte der Russe seine Angriffe auf die Heeresgruppe
Nord aus, die mit dem rechten Flügel bei Polozk, (nordwestlich
Witebsk). mit dem linken finnischen Meerbusen bei Narva stand.
Zunächst setzte die 2. russische Front im Baltikum zum Durchbruch
auf Rositten an, und am folgenden Morgen begann der Angriff der
Russischen Front bei Ostrow. Am gleichen Tage wurde unsere 126.
Inf.-Div. alarmiert und durch Verbände einer Luftwaffen-Division
in den Stellungen um Pleskau abgelöst. Wir wurden in großer
Eile, zum Teil sogar im LKW-Transport, zum Teil mit der Eisenbahn
(Einladeort Petseri), südl. des Pleskauer Sees) in den Raum
Ludsen gebracht.
Wir wurden am 15. Juli 1944 etwa 30 km südostwärts von
Ludsen in dem kleinen Ort Rosenau ausgeladen und sofort in eine
größere Frontlücke eingesetzt. Hier erhielten
wir den Auftrag, die Landenge zu besetzen und zu sperren. Bei
Istalsna wurden Teile unserer Regimenter 422 u. 426 noch im Transportzug
von russischen Kräften angegriffen. Der Schwerpunkt der russischen
Angriffe richtete sich in dem unwegsamen Wald- und Sumpfgebiet
auf eine lettische SS-Division. Trotz heftigster Gegenwehr gelangen
den Russen hier erhebliche Einbrüche. Als die 126. Inf.-Div.
hier eintraf, war es für eine günstige Wendung bereits
zu spät, zumal rechts und links ähnliche kritische Entwicklungen
eingetreten waren. In den anschließenden schweren Kämpfen
versuchten wir unsere Gefechtsziele zu erfüllen. Oftmals
kam es vor, dass im Bereich meiner Kompanie die Stellungen 5 -
6 mal am Tage wechselten. Bei einem frühabendlichen Angriff
von Infanterieeinheiten der Roten Armee fiel ein Unteroffizier,
dem ich auf dem Bahntransport viel Geld beim Kartenspiel abgenommen
hatte, durch einen Herzschuss in meiner unmittelbaren Nähe.
Das hat mich tief berührt, und ich habe den Spielgewinn mit
den anderen persönlichen Habseligkeiten der Familie dieses
Kameraden zukommen lassen. Seit dieser Zeit habe ich nie wieder
in meinem Leben um so überhöhte Geldeinsätze gespielt,
mich überhaupt allen Glücksspielen ferngehalten.
Die Übermacht der sowjetischen Divisionen machte sich hier
besonders bemerkbar, da wir einen überaus großen Divisionsabschnitt
zu verteidigen hatten. Die ständigen Angriffe der Russen
ließen uns kaum zur Ruhe kommen. Unsere Kompanie wurde einmal
in einen neuen Abschnitt befohlen, der einen Tag zuvor sehr heiß
umkämpft war. Zwei Kompanien von uns waren nahezu aufgerieben,
die Toten noch nicht geborgen, sie lagen teilweise noch am Waldrand
und im angrenzenden Straßengraben. Viele von ihnen hatten
Kopfschüsse, was auf russische Scharfschützen hinwies.
Vorsicht war also geboten.
Ich bekam den Auftrag, einen Spähtrupp zu führen, um
festzustellen, ob auf einer ca. 2 km entfernt liegenden Straße
(Rollbahn), der Gegner bereits Nachschub führte? Zu solchen
Unternehmungen suchte man sich meistens die mitgehenden Soldaten
selbst aus, oder fragte nach Freiwilligen. Wir gingen zu viert
los, suchten und nutzten jede sich bietende Deckung im Wald, der
häufig durch Lichtungen unterbrochen war. Es wurde nicht
gesprochen sondern wir verständigten uns mit vorher abgesprochenen
Handzeichen. Schulmäßig sicherten wir unser Vorgehen
und gaben uns beim Überqueren der Lichtungen Feuerschutz.
Ich selbst ging voran, und wir kamen gut weiter. Plötzlich
sah ich in einer Entfernung von ca. 80-100 m eine Bewegung. Da
huschte etwas an meinen Auge vorbei, ohne dass ich es sofort genau
identifizieren konnte. War es ein Tier oder ein Mensch? Ich warf
mich zu Boden und beobachtete diese Stelle weiter. Es stellte
sich heraus, dass es ein russischer Trupp war, der aus ca. 10
Soldaten bestand, und der sich d i r e k t auf unsere Stellungen
hin bewegte. Da wir bereits in unmittelbarer Nähe unseres
Zieles waren, die Rollbahn sahen, auf der bereits jede Menge an
Waffennachschub transportiert wurde, und somit unsere Aufgabe
erfüllt war, beeilten wir uns, um noch vor den Russen unsere
Kompaniestellung wieder zu erreichen. Wir schlugen einen Haken,
und konnten uns dann in der uns abgewandten Frontseite im Wald
aufrecht und damit schneller bewegen. Angekommen, wurde Meldung
gemacht und unsere Soldaten gleich alarmiert, und auf das Kommen
des russischen Stoßtrupps vorbereitet. Das gelang uns hervorragend.
Die Russen waren ahnungslos. Wir ließen sie bis auf ca.
10 bis 15 m an uns herankommen und auf meinen Befehl hin, eröffneten
wir das Feuer. Diejenigen Russen, die nicht sofort kampfunfähig
oder gleich erschossen waren, erwiderten das Feuer und benutzten
dicke Bäume als Deckung. Es war - wie immer im Wald - ein
ohrenbetäubender Lärm, den diese Schießerei auslöste.
Hierbei wurde mir mein großer Stimmaufwand beinahe zum Verhängnis.
Ein Russe erspähte mich, ich ihn ebenso, er nahm seine Maschinenpistole
hoch und ich ging blitzschnell in Deckung. Er erwartete wohl,
dass ich an der gleichen Stelle wieder hervorkam. Ich ließ
mich aber in der Deckung nach rechts abrollen, und tauchte hinter
einem anderen Baum wieder auf, wo ich ihn selber tödlich
treffen konnte. "Auge um Auge, Zahn um Zahn", wie es
in der Bibel heißt, ist die Situation im Kriege, besonders
für Infanteristen. Da gilt keine Rücksicht, da gibt
es kein Erbarmen, sondern nur das Bestreben, sein eigenes Leben
zu retten.
Täglich waren wir schweren Angriffen der Russen ausgesetzt.
Feindliche Schlachtflieger warfen Bomben auf unsere Stellungen,
unterstützt von Artilleriefeuer. Pausenlos lagen wir unter
dem Beschuss von Granatwerfern und den unberechenbaren "Ratschbum-Kanonen",
die im direkten Beschuss ihr Zielfeuer auf unsere Vorderhangstellungen
richteten. Bei einem Angriff versuchte ich mehrmals Rufkontakt
zu unseren Nachbar-Schützenlöchern aufzunehmen, aber
es meldete sich niemand. Ich wollte wissen, was dort los war und
robbte dorthin. Als ich dort angekommen war, sah ich, dass ein
Granatwerfer-Volltreffer beide Kameraden tödlich verletzt
hatte. Ich robbte zurück unter dem ohrenbetäubenden
Lärm einschlagender "Ratschbum-Granaten". Obwohl
ich mich sehr anstrengte, dauerte es doch einige Zeit bis ich
mein Schützenloch wieder erreichte. Doch der obere Rand war
durch eine Granate zerstört, mein Kamerad war tot. Er lag
zusammengesunken im Schützenloch, sein Kopf war zertrümmert.
Was hatte ich für ein Glück gehabt! Man kann in einem
solchen Moment nicht sagen, was da einem alles durch den Kopf
geht. Sicher große Trauer um den und die anderen toten Kameraden,
man denkt dabei zuerst an die Angehörigen, die Familien,
die es zu benachrichtigen gilt. Aber auch Hilflosigkeit, eine
unbändige Wut, Trotz und Entschlossenheit überfällt
einen. Ich kam mir aber auch sehr einsam und verlassen vor. Und
immer hörte der Beschuss nicht auf.
Der Tod vieler Kameraden war einfach nicht zu begreifen, nicht
ideologisch, nicht religiös, mehr schmerzlich, ungerecht,
sinnlos und absurd. Wie konnte man da in verklärenden, mythischen
Phrasen vom "Heldentod" reden, wo das Sterben wahllos
um sich greift, das Leben nur am seidenen Faden hängt, hoffnungsfrohe
Menschen erbarmungslos zu Tode gebracht werden, die ein paar Minuten
vorher noch mit einem gesprochen hatten? Wie sollte man da Trost
haben, religiös sein und Gottes Allmacht und Menschenliebe
begreifen? Ich hatte mir seit meiner Unteroffiziersausbildung
keine Illusionen mehr über den Krieg gemacht. Schließlich
waren zu der Zeit bereits 4 meiner Cousins gefallen. Am Ende des
Krieges waren es insgesamt 9 Angehörige aus den Familien
meiner Eltern. Und hier an der Front erlebte ich nun jeden Tag,
wie der Tod im Kriege aussieht: grausam, unmenschlich, widersinnig,
heimtückisch und unberechenbar. Dennoch hoffte ich weiter
auf mein persönliches bisher unbeschreibliches Glück.
Ich lernte im Sommer 1944 unsere Frontsituation realistischer
einzuschätzen. Der Unterschied zwischen der offiziellen Propaganda
und den tatsächlichen Gegebenheiten war eklatant. Der Zweifel
nagte in mir. Die älteren Landser und Vorgesetzten, die schon
ein paar Jahre an der Ostfront waren, standen der Propaganda auch
kritisch gegenüber. So deutlich wie jetzt hatten wir die
Unzulänglichkeiten unserer eigenen Situation noch nicht gesehen
und erlebt.
Eine Truppe, die in schweren Kämpfen vom Feind immer nur
geschlagen wird, die durch die Überlegenheit und Feuerkraft
der gegnerischen Waffen sich immer nur nach Rückwärts
orientieren muss, verliert zwangsläufig an Selbstvertrauen.
Wenn ganze Kompanien, Bataillone und Regimenter fast total dezimiert
werden, können nur noch Erfolge die Truppenmoral verbessern,
nicht aber Worte, Propaganda, leere Versprechungen und Hoffnungen.
Wer Augen hatte, konnte, ja musste sehen. Jeder von uns sah, dass
hervorragende, bewährte Einzelkämpfer durch die aussichtslosen
Gefechtssituationen regelrecht verschlissen wurden. Das traf auch
u.a. besonders für Offiziere, für Kompanieführer
zu. Verwundung und Tod mahnen andere Soldaten instinktiv zu vorsichtiger
Handlungsweise. Ich fing an, mir hierüber mehr Gedanken zu
machen.
Die relativ kurze Zeit meines Fronteinsatzes - es waren ja nur
gerade 45 Tage - war gekennzeichnet durch äußerst schwierige
Rückzugskämpfe, eine kolossale Materialüberlegenheit
der Russen und eine überaus große Anzahl von Menschenverlusten
an Toten und Verwundeten unserer drei Regimenter 422, 424 und
426 in der 126. Infanterie Division. Ich persönlich konnte
glücklich sein, ohne Verwundungen diese Zeit überstanden
zu haben, aber Ich hatte nun erlebt, was der Krieg eigentlich
ist. Ich kannte jetzt den Unterschied zwischen Ausbildung und
der Frontrealität. Ich wusste, was man empfindet, wenn ein
Kamerad durch eine Granate zu Tode kam. Ich lernte den "Geruch
des Todes" im Kriege kennen, wenn Granatsplitter Menschen
zerfetzen, die dann in einer Zeltbahn "entsorgt" wurden,
um einen Ausdruck unserer heutigen Zeit zu benutzen. Der damals
so oft zitierte "Heldentod", war oft nichts anderes
als ein "sinnloses Sterben" für wen? Was hatte
das Vaterland, was hatte Deutschland davon? Mein Glauben an den
"Sieg" war erschüttert worden! Mit "Heldentum"
allein, war der Krieg n i c h t zu gewinnen!
Ich hatte Glück, den Fronteinsatz lebend überstanden
zu haben, und kam im Oktober 1944 auf die Schule V für Fahnenjunker
der Infanterie nach Posen.
|