Auf der Fahnenjunkerschule in Posen 1944/45
Am 1. Oktober 1944 wurde ich zur Fahnenjunkerschule V der Infanterie
nach Posen kommandiert. Hier waren ca. 1200-1500 Fahnenjunker
und Oberfähnriche der Infanterie auf zwei Offiziersschulen
verteilt. Ich kam zur "Kuhndorf-Kaserne, die am Stadtrand
von Posen in nordwestlicher Richtung lag. Die zweite Schule lag
im "Warthelager, ca. 10 km nördlich von Posen
in einem großen Waldgebiet. Gegenüber dem "Warthelager
lag der Ort Treskau. Hier war eine SS-Junkerschule mit zwei Bataillonen
aus Braunschweig stationiert.
Der Dienst auf der Schule war anstrengend und gestaltete sich
sehr abwechslungsreich. Neben den militärischen Fächern,
wie taktisches Verhalten, Sandkastenspiele als Vorbereitung für
praxisbezogene Aufgabenstellungen, Gefechtsübungen und Führungsaufgaben
im Kompanie- und Zugverband auf dem Truppenübungsplatz Warthelager,
Waffenkunde und -einsatz, Kartenkunde, Angriffs- und Verteidigungsübungen,
Nahkampfausbildung, Ausbildung zum Zugführer, Führungspraktiken,
Vorgesetztenverhalten, Befehlsgebung, Befehlskontrolle u.a. Sportliche
Betätigung gehörten zum wöchentlichen Dienstplan.
Reiten, Boxen, Fechten und Leichtathletik. Unterricht im Sanitätswesen,
Benehmen in der Öffentlichkeit, Gesellschaftsabende mit Damen,
Gedenkfeiern und Konzerte im Offizierskasino, Dichterlesungen,
Vorträge von Politikern, Erlebnisbericht eines Filmregisseurs
(Paul Hoffmann) über große historische Ufa-Filme.
Im Dezember 1944 - nach der ersten Zwischenbeurteilung - wurden
wir zum Fahnenjunker-Feldwebel befördert und angewiesen,
unsere Offiziersuniform beim Schneider zu bestellen. Dafür
benötigten wir natürlich Geld, welches wir von unseren
Eltern anforderten. Es war am 10. Dezember, als meine Eltern mir
schrieben, dass sie das Geld überwiesen hätten. Zwei
Tage später unternahmen die Alliierten einen großen
Bombenangriff auf meine Heimatstadt Witten. Ich erhielt zeitverzögert
ein paar Tage später ein Telegramm: "Haus total zerstört,
alles verloren, Mutter verletzt.
Mir wurde daraufhin Urlaub bis zum 01. Januar 1945, 24.00 Uhr
genehmigt. Am 22. Dezember traf ich in Witten ein, ging durch
die stark zerstörte Innenstadt. Überall noch Schwelbrände
und rauchende Trümmer bis zu unserem Haus. Es war bis auf
die Grundmauern zerstört. Auf den Mauerresten am Haustüreingang
waren Kreidenotizen angebracht. Hier stand, dass meine Eltern
noch lebten, jedoch nicht, wo ich sie finden könnte. Nach
stundenlangem Suchen fand ich meine Mutter in einem Vorort wieder.
Sie war die Letzte, die aus dem brennenden Keller des Hauses gerettet
wurde. Es war ein trauriges Wiedersehen. Die gesamte Einrichtung
inkl. Wertgegenstände, Fotos und Papiere konnten nicht gerettet
werden. Innerhalb von Minuten war alles vernichtet. Vielen Bürgern,
damals sagte man ja "Volksgenossen, erging es ebenso.
Der "Totale Krieg, den Dr. Joseph Goebbels als Reichspropagandaminister
schon im Februar 1943 im Berliner Sportpalast ankündigte,
hatte Witten jetzt auch erreicht.
In Posen gab es nach Dienstschluss für uns außerhalb
der Kaserne eigentlich nur wenige Möglichkeiten sich zu entspannen
oder gar zu vergnügen: Man versuchte in den Posener Gaststätten
oder Hotels ein "Stammgericht zu ergattern, möglichst
ohne Lebensmittelmarken, da wir als Soldaten ja diese nicht
zugeteilt bekamen, denn wir wurden ja vom Staat verpflegt. Da
das Theater und die Oper seit September 1944 geschlossen hatten,
kam nur ein Kinobesuch in Frage. Dafür musste man sich meistens
längere Zeit an der Kinokasse anstellen, um überhaupt
Karten zu bekommen. Wir wechselten uns hierbei ab, oder auch unsere
Freundinnen besorgten uns schon einmal die Karten. Wer von zu
Hause Lebensmittelmarken zugeschickt bekam, konnte natürlich
ein anspruchsvolleres Restaurant oder gar ins Hotel "Monopol
oder "Ostland gehen. Ich hatte hier Glück, dass
zwei meiner Kameraden von zu Hause damit öfter gut versorgt
wurden. So partizipierte ich von den "Reichtümern
meiner Kameraden.
In diesen Monaten des Krieges wurde fast überall jede Möglichkeit
eines Vergnügens wahrgenommen. Man wusste ja nicht, wie lange
man noch zu leben hatte. Die Frauen, besonders die unverheirateten,
feierten gerne mit. Die Städte fielen in Schutt und Asche;
jeder wollte seine Zeit nutzen und überleben.
Inzwischen hatte sich die Lage an der Ostfront weiter zugespitzt.
Am 12. Januar 1945 begann die große russische Offensive
aus dem Brückenkopf Baranow an der Weichsel. Es gab drei
Stoßrichtungen: Im Norden die Eroberung Ostpreußens,
in der Mitte der Großangriff in Richtung Oder und Berlin
und im Süden in Richtung Schlesien. Am 15. Januar erfolgt
ein russischer Angriff auf Krakau. Am 17. Januar wurde Warschau
von den deutschen Truppen geräumt.
Ab dem 18. Januar wurde die Mehrzahl der deutschen Zivilbevölkerung
aus dem Raum Posen evakuiert. Die Evakuierung steigerte sich am
21. Januar zur Panik, obwohl die Reichsbahn alles tat, um die
Deutschen aus der Stadt herauszubekommen. Von den 70 000 Deutschen
in der Stadt konnten die meisten fliehen, viele kamen jedoch in
der Winterkälte um. Einige Transporte wurden von der Roten
Armee erreicht, zerschlagen, viele Menschen getötet und Frauen
vergewaltigt.
Am Morgen des 20. Januars 1945 wurde der Festungsalarm ausgelöst.
Wir Fahnenjunker waren uns bewusst, dass wir bei der Verteidigung
von Posen eine wichtige Aufgabe zu erfüllen hatten. Unsere
Moral war in Ordnung, und wir versuchten, unseren Optimismus auch
den Soldaten unserer neuen Einheit mitzugeben, sie moralisch und
kämpferisch zu stärken. Hierbei war aber von großem
Nachteil die Tatsache, dass der überwiegende Teil der uns
unterstellten Soldaten uns bis dahin völlig unbekannt war.
Sie sind alle rein zufällig zu uns gekommen. Ihre Namen und
ihre Herkunft konnten wir uns kaum merken. Nichts war mit ihnen
organisch gewachsen, gegenseitiges Vertrauen nicht vorhanden,
das sollte sich erst noch bilden. Über ihren waffentechnischen
Ausbildungsstand waren wir im Unklaren. Viele dieser Soldaten
und Unteroffiziere hatten bis dahin den Krieg - oft ein oder mehrfach
verwundet - überlebt, und die Skepsis uns gegenüber,
ihren neuen Truppenführern, die zudem noch meist alle jünger
waren als sie, und auch nicht eine so lange Fronterfahrung hatten,
war verständlicher Weise sehr groß. Dennoch glaubten
wir, dass durch unser persönliches Vorbild, durch unsere
Unerschrockenheit, unseren Mut und unsere Zuversicht, die Vorbehalte
kompensieren zu können. Das musste aber erst noch bewiesen
werden.
In der Kuhndorf-Kaserne war am 23. Januar immer noch Aufbruchsstimmung,
ein nicht zu übersehendes Durcheinander. Ein Hin und Her,
ein Auf und Ab von Fahrzeugen und Soldaten. Immer noch kamen versprengte
Soldaten aus dem Osten zu uns. Auch noch Urlauber und ein paar
Volkssturm-Einheiten marschierten ab, sie wurden in ihre neuen
Stellungen eingewiesen. Überall Hektik und Nervosität.
Das Gros der sowjetischen Verbände war schon an Posen vorbei
und bewegte sich in Richtung Westen. Am nächsten Tag erhielten
wir einen Kampfauftrag. Ich zog meine neue Offiziers-Uniform an,
die seit etlichen Tagen im Spind hing. Dabei hatte ich das Gefühl,
nicht mehr in die Kuhndorf-Kaserne zurückzukehren, was sich
dann auch bewahrheitete.
In den nächsten Tagen folgten erbitterte Straßenkämpfe
mit der Roten Armee. Es war ein ernstes Problem festzustellen,
dass wir den Russen nicht Gleichwertiges entgegen setzen konnten.
Nur mit infanteristischem Einsatz, bei immer weniger werdender
Munition kann man nicht viel ausrichten. Es war in unserer ganzen
Einheit auch kein Funkgerät vorhanden, so dass keine Verbindung
zu anderen Truppenteilen aufgebaut werden konnte. Stundenlang
haben wir in den Kellern der Häuser ausgeharrt und gehofft,
dass wir wieder Anschluss an unsere Einheit finden würden.
Von uns ausgesandte Melder kehrten nicht mehr zurück. Wir
waren zur Stadt hin abgeschnitten. In ostwärtiger Richtung
gesehen lag in etwa 200 m Entfernung das Fort Grolman, das wie
fast alle anderen Forts in Posen zwischen 1828-1841 mit meterdicken
Mauern und Wällen gebaut war. Unsere Lage war kritisch, die
Versorgung mit Essen fand auch nicht mehr statt. Wir waren auf
uns selbst angewiesen, ohne Befehle und Anordnungen. Unser Zugführer
befahl Verbindungsaufnahme zum Fort Grolman, auf das wir uns dann
am 29. Januar zurückzogen. Der Ausbruch aus dem Fort erfolgte
dann am 30. Januar 1945.
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