Ausbruch aus Posen 1945
Ende Januar 1945 zog ich mich mit meiner Einheit nach schweren
Kämpfen mit der Roten Armee ins Fort Grolman in Posen zurück.
Am 30. Januar 1945 kam der Ausbruchbefehl mit der Maßgabe,
in kleineren Gruppen die deutsche HKL (Hauptkampflinie) in Richtung
Westen zu erreichen. Der Termin für den Ausbruch war um ca.
23.00 Uhr. Auf Befragen, wo denn die HKL sei, erklärte uns
Major Reichardt, der die Befehlsgewalt inne hatte, dass er das
nicht genau sagen könne, schätze aber, dass wir in kürzester
Zeit deutsche Truppenverbände antreffen würden. Wir
deckten uns vor allem mit Munition und Handgranaten ein und nur
mit einer kleinen Menge an Notverpflegung, um nicht zu viel Gewicht
mitschleppen zu müssen.
Aus dem Festungs-Fort Grolmann erfolgte unter dem Kommando von
Major Reichardt ein Ausbruch mit ca. 1200 Offizieren und Soldaten
in Richtung Westen zur HKL (Hauptkampflinie), ohne Kartenmaterial,
ohne Funkgeräte, ohne Verpflegung, nur Gewehre und Munition,
ohne zu wissen, dass die Rote Armee bereits Frankfurt an der Oder
erreicht hatte.
Es war eine sternenklare, sehr kalte Winternacht, als wir im "Gänsemarsch
das Fort Grolman verließen. Von den ca. 1200 Soldaten, die
an dem Ausbruch beteiligt waren, kannten wir persönlich nur
die, die mit uns die letzten Tage zusammen verbracht hatten. Zu
unserer großen Überraschung gelang dieser Ausbruch,
ohne dass der Feind reagierte. Einige der um uns postierten russischen
Feldposten waren wahrscheinlich selbst überrascht, eine so
große Anzahl deutscher Soldaten zu sehen. Es fiel kein Schuss!
Das änderte sich erst nach einigen Kilometern Wegstrecke.
Wir gingen in NW-Richtung auf den Oborniker Forst zu, als plötzlich
ein paar russische Kosaken auf Pferden unsere Verfolgung aufnahm.
Sobald wir aber den Wald erreicht hatten, blieben die Russen zurück,
weil offenbar ihre Chancen zu einem erfolgreichen Kampf äußerst
gering waren. Sie befanden sich auf einer schneebedeckten ebnen
Fläche ohne Deckungsmöglichkeit. Wir hörten dann
noch Panzergeräusche, aber sie näherten sich nicht dem
Waldrand an.
Die Gruppe von Soldaten, die sich um uns geschart hatte, bestand
aus ca. 30 Männern, von denen ich persönlich nur wenige
kannte. Wir bewegten uns im Oborniker Forst in nordwestlicher
Richtung und waren bestrebt, uns von dem Gros und anderen Gruppen
zu trennen, getreu der Devise: je größer die Gruppe,
umso mehr Aufmerksamkeit erzielt sie beim Feind. So legten wir
anfangs ein großes Tempo vor, soweit es die Schneeverhältnisse
und der Wald zuließen, immer in der Hoffnung, bald auf die
deutsche HKL zu treffen. Das war ein großer Irrtum, denn
zu dieser Zeit, am 01. Februar 1945, war es den Russen bereits
gelungen, bis zum ostwärtigen Ufer der Oder durchzustoßen.
Das war immerhin eine Entfernung von ca. 140 km von Posen aus
gesehen. Was wir nicht ahnen konnten, war die Tatsache, dass der
Russe in seinem strategischen Konzept Posen mit seinen Hauptkräften
umgangen hatte, um die Eroberung dieser Festung vornehmlich nachfolgenden
Truppen zu überlassen. Das Hauptziel war die Erreichung der
Oder-Linie und dann die Stoßrichtung nach Berlin.
Unser vorhandenes Kartenmaterial reichte nur bis zu einem Radius
von ca. 10 km von der Stadtmitte Posen aus gesehen. Da wir über
kein Funkgerät verfügten, keine Nachrichten im Radio
verfolgen konnten, blieb uns nur eine Orientierung in westlicher
Richtung, wo wir deutsche Truppen vermuteten. In dem großen
Oborniker Forst versteckten wir uns tagsüber und nur in der
Nacht marschierten wir weiter. Dieses Verhalten war eine zwingende
Notwendigkeit, denn tagsüber durchkämmten russische
Truppen, vornehmlich Kosaken zu Pferde, die Waldgebiete. Öfter
hörten wir deutsche Rufe, aber auch russische Laute, in unseren
im dichten Unterholz getarnten Ruheplätzen. Dabei war an
Schlaf kaum zu denken. Bei Eis und Schnee und in der kalten Winterlandschaft
musste man die Gliedmaßen häufig bewegen, damit sie
nicht erfrieren. Feuer machen war lebensgefährlich, denn
der aufsteigende Rauch hätte unser Versteck verraten, und
uns die Russen auf den Hals geschickt. Nachts legten wir 10-15
km hinter uns, und ein paar Mal hatten wir dann Schusswechsel
mit russischen Vorposten, die sich vor den von ihnen eroberten
Dörfern in Erdlöchern eingegraben hatten. In den stockdunklen
Nächten gingen wir immer hintereinander im Abstand von 3-5
m, damit der Kontakt und die Befehlsübermittlung innerhalb
der Gruppe nicht abriss. Aber die Uneinigkeit der Gruppe über
die Richtung in der wir uns nach Westen bewegten, wurde immer
größer. Es bildeten sich Gruppen von 3-4 Soldaten,
die in eine andere Richtung gehen wollten, weil sie glaubten,
unser Weg sei der falsche.
Ein besonderes Problem stellte sich auch dadurch, dass wir in
völliger Unkenntnis der tatsächlichen Frontverhältnisse
uns vornehmlich nur mit Waffen und Munition versorgt hatten, aber
außer der obligaten Notverpflegung keine Lebensmittelbestände
mit uns führten. So mussten wir uns die notwendige Verpflegung
nachts aus einzelnstehenden Häusern von der Zivilbevölkerung
abverlangen oder mit Androhung von Gewalt bei polnischen Bauern
nehmen. Das ging zwar ohne Blutvergießen vor sich, stellte
uns aber vor weitere Probleme, die darin lagen, dass wir sicher
sein konnten, nach dem Verlassen des Hauses von den Polen bei
den Russen verraten zu werden, was dann häufig wieder eine
Verfolgung auslöste. Immer wieder wurde uns erklärt,
dass Hilfestellungen an uns von den Russen mit dem Tod durch Erschießen
geahndet würden. Letztlich registrierten wir danach häufiger
Schießereien mit kleinen Gruppen russischer Soldaten, die
zeitlich gesehen für uns unpassend waren, und zur Folge hatte,
dass wir sehr schnell unseren Aufenthalt in der betreffenden Gegend
wechseln mussten. Da wir am Tage auf gute Versteckmöglichkeiten
in den Waldgebieten angewiesen waren, mussten wir bei unserem
weiteren Vorgehen im Gelände diesen wichtigen Gesichtspunkt
nicht aus den Augen verlieren. Sobald der Morgen dämmerte,
suchten wir uns in den Wäldern einen guten Platz, der auch
rundum unsere Sicherheit berücksichtigte. Einen Aufenthalt
in Häusern oder Scheunen mieden wir, da diese tagsüber
oftmals von russischen Soldaten frequentiert wurden. Nur nachts
umstellten wir einzelne Gebäude, um uns Lebensmittel zu beschaffen.
Dabei konnten wir sehen, wie sich die russischen Truppen bei der
Eroberung der Häuser verhalten hatten. Besonders in den Herrenhäusern
und Gutshöfen die wir aufsuchten, fanden wir tote vergewaltigte
Frauen, Mädchen, alte Männer und alte Frauen, die man
willkürlich erschossen hatte. Der Wohnbereich war in unvorstellbarer
Weise verschmutzt, mit brachialer Gewalt waren Schränke und
Truhen aufgebrochen und der Inhalt lag oft verstreut auf dem Boden,
Essenreste und Fäkalien ebenso, Betten und Polstermöbel
waren teilweise aufgeschlitzt, Bilder abgehangen und verschwunden.
Leere Wein- und Schnapsflaschen lagen verstreut im ganzen Haus.
Die Häuser waren im wahrsten Sinne des Wortes "geplündert.
Essenreste befanden sich auf Tellern, in Schüsseln, auf Tischen,
Öfen oder waren einfach auf dem Boden ausgegossen. Es war
ein Chaos sondergleichen.
Wir waren erschüttert, wie viele Menschen aus den deutschen
Ostgebieten Opfer dieser grausamen Soldateska waren. Oft waren
diese Häuser zum Schluss auch noch willkürlich durch
Feuer zerstört. Eine unvorstellbare Angst herrschte bei der
zurückgebliebenen deutschen Zivilbevölkerung. Selbst
in Kinderheimen wurden die Erzieherinnen vergewaltigt. Meistens
handelte es sich hier um deutsche oder polnische Ordensschwestern.
Bei den Kindern handelte es sich um Waisen und um deutsche Kinder,
die bei der Flucht ihre Eltern verloren hatten.
Das brutale, menschenverachtende Vorgehen der Roten Armee war
sicher auch eine Quittung für das deutsche Verhalten beim
Rückzug aus der Sowjetunion, die nach der Losung der "verbrannten
Erde vonstatten ging. Auch die ideologische Aufhetzung hatte
ja auf beiden Seiten der Front stattgefunden, und jetzt, nach
dem Überschreiten der deutschen Grenze durch die Sowjetarmee,
gab es für sie keine menschliche Rücksichtnahme mehr.
In den großen Waldgebieten ostwärts der Oder begegneten
uns Frauen und Mädchen, die aus den besetzten Orten sich
hier nachts versteckten. Zum großen Teil wollten sie ihre
Familien nicht verlassen, und hofften auf eine größere
Disziplin der nachfolgenden russischen Armee-Einheiten. Wir konnten
ihnen nur vorübergehend Schutz geben, weil wir weiter nach
Westen zogen. Je näher wir in Richtung der Oder kamen, je
dichter wurde die Anwesenheit der Russen. Sie waren schon so siegessicher,
dass in den von ihnen besetzten Ortschaften die Straßenbeleuchtung
nachts eingeschaltet blieb. Außerdem war die Lautstärke,
die zu uns herüber schallte, ein Zeichen für exzessiven
Alkoholkonsum der Eroberer.
Die Spannungen in unserer Gruppe vergrößerten sich
von Tag zu Tag. Einige glaubten, dass eine andere Richtung als
die gerade eingeschlagene, besser wäre. Die einen glaubten
mehr nach Norden zu gehen, die anderen nach Süden. So spaltete
sich unsere 30-köpfige Gruppe in mehrere Kleingruppen, die
nun selbst ihr Glück versuchten, die deutsche HKL nach ihren
eigenen Vorstellungen zu erreichen. Wir trennten uns also und
waren dann nur noch 8 Mann. Die Witterungsverhältnisse waren
überaus schlecht. Lag in den ersten Tag noch Schnee, der
Boden gefroren, stellte sich nunmehr Tauwetter ein. Der Schnee
verschwand, der Boden wurde schlammig, und unsere weiße
Tarnkleidung verkehrte sich in der Dunkelheit ins Gegenteil. Wir
wurden so zu Zielscheiben. Also drehten wir die Kleidung um, dass
das weiße Fell nach Innen zeigte, und die gegerbte grau-braune
Innenseite nach Außen kam, was uns größeren Sichtschutz
versprach. Je näher wir in den Bereich der Oder kamen, je
häufiger waren nachts Begegnungen mit anderen deutschen Soldaten,
die ebenfalls versuchten, deutsche Linien zu erreichen. Jedes
Mal waren unsere Nerven angespannt, und die Spannung löste
sich erst auf, wenn wir sicher waren, dass wir es mit deutschen
Soldaten zu tun hatten. Dabei wurden dann auch gelegentlich Informationen
ausgetauscht über Wege und Ziele. In der Morgenfrühe
eines Tages hatten russische Soldaten eine Waldhütte kontrolliert
und dabei drei deutsche Volkssturmmänner gefangen genommen.
Sie führten sie aus der Hütte und schlugen auf sie ein.
Wir wurden durch ihr Geschrei aufmerksam und sahen drei russische
Soldaten, die sich anschickten, die Gefangenen zu erschießen.
Durch schnelles, gezieltes Feuer, erledigten wir zwei dieser Soldaten,
der dritte flüchtete und entkam. Die Volkssturmmänner
kamen auf uns zu und bedankten sich für die Hilfe. Einer
dieser Männer, ein ca. 60 - Jähriger, ein väterlicher
Typ, blieb danach eine Weile in meiner Nähe.
Seit unserem Ausbruch von Posen bewegten wir uns auf der Linie:
Oborniker Forst, Obersitzkoer Forst, Wronker Forst, Crutscher
Forst, dann in Richtung Schwerin-Meseritz, Forst Zielenzig, zum
Drossener Stadt-Forst. Schon mehrmals sind wir nachts auf kleinere
und größere Seen aufgelaufen. So auch in der Nacht
vom 07. auf den 08. Februar 1945. Das Gelände war hier sumpfig
und es dauerte einige Zeit, bis wir am südlichen Ende des
Sees eine Umgehung fanden. Der Tag brach an, es wurde immer heller,
aber es war kein dichter Wald mehr vorhanden, wo wir uns den ganzen
Tag über verstecken konnten. Eine größere Scheune
befand sich ostwärts des Ortes Seefeld. Wir mussten dort
unterkommen, denn der Rückweg in einen geschützten Wald
war wegen des Tagesanbruchs einfach nicht mehr gegeben. Als wir
die Scheune erreichten, fanden wir weitere deutsche Soldaten,
die hier auch Unterschlupf gefunden hatten. Die Scheune war mit
Stroh und Heu gefüllt. Wir zogen zwei Wachen auf, um vor
Überraschungen gefeit zu sein, und fielen sofort in einen
tiefen Schlaf. Seit unserem Ausbruch aus Posen in der Nacht vom
30. zum 31. Januar hatten wir kaum 1-2 Stunden zusammenhängend
geschlafen.
So gegen 7.00 Uhr morgens wurden wir durch lautes Rufen geweckt:
"Alarm, die Russen kommen! In einer breiten Schützenkette
kamen bewaffnete russische Infanteristen auf die Scheune zu. In
der Mitte befanden sich ein paar Zivilisten, von denen einer eine
große weiße Fahne trug. Sie riefen: "Kameraden,
der Krieg ist verloren, gebt auf, schießt nicht, die Russen
töten euch nicht! Wir hatten die Wahl uns zu verteidigen
oder in Gefangenschaft zu gehen. Mein Abteilungskamerad Siegfried
Ross schoss sich - ohne jede weitere Vorandeutung - eine Kugel
in den Kopf. Er, ein Ostpreuße, war schon Mitte Oktober
bestürzt, als die Rote Armee in Ostpreußen einfiel,
und dort ein unvorstellbares Massaker an der Zivilbevölkerung
vornahm. Seit dieser Zeit hatte er auch keine Nachricht mehr von
seiner Familie. Die Frage war, sollte ich mich als Neunzehnjähriger
auch erschießen? Ich nahm meine Maschinenpistole, zerlegte
das Schloss und warf die Einzelteile in verschiedene Richtungen
im Stroh der Scheune. Vorausgegangen war bei mir schon längere
Zeit die Überlegung, dass der Fahneneid und der soldatische
Gehorsam für mich persönlich dort seine Grenze hatte,
wo Gewissen und Verantwortung jeden Widerstand sinnlos machen.
Das traf für alle in der Scheune befindlichen Soldaten auch
zu, denn bei einem Widerstand unsererseits brauchten die Russen
nur ein paar Leuchtspur - Patronen auf die Scheune abzufeuern,
und in minutenschnelle hätte sie lichterloh gebrannt. Ebenso
wäre ein Ausbruch aus der Scheune Selbstmord gewesen, da
es hier keine Deckungsmöglichkeiten im Umfeld gab.
Meine silberne Taschenuhr, ein altes Familienstück mit buntem
Zifferblatt, zertrat ich, damit sie nicht in die Hände der
Russen fiel. Im Nachhinein gesehen, eigentlich eine Dummheit,
die keinen Wert darstellte. Wir wurden aufgefordert, mit erhobenen
Händen die Scheune zu verlassen, und auf die russischen Soldaten
zuzugehen. In der Scheune befanden sich ca. 20 deutsche Soldaten.
Die Russen waren erstaunlich jung, lachten und riefen: "Woina
kaputt! (Der Krieg ist kaputt bzw. aus). So kam ich in die
russische Gefangenschaft.
Werner Brähler: Gefangennahme durch die Sowjets 1945
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