In einem sowjetischen Auffanglager 1945
Nach meiner Gefangennahme durch die Rote Armee Anfang Februar
1945 kam ich östlich von Frankfurt a.d. Oder in ein provisorisches
Auffanglager, das in einer Scheune eines Bauernhofes"eingerichtet"
worden war. Auf dem großen Platz vor der Scheune wurden
wir von deutsch sprechenden Personen - wahrscheinlich Mitglieder
des "Nationalkomitees Freies Deutschland (NKFD) - empfangen.
Ich hatte schon bei meinem ersten Fronteinsatz in Russland von
dieser Gruppe gehört, welche sich im Juli 1943 - vielfach
aus gefangenen deutschen Soldaten und Offizieren, wie auch aus
emigrierten Kommunisten - gegründet hatte.
Waren die Reaktionen der Russen bei den Begegnungen mit deutschen
Kriegsgefangenen bis dahin mehr spontaner Art, so merkten wir
hier sofort, dass nunmehr eine geplante, organisierte deutsche
Gründlichkeit sich an uns vollzog. Wie beim Rekrutenappell
mussten wir Aufstellung nehmen, unsere verbliebenen Habseligkeiten
vor uns ablegen, sämtlich Taschen, Brotbeutel und andere
Behältnisse entleeren und ebenfalls ablegen und wurden aufgefordert,
versteckten Schmuck, Uhren, Ringe und dergleichen - unter Androhung
des Erschießens bei Nichterfüllung - abzugeben. Die
Leute, die das im barschen Befehlston forderten, waren alle gut
ernährt, gut gekleidet, meistens hatten sie Offiziershosen
und Stiefel an, oder trugen russische Uniformen, jedoch ohne Rangabzeichen,
hatten Pistolen, mit denen sie herumfuchtelten, um den Ernst ihrer
Drohungen zu unterstützen. Sie liefen durch die Reihen der
Gefangenen und sahen sich die auf dem Boden ausgebreiteten Sachen
an. Alles, was irgendwie noch einen Wert hatte, z.B. ein zweites
Paar Socken, doppelte Unterwäsche, Offizierskoppel, Brieftaschen,
Geldbörsen u.ä. Dinge, wurden abgenommen. So nahm man
mir auch die kurz vorher erstandenen Gebirgsjägerschuhe ab,
die ja besonders robust und langlebig waren. Die zu kleinen Schnürschuhe,
die ich auch mitgenommen hatte, ließ man mir. Meine Äußerung,
dass diese Schuhe mir absolut nicht passen, ignorierte man völlig.
Die Offiziere unserer Kolonne wurden dann in einem separaten Teil
der Scheune verbracht, wo bereits andere Offiziere waren, die
schon ein paar Tage früher hier eingetroffen waren. Es waren
Dienstgrade vom Leutnant bis zum Hauptmann und bis zum Stabszahlmeister.
Wir Ankommenden stellten uns vor und fragten nach dem woher, und
den Erfahrungen, die sie bisher in dieser Scheune gemacht hatten.
Noch am gleichen Abend wurde der Älteste von uns, ein Hauptmann,
der schon im 1. Weltkrieg war, abgeholt. Kurz darauf hörten
wir Schüsse in unmittelbarer Nähe auf der Rückseite
der Scheune. Wir haben diesen Offizier nie wieder gesehen.
Die Versorgung mit Lebensmitteln in diesem Auffanglager war katastrophal
und völlig unzureichend. So wurde ein fast leerer Marmeladeneimer,
der von den Bewachern hereingereicht wurde, fast zum Hindernislauf
unter den von uns getrennten Mannschaftsteilen, den ein ca. 16-17-jähriger
Flakhelfer letztlich für sich entschied. Er konnte sich aufgrund
seiner Schnelligkeit in den Besitz des Eimers bringen und den
Restinhalt gierig mit den Fingern ausleeren. Vorher rauften sich
um diesen Eimer etliche Leute. Schon hier, ganz am Anfang der
Gefangenschaft, lernte ich, dass der Hunger bei vielen Menschen
alle Barrieren der Würde auflöst und zu zügellosem,
brutalem Verhalten führt. Jeder Tag brachte dafür neue
Beispiele. In meiner unmittelbaren Nähe ging es aber in dieser
Hinsicht disziplinierter zu. Wir waren in dem abgetrennten Sektor
der Scheune mit sieben Offizieren getrennt von den Mannschaften
eingewiesen.
Als Tagesverpflegung erhielten wir drei russische Brote, was einer
Gesamtmenge pro Kopf von ca. 450 g entsprach. Dazu gab es ein
paar Kannen Wasser am Tage. Warmes Essen wurde hier nicht ausgegeben,
da es nur eine Hausküche gab, die von den russischen Wachsoldaten
und ihren deutschen Helfern, den Überläufern, Emigranten,
Kommunisten, die sich jetzt "Antifaschisten nannten,
genutzt wurde. Hinter der Scheune, auf einer Wiese, die umzäunt
war, war der Notdurft-Bereich. Dahinter waren die Wachposten platziert.
Der Innenhof dieses Bauernhofes war durch ein großes Tor
verschlossen und bewacht. Eine Waschmöglichkeit bestand für
uns nicht. Mein dringlichstes Problem waren die nicht passenden,
ausgelatschten Schuhe. In mühevoller Weise schnitt ich mit
einem Stückchen Blech, was ich in der Scheune gefunden hatte
und an einem Kieselstein schärfte, das vordere weiche Leder
an den Schuhen ab, so dass meine Zehen genügend Platz hatten,
wenngleich sie auch ca. 1 cm über die Schuhsohlen hinausragten.
So hatte ich wenigstens meine Füße annähernd geschützt
und brauchte nicht mehr barfuss herumzulaufen. Da wir kein Messer
besitzen durften - und das auch bei Androhung des Erschießens
- war ich froh, mit der scharfen Blechkante zurechtgekommen zu
sein.
Zweimal am Tage war Zählappell, wo wir uns im Innenhof aufstellen
mussten. In dieser Zeit stöberten die Bewacher unsere Liege-
bzw. Schlafplätze nach versteckten Wertsachen durch. Gesucht
wurde auch nach Waffen oder waffenähnlichen Gegenständen.
Der Besitz eines dicken Knüppels, als Gehhilfe, musste sogar
von den verwundeten Gefangenen begründet und verteidigt werden.
Die Bewacher hatten wohl Angst oder zumindest Respekt vor uns.
Sie wurden schon nervös, wenn ein messerähnlicher Gegenstand
gefunden wurde, der keinem Gefangenen persönlich zuzuordnen
war. Für das Aufteilen der Brotportionen wurden Messer ausgeliehen,
die nach einer viertel Stunde wieder eingesammelt wurden.
Den plötzlichen Wandel vom Soldaten zum Kriegsgefangenen
mussten wir erst einmal verkraften. Das geschah auch dadurch,
dass wir uns kritisch beobachteten und vor allen Dingen keinerlei
Anbiederungen bei den Russen oder ihren deutschen Helfershelfern
unternahmen. Wir sprachen darüber miteinander und waren uns
einig, dass wir uns soldatisch korrekt verhalten wollten. Eine
erhebliche Verunsicherung brachten aber dann plötzlich Verhöre
durch die "Antifaschisten. Kurzfristig wurden einzelne
Gefangene zum Verhör abgeholt. Einige kamen nach ein paar
Stunden wieder, andere kehrten nicht mehr zurück. Was mit
ihnen geschah, wussten wir nicht genau, vermuteten aber, dass
sie erschossen wurden, weil jeweils in der Dunkelheit an mehreren
Abenden, in unmittelbarer Nähe der Scheune geschossen wurde.
Wir nahmen an, dass es sich bei diesen Gefangenen um ehemalige
SS-Leute handelte, die, das wussten wir schon auf der Kriegsschule,
von Anfang an intensiv gesucht wurden. Es war ein "offenes
Geheimnis, einige SS-Leute hatten sich kurz vor ihrer Flucht
oder Gefangennahme in Wehrmachtsuniform umgekleidet, die sie sich
von gefallenen deutschen Soldaten angeeignet hatten. Bei den Verhören
mussten die Gefangenen alle ihren Oberkörper frei machen,
um zu sehen, ob eine Blutgruppen-Tätowierung unter dem linken
Oberarm vorhanden war, wie sie für die Waffen-SS-Leute obligatorisch
bei ihrer Einberufung, spätestens jedoch während ihrer
Rekrutenausbildung vorgenommen wurde. Diese Tätowierung war
ein Ehrenkodex dieser Truppe, hat aber vielen Leuten in russischer
Gefangenschaft das Leben gekostet.
Solche Tatbestände hatten wir in der Gefangenschaft nicht
erwartet, sie wurden mit großer Bitterkeit zur Kenntnis
genommen. Keiner von uns war auf eine solche extreme Situation
vorbereitet. Es ist ein erheblicher Unterschied, theoretisch davon
zu wissen, und später in der Realität mitzubekommen.
Man behandelte die Angehörigen der Waffen-SS wie Schwerverbrecher.
Aus meiner eigenen Kenntnis und Beobachtung hatte ich nichts Ehrenrühriges
über die Waffen-SS miterlebt. Sie hatten gekämpft, wie
wir auch. Zu diesem Zeitpunkt sickerte es aber schon langsam durch,
dass in den von uns besetzten Ostgebieten in Russland und anderswo
die SS an Massenexekutionen teilgenommen hatten, gemeinsam mit
Einsatzkräften der Polizei. Das hörte man auch in Äußerungen
der Antifaschisten.
Wir waren verunsichert und konnten eigene Maßstäbe
darüber nicht finden. Kann man diesen "Kerlen
Glauben schenken? War das wahr, was sie erzählten, oder war
es die schon bekannte, typische kommunistische Agitation? Am dritten
Tag in dieser Scheune erhielten wir überraschend zu unserer
Brotportion einen Teelöffel Zucker und drei Papirossi (russische
Zigaretten mit Hohlmundstück). Die Mannschaften bekamen solche
Zuwendungen nicht. Bissige Kommentare waren die Folge. Man hatte
wohl geglaubt, dass nun alle Menschen gleich seien, und es keine
Privilegien mehr gäbe. Es war uns auch nicht klar, welchem
Umstand wir diese Bevorzugung zuzuschreiben hatten? Einige meinten,
dass dies auf die "Genfer Konvention zurückzuführen
sei, die auch genaue Verpflegungsvorschriften inkl. Mengenangaben
für Kriegsgefangene Soldaten und Offiziere vorschreibt; andere
sagten, was ich bisher nicht wusste, dass die Russen sich an ihr
eigenes Mehrklassensystem in der Armee orientierten, wo es verschiedene
Verpflegungskategorien gibt: Mannschaften, Unteroffiziere, Offiziere,
Stabsoffiziere und Generale.
Der Neid über die uns gegebene Extraversorgung war hier hautnah
zu spüren, und es kam auch zu einzelnen Aggressionen. Einige
Soldaten glaubten, dass sie sich nun in ihrer Haltung uns gegenüber
den Antifaschisten anpassen müssten. Sie wurden rüde,
unbeherrscht und versuchten sogar einigen von uns, die Rangabzeichen
abzureißen. Es entstand ein Handgemenge, worauf ein russische
Posten Warnschüsse in die Luft abgab. Ein russischer Offizier
erschien mit einem Dolmetscher und drohte mit härtesten Strafen,
falls sich solch ein Vorgang wiederholen würde. In unserem
abgeteilten Scheunensektor debattierten wir über den Verfall
der Disziplin dieser Soldaten. Waren das die deutschen Soldaten,
die mit uns gemeinsam den Krieg geführt, die sich uns anvertraut
hatten?
Täglich verloren immer mehr Kriegsgefangene die Kontrolle
über sich. Wir lernten, dass die Disziplin auch eine Funktion
des satten Bauches ist. Nun, wo sich alle bisherigen Verhältnisse
umkehrten, gedieh Blindheit, Egoismus und Neid. Für uns war
das eine neue Erfahrung. In immer neuen sich ergebenden Situationen
lernten wir die Verhaltensweisen von Menschen unter sehr schlechten
Lebensumständen kennen. Es lohnte sich beileibe nicht, über
die von den Russen angeordnete Bevorzugung überhaupt zu diskutieren.
Sie war so geringfügig, dass man zur Tagesordnung hätte
übergehen können. Ihr optischer Eindruck jedoch stiftete
Unfrieden. Wir baten daher um eine gleiche Behandlung wie sie
die Mannschaften erfuhren. Das wurde von einem russischen Offizier,
der mit einem deutschen Antifaschisten zu uns kam, abgelehnt.
Unser internes Verhältnis zu den mitgefangenen Soldaten wurde
dabei nicht besser, obwohl einige Besonnene sich um eine Versachlichung
bemühten. Rückblickend kann man sagen, dass in der Masse
von Menschen immer wieder ein kleiner Teil - heute würde
man von einer Minorität sprechen - versucht, durch extremes
Verhalten den anderen, größeren Teil, zu beeindrucken.
Mittlerweile waren hier in der Scheune ca. 300 deutsche Soldaten
untergebracht. Täglich wurden neue Gefangene zugeführt
und die Enge wurde langsam unerträglich. Auch eine Anzahl
von Verwundeten waren hier, die praktisch ohne jede ärztliche
Betreuung waren. Sie konnten nicht einmal ihre Wundverbände
wechseln bzw. auch nicht waschen.
Eines Morgens mussten wir alle mit unserem dürftigen Gepäck
im Innenhof antreten und wurden mit einem großen Aufwand
an Bewachung durch russische Soldaten, die mit aufgepflanztem
Seitengewehr neben uns her gingen, in Marschkolonne abgeführt,
wobei alle Offiziere an der Spitze marschierten. Über unser
nächstes Ziel war nichts bekannt. Aber es ging in Richtung
Osten.
Werner Brähler: Marsch in Gefangenenkolonne 1945
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