Marsch in Gefangenenkolonne 1945
Nach meiner Gefangennahme durch die Rote Armee Anfang Februar
1945 östlich von Frankfurt a.d. Oder mussten wir in Kolonne
nach Posen marschieren. In Tagesmärschen von 15-20 km marschierten
wir an den von uns erdachten Zielpunkten vorbei. Beim Anbruch
der Dämmerung wurden wir in Gutshöfe oder einzeln stehende
größere Bauerngehöfte untergebracht, die von den
uns begleitenden russischen Wachsoldaten gut zu kontrollieren
waren. Außer einem täglichen Stück Brot gab es
keine Verpflegung, kein warmes Essen und nur ab und zu etwas Wasser,
was wir uns auf einer Viehweide oder aus einem Brunnen entnehmen
durften. Die Verrichtung der Notdurft war nur 1-2-mal am Tag gestattet
und vollzog sich unter entwürdigenden Umständen. Die
Marschkolonne musste anhalten, links oder rechts umdrehen, und
bei einem Abstand von 1 1/2 m zum nächsten Mann konnte abgeprotzt
werden. Als Toilettenpapier nahmen wir Gras oder Pflanzenblätter.
Schon nach 2 Tagen konnten einzelne Verwundete das Marschtempo
nicht mehr mithalten und blieben am Ende der Kolonne ein paar
wenige Meter zurück. Daraufhin wurden sie von russischen
Soldaten, die den hinteren Abschluss kontrollierten, erschossen
und in den Straßengraben geworfen. Alle Proteste von uns
nützten nichts. Wir organisierten eine Selbsthilfe, indem
wir die verwundeten Kameraden stützten oder zeitweilig sogar
trugen. Aber viele von uns waren selber durch die Strapazen und
der unzureichenden Verpflegung geschwächt und konnten auf
die Dauer solche Belastungen nicht verkraften. Hinzu kam, dass
wir beim Passieren von Ortschaften von anderen russischen oder
polnischen Soldaten und polnischen Zivilisten belästigt,
verhöhnt, geschlagen und auch von Polen mit Steinen und anderen
Gegenständen beworfen wurden. Einige von uns wurden dabei
erheblich verletzt.
Die Bewacher wollten oder konnten diese Eingriffe nicht verhindern,
weil wir manchmal regelrecht durch ein Spalier gehen mussten.
Von allen Seiten kamen Schläge auf uns zu. Diese Ortschaften
waren für uns ein Horror. An den Straßenrändern
lagen vergewaltigte Frauen, die Röcke bis an die Brüste
hochgezogen, erschossen, erschlagen oder erstochen im Dreck. Unsere
Ohnmacht wurde uns nie deutlicher bewusst, als bei diesem langen
Marsch. Vielleicht gerade darum wurde die Disziplin unter den
Gefangenen wieder größer. Abscheu, Hass und Ekel über
unsere "Sieger gewannen vorübergehend wieder die
Oberhand. Aber schon beim nächsten Lebensmittelfund, der
von den Plünderern im Straßengraben geworfen war, änderte
sich das wieder. Weck-Gläser mit Obstinhalt, die hier lagen,
entwickelten wieder ein Chaos unter den Gefangenen. Es kam vor,
dass die Wachposten blindlings schossen, und so mancher Unbeherrschte
dabei verwundet wurde. Andere, die gierig sich den Inhalt eines
solchen Glases während des Marsches einverleibten, bekamen
einen Tag später Durchfall und mussten außerhalb der
von den Wachposten tolerierten Notdurft-Pause aus der Kolonne
ausscheren, blieben zurück, und wurden dann meistens erschossen.
Die russischen Wachposten hatten wohl einen Befehl, dass jeder
Gefangene, der zurückbleibt, egal aus welchen Gründen,
ob erschöpft, verwundet oder krank, erschossen wurde. Es
gab Leute, die so apathisch waren, dass ihnen der Tod wie eine
Erlösung erschien. Meistens waren ihre Kräfte bis zur
totalen Erschöpfung aufgebraucht. Wenn die Beine ihren Dienst
versagten, und die Helfer sie nicht mehr unterstützen konnten,
weil sie selbst kraftlos wurden, dann war das baldige Ende abzusehen.
Jeder versuchte sein eigenes Leben zu retten, sich mit äußerster
Kraftanstrengung aufrecht zu erhalten und nicht zurück zu
bleiben. Ich selber war Gott sei Dank gesund, abgehärtet
und hatte bis dahin alle Strapazen ertragen können. Kein
Durchfall plagte mich, weil ich außer der kargen Brotration
nichts anderes zu mir genommen hatte, was meine Gesundheit gefährden
konnte. Neben der physischen, hatte auch die psychische Belastung
bei den Gefangenen ihre Wirkung. Der Mensch galt nichts mehr,
und humanes Handeln der Russen war wohl nicht zu erwarten, jeder
musste um sein Leben fürchten. Je weiter wir nach Osten kamen,
umso mehr wurden wir von polnischen Soldaten und Zivilisten belästigt,
die ihren Mut an uns kühlen wollten. Ich selbst bekam auch
Schläge ab, konnte aber den meisten Hieben ausweichen.
Es blieb uns einfach unbegreiflich, warum Russen und Polen so
hart und unmenschlich gegen uns vorgingen. Wir schrieben das einzig
und allein ihrem "Rachebedürfnis zu. Viele von
uns, ich eingeschlossen, hatten keine Ahnung, dass sich dahinter
viel mehr verbarg als nur unsere militärische Niederlage
und Ohnmacht. Was wussten wir schon davon, was sich seit Anfang
des Krieges in Polen und nachher seit 1941 in Russland alles an
Scheußlichkeiten ereignet hatte? Welche Möglichkeiten
hatten wir in der scharf bewachten Gefangenenkolonne gegenüber
den Übergriffen überhaupt? Den Kopf hinhalten und Würde,
Stolz oder Verachtung zeigen? Dabei wussten wir noch nicht, wie
leicht diese unsere Haltung, die ja auch nicht alle Gefangenen
zeigten, zerbrechlich war. Schon bald sollten wir hierfür
ein Beispiel bekommen. Eines Morgens gab es keine Brotration für
uns. Der Nachschub war ausgeblieben, dennoch wurden wir weiter
zum Marschieren angetrieben. Wir hatten keine Möglichkeit
zur Intervention. Wenn kein Brot angeliefert wird, konnte auch
kein Brot ausgegeben werden. So gingen wir hungrig und innerlich
voller Groll weiter nach Osten. Am Nachmittag kamen wir an einem
großen Gutshof vorbei, wo wir in den Stallgebäuden
untergebracht wurden. Wir Offiziere bekamen einen abgeteilten
Schweinekoben als Schlafquartier zugewiesen.
Es stank hier fürchterlich nach Schweinemist, obwohl der
Stall oberflächlich gereinigt und vom Mist befreit war. 10
Gefangene kamen in einen Koben, wo vorher vielleicht 4-5 Schweine
Platz hatten. Hinlegen konnten wir uns nicht. Die ganze Nacht
verbrachten wir im Stehen und an Schlaf war nicht zu denken. Am
nächsten Morgen ging es wieder weiter, und noch immer bekamen
wir kein Brot. Viele waren durch die Strapazen der letzten Tage
gezeichnet. Sie schleppten sich nur mühsam in der Kolonne
mit. Die Uniformen waren zum Teil zerrissen, viele hatten kein
richtiges Schuhwerk, andere keinen Uniformmantel, etliche ohne
Winterbekleidung. Oft hatte man ihnen die Fellmützen- und
Jacken abgenommen. Es war ein trauriger Haufen. Einige Verwundete
hatten blutdurchtränkte Verbände, die äußerlich
auch schon stark verschmutzt waren. Die Gesichter waren aschgrau,
und das nicht nur daher, dass wir uns seit Tagen nicht waschen
konnten, sondern der Unsicherheit und Ungewissheit wegen, wie
es mit uns jetzt weitergeht.
Am späten Nachmittag erreichten wir wiederum einen größeren
Gutshof. Tauwetter hatte eingesetzt, und auf den schlammigen Wiesen
liefen Kühe herum, die man wohl unseretwegen aus den Stallgebäuden
herausgetrieben hatte. Das Gras auf den Wiesen war sicherlich
als Nahrung für die Kühe kaum geeignet, war es doch
erst die zweite Woche im Februar 1945. Wir hatten beim Eintreffen
immer noch kein Essen bekommen und machten daher den russischen
Wachposten den Vorschlag, eine oder zwei Kühe zu schlachten
und das Fleisch in der Waschküche zu kochen. Überraschend
stimmte man zu und verlangte von uns Offizieren, dass wir das
Ganze organisieren sollten.
Es fanden sich schnell gelernte Fachkräfte, Metzger und Köche,
die wir hier einwiesen. Wir gaben ihnen die Kopfzahl unserer Kolonne
bekannt, damit sichergestellt wurde, dass auch jeder nachher eine
Portion Brühe und etwas Fleisch erhielt. Es wurden eine oder
zwei dementsprechend große Kühe ausgesucht, die dann
von einem Wachposten erschossen wurden. Nach ein paar Stunden,
kurz vor der Dämmerung, konnte mit der Essenausgabe, d.h.
mit einer Fleischbrühe und einem kleinen Stück Fleisch
begonnen werden. Da unsere gesamte Marschkolonne in der großen
Scheune untergebracht war, wollten wir die Leute Gruppenweise
zum Essenempfang herausrufen. Um kein großes Gedränge
entstehen zu lassen, schlossen wir das große Scheunentor,
um nur diejenige Gruppe herauszulassen, die wir eingeteilt hatten,
danach sollte die nächste Gruppe folgen. Das ging total daneben.
Als die erste Gruppe versorgt war und in die Scheune zurückkehrte,
kam es zum Aufruhr. Die hungernden Gefangenen stürmten das
Scheunentor, liefen direkt zu den Ausgabestellen und rissen einige
Brocken Fleisch von den Tischen und brachten damit die ganze Organisation
in Gefahr. Jeder dachte nur an sich und glaubte, dass er zu kurz
käme oder nicht berücksichtigt würde. Die bei der
Essen-Ausgabestelle stehenden zwei russischen Wachposten waren
entsetzt, drohten mit ihren Kalaschnikows, und als das auch keine
Wirkung zeigte schossen sie in die Menge und es gab dann einige
Verletzte. Erst danach beruhigte sich die Situation.
Viele waren erschreckt und fassungslos. Einen solchen Aufstand
einer Masse von hungrigen Gefangenen hatte ich noch nicht erlebt.
Zum ersten Mal in meinem Leben spürte ich den Druck der Gewalt,
die eine hemmungslose, Amok laufende Menschenmasse ausüben
kann. Es war ein Schock zu sehen, wie sich Menschen in Ausnahmesituationen
verhalten, wenn der Hunger sie antreibt. Ich hatte so etwas nicht
für möglich gehalten, da ich doch selber auch zwei Tage
nichts zu essen hatte. War ich der richtige Maßstab? Sicher,
auch viele andere benahmen sich diszipliniert, bewahrten Haltung
und ließen sich nicht gehen. Hier erhielt ich einen praktischen
Anschauungsunterricht über menschliches Verhalten, den man
im zivilen Leben sicher nie bekommt. Eine Lehre war: Krawalle
und Aufstände werden durch eine Minderheit initiiert, die
sich dann wie ein Schneeball zur Lawine entwickeln kann.
Am 17. Februar 1945 erreichte unsere Marschkolonne die Stadt Posen.
Wir wurden in ein großes Barackenlager im Ortsteil Dembsen
gebracht.
Werner Brähler: Im Kriegsgefangenenlager in Posen 1945
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