Im Kriegsgefangenenlager in Posen 1945
Nach einem langen Marsch in einer Kriegsgefangenenkolonne erreichten
wir am 17. Februar 1945 das Lager Dembsen in Posen. Bei unserer
Ankunft in Posen waren wir über die militärische Lage
in der Stadt nicht informiert, hörten aber Granatwerfer-,
Geschütz- und Maschinengewehrfeuer aus der Ferne und ahnten,
dass unsere Kameraden noch nicht aufgegeben hatten. Erst am 23.
Februar 1945 erfolgte die Kapitulation der Festung Posen. Die
Sieger feierten die Kapitulation auf ihre Art. Wir hörten
die Berichte unserer im Lager eintreffenden Kameraden, die zuvor
drei Tage lang durch Posen marschieren mussten, und hierbei der
Wut und dem Hass polnischer Zivilisten ausgesetzt waren.
Das Lager im Ortsteil Dembsen lag im Süden der Stadt Posen.
Es bestand aus einer großen Anzahl von Baracken, die bei
unserer Ankunft noch nicht alle belegt waren. In den Baracken
waren wir zusammengepfercht. Zwei Mann teilten sich ein Holzbett,
das aber keine Matratzen hatte. Wir lagen auf blanken Holzbrettern.
Der eine lag normal an der Kopfseite, der andere musste aus Platzgründen
sich mit dem Kopf zur Fußseite legen. Decken gab es nicht.
Ich teilte das Bett mit einem älteren deutschen Volkssturmmann.
Eines Abends erlag dieser sympathische, sehr gebildete Mann, der
dem Alter nach mein Vater hätte sein können, einem Herzschlag.
Er hatte Landsleute in einer anderen Baracke besucht und befand
sich ein paar Meter vor unserem Barackeneingang, als ihn der Tod
ereilte. Ich wurde darauf erst aufmerksam, als es ziemlich laut
vor unserer Baracke wurde. Daraufhin schaute ich nach draußen
und sah etliche Leute um einen Toten stehen, die heftig lamentierten.
Ich erkannte den Toten als meinen Bettnachbarn.
Man hatte ihm bereits seine Uniformhose ausgezogen. Es war aber
nicht auszumachen, wer das getan hatte. Alle Herumstehenden schimpften
über diese Leichenfledderei. Ein "Begräbniskommando
aus dem Lager holte den Toten ab. Wir hatten schon mehrfach gesehen,
dass die Toten gleich in unmittelbarer Nähe des Haupttores
am Lagereingang begraben wurden. Ich hatte seine Papiere an mich
genommen und gab sie einem seiner Mitkameraden aus Fürstenwalde,
wo er und seine Familie herkam. Als "Erbstück
hinterließ mir dieser Kamerad seinen Uniformmantel, den
er in der Barackenstube zurückgelassen hatte. Der Mantel
war zwar um etliche Nummern zu groß, hat mich aber dann
noch viele Jahre begleitet und gewärmt.
Ein paar Tage später wurden alle Offiziere von den Mannschaften
getrennt und in einem separierten Teil des Lagers untergebracht.
Wir wurden dann auch in Kompanien und Bataillone eingeteilt. Ein
buntes Völkergemisch war hier im Lager vertreten. Es waren
Soldaten und Offiziere der mit uns verbündeten Länder.
Darunter neben Rumänen, Jugoslawen, Ungarn sogar Angehörige
der "Legion France, Spanier der "Blauen Division
und einige Balten. Viele der österreichischen Kameraden wollten
jetzt "Austrizier sein, die Sudendeutschen "Tschechen.
Damit wollte man sich wohl von den "Deutschen unterscheiden
und zum Ausdruck bringen, dass man ja auch ein "Opfer der
Nazis war. Viele dieser Leute verbanden damit ihre Hoffnung
auf eine baldige Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft. Aber
sie hatten wohl die Russen unterschätzt, die solche Manöver
schnell durchschauten.
Als Lagerführer fungierte ein ehemaliger Gefreiter aus den
deutschen Ostgebieten. Er hieß Adolf Preuschoff, sprach
russisch und polnisch besser als deutsch. Mit einem schweren Holzknüppel
bewaffnet, durchstreifte er das geräumige Lager. Blindlings
schlug er auf Gefangene ein, die ihn nicht devot gegrüßt
hatten. Wir Offiziere waren ihm besonders verhasst. Er ging nie
allein, scharte eine Meute Lagerpolizisten, heute würde man
dazu "Bodyguards sagen, um sich, die ihm ergeben waren
und dadurch auch materiellen Nutzen hatten. Alle Abhängigkeiten
müssen im Leben immer auf die eine oder andere Weise bezahlt
werden. Es fiel uns auf, dass die gesamte Lageradministration
von sehr fragwürdigen Typen besetzt war, die sich besonders
bei der Verteilung von Lebensmitteln und guter Uniformkleidung
bediente. Allein der Brottransport von der Stadtbäckerei
ins Lager, wo Anfangs ca. 25-30.000 Gefangene untergebracht waren,
lag in der Hand von Rumänen.
Die Brote wurden auf offenen Pferdewagen oder auch LKWs in das
Lager gebracht. Was sich dann bei ihrer Ankunft in der Zone der
Lagerküche abspielte, glich einem Überfall. Beim Abladen
der Brote drängten sich ganze Gruppen von Gefangenen um die
Fahrzeuge und versuchten Brote zu stehlen. Oben auf den Ladeflächen
standen die mit Stöcken ausgerüsteten Rumänen und
schlugen auf die "Diebe ein. Nur wenn es sich um rumänische
Landsleute handelte, drückten die Bewacher beide Augen zu.
Oft entwickelten sich anfangs regelrechte Schlägereien, bis
endlich die russische Kommandantur eingriff, und der Küchenvorplatz
abgesperrt wurde. An der Zuständigkeit der Rumänen für
den Brottransport änderte sich aber nichts. Die Verpflegung
hier im Lager war dennoch einigermaßen konstant. Es gab
täglich zwei dünne Wassersuppen und zweimal einen runden
Laib polnischen Brotes, das für 15 Leute aufgeteilt werden
musste.
Es gab einzelne Ausbruchsversuche aus diesem Lager, die sich meistens
in der Nacht vollzogen. Sie scheiterten im Maschinengewehrfeuer
der russischen Wachposten. Dabei mussten zuerst zwei, dann später
drei Zäune überwunden werden, die von Scheinwerfern
angestrahlt waren. Die Erfolgsaussichten einer solchen Aktion
waren nicht sehr groß, auch deshalb, weil zu dieser Zeit
die polnische Miliz alle Personen ohne Ausweispapiere festnahmen,
sie einsperrten, oder den Russen übergaben. Wir wussten das
von einigen deutschen Zivilisten, die vorher Jahrzehnte in Posen
lebten, eines Tages aber in unser Lager eingeliefert und wie normale
Kriegsgefangene behandelt wurden.
Täglich neu eintreffende weitere deutsche Kriegsgefangene
aus den Landkreisen westlich der Oder, machten es für uns
deutlich, dass der Krieg seinem Ende zuging. Es bestand keine
Chance mehr, dass noch eine überraschende Wende eintrat.
Das berührte uns außerordentlich. Der Zusammenbruch
unserer Ideale, und die nunmehr ungewisse Zukunft, beschäftigte
uns sehr. Noch schlimmer waren die Nachrichten über die Verbrechen
der Nazis, von der wir hier erstmalig in größerem Umfange
erfuhren. Das hatte eine furchtbare Wirkung auf uns. Die täglich
neuen Informationen, die wir von der russischen Lagerleitung erfuhren,
die Plakatanschläge und Fotos der deutschen Emigranten, der
Antifaschisten, die seit Jahren schon für ein anderes Deutschland
arbeiteten, die Mund-zu-Mund-Erzählungen älterer Kriegsgefangener,
die zu berichten wussten, dass wir Deutsche - in allen von uns
eroberten Ostgebieten - grausame Verbrechen an Juden, Polen, Ukrainern
und Russen begangen hatten, schien uns kaum vorstellbar. Die meisten
von uns hatten immer noch Zweifel, ob es sich hier um einseitige
Darstellungen, also Propaganda, oder um wenige Einzelfälle
gehandelt hätte?
Wir begannen uns darüber Gedanken zu machen, die Vergangenheit
und die Kriegsereignisse aus einer anderen Perspektive zu sehen,
Zusammenhänge neu zu begreifen. Waren die KZs wirklich so
grausam? Wurden dort die Menschen tatsächlich vergast? Wurden
so auch Frauen und Kinder umgebracht? War unsere militärische
Führung damit überhaupt einverstanden gewesen? Wie viele
haben davon gewusst? Und war die gesamte politische Führung
des Reiches darüber informiert? Hatten sie alle diesem Morden
zugestimmt? Von Woche zu Woche verdichteten sich diese Anschuldigungen,
und wir konnten uns davor nicht mehr verschließen. Dennoch
blieben Zweifel, weil wir diese Nachrichten nicht auf ihren Wahrheitsgehalt
hin überprüfen konnten. Bisher hatten wir nur immer
von den Gräueltaten der Roten Armee gehört, hatten auch
selber solche Beispiele gesehen. Es begannen lebhafte Diskussionen.
Deutsche ohne Moral und Ethik? Wir konnten es einfach nicht fassen.
Im gleichen Atemzuge fragten wir, was wohl mit uns Kriegsgefangenen
in naher Zukunft geschieht?
Die Eindrücke, die wir hier in diesem ersten großen
Gefangenenlager sammeln konnten, waren bedrückend. Alle politischen,
moralischen Begriffe und Wertvorstellungen wandelten sich. Der
Egoismus feierte Triumphe. Jeder dachte nur an sich, an die nächste
Essenration, an sein Überleben. Das ist in Notzeiten wohl
immer so, besonders dann, wenn der Tod reiche Beute hält.
Täglich starben besonders viele ältere Männer,
die noch in der Endphase des Krieges zum "Volkssturm
eingezogen wurden. Im April 1945 existierte meines Wissens weder
eine Totenliste noch ein Gräberverzeichnis für die im
Lager Posen - Dembsen verstorbenen Kriegsgefangenen. Eigentlich
hätte dergleichen von der russischen Lagerleitung erstellt
werden müssen, aber es war ja noch Krieg, und die Russen
zeigten dafür kein besonderes Interesse. Von einem "Lagerführer
Adolf Preuschoff konnte man schriftliche Aufzeichnungen
nicht erwarten. Er war ein Knüppel schwingender Sadist, ein
Werkzeug der Russen. In diesem Zusammenhang bleibt mir auch unerfindlich,
warum sich keiner der von den Russen benutzten Emigranten oder
Antifaschisten sich dieser humanen Verpflichtung annahm. Sie fühlten
sich doch sonst in allen Bereichen für kompetent. Für
sie wäre eine solche Registrierung unserer Toten doch sehr
leicht möglich gewesen. Ich nehme an, die Russen hätten
dagegen keine großen Einwände erhoben.
Am 18. April 1945 wurde ich 20 Jahre alt. Dieser Geburtstag war
für mich ein bis dahin absoluter Tiefpunkt in meinem Leben.
Alle geglaubten, hoffnungsvollen Zukunftserwartungen waren dahin,
alles bisherige Tun war vergebens. Mir ging es wie vielen anderen
Kameraden auch. Konkrete Pläne für die Zukunft waren
illusionär, Träume, die nichts mit der Realität
zu tun hatten. Was erwartete uns? Im Kameradenkreis machten wir
uns darüber Gedanken, wie töricht wir gewesen waren,
dem "Führer zu glauben und zu folgen. Dabei hätte
uns eigentlich das Studium seines Buches "Mein Kampf
schon beweisen können, was für politische Ziele er und
seine "Alten Kämpfer verfolgten. Aber, wer hatte
dieses Buch denn schon gelesen? Es stand auch bei mir zu Hause
im Bücherschrank, ungelesen versteht sich, bis es im Dezember
1944 - mit allem Mobiliar - durch englische Brand - und Sprengbomben
vernichtet wurde. Ich hätte gern meinen Eltern gesagt, dass
ich noch lebe, aber das war in jener Zeit nicht möglich.
Wir wurden einen Tag später vom Dembsen-Lager in das nord-ostwärts
des Forts Grolman gelegene Polizei-Lager verlegt.
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