Die Inflation 1923
Die Herbstferien verbrachten meine Schwester Hilde und ich gern
bei den Verwandten in Guben, die eine Drogerie und Samenhandlung
besaßen. Wir durften allein dorthin reisen, in der vierten
Klasse im Abteil für Reisende mit Traglasten. Am Bahnhof
wurden wir von den Vettern mit einem Handwagen abgeholt. Wenn
die erste Scheu überwunden war, begann eine wunderschöne
Zeit, denn wir hatten hier die Freiheit, zu tun und zu essen,
was wir wollten. Wir tobten durch Haus und Speicher und durften
naschen: Bonbons, Schokolade, Pfefferminz, Erdnüsse, an allem
konnten wir uns im Laden bedienen, ohne zu fragen. Besonders gern
half ich meiner Tante Röschen beim Verkaufen. Abends ging
es ans Geld zählen. Im Herbst 1923 wurden täglich Milliarden
eingenommen, dann sogar Billionen. Wir Kinder konnten mühelos
mit diesen heute unvorstellbaren Summen umgehen. Entsprechende
Geldscheine gab es bald nicht mehr, sondern aus alten Hunderter-
und Tausenderscheinen wurden durch einen roten Aufdruck Millionen-
und Milliardenscheine gemacht. Das Geld wurde nach dem Zählen
gebündelt und in großen Taschen zur Bank gebracht.
Zu Hause machte uns die Hyperinflation das Leben schwer. Mein
Vater, Gewerbeoberlehrer von Beruf, erhielt in dieser Zeit seine
Gehaltszahlung täglich. Wenn er mittags mit einer Aktentasche
voller Geldscheine nach Hause kam, lief Mutter sofort zum Kaufmann.
Oft kam sie enttäuscht wieder, weil der Ladenbesitzer vor
ihrer Nase die Rollläden heruntergelassen hatte: Mittagspause!
Die nutzte er dann, um die Preisschilder zu ändern. Wären
in dieser Zeit nicht ab und zu Lebensmittelpakete aus Guben gekommen,
hätte es schlimm ausgesehen mit der Versorgung der fünfköpfigen
Familie.
Tante Berta, eines der sechs Geschwister meiner Mutter, hatte
in dieser Zeit ein schreckliches Erlebnis. Sie war ein herzensguter,
hilfsbereiter Mensch, allerdings nicht mit geistigen Gaben oder
praktischen Fähigkeiten gesegnet. Zu allem Übel war
sie unverheiratet und damit gesellschaftlich nicht angesehen.
Ihre Gutmütigkeit wurde von den Mitmenschen oft schamlos
ausgenutzt. Berta hatte ihr Erbteil angelegt, indem sie den Geschwistern
Geld lieh in Form von Hypotheken auf ihren Anteil an den Immobilien
der Familie. Außerdem hatte sie Kriegsanleihen gezeichnet
und Aktien gekauft. Diese Geldanlagen waren bereits kurz nach
dem Krieg verloren, aber der Höhepunkt der Nachenschläge
traf Berta, als Emma, eine der Schwestern, ihr das Geld für
die Hypotheken ohne Vorankündigung im Jahr 1923 zurückzahlte.
Weinend rannte Berta mit den Geldscheinen hinunter in den Laden
zu ihrem Bruder Wilhelm. Und der verkaufte ihr für das Geld
einen Salzhering. Dieser Hering wurde zu einer Legende in der
Familiengeschichte.
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