Deutsch-Französischer Jugendaustausch 1929
Meine Eltern waren politisch interessiert und bestrebt, uns Kindern
so gute Chancen wie möglich zu eröffnen. So durfte ich
im Sommer 1929 am ersten deutsch-französischen Jugendaustausch
der "Deutschen Liga für Menschenrechte" teilnehmen.
Für sechs Wochen ging es nach Frankreich. Vier Schüler
aus meiner Schule waren mit dabei, geleitet wurde die Gruppe von
unserem Direktor und meiner Französischlehrerin. Die Reise
nach Paris zog sich zwei Tage und eine Nacht hin. Wir Schüler
waren völlig unvorbereitet auf die französischen Sitten
und Gebräuche.
Als ich endlich erschöpft und total übermüdet auf
dem Bahnhof die Gastfamilie begrüßte, wurde ich sogleich
zärtlich umarmt und mit einem Schwall unverständlicher
Worte überschüttet. Leider fehlten mir die Vokabeln
für den Alltag völlig. Auf der Taxifahrt über Neuilly
nach Courbevoie wurde mir entsetzlich übel. Ich versuchte,
der Familie klar zu machen, dass mir schlecht war, aber Mme. Fleury,
die Gastmutter, verstand "mal au coeur". Und da war
es schon geschehen, ich übergab mich heftig. Einen peinlicheren
Auftakt konnte ich mir nicht vorstellen. Ich schämte mich
schrecklich und wäre am liebsten sofort wieder nach Hause
gefahren. Außerdem war ich entsetzt, als ich mitbekam, dass
ich mit der Tochter der Familie, Simone, in einem Bett schlafen
sollte. Es war zwar ein französisches Bett, aber trotzdem
sehr gewöhnungsbedürftig. In der Wohnung gab es kein
Bad, die Gemeinschaftstoilette befand sich auf dem Flur. Zwar
bemühten sich die Eltern, mir den Aufenthalt so angenehm
wie möglich zu machen, aber mit Simone verstand ich mich
nicht besonders. Oft zankten wir uns, weil sie recht bequem war
und versuchte, Arbeiten, die sie erledigen sollte, auf mich abzuschieben.
M. Fleury war ein überzeugter Sozialist. Er versuchte, politische
Gespräche mit mir zu führen, was aber scheiterte, und
zwar nicht nur wegen meines mangelnden Wortschatzes, sondern auch,
weil ich politisch recht ahnungslos war und noch nicht mal die
politische Einstellung meiner Eltern kannte. Unser Direx kümmerte
sich wenig um uns. Der französische Außenminister Aristide
Briand gab uns zu Ehren im Ministerium am Quai d` Orsai einen
Abschiedsempfang. Von seiner Rede über Völkerverständigung
bekam ich wenig mit, aber wir waren begeistert von dem wunderbaren
Kalten Buffet, das im Garten des Ministeriums für uns aufgebaut
war. Immerhin sprach ich fließend französisch, als
ich schließlich, zusammen mit Simone, nach Berlin zurückkehrte.
Unsere Familie bemühte sich eifrig um ihr Wohlergehen. Sie
ließ sich gern mit Pflaumenkuchen und Bier verwöhnen.
Zur Schule zu gehen und Deutsch zu lernen hatte sie keine Lust,
sie blieb zu Hause und mein kleiner Bruder Rudi wurde ihr Spielkamerad.
Mir blieb vor allem der Abschiedsempfang der französischen
Schülergruppe im Außenministerium in der Wilhelmstraße
in Erinnerung. Diesmal sprach Außenminister Severing und
ich bekam ein wenig mehr mit von der Rede. Mehr als die Worte
des Außenministers begeisterte uns wiederum das Kalte Buffet,
es servierten Diener in weißer Galauniform mit Handschuhen.
Bei einem Tanzvergnügen hatte Simone einen jungen Juden,
Herrn Katz, kennen gelernt. Wir gingen anschließend einige
Male zu Dritt spazieren; ich vermute, er suchte Kontakt zu der
Französin, um im Fall eines Wahlsieges der NSDAP Deutschland
verlassen zu können. Als Simone abgereist war, ging ich weiterhin
mit Herrn Katz spazieren, und dabei gelang es ihm, mich aus meinem
politischen Dornröschenschlaf zu wecken. Er sah dem aufkommenden
Nationalsozialismus mit Grauen entgegen und machte sich keine
Illusionen darüber, welches Schicksal die Juden erleiden
würden. Ich meinte, er übertriebe mit seinem Hass auf
die Nazis, denn ich war davon geprägt, dass sich alle Parteien
auf den Wahlplakaten gegenseitig verunglimpften und den Teufel
an die Wand malten.
In dieser Zeit begann sich das geistige Klima in unserer Klasse
zu wandeln. Ab und zu gab es im Geschichts- und im Deutschunterricht
erregte Diskussionen, denn Margot Schäfer, eine Jüdin,
war neu in unsere Klasse gekommen. Mich beeindruckte zunächst
nur ihr Aussehen: dunkelbraunes, lockige Haar, schwarze Augen,
die bei aufregenden Diskussionen nur so sprühten. Bis dahin
waren wir eine Schar von Backfischen gewesen, unpolitisch, friedlich
und unkritisch. Brav um gute Noten bemüht, nahmen wir unseren
Lehrern alles ab. Wenn uns beispielsweise der Geschichtslehrer
Ursachen und Anlass des Ersten Weltkrieges erklärte, nahmen
wir ihm alles ohne nachzufragen ab. Nicht so Margot Schäfer.
Sie gehörte einem jüdischen Jugendbund an und war politisch
geschult. Sie legte dar, dass historische Tatsachen gegen die
Auffassung des Lehrers sprächen. Er war empört über
so viel Aufsässigkeit. Von den Schülerinnen widersprach
Margot nur Senta Terno, die stark rechts orientiert war. Sie ließ
ihrem Antisemitismus freien Lauf. Diese Diskussionen gingen über
den Horizont von uns anderen weit hinaus.
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