Berufseinstieg während der Weltwirtschaftskrise 1932
Ostern 1932, zur Zeit der tiefsten wirtschaftlichen Depression,
trat ich "ins Berufsleben ein". Ich hatte großes
Glück, dass ich als eine der wenigen - offenbar aufgrund
meines guten Abschlusszeugnisses in der Höheren Handelsschule
- sofort eine Stellung fand, und zwar eine recht merkwürdige,
geheimnisvolle. Ich wurde in das Büro eines Majors vermittelt.
Er und seine Mitarbeiter hatten sich zum Ziel gesetzt, die "Kriegsschuldlüge"
zu klären. Sie prüften meine Französischkenntnisse
und schienen zufrieden zu sein. Als Arbeitsplatz wurde mir ein
kleines, dunkles Büro zugewiesen, dort sollte ich Teile des
Versailler Vertrages übersetzen, obwohl damals eine offizielle
Übersetzung bestimmt schon vorlag. Da hockte ich armes Wesen
den ganzen Tag völlig vereinsamt, niemand sagte mir, wann
Frühstücks- oder Mittagspause sei, kaum dass ich Bescheid
bekam, wann ich nach Hause gehen durfte. Emsig übersetzte
ich den Vertrag, den ich nicht einmal in deutscher Sprache verstanden
hätte. Ich bin überzeugt, die Herren haben den Vertrag
nach meiner Bearbeitung nicht wiedererkannt. Dazu kam die Bedrückung
der Isolation in diesem völlig stillen Bürobetrieb.
Doch die beiden Herren hatten bald ein Einsehen, und so wurde
nach einer Woche das Arbeitsverhältnis in gegenseitigem Einvernehmen
gelöst. Am Ostersamstag verfügte ich das erste Mal in
meinem Leben über einen für meine Verhältnisse
ansehnlichen Betrag - selbstverdient! Ich kaufte meiner Mutter
einen großen Strauß Osterglocken und für mich
viele, viele Ostereier.
In dieser Zeit begann ich mit offenen Augen durch die Stadt zu
laufen. Auf meinem täglichen Weg zum Alexanderplatz nahm
ich bewusst die langen Schlangen vor dem Arbeitsamt wahr, Menschen,
die sich schon am frühen Morgen anstellten, um ihre Arbeitslosenunterstützung
abzuholen. Die betrug wöchentlich 25 Mark, Wohlfahrtsunterstützung
sieben Mark. Edith, eine Freundin von mir, die bei den Pfadfindern
war, hatte mir erzählt, wie schnell die Arbeitslosen in Armut
und Elend gerieten. Ihre Familie hatte diese Erfahrung gemacht.
Viele meiner ehemaligen Mitschülerinnen und Freundinnen hatten
noch keine Stellung gefunden, und sie bekamen keine Unterstützung.
Wenn ich an den vielen Arbeitslosen vorbeilief, wurde ich mir
doch allmählich unserer gesicherten Existenz bewusst, da
ich aus einer Beamtenfamilie stamme.
Nach dem Versailler-Vertrags-Intermezzo war ich nur wenige Tage
arbeitslos, ich wurde dann 1932 an eine Kaffee- und Tee-Importfirma
vermittelt mit Sitz am Bahnhof Börse, nicht weit entfernt
vom Alexanderplatz. Nach eingehendem Gespräch mit dem Geschäftsführer
wurde ich zu dem fürstlichen Gehalt von 80 Mark eingestellt.
Andere junge Frauen verdienten nur 60 Mark. Und dann noch in einer
Kaffee- und Tee-Importfirma, das konnte doch nur bedeuten, dass
ich auch fremdsprachlich tätig sein würde. Schnell musste
ich jedoch feststellen, was sich tatsächlich hinter Import
& Co verbarg - und das brachte mich unsanft auf den Boden
der Tatsachen zurück. Es handelte sich um eine Filiale des
Großkonzerns Kaiser's-Kaffee-Geschäft in Vieren, die
Großverbraucher belieferte. Nun, die Struktur der Firma
sollte mich nicht weiter interessieren, wenn ich nur mein hohes
Gehalt bekäme, ausgezahlt waren es 68 Mark. Ich war glücklich
und stolz über diesen Verdienst. Mein Selbstwertgefühl
stieg. Einen Teil meiner Einkünfte gab ich zu Hause als Kostgeld
ab, ein Teil wurde gespart und über den Rest durfte ich frei
verfügen.
Die Münzstraße, wo auch die Berliner Unterwelt ihre
Lokale hatte, gehörte eigentlich zum Scheunenviertel. In
dieser "illustren" Gegend, nur fünf Minuten entfernt,
war auch meine neue Firma gelegen. Oft wählte ich den Heimweg
durch diese Straße, ich ließ mich von der Umgebung
wenig stören und studierte die Sonderangebote. Dort erstand
ich auch die ersten Skistiefel für 10 Mark. Und wie lange
haben die gehalten! Bis dahin hatte ich mir ein Fahrrad mit meiner
Schwester Hilde teilen müssen. Das ging natürlich nicht
gut. Ich durfte es nur benutzen, wenn ihr nicht der Sinn danach
stand. Das Rad besaß nur eine Petroleumlampe, die bei dem
kleinsten Windzug erlosch. In jeder Kurve ging sie wieder aus.
Da es verboten war, ohne Licht zu fahren, vertat ich viel Zeit
damit, sie wieder anzuzünden, was im Freien sehr schwierig
war. Mein neues Rad hatte Dynamobeleuchtung. Es leistete mir viele
Jahre gute Dienste, erst 1945 wurde es von den Russen gestohlen.
Ich stelle mir vor, dass es noch heute irgendwo in den weiten
Steppen Russlands jemandem gute Dienste tut.
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