Erste Erfahrungen mit Nazis 1932
Seit 1932 arbeitete ich in einer Kaffee- und Tee-Importfirma mit
Sitz am Bahnhof Börse, nicht weit entfernt vom Alexanderplatz.
Einer der dort angestellten Kaffeefahrer war besonders unsympathisch.
Nicht nur, dass er in seiner frechen und ordinären Art mich
wegen falscher Adressen ständig "auf dem Kieker"
hatte, er war auch noch SA-Mann, der erste, mit dem ich in Berührung
kam. Mit sadistischer Lust berichtete er von Saalschlachten und
wie die SA dabei die Gegner fertiggemacht und niedergeknüppelt
hätte. Durch ihn wurde ich zum ersten Mal im Leben mit Judenhass
und Judenhetze konfrontiert, gab dem allerdings nicht den richtigen
Stellenwert. In den Tagen nach der Machtübernahme 1933 schnappte
er völlig über. Er stampfte mit seinen schweren Stiefeln
durch den Lagerraum und fühlte sich als Herrenmensch. Unentwegt
berieselte er uns mit seinen Zukunftsvorstellungen - wahren Horrorvisionen.
Leider wurden sie schon bald tragische Wirklichkeit. Dieser Mensch
in seiner prahlerischen Dummheit und Freude an Brutalität
wurde für mich zum Sinnbild der SA. Imponiert hat mir unser
junger Chef, als er den SA-Mann anbrüllte und ihm klarmachte,
dass er vor allem die Pflichten der Firma gegenüber zu erfüllen
habe.
Auch im privaten Bereich tauchten in dieser Zeit die ersten Nazis
auf. Wenn einer unserer nazistischen Verwandten bei uns zu Besuch
war, verbreitete er permanent seine Lob- und Werbereden für
die "neue Bewegung". Keiner widersprach, man ließ
ihn reden und schaute gelangweilt zur Decke, hoffend, dass er
es diesmal kurz machen würde. Uns interessierten die Nazis
nicht. Mit der Zeit wurden die politischen Aufklärungsattacken
immer heftiger, der Blick zur Decke wurde intensiver und im Nu
war die Stimmung eines festlichen Nachmittags verdorben. Es ließ
sich nicht übersehen, wir lebten in politisch angespannter
Zeit.
Auch Rudi, einer meiner Tanzstundenjünglinge entpuppte sich
im Winter 1932 als Hitleranhänger und SA-Mann. Sein Vater
hatte ihn, nachdem er in der Schule versagt und auch wohl sonst
einige Dummheiten angestellt hatte, aufs Land abgeschoben. Zu
meinem Entsetzen holte er bei einem Alpenfest im Berliner Lehrervereinshaus
eine richtige Pistole heraus und spielte damit herum. Hitler und
Goebbels waren seine Idole, die SA ersetzte ihm die Familie, sie
war seine Heimat. Rudi nahm an allen großen SA-Treffen und
Aufmärschen teil. Als er einmal von Goebbels wegen irgendwelcher
Heldentaten ausgezeichnet werden sollte, brach er ohnmächtig
zusammen, ehe der ihm die Hand drücken konnte. Ich habe mich
diebisch darüber gefreut.
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