Machtergreifung der Nationalsozialisten und Gleichschaltung 1933
Der "große Tag der Machtergreifung", der 30. Januar
1933, ging damals völlig spurlos an mir vorüber, denn
ich verstand die Tragweite dieses Ereignisses nicht. Berlin war
an diesem Tag aufgewühlt. Mein damaliger Freund Wolfgang
und ich spazierten am Abend in Richtung Tiergarten. Bereits am
Alexanderplatz war kein Durchkommen mehr: die Kolonnen marschierten
aus allen Richtungen mit flatternden Fahnen und klingendem Spiel
zur Wilhelmstraße. Wir hätten unentwegt die Fahne grüßen
müssen, also kehrten wir um und gingen im Friedrichshain
spazieren. Wolfgang, damals noch kein Hitlerjunge, spottete über
Hitler, er habe die Mütze auf wie ein Briefträger -
sie war mit einem Stahlband verstärkt aus Furcht vor Attentaten.
Wir beide waren keineswegs angetan vom "Führer".
Wenige Wochen später, am 28. Februar 1933, feierten meine
Eltern mit meiner Schwester und mir gemeinsam Karneval. Nach alter
Tradition gingen wir gemeinsam tanzen in eines der großen
Lokale am Potsdamer Platz. Es ging sehr lustig dort zu und wir
ließen keinen Tanz aus. Zu vorgerückter Stunde verbreitete
sich plötzlich die Kunde, draußen sei ein Großfeuer
zu sehen. Wir liefen hinaus. Der Reichstag stand in Flammen! Glutrot
leuchtete der nächtliche Himmel. Ein Gefühl des Entsetzens
packte uns bei diesem Anblick. Aber keiner ahnte, dass schon wenige
Jahre später in ganz Berlin Großfeuer lodern würden.
Im Mai des Jahres 1933 spazierten Wolfgang und ich eines Abends
zum Tiergarten. Wir gingen am Berliner Schloss vorbei über
die Kurfürstenbrücke auf die Straße Unter den
Linden. Neben der Staatsoper sahen wir Flammenschein und eine
Menschenmasse, laut gebrüllte Wortfetzen drangen an unser
Ohr. Die Menschen bildeten einen Kreis um einen Scheiterhaufen.
SA-Männer standen neben hohen Bücherstapeln und ergriffen
ein Buch nach dem anderen. Sie brüllten den Titel, schmähten
den Verfasser und verkündeten, ob er Jude, Pazifist oder
sonst was sei, und dann hieß es: "Wir übergeben
dich dem Feuer!", während das Buch in die Flammen geschleudert
wurde. Ich war fassungslos und zutiefst empört, denn viele
Bücher, die in den Flammen aufgingen, hatten wir im Lettehaus
gelesen und diskutiert. In dieser Zeit ging das große Wort
von der "Umwertung aller Werte" um. War sie hier zur
Tat geworden? Ich durchschaute damals noch immer nichts.
In den nächsten Wochen wandelte sich das Berliner Stadtbild.
SA-Uniformen überall und neue Umgangsformen: Man grüßte
einander nicht mehr mit "Guten Tag", sondern es musste
der Hitlergruß sein, besonders in Büros und Dienststellen.
Einmal wurde es absolut lächerlich, als sich Wolfgangs und
meine Eltern zufällig auf der Straße trafen und es
keinen Händedruck gab, sondern der Arm gehoben wurde und
man etwas Undeutliches murmelte. Mutter machte es besonders ungeschickt,
ihr fehlte die Übung.
Bei Aufmärschen der Nazis war es "heilige Pflicht",
die Fahne am Straßenrand stehend mit hoch erhobenem Arm
zu grüßen ("denn die Fahne ist mehr als der Tod...").
War man nicht flink genug zum Gruß bereit, bekam man einen
Stoß ins Kreuz von den SA-Männern, die wie Terrier
die Kolonne umkreisten, und wurde dazu noch angeflegelt und angeraunzt.
Nach der Machtübernahme bestand unsere kirchliche Jugendgruppe,
in der ich aktiv war, noch eine Weile in der gewohnten Form. Die
Älteren unter uns, die bereits politisch dachten, waren jedoch
besorgt, dass sich eine Wandlung vollziehen würde. Um die
Jahreswende 1933/34 war es dann soweit: Wir wurden gleichgeschaltet,
d.h. in den BDM überführt. Da in dieser NS-Organisation
ein großer Mangel an Führungskräften herrschte
- man brauchte Mädel mit höherer Schulbildung, die einigermaßen
intelligent waren, - wurde ich sehr bald mit der Führung
einer Gruppe in unserem Wohngebiet betraut.
Die Heimabende leitete ich nach bewährtem Muster. Es wurde
viel gesungen, vorgelesen und es wurden Spiele gemacht. Keiner
kümmerte sich um uns, wenn wir nur brav BDM-Uniform trugen
und ab und gelegentlich zu Appellen antraten. Allerdings mussten
zu besonderen Anlässen vorgegebene Themen auf der Grundlage
von Schulungsbriefen behandelt werden. Allmählich setzte
so die politische Durchdringung unserer Gruppierung ein und damit
kamen auch militärische Formen. Bald wurde mir eine größere
Gruppe - ca. 120 Mädel - überantwortet. Mit dieser Gruppe
kam es schon bald zu einem für mich sehr peinlichen Erlebnis.
An einem Sonntagmittag kamen wir von einer Veranstaltung zurück.
In der Lippehner Straße, vor unserem Heim, sollten die Mädchen
verabschiedet werden. Brav aufgereiht standen sie vor mir und
hatten Haltung angenommen. Von den Balkonen der umliegenden Häuser
schauten einige Leute auf diese nett aussehende, wohl disziplinierte
Mädchenschar. Ich hingegen rannte verzweifelt vor der Gruppe
auf und ab, denn ich konnte mich nicht an den Befehl erinnern,
mit dem ich die Mädchen aus ihrer starren Haltung hätte
erlösen können. Er fiel mir partout nicht ein, und ich
geriet in Panik. Schließlich konnte ich nicht einfach sagen;
"Nun geht mal schön nach Hause." Da fiel mein Blick
auf Dilli. Sie war ehrgeizig bemüht und wollte auch BDM-Führerin
werden, sie hatte bereits einen Führerinnen-Schulungskurs
gemacht. Ich sagte ihr, nun dürfe sie sich beweisen und den
Rest übernehmen. Stolz trat sie vor die Gruppe, pfiff und
rief; "Rührt euch!" Damit war der Bann gebrochen!
Mit diesem Erlebnis wurde mir klar, dass ich beim BDM fehl am
Platze war. Außerdem nahm die Organisation mich zeitlich
zu sehr in Anspruch, mein privater Bereich wurde eingeengt. Also
verkündete ich, dass ich keine Zeit mehr hätte, weil
ich in absehbarer Zeit heiraten würde und deshalb Kochen
und Säuglingspflege lernen müsse. Kochen habe ich tatsächlich
gelernt, geheiratet aber noch lange nicht.
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