Diskriminierung und Entrechtung der Juden
Im Herbst 1938 erlebte ich die große Aufregung um den Einmarsch
ins Sudetenland - Deutschland hatte dabei bereits praktisch am
Rande eines Krieges gestanden. Meine Mutter drang deshalb darauf,
dass ich mein gespartes Geld anlegte. Sie hatte reichlich Erfahrung
mit Geldverlusten im Ersten Weltkrieg und in der Inflationszeit
1923. Ich sollte beginnen, mir eine Aussteuer zusammenzukaufen.
Sie meinte, irgendwann würde ich ja mal heiraten und bis
dahin sollte meine Möbelausstattung "auf Lager"
gegeben werden. Silber, Porzellan und Wäsche besaß
ich bereits. Wochenlang besichtigten wir Möbel, verglichen
Preise und entschlossen uns, einen Teil der Möbel bei den
Deutschen Werkstätten zu kaufen. Diese zeichneten sich durch
klare Linienführung, gediegene Form und gute Verarbeitung
aus.
Am Nachmittag nach der "Reichskristallnacht" befanden
wir uns wieder einmal auf Besichtigungstour in der Nähe des
Rosenthaler Platzes. Wir konnten nicht fassen, was wir da sahen:
die zerstörten und geplünderten Läden, drinnen
die bleichen Gesichter der Besitzer, wenn sich überhaupt
jemand blicken ließ. Auch bei dem Geschäft, das wir
aufsuchen wollten, zerschlagene Schaufensterscheiben und verwüstete
Inneneinrichtung. Breitbeinig hielten SA-Leute davor Wache. Ein
vorbeifahrender Radfahrer machte, typisch berlinerisch, eine schnodderige
Bemerkung. Prompt wurde er von den SA-Leuten vom Rad gerissen
und niedergeschlagen, und ein SA-Mann trat mit seinen schweren
Stiefeln auf dem am Boden liegenden herum. Und kein Mensch kam
ihm zu Hilfe! Es schnürte mir die Kehle zu und ich bekam
einen Anfall von hemmungslosem Schluchzen. Ich konnte mich überhaupt
nicht wieder beruhigen, Mutter hatte Mühe, mich wegzuziehen.
Die Erinnerung an diesen Tag wurde ich nie mehr los. Wieder einmal
dachte ich an das, was ein Kollege in meiner ehemaligen Arbeitsstelle,
ein grässlicher SA-Rabauke, angedroht hatte: "Lassen
Sie uns erst mal an der Macht sein!"
Im Sommer 1939 verdichteten sich die Gerüchte über einen
bevorstehenden Krieg. Bald darauf hatte ich einen Unfall. Beim
Start zu einem 100-Meter-Lauf zog ich mir einen Muskelriss zu.
Fräulein Wertheim, die von Beruf Masseurin war, wollte mir
Gutes tun und massierte den verletzten Muskel! Es dauerte ziemlich
lange, bis ich wieder gesund war und laufen konnte. Über
Fräulein Wertheim war ich enttäuscht, weil sie sich
in der Zeit meiner Krankheit nicht gemeldet hatte. Wieder genesen,
ging ich zu der Wohnung der Wertheims und klingelte, aber es öffneten
fremde Menschen, die sagten, sie wüssten nichts über
den Verbleib der Wertheims.
Eigentlich war es beschämend, wie wenig ich bis dahin von
der Situation der Juden mitbekommen hatte. Später ging ich
soweit, mich schuldig zu fühlen. Das kritische Denken, auf
das ich stolz war, schien total versagt zu haben. Mit klarem Willen
und Überlegung hätte ich herausfinden müssen, was
es mit dem so zurückhaltenden und scheuen Fräulein Wertheim
auf sich hatte. Trotz meines kranken Beines hätte es möglich
sein müssen, mit ihr in Kontakt zu bleiben.
Sehr bewegt hat mich auch das Schicksal einer Freundin, Nora Perl,
die Halbjüdin war. Sie war in Westfahlen geboren als Tochter
eines jüdischen Arztes, der im Ersten Weltkrieg gefallen
war. Sie war ein besonders aufgeschlossenes, Leben sprühendes
Menschenkind. Ihre Mutter heiratete dann einen "Arier"
und so waren auch ihre später geborenen Halbgeschwister "Arier".
Als die Nürnberger Gesetze immer schärfer gehandhabt
wurden, ging Nora nach Berlin, um ihre Familie nicht zu belasten.
Die hat sich dann auch nicht mehr viel um sie gekümmert.
Sie lernte einen Nazigegner kennen. Er und sein Freundeskreis
bemühten sich, ihr das Leben erträglicher zu gestalten.
Der Freund fiel kurz vor Kriegsende, sie überlebte und wurde
1945 von Russen schlimm vergewaltigt und infolgedessen schwanger.
Danach verfiel sie in tiefe Depression. Später schrieb sie
mir, dass sie in Selbsttötung den einzigen Ausweg sähe.
Wie konnte es geschehen, dass man der gesellschaftlichen Ausgrenzung,
Diskriminierung und Gewalt gegenüber Juden so gleichgültig
gegenüber stand? Kaum einer hatte zum Beispiel den Mut, ein
Schild abzureißen, wie es am Eingang einer Laubenkolonie
stand: "Waldesluft verträgt sich nicht mit Judenduft".
Oder war es vielleicht doch ein klein wenig schmeichelhaft sich
selbst als "Herrenmensch" zu fühlen? Dass so wenige
aus unserer bürgerlichen Gesellschaftsschicht Zivilcourage
aufbrachten, mag auch daran gelegen haben, dass uns in unserer
Erziehung absoluter Gehorsam und völlige Unterordnung eingebläut
wurden war. Unterordnungsbereitschaft zeigte sich beispielsweise
darin, wie man zu grüßen hatte. Jungen mussten sich
verbeugen, einen "Diener machen". Je tiefer er ausfiel,
als desto höflicher und damit besser erzogen galt man. Die
Mädchen mussten vor lauter Ergebenheit in der Hüfte
einknicken und dabei auf ein Knie sinken, das Ganze war dann ein
"Knicks".
Einmal hatten meine Mutter und ich in der Zeitung etwas von Haushaltauflösungen
gelesen und wir beschlossen, manches für die Aussteuer noch
Fehlende günstig zu erwerben. Bei der angegebenen Adresse
im alten Berliner Westen wurden wir in eine gepflegte, vornehme
Wohnung geführt, die offensichtlich gerade erst und in großer
Eile verlassen worden war. Auf dem gedeckten Tisch standen noch
gefüllte Kompottschälchen. Mutter und ich wechselten
nur einen Blick, wir wussten beide, dass es eine Wohnung von Juden
war. Als wir uns zum Gehen wandten, sagte der Mann, wenn wir hier
nicht das Richtige fänden, könne er uns auch andere
Wohnungen zeigen, und alles wäre so billig, fast geschenkt!
Uns packte das Entsetzen, schnell verließen wir die Wohnung.
Von Vernichtungslagern habe ich tatsächlich nichts gewusst.
Einige jüdische Familien, die man flüchtig kannte, waren
ausgezogen und es hieß, sie seien ausgewandert. Von KZs
wusste ich, was mein Vater meiner Schwester Hilde gelegentlich
erklärt hatte, nämlich dass es "Arbeitslager"
für uneinsichtige politische Querköpfe gebe. Über
deren Eingangstor stünde "Arbeit macht frei", die
Gefangenen lebten dort in Baracken und vor diesen fänden
sich Beete mit feinem Sand. Den müssten die Gefangenen immer
in Mustern fein sauber harken. Irgend etwas hatte er also doch
läuten hören!
Im Krieg erlebte Mutter, wie Juden aus unserem Viertel abgeholt
wurden. Vor einem Haus war ein LKW vorgefahren, zwei alte Leute
wurden aus dem Haus gezerrt und auf die Ladefläche des Wagens
gestoßen. Mutter und einige herumstehende Frauen fingen
an zu schimpfen, sie riefen, man solle die Alten doch in Ruhe
lassen, sie würden doch keinem etwas zu leide tun. Die abholenden
Männer antworteten nicht und fuhren fort. Als Mutter das
erzählte, sagte ich ihr, sie sei sehr unvorsichtig gewesen.
Ihre Antwort war, sie habe in dem Augenblick eine fürchterliche
Wut gehabt, ihr sei alles egal gewesen.
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