Der Krieg 1939/40
Der Krieg begann nicht wie im Sommer 1914 mit Jubel und Hurra-Geschrei.
Am 1. September hielt Hitler eine markige Rede zum Einmarsch in
Polen. Eine kurze Zeit lang hofften wir noch, ein Weltkrieg wäre
vermeidbar, aber am 3. September ging diese Hoffnung zuschanden:
England erklärte Deutschland den Krieg. Ich war gerade in
Buchholz. Der Nachbar hatte die Nachricht im Radio gehört
und rief sie uns über den Gartenzaun zu. Ich saß hoch
oben im mächtigen alten Birnbaum und pflückte die "Grauchen",
eine besonders süße Birnensorte. Ringsum lagen die
Gärten in herbstlich bunter Pracht, über mir der seidig
blaue Septemberhimmel. Alles schien Frieden und Stille zu atmen,
aber nicht weit entfernt, an der polnischen Grenze, war Tod und
Verderben über die Menschen hereingebrochen. Das machte mich
unendlich traurig.
Am 10. Mai 1940, einem sonnigen, kühlen Frühlingsmorgen,
machten Gerda Holz, eine Freundin, und ich eine Wanderung von
Bernau nach Wandlitz. Diesen Weg liebten wir im Mai besonders,
wenn die Birken in frischem Grün leuchteten. Doch an diesem
Morgen waren wir bedrückt, alle Schönheit der Natur
konnte uns nicht trösten. Seit dem frühen Morgen wussten
wir, dass deutsche Truppen in Holland und Belgien einmarschiert
waren. Der Westfeldzug hatte begonnen. Es war ein an Maikäfern
sehr reiches Jahr; durch die Nachtkälte erstarrt lagen sie
auf dem Weg. Nicht allen konnten wir ausweichen, wir traten hin
und wieder darauf und der berstende Chitinpanzer verursachte ein
entsetzliches Geräusch. Für mich blieb der Beginn des
Westfeldzuges immer mit diesem Geräusch verbunden, um so
mehr, wenn in den Kriegsberichten von Panzer knacken die Rede
war.
Den Krieg hielten wir beide für Wahnsinn, wir wollten unsere
Jugend genießen und eine Zukunft haben. Mein Bruder Rudi
war als Soldat in Frankreich eingesetzt. Im Juni 1940 erhielten
wir von einem Kameraden die Nachricht, dass er gefallen sei. Trauer
fiel wie ein grauer Schleier über die Familie. Ich hatte
das Gefühl, alles Gute und Schöne habe seinen Sinn verloren.
Ein Fünkchen Hoffnung war jedoch geblieben: Rudis Tod war
noch nicht offiziell bestätigt. Und tatsächlich: Wir
erfuhren, dass er wegen einer Krankheit in ein Lazarett eingeliefert
worden war. Sein Kamerad hatte nur einen Witz machen wollen! Dafür
bekam er ein Gerichtsverfahren angehängt.
Der Krieg wurde mir durch dieses Ereignis noch verhasster. Bald
war auch der Frankreichfeldzug siegreich beendet. Jubel ohne Grenzen!
Mehr denn je wurde Hitler verherrlicht. Der "Endsieg"
schien in greifbare Nähe gerückt. Wie konnte es da überhaupt
noch Zweifler geben?! Der deutsche Landser zog in Paris ein. Es
kam zu einem Ausverkauf an französischen Parfums, Dessous
und sonstigem Pariser Chick. Die Siegesparade, die in Berlin durchs
Brandenburger Tor zog, war einfach bombastisch. Von der Nazipresse
wurde Dünkirchen hochgejubelt als das siegreiche Ende der
größten Schlacht aller Zeiten. Ich mit meiner anglophilen
Einstellung dachte an die vielen tausend Engländer, die sich
kämpfend mit dem Rücken zum Meer zurückzogen, verzweifelt
auf Schiffe wartend, die sie über den Kanal bringen sollten.
Damals warnte Churchill, es werde "Blut, Schweiß und
Tränen kosten, diesen Krieg durchzustehen."
|