Ab Frühjahr 1941 arbeitete ich in der englischen Abteilung
des Sprachendienstes des Auswärtigen Amtes (AA). Meine Arbeit
dort wurde die beste Tätigkeit, die ich je hatte. Acht englische
Mitarbeiter gehörten der Abteilung an. Diese Engländer
waren aus Internierungslagern ausgewählt und für die
Deutschen verpflichtet worden. Es gab darunter Journalisten, Auslandskorrespondenten
und auch einen Hochschulprofessor. Natürlich waren sie als
Zwangsverpflichtete nur widerwillig nach Berlin gekommen, aber
versöhnlich stimmte sie, dass sie als freie Menschen in der
Stadt leben konnten. Zwischen ihnen und mir entwickelte sich allmählich
eine recht harmonische Beziehung.
Unser oberster Chef war der Gesandte Dr. Paul Schmidt. Die Dienstzeiten
im Sprachendienst des AA wurden sehr großzügig gehandhabt,
von 9.30 bis gegen 13 Uhr und von 15 bis 17.30 Uhr. Die Engländer,
die nur von dem lebten, was sie auf ihre Lebensmittelmarken bekamen,
waren schlecht dran, darum gab mir Mutter zur Herbstzeit immer
wieder Obst für sie mit. Allerdings bekamen sie wöchentlich
auch ein Rot-Kreuz-Päckchen, das u. a. Tabakwaren enthielt.
Die meisten von ihnen rauchten Pfeife, entsprechend köstlich
roch es in unserer Zimmerflucht.
Jeden Morgen fand ich auf meinem Schreitisch zwei dicke geheftete
Bücher vor. Sie enthielten alle am Vortag aufgezeichneten
Rundfunksendungen der sogenannten Feindsender wie BBC, Soldatenfunk
Calais etc. Wir bekamen also genau jene begehrten Sendungen frei
Haus geliefert, für die Tausende von Deutschen ihr Leben
riskierten, wenn sie zu Hause - unter einer Decke verkrochen -
heimlich diese Sender hörten, um Klarheit über die tatsächliche
militärische Lage zu bekommen. Wir sollten diese Berichte
zu sprachwissenschaftlichen Zwecken studieren, was wir sehr gründlich
taten. Die englischen Mitarbeiter stürzten sich wie die Raben
auf die Berichte. Ich wundere mich bis heute, warum die Nazis
so handelten. Sie hätten sich doch denken können, mit
welch großem Interesse jeder die Berichte aufnahm! Kaum
jemand glaubte in den letzten Kriegsjahren doch noch an die offiziell
verbreitete Lügenpropaganda des Wehrmachtsberichts.
Führerreden brachten stets einen ungeheuren Wirbel mit sich.
Bereits 12 Stunden vorher gingen wir in Klausur, die gesamte vierte
Etage des Adlon wurde für den Sprachendienst beschlagnahmt
und von der Außenwelt abgeschottet. Die Reden wurden im
Vorhinein in etliche Sprachen übersetzt, um bereits Übersetzungen
in alle Welt senden zu können, während Hitler die Rede
hielt. Bei diesen Nachteinsätzen wurden wir "friedensmäßig"
und nach Art des Hauses Adlon verpflegt.
Die Übersetzung der Hitler-Reden wurde nicht nur sorgfältig
überprüft, sondern Wort für Wort gründlich
diskutiert. Die Entscheidung über die treffendste Formulierung
musste manchmal von Dr. Paul Schmidt, dem Chefdolmetscher der
Regierung, persönlich gefällt werden. Einmal hieß
es bei Hitler voll Pathos: "Dieser blutige Krieg..."
Mit unschuldsvoller Miene übersetzten die Engländer:
"This bloody war...", was "dieser Scheißkrieg"
bedeutet.
Später lebte ich mit einem Teil der englischen Mitarbeitergruppe
wochenlang im Adlon gelebt zwecks Übersetzung von Weißbüchern
über russische Gräueltaten im Krieg. Das Leben im Adlon
mit seiner besonderen Atmosphäre und seinen Annehmlichkeiten
wurde mir fast zur Selbstverständlichkeit. Mein geräumiges
Doppelzimmer diente gleichzeitig als Sekretariat. Im Weinkeller
des Adlon war stets französischer Rotwein vorrätig,
und so lebten wir mitten im Krieg tatsächlich wie der Herrgott
in Frankreich.
Seit 1943 tobte dann der Luftkrieg fürchterlich über
Deutschland. Nacht für Nacht rasten wir in den Keller, manchmal
sogar zweimal. Wenn mein Mann und ich morgens auseinander gingen,
wussten wir nicht, ob wir uns abends wieder sehen würden.
Während die Engländer die Nachtangriffe besorgten, hatten
die Amerikaner mit ihren "fliegenden Festungen" die
Angriffe bei Tag übernommen. Berlin wurde zum Hauptangriffsziel.
Wenn wir morgens mit der S-Bahn von Potsdam nach Berlin fuhren,
sahen wir täglich die neuen Schäden und die noch wütenden
Brände. Trotz des wenigen Schlafs taten wir alle unbeirrt
weiter unseren Dienst und leisteten, was verlangt wurde - so als
ob jeder in sich den Befehl trüge, tapfer zu sein und durchzuhalten.
Mürbe geworden durch die Bombenangriffe, sehnten wir ein
baldiges Ende des Krieges immer intensiver herbei. Wir hofften
auf einen gewaltigen Angriff der Alliierten und uns war klar,
dass im Westen eine Invasion stattfinden würde. Endlich,
Anfang Juni 1944, war es soweit. Eines Mittags, ich war gerade
dabei, die Küche aufzuwischen, hörte ich die Nachricht
im Radio. Fassungslos, den Scheuerlappen immer noch in der Hand,
starrte ich auf das Radio. Dann begriff ich und jubelte laut.
Welch ein Aufruhr der Gefühle! Einerseits Freude und Zuversicht,
andererseits Beschämung darüber, dass ich die deutsche
Niederlage herbeiwünschte. Übrigens wollte uns die Nazi-Propaganda
weiß machen, dass die Invasion ein Glücksfall sei,
weil man nun die landenden Truppen besiegen könne. Wie haben
wir gezittert, ob die Landung überhaupt gelingen würde!
Der 20. Juli 1944 stürzte uns in große Aufregung und
Entsetzen. Nur allmählich erfuhren wir aus dem Radio Einzelheiten
über das Attentat auf Hitler, selbst BBC war an diesem Abend
nicht sehr ergiebig. Zunächst konnten und wollten wir nicht
glauben, dass es missglückt war, und hielten die Nachrichten
für eine Finte zur Beruhigung des Volkes. Enttäuscht
mussten wir dann zur Kenntnis nehmen, dass Hitler doch noch am
Leben war. Wir hörten seine Stimme aus dem Radio. Unbegreiflich
schien uns dieses Misslingen, hatten doch Männer mit Kriegserfahrungen
das Attentat geplant! Wir alle waren schrecklich niedergeschlagen.
Nur die Engländer im Auswärtigen Amt wurden immer fröhlicher
und optimistischer, und das mit Recht!
Im Januar 1945 endete meine Arbeit beim AA. Meine Abteilung wurde
weitgehend aufgelöst, der Rest des Sprachendienstes siedelte
über ins Riesengebirge nach Krumhübel. Gehalt bekam
ich für sechs Monate im Voraus. Das konnte mich allerdings
kaum freuen, denn es gab für das Geld fast nichts mehr zu
kaufen.